Wohnungsflohmarkt, Samstag 28.April 2012

Nur für den Fall, dass jemand Zeit und Muße hat, meine Schätze zu sichten und gegen ein paar läppische Münzen an sich zu reißen, der möchte doch morgen oder heute Samstag, 28.April bei mir vorbeikommen. Mit dem Kennwort „Blog“ gibt’s ein Glaserl Wasser. Das Wasser ist zu trinken, das Glaserl darf gerne mitgenommen werden. Nur so lange natürlich der Wasser- bzw. Glaserlvorrat reicht. Also hopp hopp.

Adresse samt Mobiltelefonnummer ist hier zu finden: http://www.1668.cc/impressum.htm

Umzüglichkeiten oder Der Untergang des Abendmülllandes

Ich sitze auf der einen Hälfte meiner einstmals sündteuren Alcantara-Couch und tippe diese Zeilen in meinen Laptop. Ein USB HDSAP Modem hängt schlapp herunter, tut aber seinen Dienst – freilich, hin und wieder zickt dieses Wunderwerk der Telekommunikation dermaßen herum, das einen schwindlig wird. Aber so ist das mit der Überdrüberfuzi-Technologie, die am Limit kratzt. Die Sachen müssen kostengünstigst hergestellt werden, um die Qualität kümmert sich heute eine überbezahlte Marketing- und Werbe-Meute. Wer wissen will, wie der Hase läuft, sollte sich mal den Film ‚39,90‘ angucken. Nichts für normalsterbliche Seelen, die noch immer glauben, wir würden in den besten aller Welten leben. Anschließend empfehle ich natürlich die Lektüre ‚Candide‘ von Voltaire. Das Büchlein sollte jeder einmal in seinem Leben gelesen haben. Damit ist die westliche Welt charakterisiert. Mehr bräuchte es eigentlich nicht mehr.

Wer sich von seiner Wohnung und einigen verstaubten Dingen trennt, kommt unweigerlich zu ein paar faszinierenden Überlegungen. Gewiss, man könnte diese Gedanken auch haben, ohne sich aus dem Staub machen zu müssen, aber in der Rundum-Wohlfühl-Society ist es besser, man eckt mit seinem gedanklichen Wirrwarr nicht an und bleibt brav in der Spur. Wenn es der Wirtschaft gut geht, heißt es nicht umsonst im Marketing-Sprech, geht es uns allen gut, nicht?

Der Transport von Möbel und sperrigem Zeugs wird durch die Digitialisierung in keiner Weise ersetzt werden können. Demzufolge wäre der Beruf eines Möbelpackers eigentlich eine sichere Zukunftsinvestition. Aber davon hört man eigentlich wenig, in der Politik genauso wie in der Wirtschaft. Besser einen Applikations-Designer ausbilden, der den ganzen langen lieben Tag in den Monitor starrt, als jemanden, der es versteht, anzupacken.

Während es vor, sagen wir, hundert Jahren, im Fin de Siècle, noch an jeder Straßenecke einen Dienstmann gegeben hat, der im Handumdrehen Kofferträger oder Möbelpacker organisieren konnte – und im Handumdrehen jedes weltliche Problem löste, vorausgesetzt man reichte ihm einen ordentlichen Obulus dar – so muss man heututage im Web von einer Seite zur anderen surfen, um hilfskräftige Leutchen zu finden. Ab einem gewissen Alter sind nämlich Bekannte, Freunde und Verwandte nur noch eine laue Hilfe. Ich nehme mich davon gar nicht erst aus und erinnere mich, einem Freund hässlich ins Telefon gelacht zu haben, als er mich bat, einen Gefrierschrank-Kombination ein paar Stockwerke hinauftragen zu helfen („Wir sind eh zu viert, das geht dann schon.“). Ich bin Schriftsteller, hin und wieder Dichter von tropfenden Wasserhähnen (mäßige Begabung), und sinniere über die Möglichkeit, Möbel leichter zu machen, aber kein weltlicher Anpacker oder tatkräftiger Zuträger.

Wer einmal seine Kästen und Regale durchforstet, wird erstaunliche Dinge zu Tage befördern. So lange man keinen Anlass hat, aufzuräumen, kann man jedes freilich Ding wieder dorthin zurückbefördern, wo es seit Jahren gelegen ist. Aber wehe, man muss sich innerhalb weniger Augenblicke entscheiden, was damit zu geschehen hat. An manchen Dingen klebt ideeler Schweiß oder eine Kindheitserinnerung. Vielleicht ist es ein Erbstück. Vielleicht auch „nur“ das Geschenk einer Tante oder eines Onkels, die weder reich noch freundlich sind. Trotzdem klopft das schlechte Gewissen an die Tür, spielt man mit dem guten Gedanken, das Ding loszuwerden. Hat man sich schlussendlich dazu entschieden – gottlob – dann wird es aber nicht leichter. Was tun mit diesem geschenkten Gaul?

Zugegeben, wenn ich hier so sitze, auf meiner Couch, die (noch immer) mir gehört, und auf die vollgemüllten Bananen-Kartons (stabil und belastbar bis zum Anschlag) sehe, dann  blitzt der böse Gedanke auf, die Sachen zu nehmen und in die Tonne zu treten. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber da ich ja ein gutherziger und sensibler Zeitgenosse bin, tue ich es freilich nicht. Ich werde brav dafür sorgen, dass die Dinge ein neues Zuhause bekommen. Ob es ihnen dort besser gehen wird, als bei mir? Tja, wer weiß das schon.

Wer beginnt, seine alten, gebrauchten Sachen in Geldwerte umzurechnen, der erlebt sein blaues Wunder. Elektronik-Teile, die einmal hip und viel Geld kosteten, sind jetzt nicht mal einen Pfferling wert. Geht man heute in einen Elektronikmarkt, bezahlt seinen Sub-Power-Image-Bildwerfer-Woofer, bringt das Teil nach Hause und packt es aus, dann ist das ‚Gier ist hier‘-Ding eigentlich schon nichts mehr wert – im Gegensatz zur Kaffeereibe der Urgroßmutter. Das sollte einen schon nachdenklich stimmen, oder? Nachdenklich sollte einen auch stimmen, dass die Wirtschaft nur funktioniert, wenn produziert und konsumiert wird. Wer sich dessen einmal bewusst wird, also wirklich wirklich bewusst, der muss zur Erkenntnis gelangen, dass die Welt, in der wir leben, nicht die beste, sondern die verrückteste ist.

Auf facebook, das ich lange vernachlässigt habe, wurde ich auf eine Gruppe aufmerksam, die sich ‚care & share‘ nennt und in der (vor allem) Wiener ihre Dinge, die sie loswerden wollen, verschenken. Im Moment mache ich gerade regen Gebrauch von dieser Gruppe und muss sagen, dass sie wunderbar funktioniert. Böse werde ich erst, wenn der Kühlschrank morgen nicht abgeholt werden würde – oder ich auf der Couch sitzen bleibe (ich hoffe, Sie erkennen den Wortwitz, der heute umsonst angeboten wird).

Dass ich nebenbei noch die Layout-Daten für ein Jugendbuch-Projekt fertig machen muss, ohne meinen geliebten, aber in die Jahre gekommenen Stand-PC (der schon mal einen Herzstillstand hatte) und ohne Breitband-Anbindung, ist natürlich eine Herausforderung der besonderen Sorte. Still und heimlich frage ich mich ja, wozu man überhaupt noch diese schweren PC-Ungentümer herstellt. Im Keller wartet noch ein stabiles PC-Gehäuse aus Metall darauf, verschenkt bzw. verkauft bzw. aus dem Fenster geworfen zu werden. Und Musik-Boxen sind ja auch noch in einem Karton – hm … ich schätze, ich muss jetzt aufhören und in den Keller. Vielleicht sollte ich einen Kanister Benzin mitnehmen. Ich schtäze, vor vielen vielen Generationen hat man sein Hab und Gut noch verbrennen können. Zugegeben, hin und wieder haben das andere für einen erledigt, die eine fremde Sprache zischten. Okay, vielleicht ist die Zeit in der wir leben doch nicht so schlecht. Aber verrückt, ja, verrückt ist sie trotzdem.

Umzüglichkeiten oder Eine besondere Kiste, ein gewichtiger Sack

Zugegeben, eigentlich sollte ich die eine oder andere Schachtel mit Zeugs durchsehen. Kabel hier, Stecker dort. Seit Jahren nicht mehr darin gewühlt. Aber immer dieser ominöse „man könnte das Kabel ja mal brauchen“-Gedanke. Aber seien wir ehrlich: ob es das eine oder das andere Zeug ist, so gut wie alles lässt sich ersetzen oder austauschen. Natürlich ist es eine Kostenfrage. Weshalb ich ja zu der folgenden Erkenntnis gekommen bin: Jeder, der mit einem geringen Budget über die Runden kommen muss, der kann es sich eigentlich nicht leisten, funktionierende und brauchbare Sachen wegzugeben. Sollte dann und wann der Fall eintreten, dass gerade dieses Ding benötigt werden würde, müsste es wieder um teures Geld angeschafft werden. Das Dumme ist aber, dass jene, mit geringem Budget im Normalfall nicht gerade auf großem Fuß leben, will heißen: keine geräumige Wohnung, kein geräumiges Haus haben und deshalb beißt sich hier die Katze in den Schwanz. Während jene, die genügend Geldmittel haben, eigentlich den ganzen „vielleicht“-Plunder nicht bräuchten, weil sie sowieso jederzeit ohne Schwierigkeit in die Geldbörse greifen könnten, gerade diese aber leben auf großem Fuß, will heißen, sie haben viel Stauraum zur Verfügung. Paradoxe Zustände anno 2012. Freilich, das war schon immer so, mit der Ausnahme, dass der gewöhnliche Bürger seine Besitztümer penibelst aufzählen konnte. Früher.

Die Tagebücher des Richard K. Breuer
Die bunten (Tage)Bücher sind in Handarbeit hergestellt und in der Wiener Papierwerkstatt - Kaiserstraße 67 - zu finden. Ist eine Empfehlung! Ja. ja.

Die wichtigsten Gegenstände sind wohl jene, die in keiner Weise mehr reproduziert werden können und unwiederbringlich verloren sind. Persönliche Gegenstände. Wie zum Beispiel Tagebücher und Zeichnungen aus der Kindheit. Ob diese persönlichen Aufzeichnungen einen Mehrwert für die Gesellschaft haben, das wird wohl nur die Zukunft weisen: „Aha. So hat also ein brotloser Dichter zu Anfang des 21. Jahrhunderts gelebt. Ganz schön arg damals. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, diese vielen Freiheiten.“ – Vielleicht werde ich auch noch eine Autobiographie verfassen. Das wäre dann wohl der Punkt am Ende des Satzes. Beim Herumräumen und Wegwerfen und nachdenklichem Kopf kratzen ist mir bewusst geworden, was es mit dem Abenteuertum tatsächlich auf sich hat und wie es um sogenannte „Hollywood“-Momente steht.

Vermutlich haben wir gutbürgerlichen Leutchen ein verqueres Bild von einem Abenteuer. Manch einer findet es ja schon abenteuerlich, seine Tage in einem Abenteuerpark zu verbringen – oder in einem Survival Camp. Ich denke mir, es ist nicht der Mut, der letzten Endes ausschlaggebend sein wird, ein Abenteuer zu meistern, sondern vielmehr Ausdauer. Nur wer einen langen Atem hat, wird den kalten kargen Winter trotzen und (vielleicht) den Frühling und Sommer genießen dürfen. Wer auf halber Strecke schlapp macht, gewinnt nicht mal einen löchrigen Blumentopf. Natürlich gehört Mut dazu, einen Schritt vor zu machen und ins kalte Wasser zu springen. Aber danach heißt es, sich über Wasser zu halten. Lange. Sehr lange. Dazu braucht es aber freilich keinen Mut mehr.

So. Und jetzt gönne ich mir einen Kaffee. Vielleicht schaue ich später hier noch mal vorbei. Da fällt mir ein und auf, dass dieser Blog-Eintrag wohl der letzte sein wird, an diesem Ort, mit der vorbeiziehenden Donau im Blickfeld (wären nicht immer die Vorhänge zugezogen, könnte man sie sehen) und einem übergroßen Schreibtisch (freie Flächen wurden immer vollgeräumt, bedeutet, dass es für den Schreiber dann doch wieder nur ein kleiner Tisch war). Sonst? Kein wehmütiger Gedanke. Nein, der Gedanke gehört jetzt mal dem Kaffee. Und einem frischen Brot. Das sind nämlich die Dinge, die man nirgends horten und stapeln kann: eine Kiste Freiheit & ein Sack Zufriedenheit!

Umzüglichkeiten oder 99.793 Dinge zum Vergessen

Mit 1. Mai werde ich also in eine kleinere Wohnung (um)ziehen. Und weil es dort alles gibt, was man so zum Wohnen und Leben und Lieben braucht, muss ich mir nun den Kopf darüber zerbrechen, was mit den überzähligen, sprich reduntanten, Dingen zu geschehen hat. Wegwerfen? Verschenken? Verkaufen?

Wir leben ja bekanntlich in einer Wegwerfgesellschaft. Überfluss, wohin man schaut. Nur vom wirklich Essenziellen gibt es zu wenig. Man möchte also den Tand reduzieren. Gut so. Aber wo beginnen? Wo aufhören? Könnte man nicht das eine oder andere später einmal brauchen? Ja, immer ist es dieses ominöse „Später“, das einen in die gedankliche Quere kommt. Und dann ist da noch das schlechte Gewissen, das einen ständig im Kopf herumschwirrt, will man den ganzen Krempel einfach in den nächsten Müllcontainer werfen. Aus den Augen aus dem Sinn. Aber das schlechte Gewissen, das einem ständig in die Seite zwickt, lässt solch ein nihilistisches Gehabe nicht zu. Jeder Gegenstand, jeder Zettel, jede Ansichtskarte, jedes Foto muss in die Hand genommen, geprüft und gewogen werden. Am schwersten wiegt der ideelle Wert eines Dings – das T-Shirt aus New York, das man noch nie übergestreift hat (zu kratzig) oder die beiden Gläser aus blauem Glas, welche eine damalige Freundin extra für mich graviert hatte. Getrunken habe ich daraus nie. Sie waren Staubfänger. Persönliche Staubfänger, wenn man so will. Überhaupt, all diese gut gemeinten und netten Geschenke, die man freilich nicht ablehnen konnte – etwa der Sektkübel aus durchsichtigem Kunststoff, den mir ehemalige Arbeitskollegen als Abschiedsgeschenk überreichten und worauf jeder seine Unterschrift oder sein Zeichen machte. Tja. Und so geht es endlos dahin.

Gewiss, wäre man härter und unnachsichtiger, würde man einen großen Müllsack nehmen und – schwupp – dieses gedankliche Tohuwabohu beenden. Schon allein wenn ich nur auf meinen großen Schreibtisch blicke, dann wird mir angst und bang. Nützliches vermischt sich hier mit Freundlichem zu einer stimmigen Melange. Diese Melange ist über die Zeit entstanden (Staub!). So wie alles an und in uns. Jede Hochphase polterte gegen einen Tiefschlag und umgekehrt. Jedes Ding, das wir horten, haben wir irgendwann einmal für so wichtig erachtet, dass wir es nicht weitergaben. Vielleicht war es auch nur eine Trägheit, die uns dazu veranlasste, nichts zu tun und – so lange der Raum es zuließ – die Dinge einfach dort zu belassen, wo sie waren.

Sich von all dem Plunder zu befreien ist leider nicht so einfach, wie es manche freundlichen „Entrümpel“-Ratgeber propagieren. Ballast ist im Normalfall ein Sack, gefüllt mit Sand. Diesen Ballast über Bord zu werfen stellt keine besondere Anstrengung dar – es ist die Bestimmung von Ballast, über Bord zu gehen. Schwieriger wird es, wenn man angehalten wird, zum Beispiel Proviant über die Reling zu kippen. Könnte es nicht sein, dass man später (!) hungrig nach Essbarem giert?

Im nächsten Beitrag dann eine Auflistung von allerlei Dingen, die ich loswerden möchte – und wer weiß, vielleicht findet sich eine freundliche Seele, die das eine oder andere unbedingt haben will.