richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Nur eine Übergangslösung oder Mut zur Veränderung

Platz ist in der kleinsten Hütte, sozusagen

Platz ist in der kleinsten Hütte, sozusagen

»Übergangslösung« heißt das Zauberwort, mit dem halb Fertiges und halb Unfertiges argumentativ auf die Seite geschoben wird: »Also, links, rechts, oben, unten, eh wurscht, hauptsach, es is mal weg, net wahr?«. Die Wiener sind ja in dieser Disziplin bekanntlich »Wödmasta«, wenn es darum geht, halbe Sachen zu machen. Man sehe sich nur das Rauchergesetz an, wo sich die Regierungsparteien partout nicht trauten, einmal kräftig auf den Tisch zu hauen. »Des geht scho …« und »Schau ma mal, ob’s geht, net?«

Wenn ich mir das so überlege, tät ich ja große Lust bekommen, an einem neuen Schwarzkopf zu schreiben und die Wiener Seele ein weiteres Mal zu zerpflücken. Noch dazu, wo ich jetzt tiefer ins Zentrum gerückt bin. In der Nähe des Naschmarkts, in Gehweite zum Hundsturm (wobei, Turm hab ich keinen gesehen, Hundehaufen natürlich umso mehr) und in Marschierweite (Flüssigkeit mitnehmen!) zur Oper. Gestern war übrigens die Ringstraße bis zur Mittagsstund autofrei. Maiaufmarsch! Jeder, der Wien von seiner besten Seite kennen lernen möchte, sollte sich diese Auto-Befreiung nicht entgehen lassen. Man schlendert auf der Prachtstraße, biegt in den Burggarten ein und schlürft auf der Terrasse des Palmenhauses seinen kleinen Espresso (wer mehr möchte, muss schon einen Schein zücken oder einen Kredit aufnehmen), beobachtet schelmisch die Touristen, die staunend vorbeiziehen und freut sich, dass einem der Autolärm für diese wenigen Stunden in Ruhe lässt. Welch Wonne. Würden nur die Leutchen, die Städter einmal begreifen, dass sie zualler erst Fußgänger und Bewohner einer Stadt sind und erst in zweiter oder dritter Linie Autofahrer, es würde hier eine Oase der Ruhe und Entspannung geben. Freilich, alles illusorisch. Aber die Illusion, wie man sieht, ist mir auch hier, im neuen Domizil noch nicht abhanden gekommen.

Von meinem neuen Schreibtisch aus, blicke ich auf die Dächer und den Himmel des 5. Bezirks, der sich Margareten nennt. Noch vor wenigen Tagen verabschiedete ich mich von meiner Donau, die 15 Jahre lang träge und gemächlich an meinem Fenster vorbeizog. Ja, irgendwann kommt der Punkt, wo man Abschied nehmen und Brücken abbrechen muss. So ist das. Gewiss, das Fährboot wird sicherheitshalber am Ufer festgemacht. Und aus der Welt ist die Donau und der Wasserpark und der Gasthof Neuer auch wieder nicht. Jetzt wird sich zeigen, welche Energie diese neue Örtlichkeit bereit hält.

Gestern Abend im 8. Bezirk gewesen, ein wenig in der der altehrwürdigen Josefstadt geschlendert, dort, wo mein Vater einst einem Peter Turrini oder einem Nikolaus Hanancourt die Post brachte (beide waren damals arme Schlucker, die Josefstadt noch kein vornehmer gutbürgerliche Bezirk) und schließlich am Maria Treu Platz mit der guten Iris Maria beisammen gesessen, ein kleines Bier getrunken und über unsere Lesung am Freitag geplaudert. Wer es noch nicht weiß, wir lesen aus meinem noch unveröffentlichten Buch »Der Fetisch des Erik van der Rohe« zum Ende der Ausstellung FeeTisch im Ragnarhof. Zwar kommt der Termin recht ungünstig, wenn man bedenkt, dass ich noch vor 48 Stunden Kisten zum Sondermüll geschleppt und zwei HiFi-Boxen fallen gelassen habe. Ja, zugegeben, ich war nahe dran, die schweren Dinger in die Tonne zu treten. Schlussendlich wurden sie für ein paar Scheine verkauft. So fügt sich eines zum anderen.

Das ist ja das Seltsamste, vielleicht Bemerkenswerteste überhaupt, das sich eigentlich alles zum Guten fügte, wenn man so will. Die Abnahme meiner alten Genossenschafts-Wohnung durch die Hausverwaltung dauerte eine Stunde, war aber locker und durchaus amüsant. Herr F., der die Formulare ausfüllte und die Fragen stellte und die Zimmer begutachtete, war gewitzt und hilfreich. Man konnte sehen, dass ihm seine Arbeit Spaß machte – was mich wiederum zu jenem Gedanken bringt, der da lautet: Was wäre, wenn wir allesamt Arbeiten machen würden, die uns Spaß und Freude und Befriedigung brächten? Würden wir dann nicht in einer fröhlichen, zuversichtlichen, angenehmen Welt leben? Wir sehen, die Illusionen gehen mir noch immer nicht aus. Schön.

Heute Nachmittag werde ich im Übrigen von der Bezirkszeitung interviewt. Es mag Ironie des Schicksals sein, dass es die Zeitung meines alten Heimatbezirks, des 20. Bezirkes: Brigittenau,  ist, wo ich seit 1977 mein Leben verbringen durfte, die nun bei mir anstellig wurde. Jetzt, wo ich von meiner Donau weggezogen bin. Aber so ist das nun mal. Wenn wir eines wissen (sollten), dann ist es, dass nichts ewig andauert. Freilich, ein Dichter, ein Schreiberling, ein Künstler will von alledem nichts wissen. Er will seine Ruhe, will nur an seinen Werken arbeiten. Aber die Realität, die Wirklichkeit, sie schüttelt und rüttelt ihn immer wieder aus seiner musischen Welt. Glücklich dürfen sich jene Künstler wähnen, die einen hilfreichen Engel an der Seite haben, der den Alltag und die Wirklichkeit für den Künstler – soweit möglich – aussperrt. Wir dürfen nicht vergessen, dass ein Künstler ein anderes Leben zu führen hat, als ein, sagen wir, Magistratsbeamter, der heute noch meinen Meldezettel abstempeln und um die vereinbarte Uhrzeit seine Arbeit niederlegen wird dürfen. Für den wahren Künstler gibt es eigentlich keine Arbeitsniederlegung. Er ist 24/7 im Dienst. Im Dienste seiner Muse. Oftmals gibt es Beamte, die zu Dichter werden, aber ihren Brotberuf nicht aufgeben dürfen (Grillparzer litt extrem darunter), oftmals gibt es Künstler, die zu Beamte werden, aber ihren Künstelei nicht aufgeben wollen (spätestens, wenn es einen Manager gibt, der die Fäden zieht und die Termine fixiert, ist es mit der musischen Leichtigkeit vorbei – es geht dann vorrangig, Ziele zu definieren, Zielvorgaben zu erreichen und Geld zu machen, danach kann kommen, was wolle).

Des Dichters neues Kaffeeplätzchen

Des Dichters neues Kaffeeplätzchen

Kommen wir zu einem vorläufigen Ende. Noch ist hier einiges in Unordnung. Das kann einen stören. Muss aber nicht. Weil Unordnung das Potenzial der Veränderung in sich trägt. Wer so gut wie nichts in seiner Wohnung stehen hat, wird schwerlich etwas verändern können. Wer sehr viel, vielleicht sogar zu viel, herumstehen hat, der hat Möglichkeiten, etwas zu verändern. Aber dieser Wille zur Veränderung, er wurde uns von klein auf schlecht geredet. Ängste wurden geschürt, Sicherheit hochgehalten. Meine Mutter schlug die Hände zusammen, als ich ihr offenbarte, dass ich den Job in der damaligen zweitgrößten Bank Österreichs, der Creditanstalt-Bankverein, sausen ließ und dafür bei der kleinen Wiener Filiale der Chase Manhattan Bank anheuerte. »Was, wenn es die Bank einmal nicht mehr gibt?«, fragte sie blass. Ich lächelte und war der Meinung, dass Banken nicht aufhören würden, zu existieren bzw. ich dachte keinen Augenblick daran, dass große, internationale Banken verschwinden könnten. Heute wissen wir, dass es auch die größten Unternehmen erwischen kann. Und die CA-BV gibt es ja längst nicht mehr. Ja, so sieht es aus, mit der Sicherheit. Sicherheit ist nirgends, wie Arthur Schnitzler einst sagte.

Da fällt mir ein, dass ich in der CA-BV die Bekanntschaft mit einer Harnancourt machte, die mir nicht viel über ihren Onkel Nikoloaus sagen konnte, da sie ihn nur bei seltenen Familientreffen sah. Aber irgendwie schließt sich hier der Kreis. Und das ist gut so!

***

Nachtrag: Ich möchte an dieser Stelle noch dem geneigten Leser ein Bezirksamt näher bringen, nämlich jenes in der Brigittenau. Der Bau ist eines dieser neu-gotischen Jahrhundertwende-Burgen, gegenüber der großen Backstein-Brigitta-Kirche. Wenn man das Magistrat oder Bezirksamt betritt, fühlt man sich sofort in eine Geschichte Kafkas versetzt. Breite Steintreppen. Schnörkel hier, Schnörkel da. Gedrungene Säulen. Der Steinerne Irrgarten ist nur schwerlich zu durchschauen. Nicht als Außenstehender, der seinen Fuß unbedarft und unbefangen hereinsetzt. Als ich vor wenigen Wochen einen Blick in die Meldestelle warf, wurde ich blass. Leute über Leute warteten geduldig ungeduldig, dass sich jemand ihrer erbarmte. Eine Nummer auf einem Leuchtdisplay zeigte an, welches Los gezogen wurde. Wer viel Zeit verbrachte, konnte wohl erleben, wie seine Nummer zum Gewinner avancierte. Aber diese drückende Stimmung, dieser dunkle Saal, dieses Wirrwarr an fremden, mutlosen, hilfesuchenden Stimmen, all diese stummen Blicke, die nichts erwarten, nur noch hoffen, all das zeigte, wer bittender Bürger und wer gebender Hofrat ist. Soviel mal dazu.

So! Nun bin ich offiziell Magaretner. Fühlt sich aber nicht sonderlich anders an. Jedenfalls, als ich das Bezirksamt in Margareten betrat – ein moderner Zubau – ging ich geradewegs zum Informationsschalter und fragte, wo ich mich denn ummelden könne und erwartete Menschenmassen und Nummern und Irrwege. Die Beamtin – ein junges Ding, würde wohl Schnitzler sagen – nickte und antwortete mit einer piepsenden Mädchenstimme, dass ich die Ummeldung bei ihr machen könne. Ich muss wohl einige Sekunden regungslos auf sie gestarrt haben, dann drehte ich mich nach rechts, nach links, nach hinten und musste erkennen, dass keine Menschenseele im Foyer war. Ich wandte mich zu der jungen Beamtin, ein wenig skeptisch, immer gewahr, dass man sich einen durchtriebenen Spaß mit mir erlauben würde, und reichte ihr die Unterlagen, während im Hintergrund leise das Radio säuselte und die einfallende Sonne die Szenerie hell erleuchtete. Manchmal geschehen solch kleine Wunder. Man muss nur daran fest glauben. Wirklich.

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