richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Die hohe Kunst, sich zu befreien!

Der Schriftsteller Julien Green wird von einem österreichischen Kollegen 1931 besucht. Dieser meinte, dass er nicht an die großdeutsche Gefahr glaube, wohl aber an das Ende der Welt, so wie sie die beiden noch kannten. „Sie werden sehen“, meinte der Österreicher zu Julien Green, „alles wird fabriksmäßig erzeugt werden. Es wird keine kleinen Buchbinder mehr geben, keine Porzellanflicker.“ Wenn das wahr ist, schreibt Green in sein Tagebuch, dann möchte ich nicht mehr leben.

Wer sich in seiner Wohnung oder Heimstätte oder in seinem Haus oder Zimmer oder auf seinem Schreibtisch umsieht, der wird bemerken, dass wir uns mit allerlei Sachen umgeben. Unmengen von kleineren und größeren Gegenständen. Schon alleine der Versuch, alle Sachen auf dem Schreibtisch zu zählen, scheitert. Noch vor hundert Jahren, vielleicht, konnte der (gewöhnliche) Einzelne sein Eigentum benennen, aufzählen. Heute ist es nicht mehr möglich.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass uns das System, in dem wir leben, mit einem freundlichen Lächeln einlädt, neue Sachen zu erstehen? Aber wenn es darum geht, diese einstmals neuen Sachen weiterzugeben, sei es für Geld, sei es umsonst, dann knurrt uns das System drohend ins Gesicht. Man hat sich mit viel Mühe und Ausdauer herumzuschlagen, um Gegenstände nicht einfach auf die Müllkippe zu werfen, sondern ihnen ein neues Heim zu verschaffen. Je größer, schwerer und unhandlicher der Gegenstand, umso schwieriger, jemanden zu finden, der bereit wäre, Energie und Kosten für den Abtransport aufzubringen. Verständlich, nicht?

Wir leben in einer seltsamen Epoche, meinen Sie nicht? Wir können ein hochwertiges Hightech-Gerät, das wiederum aus unzähligen Hightech-Komponenten besteht, in Südostasien fertigen lassen, nach Europa verschicken und dort in einem Ladenlokale mit hundert anderen Geräten stapeln. Aber will man dieses funktionstüchtige Gerät, das man mit viel Vorfreude kaufte, später loswerden, gibt es keinen üblichen und einfachen Weg – man kann nicht in das Ladenlokal gehen und das Gerät abliefern. Warum eigentlich nicht?

Ich würde vorschlagen, in Zeiten, in denen Ressourcen jedweder Art knapper werden – auch wenn es keiner wahrhaben will – dass die Gemeinschaft die Verpflichtung eingeht, dafür zu sorgen, dass Gegenstände nicht einfach entsorgt, sondern im Kreislauf  belassen werden.  Eine gemeinnützige Internet-Plattform zu installieren mag nur ein erster, sehr kleiner Schritt sein. Vielmehr müssen Filialen geschaffen, Handwerker und Transporteure beschäftigt werden, die in der Lage sind, die Geräte, Produkte, Sachen zu prüfen, zu reinigen und zu reparieren. Würde man damit nicht gleich notwendige und sinnvolle Arbeitsplätze schaffen?

Aber die Wirtschaftsleutchen rümpfen dahingehend natürlich die Nase. Es geht um Verkaufszahlen. Das Rad muss sich immer schneller drehen. Ja, wir haben uns ein Wirtschaftssystem ausgesucht (freilich, es war schon da, als wir das Licht der Welt erblickten), das nur dann funktioniert, wenn konsumiert und verbraucht wird. Das mag bei Lebensmittel und nachwachsenden Rohstoffen noch angehen, aber sonst? Wie kann es sein, dass wir nur mit der Schulter zucken, wenn wir hören, dass eine Firma wie Apple jedes Jahr gezwungen ist, ein yFon, ein yPat oder einen yMäk auf den Markt zu werfen? Nur um Bilanz-Kennzahlen und Umsatz- und Profitmaximierung zu erreichen?

Die Ansicht der alternativen Leutchen, wir Bürger, wir Konsumenten, müssten weniger konsumieren, um ein Zeichen zu setzen, ist ein wenig hanebüchen. Es wäre, als würde man jemanden sagen, der sich Sorgen um den CO2-Ausstoß seines Autos macht, dass er weniger Benzin tanken soll. Das besänftigt vorderhand das Gewissen, aber irgendwann steht das Auto und bewegt sich keinen Schritt vorwärts. Besser, wir steigen vom Auto auf das Rad oder in den Zug. Aber davon will keiner etwas wissen, der genug weiß. Ja, das gegenwärtige System reißt uns in eine Abwärtsspirale. Mit dem (virtuellen) Geld fängt es an. Geld, wie wir wissen, entsteht nur durch Schuld/Kredit. Würde man alle Schulden und Kredite sofort tilgen, gäb’s kein Geld mehr auf dieser Welt. Vielmehr würde man bemerken, dass die offenen Zinsen gar nicht zurückgezahlt werden können. Wenn also Griechenland im März den Bankrott anmeldet, wenn Portugal, Irland, Spanien folgen, was ist die Quintessenz dieser Misere?

Falls Sie hören oder lesen, dass die Staaten über ihre Verhältnisse gelebt haben, so ist es leider nur die halbe Lüge. Aber wenn die Menschen eines können, dann ist es, sich in einem Lügengebäude wohnlich einrichten.

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4 Antworten zu “Die hohe Kunst, sich zu befreien!

  1. D. Dienstag, 21 Februar, 2012 um 11:54

    Da bekommt der Begriff „ausbessern“ doch gleich eine andere Nuance… Statt auszubessern wird gleich weggeworfen und ersetzt – nicht zuletzt in der Politik wo sich das Karussell der Rücktritte schnell dreht. Hab ich was verbockt, geh ich eben: Diese Haltung setzt sich immer mehr durch. Zugegeben, ich selbst lebe anders. Oder versuche es zumindest. Und bestelle candidesk damit ja nur meinen eigenen Garten, so gut es eben geht.

  2. Manu Dienstag, 21 Februar, 2012 um 12:35

    Hallo Richard, ich mag die Themen, die du ansprichst. Was mich daran – wie du ja schon weißt – teilweise etwas stört, sind so Anmerkungen wie „auch wenn es keiner wahrhaben will“, „davon will keiner etwas wissen“. Ich denke einfach, dass das nicht stimmt. Es gibt doch mittlerweile eine ganze Menge Initiativen, die sich hier in die richtige Richtung bewegen (z.B. http://www.karmakonsum.de/ gibt einen Einblick). Dass es trotzdem nicht einfach ist, aus der bestehenden Konsum- und Wegwerf-Spirale auszubrechen, ist keine Frage. Aber im Kleinen kann mE jeder bereits beginnen.

    • Richard K. Breuer Dienstag, 21 Februar, 2012 um 14:54

      Ja, ja, natürlich kann jeder seinen Beitrag zum „Guten oder Schlechten“ leisten. Aber das System, in welchem wir leben, gestattet nicht eine flächendeckende Loslösung. Man stelle sich vor, es ist Krieg und keiner würde hingehen. Theoretisch würde es funktionieren, praktisch, wie wir wissen, ein Ding der Unmöglichkeit. Und ja, es wird nie so heiß gegessen wie gekocht – aber um den nötigen Eindruck zu hinterlassen, müssen die aufgetischten Speisen köcheln und dampfen – auch wenn es am Ende doch nur ein lauer Brei ist.

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