9 Jahre Selbstständigkeit und ein bisschen Weise (2)

Als ich 2003 in die Selbstständigkeit zog, mit wehenden Fahnen, war die Welt da draußen noch in Ordnung. Nein, sie war auch damals schon nicht in Ordnung, aber keiner bemerkte es oder kümmerte sich darum. Im Herbst 1989, nach der Matura in der Handelsakademie Wien XXII, lernte ich das Bankwesen kennen. Dann die Wertpapierabwicklung. Börsenboom in Wien. Es ging drunter und drüber. Jeder konnte ein kleines oder großes Vermögen machen. Abgebrüht musste man schon sein. Es war der Wilde Westen des Kapitalismus in seiner faszinierendsten Form und die Grundlage hieß: Börsenboom. Ein Boom ist eigentlich blanke Hysterie in den Köpfen der Marktteilnehmer. Jeder will sich ein Stück vom Kuchen holen. Jeder meint, es gäbe nicht genug und er müsste schnell und hart zugreifen. Damit setzt eine Nachfrage-Spirale ein, die in den Zeitungen und Nachrichten ihren besonderen Nachhall erfährt: und wieder ist der Börsenkurs oder Index in luftige Höhen gestiegen. Damals glaubte ich, alles zu verstehen, was ich verstehen musste, um meinen Job zu machen, nämlich Wertpapiergeschäfte abzuwickeln. Ich bemerkte die zwei Klassen: dort jene, die Geld machen, aber sich nicht darum kümmern, dass das Geld auch zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Konto landet – dort jene, die kein Geld machen, aber sich darum kümmern, dass das Geld zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Konto landet. In den Vorstandsetagen wurden die »Geldmacher« natürlich hofiert – die »Geldvernichter« ignoriert oder später mit dem Sparstift zusammengestrichen. Die Ironie ist, dass es vor allem die »Geldmacher« waren, die manche Banken in späterer Folge in die Krise oder gar in den Bankrott dealten. Stichtwort: Barings Bank & Nick Leeson.

Entwurf einer Verschwörung

Die Wirtschaft und die Welt an sich stellte ich damals nicht sonderlich in Frage. Wozu auch? Sie funktionierte. Jedenfalls funktionierte sie für mich. Irgendwie. Du verrichtest deinen Job, plagst dich, mühst dich und erhältst am Ende deinen Lohn, den du nach Belieben verteilen kannst. Vorrangig am Samstag, wenn die Geschäfte länger offen halten. Hin und wieder dachte ich daran, in einer Tretmühle gelandet zu sein. Aber gab es Alternativen? Nope. Ich sah keine. Im Hinterkopf, freilich, diese irrwitzige Phantasie, ein Schriftstellerleben führen zu können. Unabhängig. Frei. Angenehm. Die übliche Träumerei eines zu lebenslanger Arbeit Verurteilten. Aber ohne Inspiration, diesem göttlichen Fingerzeig, gab es keine Haftentlassung.

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