Die Pedale der Nacht bewegen sich ununterbrochen

Dieser so ominöse hübsche Satz »Die Pedale der Nacht bewegen sich ununterbrochen« stammt freilich nicht von mir, sondern von einem gewissen Apollinaire (ich zügle mich und schlage diesen Kerl nicht gleich nach), der wiederum in Henry Millers Wendekreis des Steinbocks zitiert wird und, wie Miller eindrücklich darlegt, zu den Dadaisten der 1920ern gehörte. Aber in diesem Beitrag geht es nicht um Dada oder Miller oder Pedale oder Nächte, sondern vielmehr um eine innere schöpferische Unruhe, die in meinen Eingeweiden zu spüren ist. Irgendwie.

Als ich im Herbst des Vorjahres an diesem populären Sachbuch arbeitete, entflammte ich vollständig und brannte bis auf die Knochen ab. Dieses kreative Lodern versetzte mich in einen Rausch, der nach rund 400 Taschenbuchseiten sein erstes Ende fand. Tage später (vielleicht waren es aber auch nur Stunden) greift die Enttäuschung unbarmherzig zu und lässt mich konfus und hilflos über die Anhäufung von Fakten und Ereignissen stolpern. Ich beginne, wie so oft, mit der Überarbeitung. Bin frohen Mutes. Kürze. Ändere. Streiche. Verbessere. Aus den 400 Seiten werden 300. Ich bin zufrieden. Nur im Hinterkopf, dort, wo es sich dieser perfektionistische Haderlump angenehm eingerichtet hat, regt sich Widerstand. Ich tue, was getan werden muss: ich ignoriere die Stimme und suche äußere Zustimmung, will heißen: Lob, Applaus, Schultergeklopfe.

Monate später – mit der nötigen Distanz – gibt es nur noch eine Lösung, um mich aus der kreativen Misere zu ziehen: von vorne beginnen. Aber diesmal von einem anderen Zugang, von einem anderen Eingang. Freilich, die Gefahr, auch hier wieder in einem Konvolut an unausgereiften Gedanken und wirren Ideen hängen- und steckenzubleiben lässt mich zaudern. Es ist nun mal die größte Gefahr jenes Kreativen, der sich nichts diktieren, nichts sagen lässt, der nicht gehorchen muss. Und da wären wir auch schon beim Thema.

Habe ich im ersten Ansatz die Welt der Verschwörungen gewählt, die ich ausufernd zerlegen wollte, so ist es jetzt die Welt des Systems, in der wir leben, arbeiten und lieben. Aber es geht noch weiter. Nicht die Faktensammlung ist nun im Vordergrund, keine geschichtlichen Ereignisse, sondern vielmehr meine Sicht auf die Dinge. Mit anderen Worten: Das Pamphlet oder Gewäsch eines Schriftstellers, der gerade aus dem Fenster sieht und die Regentropfen hört.

Ich schreibe diese Zeilen, um mir ein wenig Druck aufzuerlegen. Im Hinterkopf ist nicht nur der perfektionistische Haderlump, sondern auch der zaudernde Taugenichts untergebracht. Ach, vielleicht braucht es ja doch nur eines, um endlich mit dem neuen Projekt zu beginnen: »Des Zweifels Ente mit den Wermutlippen.« [und ja, auch dieser Satz stammt nicht von mir!]