richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Umzüglichkeiten oder Der Untergang des Abendmülllandes

Ich sitze auf der einen Hälfte meiner einstmals sündteuren Alcantara-Couch und tippe diese Zeilen in meinen Laptop. Ein USB HDSAP Modem hängt schlapp herunter, tut aber seinen Dienst – freilich, hin und wieder zickt dieses Wunderwerk der Telekommunikation dermaßen herum, das einen schwindlig wird. Aber so ist das mit der Überdrüberfuzi-Technologie, die am Limit kratzt. Die Sachen müssen kostengünstigst hergestellt werden, um die Qualität kümmert sich heute eine überbezahlte Marketing- und Werbe-Meute. Wer wissen will, wie der Hase läuft, sollte sich mal den Film ‚39,90‘ angucken. Nichts für normalsterbliche Seelen, die noch immer glauben, wir würden in den besten aller Welten leben. Anschließend empfehle ich natürlich die Lektüre ‚Candide‘ von Voltaire. Das Büchlein sollte jeder einmal in seinem Leben gelesen haben. Damit ist die westliche Welt charakterisiert. Mehr bräuchte es eigentlich nicht mehr.

Wer sich von seiner Wohnung und einigen verstaubten Dingen trennt, kommt unweigerlich zu ein paar faszinierenden Überlegungen. Gewiss, man könnte diese Gedanken auch haben, ohne sich aus dem Staub machen zu müssen, aber in der Rundum-Wohlfühl-Society ist es besser, man eckt mit seinem gedanklichen Wirrwarr nicht an und bleibt brav in der Spur. Wenn es der Wirtschaft gut geht, heißt es nicht umsonst im Marketing-Sprech, geht es uns allen gut, nicht?

Der Transport von Möbel und sperrigem Zeugs wird durch die Digitialisierung in keiner Weise ersetzt werden können. Demzufolge wäre der Beruf eines Möbelpackers eigentlich eine sichere Zukunftsinvestition. Aber davon hört man eigentlich wenig, in der Politik genauso wie in der Wirtschaft. Besser einen Applikations-Designer ausbilden, der den ganzen langen lieben Tag in den Monitor starrt, als jemanden, der es versteht, anzupacken.

Während es vor, sagen wir, hundert Jahren, im Fin de Siècle, noch an jeder Straßenecke einen Dienstmann gegeben hat, der im Handumdrehen Kofferträger oder Möbelpacker organisieren konnte – und im Handumdrehen jedes weltliche Problem löste, vorausgesetzt man reichte ihm einen ordentlichen Obulus dar – so muss man heututage im Web von einer Seite zur anderen surfen, um hilfskräftige Leutchen zu finden. Ab einem gewissen Alter sind nämlich Bekannte, Freunde und Verwandte nur noch eine laue Hilfe. Ich nehme mich davon gar nicht erst aus und erinnere mich, einem Freund hässlich ins Telefon gelacht zu haben, als er mich bat, einen Gefrierschrank-Kombination ein paar Stockwerke hinauftragen zu helfen („Wir sind eh zu viert, das geht dann schon.“). Ich bin Schriftsteller, hin und wieder Dichter von tropfenden Wasserhähnen (mäßige Begabung), und sinniere über die Möglichkeit, Möbel leichter zu machen, aber kein weltlicher Anpacker oder tatkräftiger Zuträger.

Wer einmal seine Kästen und Regale durchforstet, wird erstaunliche Dinge zu Tage befördern. So lange man keinen Anlass hat, aufzuräumen, kann man jedes freilich Ding wieder dorthin zurückbefördern, wo es seit Jahren gelegen ist. Aber wehe, man muss sich innerhalb weniger Augenblicke entscheiden, was damit zu geschehen hat. An manchen Dingen klebt ideeler Schweiß oder eine Kindheitserinnerung. Vielleicht ist es ein Erbstück. Vielleicht auch „nur“ das Geschenk einer Tante oder eines Onkels, die weder reich noch freundlich sind. Trotzdem klopft das schlechte Gewissen an die Tür, spielt man mit dem guten Gedanken, das Ding loszuwerden. Hat man sich schlussendlich dazu entschieden – gottlob – dann wird es aber nicht leichter. Was tun mit diesem geschenkten Gaul?

Zugegeben, wenn ich hier so sitze, auf meiner Couch, die (noch immer) mir gehört, und auf die vollgemüllten Bananen-Kartons (stabil und belastbar bis zum Anschlag) sehe, dann  blitzt der böse Gedanke auf, die Sachen zu nehmen und in die Tonne zu treten. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber da ich ja ein gutherziger und sensibler Zeitgenosse bin, tue ich es freilich nicht. Ich werde brav dafür sorgen, dass die Dinge ein neues Zuhause bekommen. Ob es ihnen dort besser gehen wird, als bei mir? Tja, wer weiß das schon.

Wer beginnt, seine alten, gebrauchten Sachen in Geldwerte umzurechnen, der erlebt sein blaues Wunder. Elektronik-Teile, die einmal hip und viel Geld kosteten, sind jetzt nicht mal einen Pfferling wert. Geht man heute in einen Elektronikmarkt, bezahlt seinen Sub-Power-Image-Bildwerfer-Woofer, bringt das Teil nach Hause und packt es aus, dann ist das ‚Gier ist hier‘-Ding eigentlich schon nichts mehr wert – im Gegensatz zur Kaffeereibe der Urgroßmutter. Das sollte einen schon nachdenklich stimmen, oder? Nachdenklich sollte einen auch stimmen, dass die Wirtschaft nur funktioniert, wenn produziert und konsumiert wird. Wer sich dessen einmal bewusst wird, also wirklich wirklich bewusst, der muss zur Erkenntnis gelangen, dass die Welt, in der wir leben, nicht die beste, sondern die verrückteste ist.

Auf facebook, das ich lange vernachlässigt habe, wurde ich auf eine Gruppe aufmerksam, die sich ‚care & share‘ nennt und in der (vor allem) Wiener ihre Dinge, die sie loswerden wollen, verschenken. Im Moment mache ich gerade regen Gebrauch von dieser Gruppe und muss sagen, dass sie wunderbar funktioniert. Böse werde ich erst, wenn der Kühlschrank morgen nicht abgeholt werden würde – oder ich auf der Couch sitzen bleibe (ich hoffe, Sie erkennen den Wortwitz, der heute umsonst angeboten wird).

Dass ich nebenbei noch die Layout-Daten für ein Jugendbuch-Projekt fertig machen muss, ohne meinen geliebten, aber in die Jahre gekommenen Stand-PC (der schon mal einen Herzstillstand hatte) und ohne Breitband-Anbindung, ist natürlich eine Herausforderung der besonderen Sorte. Still und heimlich frage ich mich ja, wozu man überhaupt noch diese schweren PC-Ungentümer herstellt. Im Keller wartet noch ein stabiles PC-Gehäuse aus Metall darauf, verschenkt bzw. verkauft bzw. aus dem Fenster geworfen zu werden. Und Musik-Boxen sind ja auch noch in einem Karton – hm … ich schätze, ich muss jetzt aufhören und in den Keller. Vielleicht sollte ich einen Kanister Benzin mitnehmen. Ich schtäze, vor vielen vielen Generationen hat man sein Hab und Gut noch verbrennen können. Zugegeben, hin und wieder haben das andere für einen erledigt, die eine fremde Sprache zischten. Okay, vielleicht ist die Zeit in der wir leben doch nicht so schlecht. Aber verrückt, ja, verrückt ist sie trotzdem.

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