richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Ein Geburtstagsständchen für Arthur Schnitzler

»Ich werde 8 – 1/2 9 im Griensteidl sein, eventuell vorher bei Richard anläuten.
Bitte verständigen Sie ihn, ich habe keine Zeit dazu.«
Hugo
2. Juni 1896
[Nachricht von Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler]

*

»Griensteidl ist nun einmal der Sammelpunkt von Leuten, die ihre Fähigkeiten zersplittern wollen, und man darf sich über die Unfruchtbarkeit von Talenten nicht wundern, welche so dicht an einem Kaffeehaustisch beisammen sitzen, dass sie einander gegenseitig an der Entfaltung hindern.«
Die demolirte Literatur
Karl Kraus
[Wien: A. Bauer, 1899, Seite 285. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource]

*

Da sitze ich also im »altehrwürdigen« Café Griensteidl (link) und begehe im ehemaligen Stammcafé Arthur Schnitzlers seinen 150. Geburtstag. Ich stoße also mit einem vortrefflichen Verlängerten und einer letscherten Kaisersemmel auf das Geburtstagskind an. Ja, das sind die Momente, wo man zufrieden mit sich und seiner brotlosen Dichterei ist – weil es einem die Möglichkeit bietet, schon am Vormittag eine Geburtstagsfeier auszurichten. Freilich, Gäste erwarte ich keine. Das ist recht angenehm. Und für ein kleines Frühstück reichen die Münzen in der Tasche noch allemal.

Das ehemalige Stammcafé von Schnitzler und dem Kreis Jung-Wien, das Griensteidl, ist bereits im Jahre 1897 »demoliert« worden, wie damals der Abbruch eines Hauses hieß. Der Verlust des altehrwürdigen Cafés wurde zwar von den Stammgästen beweint, aber an Alternativen von Kaffeehäusern mangelte es im damaligen Wien freilich nicht – und so versammelte sich kurzerhand die Literatenschar im Café Central. Mehrere Jahrzehnte später sollte das Griensteidl wieder ins moderne Leben gerufen werden, natürlich mit der obligaten Alt-Wiener-Kaffeehaus-Inneneinrichtung: dunkles Holz, roter Samt.

Das Kaffeehaus war in Wien schon immer eine Institution, in der gearbeitet, gelebt, geschmachtet und geohrfeigt wurde. Heutzutage, wie man weiß, ist das traditionelle Kaffeehaus in Gefahr auszusterben. Die äußere Hülle bleibt zwar bestehen, aber innerlich verwandelt sich der gemütliche Schlendrian zu einer unternehmerischen Kleingeistigkeit. Gut zu sehen im Café Museum, das den Gast mit dunklem Holz und rotem Samt empfängt, aber die Preise jeden Künstler und Dichter in die Flucht schlägt, es sei denn, er weiß eine Mäzenatin oder einen Mäzen an seiner Seite. Ein Bestseller würde auch gute Dienste leisten. Freilich, in der guten alten Zeit – wann immer diese auch gewesen sein mag – da hatten die brotlosen Dichter wirklichen Hunger, wirkliche Sorgen. Dank des Wirtschaftswunders und der Sozialpartnerschaft muss heutzutage niemand mehr hungern. Die Sorgen hingegen, die sind auch nicht weniger geworden, wenn man so will. Ein hypochondrisch veranlagter und verdrießlicher Mensch, wie es Arthur Schnitzler war, hätte vermutlich heutzutage auch keine rechte Freude am Leben. Na, vielleicht freut er sich ja, wenn wir ihn ein weiteres Mal kurz hochleben lassen und ein Glaserl auf ihn trinken. Aber dann ist Schluss. Dann wird wieder gearbeitet. Am neuen Stück, am alten Text.

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