richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Breaking Bad – Die Chemie des TV-Lebens

WB. tippte auf die DVD-Boxen von Breaking Bad und meinte, dass ich die Serie sehen müsse. Ich war skeptisch. Zugegeben. TV-Serien, Made in USA, können schon sehr am intelligenten Nervenkostüm des Zuschauers rütteln. Freilich, es gibt immer wieder Lichtblicke. In diesem Falle dürfte WB. einen richtigen Riecher gehabt haben. Die letzte Woche begonnen, die Serie zu gucken. Die ersten zwei Staffeln habe ich durch und das ist Grund genug, kurz inne zu halten und über das Gesehene zu reflektieren – behandelt die Serie doch eine Reihe von Themen, die von der Öffentlichkeit nur leise besprochen werden. Bereit?

Der Grundplot ist einfach: 50jähriger unterforderter und unterbezahlte Chemie-Lehrer Walter White (der Name ist Programm), verschuldeter Familienvater eines Sohnes mit Handicap und einer schwangeren Frau, erfährt von einem Tumor in der Lunge. Der Arzt gibt ihm nur eine geringe Überlebens-Chance. Grund genug, in der verbliebenen kurzen Zeit, noch etwas aus dem Leben herauszuholen. Walter White, durch die glückliche Begegnung mit einem ehemaligen Schüler, setzt sich in den Kopf, die synthetische Droge Crystal Meth herzustellen, um seiner Familie einen Patzen Geld zu hinterlassen. Freilich, das Drogengeschäft ist für einen biederen Spießbürger kein Honigschlecken und eh man sich versieht, stolpert der Protagonist von einer blutigen Katastrophe in die nächste. Das wäre mal der Grundplot.

Die Serie beginnt nicht unähnlich jener, die den Schauspieler Bryan Cranston bekannt gemacht hat: Malcolm mittendrin. Da wie dort spielt Cranston einen bieder schüchternen Familienvater, der sich abmüht, das Leben geregelt zu bekommen, aber im Wesentlichen daran scheitert. In Malcolm mittendrin ist es freilich das überzeichnete Comedy-Klischee einer durchgeknallten Familie – da geht es um den Witz, um das Amüsement, aber mit Sicherheit nicht um Realität. Bei Breaking Bad ist es beinahe umgekehrt. Hier geht es vor allem um Realität, die wiederum einen gewissen Witz beinhaltet. Wer Theaterstücke oder Drehbücher schreibt, der weiß, dass der Humor vor allem aus den Gegensätzen entspringt. Ein biederer, nervöser Familienvater der ins Drogengeschäft einsteigt – und noch dazu einen Schwager bei der Drogenbehörde hat, das ist ein Gegensatz, der viel Handlungsspielraum für die Autoren lässt. Und darum geht es ja vorrangig, nicht?

Auch wurde das Konzept des Buddy-Movies umgesetzt. Hier der Familienvater, dort der (halbwegs) erfahrene, aber ein wenig danebenstehende junge Drogen-Dealer, der in späterer Folge ordentlich hilft, den Schlamassel zu vergrößern oder auszulösen. Beide zusammen ergeben ein unbeholfenes Duo, welches wie ein Elefant im Drogen-Revier herumstampft.

Die erste Staffel besteht aus 7 Folgen, wenn ich mich recht erinnere. Und dabei ist mir aufgefallen, dass jede (ernsthafte) TV-Serie, die um Spannung bemüht ist, von einer natürlichen Anziehung bzw. Abstoßung der Charaktere innerhalb des Plot-Systems lebt. Mit anderen Worten: der Autor legt das Grundsystem fest, wirft die Charaktere hinein und lässt sie in den ersten Folgen so lange ihre Kreise ziehen, bis sie ihre Bahnen gefunden haben. Analog unseres Sonnensystems. Da die Sonne, die durch ihre Masse die anderen Planeten in ihren Bahnen festhält. So verhält es sich auch bei dramatischen, also ernsten, an die Realität angelehnten TV-Serien. Deshalb funktioniert eine TV-Serie innerhalb der ersten Staffel auf einem natürlichen Wege. Es braucht eine Weile bis die Planeten/Charaktere ihre Positionen bezogen haben – und genau das macht es spannend. Man möchte wissen, wer welche Position einnimmt und wie diese Position wiederum andere Planeten/Charaktere beeinflusst. Monde/Nebencharaktere können kleinere oder größere Auswirkungen auf Charaktere/Planeten haben – aber zu guter Letzt geht es um das Ganze, um das System.

Ist das System zu einem natürlichen Ende gekommen, haben alle Charaktere/Planeten ihren Platz eingenommen, dann ist die Luft fürs erste draußen. Von nun an müssen gravierende Änderungen im System von außen herbei geführt werden. Das mag man als Zuseher vielleicht gar nicht sonderlich bemerken, aber ich achte im Besonderen darauf. Weil jeder Autor vor einem Problem steht: Ein Autor kann Gott spielen, gewiss, aber mischt er sich zu sehr in das System ein, erkennt der Zuseher die kreative Kalkulation und der natürliche Aufbau geht flöten. Damit verliert die Serie ihren Reiz. Ich wage zu behaupten, dass eine TV-Serie mit dramatischem Anspruch über die erste Staffel hinaus keinen natürlichen Spannungsbogen besitzen kann. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel – wie man immer wieder liest (The Sopranos, The Wire – ich kenne beide Serien nicht; auch Twin Peaks habe ich nicht gesehen).

Zurück zu Breaking Bad, dessen Plot-Themen durchaus Beachtung geschenkt werden sollte. Ich meine, wer würde glauben, dass das Thema Krebs und Chemo-Therapie auf eine interessant spannende Art und Weise abgehandelt werden kann? Ohne, dass man sich mit Schauder abwendet? Oder in eine TV-Depression verfällt? Natürlich ist es eine Konstruktion der Autoren, schließlich mussten sie eine Antwort auf die Frage finden, warum gerade ein spießbürgerlicher Familienvater zu einem kriminellen Drogenfabrikanten mutiert. Da müssen wohl zwei Extreme zusammengekocht werden: der absehbare Tod und hohe Schulden.

Dass der Vater der Serie Vince Gilligan auch für Akte X verantwortlich ist, sollte man hervorheben. Bedaure, mich hat die übersinnliche TV-Serie nicht die Bohne interessiert. Aber der natürliche Spannungsbogen von Akte X war natürlich, ob die beiden Protagonisten zusammenkommen würden. Der Rest war kreativ künstliches Herumalbern mit dem Absonderlichen. Bei Breaking Bad ist der natürliche Spannungsbogen das Wahren des dunklen Geheimnisses von Walter White vor seiner Frau, die immer wieder die Stirn runzelt, wenn er mitten in der Nacht das Haus verlässt, um seinen Geschäften nachzugehen. Aber ist die Katze einmal aus dem Sack, will heißen, seine Frau kommt dahinter oder er gesteht es ihr, dann ist der Ofen aus. Dann springt der nächste Spannungsbogen an: Kann er sein Geschäft vor der Drogenbehörde/Polizei verbergen? Aber wie schon zuvor gesagt, die Luft ist dann heraußen.

Ja, die TV-Serie tippt Themen an, die manche nicht mit der Kneifzange anfassen wollten. Krebs, Chemo ist das eine, die Kosten einer solchen Behandlung die andere. Da schwirren Geldbeträge herum, dass einem europäisch krankenversicherten Bürger schwindlig werden kann. Tausende und abertausende Dollar kostet eine (!) Chemo-Sitzung. Oder der dreitägige Aufenthalt in einem Spital, der mit zigtausend Dollar ausgewiesen wird. Mit einmal beginnt man darüber nachzudenken, was es bedeutet, nicht die finanziellen Mittel zu haben, um seine Krankheit behandeln lassen zu können. Zugegeben, ich ziehe immer wieder ein säuerliches Gesicht, wenn mir die SVA die Quartalsvorschreibung unter die Nase hält – aber im Falle eines Falles sollte die medizinische Versorgung – soweit möglich – gewährleistet sein. Ist nur die Frage, wie lange diese soziale Einrichtung noch funktionieren kann, in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrisen, in Zeiten von Sparpaketen und Überalterung. Freilich, darüber ist in der Serie nichts zu finden.

Walter White ist Chemie-Lehrer. Wir erfahren, dass sein Gehalt kaum ausreicht und dass er gezwungen ist, Aushilfsjobs anzunehmen. Dass die Whites in einem großen Haus mit Pool wohnen, naja, das ist nun mal der Lebensstandard, Made in USA. Wir erfahren also, dass das Geld knapp und die Hypothek groß ist. Und auf der anderen Seite lernen wir kurz ein Unternehmer-Pärchen kennen, das Millionen mit Chemie-Patenten gemacht hat – Walter White hatte vor Jahrzehnten bei ihnen gearbeitet (und war natürlich für so manch lukratives Patent verantwortlich), verließ aber Hals über Kopf die Firma. Auch das ist natürlich ein kreativ künstliches Plot-stopfendes Vehikel der Autoren, aber es regt kurz dazu an, sich Gedanken über die Verteilung zwischen wenig und viel zu machen. Da der Chemielehrer mit seinen Schulden, dort die Unternehmer mit ihren Millionen, vielleicht sogar Milliarden. Die Schere zwischen Arm und Reich, wir sollten es wissen, wächst und wächst und wächst. Leidtragende der Finanz- und Wirtschaftskrise sind vor allem die Mittelschicht und die unteren Schichten. Interessantes Detail am Rande: die TV-Serie startete 2008 – im Herbst dieses Jahres löste ja der Zusammenbruch der Bank Lehman Bros. die Finanzkrise aus (tatsächlich köchelte sie schon länger unauffällig im Hintergrund).

Breaking Bad tippt auch das Thema an, wo die Grenze zwischen Legalität und Illegalität gezogen werden soll/muss. Gerade die Frage, ob der Konsum von Marihuana aus medizinischen Gründen (Schmerztherapie, Psychotherapie, …) erlaubt ein soll oder strikt verboten sein muss, ist in den USA ein wunder Punkt. So wird dieser Punkt je nach Bundesstaat unterschiedlich gehandhabt – aber das Ganze ist trotz allem sehr verworren und es reicht schon der kleinste Besitz, um hinter Gitter zu kommen. Ich kann nicht sagen, ob der Konsum von Marihuana generell oder in bestimmten Fällen erlaubt sein soll. Aber es würde durchaus lohnen, wenn Politik und Öffentlichkeit darüber frank und frei befinden und das Thema nicht unter den Teppich kehren würden. In der TV-Serie wird kurz angesprochen, dass der Verkauf von Alkohol in den 1920ern striktest verboten war (Prohibition, you know?) und wenige Jahre später wieder ganz legal war. Wer setzt also fest, welche Substanzen und Stoffe legal vertrieben und konsumiert werden dürfen? Es gibt übrigens die verschwörungstheoretische Idee, dass die Prohibition vor allem deshalb eingeführt wurde, um Henry Ford zu zwingen, seine Auto-Motoren von Alkohol auf Benzin umzustellen. Die Rockefeller-Dynastie hatte damals ein Monopol auf die Herstellung von Benzin – und wollte vielleicht ihr Geschäftsfeld erweitern. Ja, jedes Bizness ist schmutzig. Man lasse sich einmal die Wirtschaftsfachvokabeln auf der Zunge zergehen, dann weiß man, woran man ist („feindliche Übernahme“, „Feindbeobachtung“, „Konkurrenz ausschalten“, „Marktanteile sichern“, „Position am Markt festigen“, „Konkurrenz ausbooten“, usw. und so fort).

Kommen wir zum Schluss. Breaking Bad kann getrost empfohlen werden, jedenfalls die erste Staffel. Auch wenn es amüsante Momente gibt, ein dunkler Ton ist immer zu spüren – für sensible Naturen ist die Serie nur mit Vorsicht zu genießen. Im späteren Verlauf braucht man schon ein gefestigtes Nervenkostüm – da beuteln einem brutale Einschübe schon recht arg. Und mit der dritten Staffel – hier bin ich erst am Anfang – beginnen die Autoren nun ihr kreatives Füllhorn auszuschütten. Zuweilen scheint es mir zu viel des Schicksalhaften, erlebt man die zufälligen Begegnungen nicht mehr so zufällig, sondern bewusst von den Autoren in Szene gesetzt, um die Handlung am Laufen zu halten. Aber so ist das eben.

Ach ja. Ein klein wenig erfährt man auch etwas über die Chemie der Stoffe. Wer weiß, vielleicht wird man die TV-Serie bald im Chemie-Unterricht gucken.

*

Und hier – wieder einmal – Dr. Gabor Maté in einem Vortrag über die Hintergründe von Abhängigkeiten!

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4 Antworten zu “Breaking Bad – Die Chemie des TV-Lebens

  1. Viktor Staudt Samstag, 3 März, 2012 um 20:02

    Kennst du die US Serie ‚Six Feet Under‘? Mir würde deine Meinung interessieren. Schönes Wochenende! 🙂

    • Richard K. Breuer Montag, 5 März, 2012 um 13:43

      Naja, mit „Six Feet Under“ bin ich nicht so „warm“ geworden, Viktor. Aber ich kann mich erinnern, dass die Serie gute Kritiken erhielt. Wer weiß, vielleicht ist die Zeit für „Six Feet Under“ noch nicht gekommen, also, für mich 😉

  2. Bernhard Madlener Montag, 5 März, 2012 um 22:20

    Daumen hoch für „Breaking Bad“ – Staffel 4 kommt im April 🙂 Und bei „Six Fest Under“ bin ich nach vier Folgen ausgestiegen… bissi fader Kirchenkram 😉

    • Richard K. Breuer Mittwoch, 7 März, 2012 um 9:31

      Scheinbar soll es noch eine 5. Staffel für „Breaking Bad“ geben. Der Erfolg scheint der Produktionsfirma recht zu geben, sozusagen. Schon interessant, in welche TV-Serien man reinkippt und einem andere absolut kalt lassen.

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