richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Meine Stadt? Deine Stadt? Unsere Stadt?

Bald ist es ein Monat her, seit ich von der Donau in den inneren Gürtel Wiens gezogen bin. Die Wohnung liegt zwischen dem elitär gutbürgerlichen Bezirksteilen (4. Bezirk, 5.Bezirk bis zum Margaretenplatz) und den proletarischen Arbeitervierteln (5. Bezirk ab Reinprechtsdorfferstraße zum Gürtel und dann in den 12. Bezirk). Man könnte also sagen, die Wohnung liegt noch nicht rechts, noch nicht links – somit im bezahlbaren Mittelfeld. Aber was heißt heutzutage schon „Mittelfeld“ und – vor allem – „bezahlbar“?

Heute wieder eine kleine Ahnung davon abbekommen, was es einmal geheißen haben muss, in einer gemeinschaftlich funktionierenden Stadt zu leben. Betonung liegt auf „leben“, nicht auf „wohnen“ oder „arbeiten“ oder „Freizeitgestaltung“. In (relativer) Gehweite einen gemütlich unspektakulären Bio-Laden gefunden, in der die Besitzerin nicht verleugnen kann, dass sie nicht aus Wien stammt, sondern aus den ländlichen Gebieten. So half ich ihr, eine Kiste Äpfel über die Türschwelle zu wuchten (okay, das ist die gewohnt schriftstellerische Übertreibung) und erntete dafür ein erdiges „Dank’schön“. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, im Laden Qualität angeboten zu bekommen, ohne dass es den Preis durch die Decke treibt. Freilich, günstig ist anders. Aber wollen wir nicht raunzen, immerhin stand ich nicht unweit des Sterbehauses von Franz Schubert.

Überhaupt, diese kleinen Lokale, diese altehrwürdigen Bürgerhäuser, da kommen schon sentimentale Gefühle hoch. Als die Stadt noch nicht vom Autoverkehr überrannt wurde (zugegeben, Pferdemist ist auch kein Wohlgeruch), musste das Leben langsamer von statten gehen. Egal wo ich mich hinbewege, überall folgt mir ein stinkend lautes Blechungeheuer – nicht nur, dass es die städtische Geräuschkulisse ruiniert (Franz Schubert würde es uns sicherlich sagen!), nein, es nimmt jeder Straße, jeder Gasse alle Würde und Schönheit. Ein Blick in die Zeinlhofergasse – vermutlich eine der schönsten Wohngassen von Wien (erst heute durch Zufall entdeckt) – verrät, dass der moderne Mensch nicht kapieren möchte, dass weniger oft mehr ist. Was nutzt mir der Samstag-Nachmittags-Einkauf in einem Einkaufscenter, wenn man es dort nicht mit lebendigen Menschen, sondern mit Un-Toten zu tun hat. Eine gräuliche Erfahrung. Gewiss, es mag effektiv und kosteneffizient sein, aber der seelischen Gesundheit ist es abträglich. Definitiv.

Und die Spitze des Ärgernisses und der Verkommenheit ist wohl, dass am Margaretenhof (sicherlich einer der schönsten Wohnhöfe Wiens), gegenüber des Margaretenplatzes, sich die Autos vorbeischieben. Dass in den verglasten Arkaden und im Untergeschoss eine Werbeagentur untergebracht ist und kein gemütliches Kaffeehaus (das fehlt in diesem Bezirksteil!), kann einen schon die Zornesröte ins Gesicht treiben. Weil deren Werbeslogans und Marketing-Schmähs all jene Bürger dazu verleiten, tote Sachen zu kaufen, im Glauben, dass sie diese lebendiger machen. Tja. Wo soll das nur hinführen? Darüber wird noch zu schreiben sein.

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7 Antworten zu “Meine Stadt? Deine Stadt? Unsere Stadt?

  1. Guido M. Breuer Dienstag, 29 Mai, 2012 um 14:33

    o ja, ich kanns nachempfinden … lebe in Poppelsdorf, einem ehrwürdigen Bonner Viertel voller hübscher Häuser des gehobenen Bürgertums der Gründerzeit – klar, in Bonn ist alles viel kleiner als Wien, die Blechlawinen laufen 300 Meter von meiner Straße entfernt und daher kaum merklich für mich in meinem kleinen grünen Hinterhof … und doch vermisst der Schreiberling das Miteinander – der schöne Fassadenschein trügt, auch hier laufen die Menschen meist acht- und grußlos aneinander vorbei. Kaum dass mal jemand mehr als Hallo sagt (wenn überhaupt) und man drei Sätze wechselt … Beethovens und Schumanns Stadt ist das auch nicht mehr wirklich … gut dass ich kein Musiker bin …

  2. Richard K. Breuer Dienstag, 29 Mai, 2012 um 17:20

    Gibt’s wenigstens ein passables Kaffeehaus in der Näh? Und ja, wir leben heutzutage eher nebeneinander als miteinander. Manchmal frage ich mich ja, wie es soweit kommen hat können. Aber vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich hier einen Kommentar verfasse und nicht mit den Nachbarn plaudere 😉

  3. R.C.N. Samstag, 2 Juni, 2012 um 0:40

    Ich denke, die Menschen sind so freundlich und aufgeschlossen, wie man ihnen selbst begegnet. Ausnahmen gibt’s natürlich immer. Aber glaubt denn wirklich jemand, früher sei alles besser gewesen?
    Wenn man seinen Blickwinkel etwas verändern möchte, stellt man fest, dass auch heute viele Menschen füreinander da sind – man muss nur mal an all die ehrenamtlichen Mitarbeiter denken.
    Im nächsten Artikel wirst du uns erzählen was die Nachbarn treiben und deine Verlobung mit der nicht-wienerischen Obsthändlerin verkünden. Ich bin gespannt!
    🙂

    • Richard K. Breuer Samstag, 2 Juni, 2012 um 21:26

      Ob früher alles besser gewesen ist, naja, da scheiden sich natürlich die Geister. Zahnarztbesuche waren vermutlich nicht so lüstig wie heutzutage. Aber wie immer man es auch dreht und wendet, die Gemeinschaft war damals stärker ausgeprägt – man begegnete sich, kannte sich, grüßte sich, erzählte, plauderte, verabschiedete sich. Ob das jemand mag, muss jeder für sich entscheiden.

      Meine Nachbarn werden bald ihren Heimaturlaub in Indien antreten 😉

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