Umzüglichkeiten oder 99.793 Dinge zum Vergessen

Mit 1. Mai werde ich also in eine kleinere Wohnung (um)ziehen. Und weil es dort alles gibt, was man so zum Wohnen und Leben und Lieben braucht, muss ich mir nun den Kopf darüber zerbrechen, was mit den überzähligen, sprich reduntanten, Dingen zu geschehen hat. Wegwerfen? Verschenken? Verkaufen?

Wir leben ja bekanntlich in einer Wegwerfgesellschaft. Überfluss, wohin man schaut. Nur vom wirklich Essenziellen gibt es zu wenig. Man möchte also den Tand reduzieren. Gut so. Aber wo beginnen? Wo aufhören? Könnte man nicht das eine oder andere später einmal brauchen? Ja, immer ist es dieses ominöse „Später“, das einen in die gedankliche Quere kommt. Und dann ist da noch das schlechte Gewissen, das einen ständig im Kopf herumschwirrt, will man den ganzen Krempel einfach in den nächsten Müllcontainer werfen. Aus den Augen aus dem Sinn. Aber das schlechte Gewissen, das einem ständig in die Seite zwickt, lässt solch ein nihilistisches Gehabe nicht zu. Jeder Gegenstand, jeder Zettel, jede Ansichtskarte, jedes Foto muss in die Hand genommen, geprüft und gewogen werden. Am schwersten wiegt der ideelle Wert eines Dings – das T-Shirt aus New York, das man noch nie übergestreift hat (zu kratzig) oder die beiden Gläser aus blauem Glas, welche eine damalige Freundin extra für mich graviert hatte. Getrunken habe ich daraus nie. Sie waren Staubfänger. Persönliche Staubfänger, wenn man so will. Überhaupt, all diese gut gemeinten und netten Geschenke, die man freilich nicht ablehnen konnte – etwa der Sektkübel aus durchsichtigem Kunststoff, den mir ehemalige Arbeitskollegen als Abschiedsgeschenk überreichten und worauf jeder seine Unterschrift oder sein Zeichen machte. Tja. Und so geht es endlos dahin.

Gewiss, wäre man härter und unnachsichtiger, würde man einen großen Müllsack nehmen und – schwupp – dieses gedankliche Tohuwabohu beenden. Schon allein wenn ich nur auf meinen großen Schreibtisch blicke, dann wird mir angst und bang. Nützliches vermischt sich hier mit Freundlichem zu einer stimmigen Melange. Diese Melange ist über die Zeit entstanden (Staub!). So wie alles an und in uns. Jede Hochphase polterte gegen einen Tiefschlag und umgekehrt. Jedes Ding, das wir horten, haben wir irgendwann einmal für so wichtig erachtet, dass wir es nicht weitergaben. Vielleicht war es auch nur eine Trägheit, die uns dazu veranlasste, nichts zu tun und – so lange der Raum es zuließ – die Dinge einfach dort zu belassen, wo sie waren.

Sich von all dem Plunder zu befreien ist leider nicht so einfach, wie es manche freundlichen „Entrümpel“-Ratgeber propagieren. Ballast ist im Normalfall ein Sack, gefüllt mit Sand. Diesen Ballast über Bord zu werfen stellt keine besondere Anstrengung dar – es ist die Bestimmung von Ballast, über Bord zu gehen. Schwieriger wird es, wenn man angehalten wird, zum Beispiel Proviant über die Reling zu kippen. Könnte es nicht sein, dass man später (!) hungrig nach Essbarem giert?

Im nächsten Beitrag dann eine Auflistung von allerlei Dingen, die ich loswerden möchte – und wer weiß, vielleicht findet sich eine freundliche Seele, die das eine oder andere unbedingt haben will.

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2 Kommentare zu „Umzüglichkeiten oder 99.793 Dinge zum Vergessen“

  1. Lieber Richard,
    ich habe seit meiner Geburt riesige Probleme, etwas wegzuwerfen. Man kann wirklich alles irgendwie, irgendwann noch gebrauchen. 😉
    So sammele ich nach jedem Umzug und nach jeder „Entrümpelung“ ruckzuck wieder riesige Berge an. Das war auch der Grund, warum ich mich letztes Jeahr so gegen einen Umzug gesträubt habe, weil alleine das Ausmisten von 4 riesigen Kelleräumen mir unmöglich schien.

    Dinge auf die Müllkippe zu werfen, ist für mich schlimmer, als mir ein Bein zu brechen. Nun ist es ein Problem, für tausend Teile Abnehmer zu finden, ohne sich mit Kleinanzeigen, Ebay, Verpacken und Verschicken rumquälen zu müssen.
    Da habe ich die Lösung für dieses Problem gefunden. Ein soziales Kaufhaus in unserem Ort lebt von Spenden und verkauft alles an bedürftige Menschen. Sie holen alles ab, demontieren auch Möbel und Einrichtungen aller Art. So freue ich mich, dass kein Teil auf dem Müll gelandet ist, und wenn, dann werde ich es nie erfahren. All mein „Gerümpel“ ist in gute Hände gekommen.

    Neulich habe ich in einer kleinen Eckkneipe meinen Charly wiedergetroffen.

    Er steht da nun, leuchtet einen Teil des Raumes aus und erfreut die Menschen. Auch damit war ich zufrieden!
    Wo der Bettler Heinrich abgeblieben ist, weiß ich nicht

    und werde es wohl auch nie erfahren. So ist das eben, wenn man „Kinder“ zur Adoption freigibt! 😉

    Gruß Heinrich

    1. „4 riesige Kellerräume“? Jössas, das geht natürlich an die Substanz 😉

      Und ja, Herr Heinrich, wenn man sein „Gerümpel“ in guten Händen weiß, ist das Geben und Schenken in der Tat eine sehr befriedigende Angelegenheit. Aber wehe, jemand weiß die Sachen nicht zu schätzen, dann ärgert man sich und denkt sich: „Hätt ich’s doch nur auf den Müll geworfen.“ Und ja, es ist eine Plackerei, wenn man für jedes Ding einen passenden Besitzer ausfindig zu machen hofft. Wirklich nicht einfach. In facebook gibt es für Wien eine Gruppe „share & care“, in der man jene Sachen einstellen kann, die man verschenken möchte. Natürlich darf man auch um Dinge bitten. Vielleicht zeigt sich hier Social Media von seiner besten Seite.

      Der Charly und der Bettler Heinrich sind ja nicht gerade klein. Respekt 🙂

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