richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Einsichten in eine schriftstellernde Verschwörung oder Was zum Teufel mach ich jetzt mit dem Text?

Während ich also auf den Rauchfangkehrer und Kaffee warte, ein paar Zeilen über die gegenwärtige Verschwörung, die sich auf meinem Schreibtisch abzeichnet. Während ich also Erik in trockene(n) Tücher weiß, ist das populäre Sachbuch Con$piracy patschnass. Besser, ich steh im Regen. Und vermutlich bald in der Traufe. Ja, so ist das. Wenn es anders kommt, als man es sich in seiner blühenden Phantasie ausgemalt hatte. André Gide, wenn mich nicht alles täuscht, soll ja mal gesagt haben, dass einen die Bücher hassen. Dabei meinte er natürlich jene Bücher, an denen man gerade arbeitet. So düster sehe ich es auch wieder nicht, eher zartbitter. Weil jede Änderung, jede Distanz zum eigenen Text im Normalfall eine gute Sache ist. Wir wissen doch, wie blind man im Eifer der Kreativität ist, oder? Während wir in der Inspiration aufgehen, förmlich über uns hinauswachsen, sind wir immun gegen betriebswirtschaftliche Einwände oder grammatikalische Vorwürfe. Wir sind eins mit dem Text und was auch immer geschehen mag, in der realen Welt, es tangiert uns nicht die Bohne – es sei denn, der Magen knurrt oder der Harndrang lässt sich nicht mehr zurückhalten.

Gestern Henry Millers Wendekreis des Steinbocks ausgelesen und verblüfft durfte ich feststellen, dass auch er sich, weitesgehend, mit der Gesellschaft und dem System auseinandergesetzt hatte. Während es bei mir schlicht und einfach „das System“ heißt, nennt er es „der automatische Prozess“. Aber beide meinen wir die gleiche Folterkammer, in der sensible und musische Menschen auf der Strecke bleiben und nur die abgebrühtesten, skrupellosesten und dümmsten Menschen ihren Weg machen. Das war schon in den USA der 1920ern und 1930ern eines Henry Millers so. Das ist beinahe hundert Jahre nicht anders. Freilich, der Anstrich, der Ton, die Leuchtreklame, sie haben sich geändert. Aber das Grundprinzip ist immer noch das gleiche: Beschäftigungstherapie für das breite Volk, für die Masse – um sie ja nicht auf die »dumme und gefährliche« Idee kommen zu lassen, die von Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit spricht. Stattdessen wird das Mantra des materiellen Wohlstands beinahe minütlich wiederholt. Als gäbe es keinen Geist, keine Seele, keine Liebe.

Zurück zum Start. Mein populäres Sachbuch, ich habe die letzten Tage hineingelesen, ist nur eine Ansammlung von Fakten und Geschehnissen. Zu wenig, um einen freundlichen Bürger aufzuwecken, zu viel, um alles auf seine Richtigkeit zu überprüfen. Deshalb werde ich mich zurücklehnen und nachdenken. Vielleicht braucht es keine Fakten, jedenfalls keine Faktensammlung in der ersten Reihe. Vielleicht sollte ich, wie hier, einfach das schreiben, was ich mit größter Bestimmtheit als wahr betrachten kann: meine inneren Empfindungen.

Wie dem auch sei, ich habe das jetzt aufschreiben müssen. Um später zurückblicken und sich nachdenklich ums Kinn fahren zu können. »Ach? So war das [PENG! Stromausfall!]

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4 Antworten zu “Einsichten in eine schriftstellernde Verschwörung oder Was zum Teufel mach ich jetzt mit dem Text?

  1. yxcv Montag, 21 Mai, 2012 um 21:34

    Zwei Buchtipps zum automatischen Prozess, in dem „nur die abgebrühtesten, skrupellosesten und dümmsten Menschen ihren Weg machen“.

    Andrew Lobaczewski „Political Ponerology“ und

    David Graeber „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“.

    Zu letzterem ein Interview:

    http://www.anarchismus.at/februar-2012/6959-die-ersten-5000-jahre-ein-interview-mit-david-graeber

    Beide Werke hängen irng’wie zusammen. Wie? – Das herauszufinden ist eine lohnende Aufgabe 😉

    Grüße!

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