richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

9 Jahre Selbstständigkeit und ein bisschen Weise (2)

Als ich 2003 in die Selbstständigkeit zog, mit wehenden Fahnen, war die Welt da draußen noch in Ordnung. Nein, sie war auch damals schon nicht in Ordnung, aber keiner bemerkte es oder kümmerte sich darum. Im Herbst 1989, nach der Matura in der Handelsakademie Wien XXII, lernte ich das Bankwesen kennen. Dann die Wertpapierabwicklung. Börsenboom in Wien. Es ging drunter und drüber. Jeder konnte ein kleines oder großes Vermögen machen. Abgebrüht musste man schon sein. Es war der Wilde Westen des Kapitalismus in seiner faszinierendsten Form und die Grundlage hieß: Börsenboom. Ein Boom ist eigentlich blanke Hysterie in den Köpfen der Marktteilnehmer. Jeder will sich ein Stück vom Kuchen holen. Jeder meint, es gäbe nicht genug und er müsste schnell und hart zugreifen. Damit setzt eine Nachfrage-Spirale ein, die in den Zeitungen und Nachrichten ihren besonderen Nachhall erfährt: und wieder ist der Börsenkurs oder Index in luftige Höhen gestiegen. Damals glaubte ich, alles zu verstehen, was ich verstehen musste, um meinen Job zu machen, nämlich Wertpapiergeschäfte abzuwickeln. Ich bemerkte die zwei Klassen: dort jene, die Geld machen, aber sich nicht darum kümmern, dass das Geld auch zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Konto landet – dort jene, die kein Geld machen, aber sich darum kümmern, dass das Geld zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Konto landet. In den Vorstandsetagen wurden die »Geldmacher« natürlich hofiert – die »Geldvernichter« ignoriert oder später mit dem Sparstift zusammengestrichen. Die Ironie ist, dass es vor allem die »Geldmacher« waren, die manche Banken in späterer Folge in die Krise oder gar in den Bankrott dealten. Stichtwort: Barings Bank & Nick Leeson.

Entwurf einer Verschwörung

Die Wirtschaft und die Welt an sich stellte ich damals nicht sonderlich in Frage. Wozu auch? Sie funktionierte. Jedenfalls funktionierte sie für mich. Irgendwie. Du verrichtest deinen Job, plagst dich, mühst dich und erhältst am Ende deinen Lohn, den du nach Belieben verteilen kannst. Vorrangig am Samstag, wenn die Geschäfte länger offen halten. Hin und wieder dachte ich daran, in einer Tretmühle gelandet zu sein. Aber gab es Alternativen? Nope. Ich sah keine. Im Hinterkopf, freilich, diese irrwitzige Phantasie, ein Schriftstellerleben führen zu können. Unabhängig. Frei. Angenehm. Die übliche Träumerei eines zu lebenslanger Arbeit Verurteilten. Aber ohne Inspiration, diesem göttlichen Fingerzeig, gab es keine Haftentlassung.

Das gesellschaftliche und wirtschaftliche System, in dem wir uns wohnlich eingerichtet haben, zerbröckelt. Stück für Stück. Wir bemerken es dann und wann, sind aber zumeist so beschäftigt, unseren Kopf über Wasser zu halten, dass wir es gleich wieder aus dem Gedächtnis streichen. Es gibt genug anderer Probleme, mit denen wir uns herumzuschlagen haben. Eine Weisheit, die mir gerade einfällt und die mir über die Jahre zugefallen ist, ist jene, dass es im Menschen im Normalfall eine Top-Sorgen oder Top-Ängste-Liste gibt. Jene Sorge oder Angst, die auf der Liste auf Nummer 1 steht, macht uns zu schaffen. Der Witz ist also, dass es nicht die Sorge oder Angst an sich ist – die kann beliebiger Natur sein – sondern, dass es eine Numero Uno gibt. Wir glauben, wenn wir den ekelhaften Job hinschmeißen, der uns tagtäglich zum Erbrechen bringt und der für Magengeschwüre und Migräne-Attacken verantwortlich ist, wenn wir diesen unerträglichen Job aufgeben, dass wir dann glücklicher, gesünder und sorgenfreier wären. Doch einmal der Schritt getan, die Kündigung ausgesprochen, dann fällt man nach einer kurzen Hochstimmung (»Endlich frei!«) wieder in das alte Muster der Sorgen und Ängste. Diesmal ist es nicht der Job, der uns Sorgen macht, sondern der neue Job, der aber noch gar nicht gefunden ist – oder ein stechender Schmerz in der Brust. Die Magengeschwüre und Migräne-Attacken bleiben. Jedenfalls so lange, so lange man nicht seine seelische Balance gefunden und die Top-Sorgen-Chart gekübelt hat. Damit will ich jetzt nicht sagen, dass man unerträgliche Zustände nicht ändern sollte, gewiss, man sollte sie. Aber man darf nicht erwarten, dass dann 24 Stunden die Sonne scheint. Immerhin ahnte ich diese Konstellation bereits, als ich diese – literarisch verfremdet – in »Azadeh« beschrieb, irgendwann im Sommer 2002 – und da stand ich ja noch in Brot und Gnade eines gut bezahlten, mir viele Freiheiten gewährenden Software-Unternehmens.

Deshalb, die nächste Weisheit, die ich dem geneigten Leser mitteilen möchte, ist jene, dass die berufliche Selbstständigkeit ihre Tücken hat, wenn es sich darum handelt, die Masse zu becircen. »Das Publikum ist eine undankbare Geliebte«, schreibt Mirabeau, irgendwann um 1780 herum und trifft den Nagel sicherlich auf den Kopf (wenngleich er natürlich ein selbstverliebter und von sich eingenommer Lebemann ist). Wer also in die Selbstständigkeit zieht, mit wehenden Fahnen, im Glauben, er könne die breite Masse schon um den kleinen Finger wickeln, so ist es eine neue Form der Lotterie. Die geflügelten Phrasen »Qualität setzt sich durch« oder »Wer fleißig ist, für den gibt es keinen Hunger« und so weiter und so fort, diese Phrasen sind schulterklopfende Hilfskonstrukte, die weder Butter aufs Brot noch Brot auf die Butter bringen. Im heutigen System wird der Erfolg, nicht die Leistung honoriert. Das sage nicht ich, sondern Primarius Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, der sich mit dem Thema Burnout medizinisch auseinandersetzt. Aber ich denke, viele Selbstständige können diese Aussage bestätigen.

Also, ich will niemanden abhalten in die Selbstständigkeit zu gehen, keineswegs. Zuvor würde ich freilich einen Blick in das Buch von Frithjof Bergmann »Neue Arbeit, Neue Kultur« werfen, der sich in einem kurzen Kapitel über den »Werde Unternehmer!«-Rummel kritisch auseinandersetzt. [darin heißt es: »Betrachtet man die tägliche Mühe ihrer Arbeit genau, dann ist nur allzu offenkundig, dass sie alles für das Überleben ihres Start-up-Unternehmens opfern. Ihre Arbeit steht jetzt nur noch mehr unter Druck eines alles beherrschenden MUSS; der einzige Unterschied zu ihrer früheren Arbeit besteht darin, dass sie von vieldeutiger und verführerischer Rhetorik zum Narren gehalten werden.« – übrigens habe ich den Autor bei einem Symposium in Berlin getroffen].

Wer sich den Mühen und Plackereien der Selbstständigkeit aussetzen möchte, der sollte es vor allem dann tun, wenn er einem inneren Auftrag folgen muss. Der wahre Künstler, der wahre Wissenschaftler, der wahre Journalist, der wahre Philosoph, der wahre Lehrer, wenn man so will, sie alle haben in gewisser Weise die Verpflichtung den harten, steinigen Weg zu gehen, um ihre Wahrheiten in der Realität stattfinden zu lassen. Die Mainstream-Medien-Propaganda schürt natürlich vor allem das Bild des unabhängigen Künstlers oder Wissenschaftlers, der mit Beifall, Anerkennung und Geld überschüttet wird. Die Realität, wenn wir uns umsehen, sieht dann doch anders aus. Drogen, Alkohol, Zwistigkeiten, Betrug, Krankheiten, Unfälle, Nervenzusammenbrüche, Burnout und so weiter und so fort, obwohl es sich zumeist um Leute handelt, die es geschafft haben. Seltsam, nicht?

Ich wage ja die dunkle Behauptung, dass die westliche Welt, das angeblich aufgeklärte Abendland, Schiffbruch erleiden wird – wahrscheinlich hat der Eisberg bereits den Rumpf aufgerissen – freilich wir bemerken davon nichts. Aber auch wenn wir davon hörten – ist das Schiff nicht unsinkbar? Würden nicht die riesengroßen Pumpen anspringen? Wir sollten uns einmal vor Augen führen, was wir mit all dem Überschuss, der gegenwärtig mit Leichtigkeit produziert wird (dank billiger Rohstoffe, Massenfabrikation und Sweat-Shops), was wir mit diesem Überschuss alles anstellen könnten. Vorausgesetzt, wir würden beginnen, das Profit-Denken zu verachten. Eine neue Gesellschaft, in der nur noch jeder so viel arbeiten müsste, wie er wollte, in Jobs, die vorrangig einen Nutzen für die Gemeinschaft hätten. Das klingt natürlich völlig kindisch und in keiner Weise umsetzbar. Mag sein. Aber es ist nun an der Zeit, darüber zu befinden. Laut und deutlich. Hierzu muss ich vor allem Univ.-Prof. Franz Hörmann meine Hochachtung aussprechen, der sich mit seinem neuen Buch »Das Ende des Geldes« in gewagte Theorien zu versteigen getraut, die von einem akademischen Wirtschaftswissenschafts-Establishment mit hochmütiger Geste ignoriert oder abgelehnt werden. Dass sich Prof. Hörmann seine Watschen, wie man hier in Wien sagen würde, abholen wird dürfen, scheint mir sicher.

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9 Antworten zu “9 Jahre Selbstständigkeit und ein bisschen Weise (2)

  1. AlbertKnorr Freitag, 24 Februar, 2012 um 11:24

    Musalek hat völlig recht. Erfolg wird honoriert, Leistung vorausgesetzt. Das bietet jenen die besten Chancen, die gut darin sind, den Erfolg (sowohl den eigenen als auch den anderer) gut zu verkaufen.
    Ich kann allerdings nicht nachvollziehen, was er mit „im heutigen System“ meint. Das war schon immer so (und damit meine ich nicht erst seit der Mensch sich aufgerichtet hat). Auch im Tierreich gibt es unzählige Beispiele dafür, dass es wichtig ist, sich mit Federn (eigenen oder fremden) zu schmücken, um seine Ziele gegen andere durchzusetzen.

    Leistung zählt! Solange man NUR auf sich selbst angewiesen ist: Hacke Holz, um nicht zu erfrieren. Jage ein Tier, um nicht zu verhungern…
    Doch in dem Moment, wo Gesellschaft ins Spiel kommt, verändert sich die Situation grundlegend. Mit einem Mal gibt es zwei oder drei Leistungsträger – Rationalisierung wird möglich. (Einer geht fischen, einer hackt Holz, einer kocht…) Dadurch bilden sich zwangsläufig Gewinner und Verlierer heraus. Ab nun ist nicht mehr der am besten dran, der die beste Leistung erbringt, sondern der, der seine Arbeit den anderen am besten verkaufen kann.

    • Richard K. Breuer Freitag, 24 Februar, 2012 um 14:24

      Gut gesprochen. „Im heutigen System“ bedeutet für mich, dass die freie Marktwirtschaft zu einem neoliberalen Turbo-Ersatz-Kapitalismus mutiert ist. Will heißen: Wenn eine Bank Milliarden in den Sand setzt, wird sie vom Staat gerettet (sprich: von jedem einzelnen Bürger); wenn ein Verleger oder Künstler oder Installateur oder Tischler eine Bauchlandung machen, dann zuckt der Staat mit der Schulter.

      • AlbertKnorr Freitag, 24 Februar, 2012 um 14:32

        Der Vollständigkeit halber solltest du noch anmerken, dass für alle Genannten die Unschuldsvermutung gilt. Am besten auch gleich im neuen Buch, das ich trotz telefonischer Interventionsversuche noch immer nicht lesen konnte. *beschwerdemodusende*

      • viktor staudt Samstag, 25 Februar, 2012 um 12:09

        Gott-oh-Gott: du sprichst mir so etwas von aus der Seele, Richard! Ich bin als Verleger gerade ziemlich tief ‚unten‘ und kann jedes einzelnen Wort was du hier geschrieben hast, so etwas von nachvollziehen. Und, nein, es wäre nicht besser gewesen, in der ‚Magengeschwüre‘ Job zu bleiben. Wir (sprich: die kreative Leute) können einfach nichts anders und oft, ist die Kreativität entweder dein bester Freund, oder größter Feind.

      • Richard K. Breuer Sonntag, 26 Februar, 2012 um 15:15

        @ AlbertusKnorrus: Beschwerde wird freilich zurückgewiesen, weil es das Buch ja noch gar nicht gibt. Aber ich arbeite daran. Manchmal mehr, manchmal weniger 😉

      • Richard K. Breuer Sonntag, 26 Februar, 2012 um 15:18

        @ Viktor: Ei, das freut mich jetzt, dass ich den Nagel auf den Kopf getroffen habe. Natürlich freut es mich ganz und gar nicht, dass du gerade „tief“ unten feststeckst. Keine Sorge, die Phase geht auch vorbei. Man muss sich nur fragen, was man im Leben will 😉

  2. (mad) Freitag, 24 Februar, 2012 um 13:52

    Seine Watschen hat sich Hörmann jüngst wegen eines ganz anderen Themas geholt…

  3. Pingback: Literarische und gestalterische Früchte in 9 Jahren (3) « richard k. breuer

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