Meine Stadt? Deine Stadt? Unsere Stadt?

Bald ist es ein Monat her, seit ich von der Donau in den inneren Gürtel Wiens gezogen bin. Die Wohnung liegt zwischen dem elitär gutbürgerlichen Bezirksteilen (4. Bezirk, 5.Bezirk bis zum Margaretenplatz) und den proletarischen Arbeitervierteln (5. Bezirk ab Reinprechtsdorfferstraße zum Gürtel und dann in den 12. Bezirk). Man könnte also sagen, die Wohnung liegt noch nicht rechts, noch nicht links – somit im bezahlbaren Mittelfeld. Aber was heißt heutzutage schon „Mittelfeld“ und – vor allem – „bezahlbar“?

Heute wieder eine kleine Ahnung davon abbekommen, was es einmal geheißen haben muss, in einer gemeinschaftlich funktionierenden Stadt zu leben. Betonung liegt auf „leben“, nicht auf „wohnen“ oder „arbeiten“ oder „Freizeitgestaltung“. In (relativer) Gehweite einen gemütlich unspektakulären Bio-Laden gefunden, in der die Besitzerin nicht verleugnen kann, dass sie nicht aus Wien stammt, sondern aus den ländlichen Gebieten. So half ich ihr, eine Kiste Äpfel über die Türschwelle zu wuchten (okay, das ist die gewohnt schriftstellerische Übertreibung) und erntete dafür ein erdiges „Dank’schön“. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, im Laden Qualität angeboten zu bekommen, ohne dass es den Preis durch die Decke treibt. Freilich, günstig ist anders. Aber wollen wir nicht raunzen, immerhin stand ich nicht unweit des Sterbehauses von Franz Schubert.

Überhaupt, diese kleinen Lokale, diese altehrwürdigen Bürgerhäuser, da kommen schon sentimentale Gefühle hoch. Als die Stadt noch nicht vom Autoverkehr überrannt wurde (zugegeben, Pferdemist ist auch kein Wohlgeruch), musste das Leben langsamer von statten gehen. Egal wo ich mich hinbewege, überall folgt mir ein stinkend lautes Blechungeheuer – nicht nur, dass es die städtische Geräuschkulisse ruiniert (Franz Schubert würde es uns sicherlich sagen!), nein, es nimmt jeder Straße, jeder Gasse alle Würde und Schönheit. Ein Blick in die Zeinlhofergasse – vermutlich eine der schönsten Wohngassen von Wien (erst heute durch Zufall entdeckt) – verrät, dass der moderne Mensch nicht kapieren möchte, dass weniger oft mehr ist. Was nutzt mir der Samstag-Nachmittags-Einkauf in einem Einkaufscenter, wenn man es dort nicht mit lebendigen Menschen, sondern mit Un-Toten zu tun hat. Eine gräuliche Erfahrung. Gewiss, es mag effektiv und kosteneffizient sein, aber der seelischen Gesundheit ist es abträglich. Definitiv.

Und die Spitze des Ärgernisses und der Verkommenheit ist wohl, dass am Margaretenhof (sicherlich einer der schönsten Wohnhöfe Wiens), gegenüber des Margaretenplatzes, sich die Autos vorbeischieben. Dass in den verglasten Arkaden und im Untergeschoss eine Werbeagentur untergebracht ist und kein gemütliches Kaffeehaus (das fehlt in diesem Bezirksteil!), kann einen schon die Zornesröte ins Gesicht treiben. Weil deren Werbeslogans und Marketing-Schmähs all jene Bürger dazu verleiten, tote Sachen zu kaufen, im Glauben, dass sie diese lebendiger machen. Tja. Wo soll das nur hinführen? Darüber wird noch zu schreiben sein.

Die Pedale der Nacht bewegen sich ununterbrochen

Dieser so ominöse hübsche Satz »Die Pedale der Nacht bewegen sich ununterbrochen« stammt freilich nicht von mir, sondern von einem gewissen Apollinaire (ich zügle mich und schlage diesen Kerl nicht gleich nach), der wiederum in Henry Millers Wendekreis des Steinbocks zitiert wird und, wie Miller eindrücklich darlegt, zu den Dadaisten der 1920ern gehörte. Aber in diesem Beitrag geht es nicht um Dada oder Miller oder Pedale oder Nächte, sondern vielmehr um eine innere schöpferische Unruhe, die in meinen Eingeweiden zu spüren ist. Irgendwie.

Als ich im Herbst des Vorjahres an diesem populären Sachbuch arbeitete, entflammte ich vollständig und brannte bis auf die Knochen ab. Dieses kreative Lodern versetzte mich in einen Rausch, der nach rund 400 Taschenbuchseiten sein erstes Ende fand. Tage später (vielleicht waren es aber auch nur Stunden) greift die Enttäuschung unbarmherzig zu und lässt mich konfus und hilflos über die Anhäufung von Fakten und Ereignissen stolpern. Ich beginne, wie so oft, mit der Überarbeitung. Bin frohen Mutes. Kürze. Ändere. Streiche. Verbessere. Aus den 400 Seiten werden 300. Ich bin zufrieden. Nur im Hinterkopf, dort, wo es sich dieser perfektionistische Haderlump angenehm eingerichtet hat, regt sich Widerstand. Ich tue, was getan werden muss: ich ignoriere die Stimme und suche äußere Zustimmung, will heißen: Lob, Applaus, Schultergeklopfe.

Monate später – mit der nötigen Distanz – gibt es nur noch eine Lösung, um mich aus der kreativen Misere zu ziehen: von vorne beginnen. Aber diesmal von einem anderen Zugang, von einem anderen Eingang. Freilich, die Gefahr, auch hier wieder in einem Konvolut an unausgereiften Gedanken und wirren Ideen hängen- und steckenzubleiben lässt mich zaudern. Es ist nun mal die größte Gefahr jenes Kreativen, der sich nichts diktieren, nichts sagen lässt, der nicht gehorchen muss. Und da wären wir auch schon beim Thema.

Habe ich im ersten Ansatz die Welt der Verschwörungen gewählt, die ich ausufernd zerlegen wollte, so ist es jetzt die Welt des Systems, in der wir leben, arbeiten und lieben. Aber es geht noch weiter. Nicht die Faktensammlung ist nun im Vordergrund, keine geschichtlichen Ereignisse, sondern vielmehr meine Sicht auf die Dinge. Mit anderen Worten: Das Pamphlet oder Gewäsch eines Schriftstellers, der gerade aus dem Fenster sieht und die Regentropfen hört.

Ich schreibe diese Zeilen, um mir ein wenig Druck aufzuerlegen. Im Hinterkopf ist nicht nur der perfektionistische Haderlump, sondern auch der zaudernde Taugenichts untergebracht. Ach, vielleicht braucht es ja doch nur eines, um endlich mit dem neuen Projekt zu beginnen: »Des Zweifels Ente mit den Wermutlippen.« [und ja, auch dieser Satz stammt nicht von mir!]

Einsichten in eine schriftstellernde Verschwörung oder Was zum Teufel mach ich jetzt mit dem Text?

Während ich also auf den Rauchfangkehrer und Kaffee warte, ein paar Zeilen über die gegenwärtige Verschwörung, die sich auf meinem Schreibtisch abzeichnet. Während ich also Erik in trockene(n) Tücher weiß, ist das populäre Sachbuch Con$piracy patschnass. Besser, ich steh im Regen. Und vermutlich bald in der Traufe. Ja, so ist das. Wenn es anders kommt, als man es sich in seiner blühenden Phantasie ausgemalt hatte. André Gide, wenn mich nicht alles täuscht, soll ja mal gesagt haben, dass einen die Bücher hassen. Dabei meinte er natürlich jene Bücher, an denen man gerade arbeitet. So düster sehe ich es auch wieder nicht, eher zartbitter. Weil jede Änderung, jede Distanz zum eigenen Text im Normalfall eine gute Sache ist. Wir wissen doch, wie blind man im Eifer der Kreativität ist, oder? Während wir in der Inspiration aufgehen, förmlich über uns hinauswachsen, sind wir immun gegen betriebswirtschaftliche Einwände oder grammatikalische Vorwürfe. Wir sind eins mit dem Text und was auch immer geschehen mag, in der realen Welt, es tangiert uns nicht die Bohne – es sei denn, der Magen knurrt oder der Harndrang lässt sich nicht mehr zurückhalten.

Gestern Henry Millers Wendekreis des Steinbocks ausgelesen und verblüfft durfte ich feststellen, dass auch er sich, weitesgehend, mit der Gesellschaft und dem System auseinandergesetzt hatte. Während es bei mir schlicht und einfach „das System“ heißt, nennt er es „der automatische Prozess“. Aber beide meinen wir die gleiche Folterkammer, in der sensible und musische Menschen auf der Strecke bleiben und nur die abgebrühtesten, skrupellosesten und dümmsten Menschen ihren Weg machen. Das war schon in den USA der 1920ern und 1930ern eines Henry Millers so. Das ist beinahe hundert Jahre nicht anders. Freilich, der Anstrich, der Ton, die Leuchtreklame, sie haben sich geändert. Aber das Grundprinzip ist immer noch das gleiche: Beschäftigungstherapie für das breite Volk, für die Masse – um sie ja nicht auf die »dumme und gefährliche« Idee kommen zu lassen, die von Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit spricht. Stattdessen wird das Mantra des materiellen Wohlstands beinahe minütlich wiederholt. Als gäbe es keinen Geist, keine Seele, keine Liebe.

Zurück zum Start. Mein populäres Sachbuch, ich habe die letzten Tage hineingelesen, ist nur eine Ansammlung von Fakten und Geschehnissen. Zu wenig, um einen freundlichen Bürger aufzuwecken, zu viel, um alles auf seine Richtigkeit zu überprüfen. Deshalb werde ich mich zurücklehnen und nachdenken. Vielleicht braucht es keine Fakten, jedenfalls keine Faktensammlung in der ersten Reihe. Vielleicht sollte ich, wie hier, einfach das schreiben, was ich mit größter Bestimmtheit als wahr betrachten kann: meine inneren Empfindungen.

Wie dem auch sei, ich habe das jetzt aufschreiben müssen. Um später zurückblicken und sich nachdenklich ums Kinn fahren zu können. »Ach? So war das [PENG! Stromausfall!]

437 Seiten später oder Ein Buchprojekt biegt in die Zielgerade

Gestern also die (vor)letzte Durchsicht und Überarbeitung zum Buchprojekt Der Fetisch des Erik van der Rohe abgeschlossen. Aus den zuvor veranschlagten und stark gekürzten 300 Taschenbuchseiten wurden nun wieder 437 Seiten. Ob sich noch ein paar Seiten (zurück) kürzen lassen, werden die nächsten Tage zeigen. Aber ich bin zufrieden. Alles scheint am rechten Platz und stimmig. Wenn ich also das Manuskript im Juni zum Letztkorrektorat nach Mainz schicke, dann geht ein neunjähriges Hin und Her (hoffentlich) zu Ende. Ja, solche schubladisierten Altlasten, die einen immer wieder in stillen Stunden quälen, können die kreativen Freiräume ziemlich belasten. Deshalb tut es gut, ein Häkchen unter Erik zu setzen und das Projekt abzulegen.

Erik wird – aller Voraussicht nach – nicht als E-Book erscheinen. Das hat Gründe. Unter anderem will ich nicht fidele Passagen aus dem Buch im Netz herumschwirren sehen – aus dem Zusammenhang gerissen könnten sie auf den sensiblen Leser recht befremdlich wirken. Überhaupt sind solche literarischen Versuchsanordnungen, die zwischen Realität und Fiktion pendeln, immer ein kleines Wagnis. Nicht für die große Welt, nur im kleinen familiären Rahmen könnte das eine oder andere Kapitel missverstanden werden. Oft frage ich mich ja, wie andere Autoren damit klar kommen, wenn sie in Büchern die Grenze zwischen fiktivem und realem Leben verwischen. Wir wissen, in jedem Text steckt ein Körnchen Wahrheit. Das macht in gewisser Weise auch den Reiz vieler Texte aus.

Sonst? Gibt es nicht viel mehr zu sagen, als geradewegs zum nächsten Projekt überzugehen. Con$piracy, you know?

Ein Geburtstagsständchen für Arthur Schnitzler

»Ich werde 8 – 1/2 9 im Griensteidl sein, eventuell vorher bei Richard anläuten.
Bitte verständigen Sie ihn, ich habe keine Zeit dazu.«
Hugo
2. Juni 1896
[Nachricht von Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler]

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»Griensteidl ist nun einmal der Sammelpunkt von Leuten, die ihre Fähigkeiten zersplittern wollen, und man darf sich über die Unfruchtbarkeit von Talenten nicht wundern, welche so dicht an einem Kaffeehaustisch beisammen sitzen, dass sie einander gegenseitig an der Entfaltung hindern.«
Die demolirte Literatur
Karl Kraus
[Wien: A. Bauer, 1899, Seite 285. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource]

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Da sitze ich also im »altehrwürdigen« Café Griensteidl (link) und begehe im ehemaligen Stammcafé Arthur Schnitzlers seinen 150. Geburtstag. Ich stoße also mit einem vortrefflichen Verlängerten und einer letscherten Kaisersemmel auf das Geburtstagskind an. Ja, das sind die Momente, wo man zufrieden mit sich und seiner brotlosen Dichterei ist – weil es einem die Möglichkeit bietet, schon am Vormittag eine Geburtstagsfeier auszurichten. Freilich, Gäste erwarte ich keine. Das ist recht angenehm. Und für ein kleines Frühstück reichen die Münzen in der Tasche noch allemal.

Das ehemalige Stammcafé von Schnitzler und dem Kreis Jung-Wien, das Griensteidl, ist bereits im Jahre 1897 »demoliert« worden, wie damals der Abbruch eines Hauses hieß. Der Verlust des altehrwürdigen Cafés wurde zwar von den Stammgästen beweint, aber an Alternativen von Kaffeehäusern mangelte es im damaligen Wien freilich nicht – und so versammelte sich kurzerhand die Literatenschar im Café Central. Mehrere Jahrzehnte später sollte das Griensteidl wieder ins moderne Leben gerufen werden, natürlich mit der obligaten Alt-Wiener-Kaffeehaus-Inneneinrichtung: dunkles Holz, roter Samt.

Das Kaffeehaus war in Wien schon immer eine Institution, in der gearbeitet, gelebt, geschmachtet und geohrfeigt wurde. Heutzutage, wie man weiß, ist das traditionelle Kaffeehaus in Gefahr auszusterben. Die äußere Hülle bleibt zwar bestehen, aber innerlich verwandelt sich der gemütliche Schlendrian zu einer unternehmerischen Kleingeistigkeit. Gut zu sehen im Café Museum, das den Gast mit dunklem Holz und rotem Samt empfängt, aber die Preise jeden Künstler und Dichter in die Flucht schlägt, es sei denn, er weiß eine Mäzenatin oder einen Mäzen an seiner Seite. Ein Bestseller würde auch gute Dienste leisten. Freilich, in der guten alten Zeit – wann immer diese auch gewesen sein mag – da hatten die brotlosen Dichter wirklichen Hunger, wirkliche Sorgen. Dank des Wirtschaftswunders und der Sozialpartnerschaft muss heutzutage niemand mehr hungern. Die Sorgen hingegen, die sind auch nicht weniger geworden, wenn man so will. Ein hypochondrisch veranlagter und verdrießlicher Mensch, wie es Arthur Schnitzler war, hätte vermutlich heutzutage auch keine rechte Freude am Leben. Na, vielleicht freut er sich ja, wenn wir ihn ein weiteres Mal kurz hochleben lassen und ein Glaserl auf ihn trinken. Aber dann ist Schluss. Dann wird wieder gearbeitet. Am neuen Stück, am alten Text.