EM 2012 – Spieltag 2 – DE : POR – Deutsche Unergründlichkeit

Deutschland : Portugal 1:0

»Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnen die Deutschen«, heißt es nicht umsonst bei den Fußball-Experten. Gestern wurde diese Weisheit wieder arg strapaziert. Na, wenn es um die Deutschen geht, kann man getrost davon ausgehen, dass jede Fußballer-Weisheit auf sie zutrifft. Zum Beispiel, dass die deutsche Nationalelf eine sogenannte Turniermannschaft sei. Schwach beginnen und im Finale den Pott, pardon, den Pokal, holen. So hätten sie’s natürlich gerne (und mit ihnen die germanischen Fans). Immer geht auch das – gottlob – nicht auf. Okay, ich bin befangen. Als Österreicher hegt und pflegt man den Habsburger Konkurrenzgedanke, der vermutlich in den Zeiten einer Kaiserin Maria-Theresia begonnen haben musste. Da war Preussen ja bekanntlich nur ein kleines Königreich im Norden der deutschen Landen. Wie sollte dieses dem mächtigen Österreich trotzen, ha? Tja. Mit Kartoffeln, eiserner Disziplin und unbedingtem Siegeswillen drehten die Friedrichs dieser Welt diese auf den Kopf. Aber wenn man genauer hinguckt, dann erkennt man, dass auch Glück im Spiel war. Wäre die russische Zarin nicht unerwartet gen Himmel gefahren, hätte ihr Nachfolger nicht Sympathie für die Preussen gehabt, wir würden (vermutlich) in einer anderen Welt leben. Aber genauso könnte man argumentieren, dass die Sache, die fußballerische anders verlaufen wäre, hätte Pepe nicht so genau den Ball an die Innenlatte gezirkelt oder wäre die abgerissene Flanke nicht an die Latte, sondern hinter Neuer ins Tor gefallen. So war es eine abgerissene Flanke (besser: abgefälscht), die Gomez (wer hätte gedacht, dass solch ein Name, neben Özil, Kedhira, Boateng – nach deutscher Gefährlichkeit klingt? Da lobe ich mir Schweinsteiger, Müller, Lahm, Badstuber, Hummels, Neuer, Götze – da weiß man, was einen erwartet, nicht?) auf den Kopf fiel und den Ball ins Tor ablenkte. Zugegeben, das hat er schon ziemlich gut gemacht. Nicht umsonst hat er den FC Bayern auf den zweiten Platz der Bundesliga geschossen. Hm.

Portugal? Die übliche Malaise von zögerlich, zurückhaltend, abwartend. Gut, gut, die Deutschen waren da nicht anders. Bis zum ersten Tor eigentlich eine maue Partie. Wie gesagt, hätte Pepe ins Tor getroffen, wir hätten ein ganz anderes Spiel erlebt – wenigstens in der zweiten Halbzeit. Aber so ging es recht zögerlich weiter. Bis eben jener Gomez ins Tor köpfte. Ärgerlich. Weil es dann doch recht spät war. Hätte der Führungstreffer nicht irgendwann in der 23. Minute fallen können? Dann hätten wir ein munteres Spielchen gesehen. So reduzierte es sich vielleicht auf die letzten 15 Minuten, in denen die Portugiesen begriffen, dass man die Deutschen auch unter Druck setzen konnte, wenn man nur gewillt ist, es zu tun. Hui. Da machte die Deutsche Hintermannschaft Schwimmübungen im eigenen Strafraum. Aber irgendwie war ihnen das chealsesche Bayern-Schicksal erspart geblieben.

Und Christiano Ronaldo? Ja, der spielte auch brav mit und zeigte, warum immer mehr Frauen den Portugiesen die Daumen drücken. Ich frage mich ja, wie die germanischen Damen im Herz ticken? Würden Sie einen Ronaldo von der Bettkante stoßen und sich dafür mit einem, sagen wir, Neuer oder Müller vergnügen? Also, wenn ich es mir recht bedenke, haben die meisten Teutonninen vermutlich solche Schnarchnasen sowieso auf der Bettkante liegen. Aber wollen wir mal nicht so sein. Wer weiß denn schon, wie das Testosteron verteilt ist. Gut möglich, dass ein Müller im Bett den Dampfhammer ausfährt. Vielleicht bewahrheitet es sich auch hier, dass ein Spiel 9 Minuten dauert und am Ende …

EM 2012 – Spieltag 2 – NL : DEN – fliegende Holländer und dänische Silvesterkracher

Niederlande : Dänemark 0 : 1

Wieder der Rückgriff auf vergangene Turniere. Damals, 1992, wurden die dänischen Nationalspieler aus dem Urlaub zurückgeholt, weil in Jugoslawien ein Bürgerkrieg ausbrach (über diesen gäb’s vermutlich auch viel zu erzählen – aber es sollte der Hinweis auf die Serbische Mafia und dem CIA genügen, um zu wissen, dass in der Politik nichts ist, wie es scheint) und die Nationalmannschaft von der damalig stattfindenden Europameisterschaft ausgeschlossen wurde. An deren Stelle rückte Dänemark nach. Hier ist wieder der Beweis, dass Fußball vorrangig im Kopf entschieden wird, nicht unbedingt in den Beinen. Die Dänen, sie hatten ja nichts zu verlieren, spielten einfach unbekümmert nach vorne und schüchterten so ihre Gegner vollends ein. Ja, die anderen, die sich den Sieg in allen Farben ausmalten, hatten viel zu verlieren. Und so agierten die Gegner der Dänen wie die Maus vor der Schlange: stehenbleiben, ja nicht bewegen. Kurz und gut: die Dänen zündeten ein Offensiv-Feuerwerk, was die Presse und die Fans mit Freude zur Kenntnis nahmen. Danish Dynamite wurde zum geflügelten Wort. Noch mehr, als die Dänen, überraschend, den Pokal mit nach Hause nahmen (nur geborgt, für vier Jahre, gell).

In der Gegenwart erinnerte nichts mehr an das dänische Dynamit, eher an einen lauten Silvesterkracher. Man sollte diesem aber bitteschön nicht achtlos begegnen. Die Warnhinweise auf der Packung hätten der holländischen Nationalmannschaft vermutlich angeraten, den Kracher nicht zu nahe am eigenen Tor zu zünden. So kam, wie es komme musste, wenn dieser – uns schon so bekannte – mäßig talentierte Drehbuchschreiber in die Tasten klopfte: Die Holländer spielten und stürmten und zauberten – die Dänen machten das entscheidende Tor. Das ist eigentlich schon das Ende der Geschichte. Gut, vielleicht wäre die Sache anders ausgegangen, hätte Robben nicht die Stange getroffen, hätte van Persie nicht vor dem dänischen Tor zwischen Schusspech und Unfähigkeit gependelt. Aber so ist das, im Fußball: Wer die Tore nicht schießt, bekommt sie (äh, ja, diese lauen Fußballweisheiten muss man immer wieder ausgraben; nur dann erweist man sich als richtiger Fußball-Experte).

Apropos Robben. Kommt es mir nur so vor, oder ist seine ego-zentrierte Überheblichkeit mehr Problem, denn Lösung für das Team? Ich meine, wenn ein Top-Spieler von zehn Spielen ein oder zwei durch seine Qualitäten entscheidet, aber dafür die anderen acht – mehr oder weniger – in den Sand setzt, dann bin ich mir nicht sicher, ob es für die Mannschaft förderlich ist, solch einen Spieler im Team zu haben. Aber was rede ich – ein Arnautovic im österreichischen Nationalteam ist da vermutlich nicht anders als Robben. Vielleicht muss man diese störrischen Einzelkämpfer akzeptieren. Hach, da fallen mir wieder die damaligen Ostblock-Mannschaften ein, die als Kollektiv aufgetreten sind und wo keiner wirklich herausragen durfte – während die Westblock-Mannschaften ihre Stars hegten und pflegten. Ja, so war das damals. Schätze, den Holländern fehlt ein wenig der Kollektiv-Gedanke. Tja. Das ist wohl der Nachteil einer liberalen (Fußball-) Politik, nicht?

Und die Dänen? Machten viel Lärm. Mehr war eigentlich nicht zu sehen. Ihre nordische Abgebrühtheit war leider nur gespielt (wie man bei dem Tormann-Abschlag zu Robben gesehen hat). Aber mit einem Sieg im Gepäck spielt es sich mental natürlich lockerer. Sagte ich schon, dass Fußball im Kopf entschieden wird?

EM 2012 Spieltag 1 – RUS : CZK – Prager Frühling

RUSSLAND : TSCHECHIEN 4:1

Eigentlich können wir es kurz machen, erinnert das Spiel doch frappant an den Prager Frühling von 1968 in der damaligen CSSR. Zu aller erst wähnte man die Tschechen im Vorteil. Vielleicht weil man sie immer auf der Rechnung haben musste. Aber diese tschechische Mannschaft, naja, dürfte wohl schon längst ihren Zenith überschritten haben. Vermutlich passierte es bei der EM 2008 als (aha, schon wieder die Türken), als sie sich schon als Sieger sahen, um dann noch in den letzten Minuten nicht nur den Ausgleich, sondern auch den türkischen Führungstreffer zu kassieren. Der Startorhüter Chech patzte damals – und ich befürchte, die vier Jahre, die dazwischen liegen, haben ihn nicht besser gemacht. Aber so ist das. In der Vereinsmannschaft (FC Chelsea) hui, in der Nationalmannschaft pfui (wobei, was hätte er schon gegen die russische Übermacht tun können? Hätten dem russischen Stürmer Kherzakov nicht das Schusspech auf seinen Schuhen geklebt, wär’s für die Tschechen ganz, ganz bitter geworden).

Also? Wie gesagt, wir machen es kurz und bündig. Die Tschechen träumten und die Russen marschierten. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass die tschechischen Spieler einen Fußball spielten, den schon die Österreicher vor zehn Jahren ad acta gelegt haben: einfach aufs Geratewohl spielen und laufen und sich gar keine ernsthaften Gedanken über Taktik und Mannschaftsgefüge zu machen. Aber vielleicht waren sie – wie 1968 – überrascht, dass die Russen ernst machten.

Jetzt müsste ich natürlich über das russische Angriffsfuriosum Lobreden halten, aber um ehrlich zu sein, der tschechische Hühnerhaufen war keine große Herausforderung. Eher könnten die Griechen den Russen zeigen, wie man eine Flutwelle ordentlich bricht. Aber weil Fußball nun mal vorrangig im Kopf entschieden wird, also mental, werden wir wohl wieder ein polnisch-russisches Déjà-vu erleben. Ist zwar schon eine Weile her und die Deutschen halfen damals kräftigst mit, aber im nationalen Unterbewusstsein der Polen ist er noch immer präsent, dieser heimtückische Überfall aus dem Osten. Aber wollen wir besser die Kirche im Dorf und die Geschichtsbücher im verstaubten Bücherregal belassen. Sagen wir einfach: Wenn die Russen aufmarschieren, sollten sich die Gegner warm anziehen. Ein Glück, dass Griechenland reich an heroischen Abwehrkämpfen ist. Da reichen dann schon mal nur 300 Recken, um eine Armee für eine Weile aufzuhalten. Dumm, dass Persien nicht bei der EM mitspielt.

EM 2012 Spieltag 1 – POL : GRE – Eine Griechische Tragikomödie

POLEN : GRIECHENLAND 1:1

Eröffnungsspiele sind ja primär eine laue Angelegenheit. Abtasten. Sicherheit. Nur nix anbrennen lassen, heißt es da. Man will sich ja nicht vor eigenem Publikum gleich blamieren, obwohl die einen immer wieder keck nach vorne peitschen. Ja, an der lautstarken Begleitmusik mangelte es nicht für die Co-Gastgeber POLEN, die mit Heimvorteil und vollem Stadion die GRIECHEN mit Haut und Haaren verschlingen wollten. Anfänglich sah es danach aus, als würden die griechischen Spieler angenommen haben, dass das Eröffnungsspiel eine laue Partie werden würde. Tja. Scheinbar hatten sie nicht vorhergesehen, zu welchem Sturmlauf die Polen fähig sind – hätten die Griechen in der Historie nachgeblättert, dann hätten sie festgestellt, dass es das polnische Entsatzheer war, vom Leopoldsberg herabgaloppierend, das die Türken vor Wien 1683 in die Flucht trieb. Und die Türken, die sind ja auch nicht gerade ein Zuckerschlecken gewesen. Damals. Diesmal sind sie bei der EM nicht dabei. Schade eigentlich. 2008 sorgten sie für die unglaublichsten Spiele, die sich nur denken lassen. Noch jetzt läuft mir die Gänsehaut über den Rücken, wenn ich daran denke. Diese Aufholjagt, dieser Ausgleich in der letzten Minute. Dieser Siegestreffer in der letzten Minute. Diese last-minute-goals, die nur einem Einfaltspinsel als Drehbuchautor einfallen würde, weil man den Kopf schütteln müsste, ob dieser Unwahrscheinlichkeiten. Aber damals, livehaftig am Bildschirm zu sehen, war es so und nicht anders.

Zurück in die Gegenwart, in der es schlecht um die Griechen und ihrem Ersatz-Jesus-Stürmer „welche-Position-spiele-ich-jetzt-eigentlich“-Samaras standh. Das Tor der Polen war nur eine logische Konsequenz. Klammheimlich freute es mich. Weil ich noch diese „Hinten-hineinstellen-und-vorne-auf-ein-Wunder-hoffen“- Rehakles-Taktik von der EM 2004 gut im Kopf habe und das machte mich damals wie heute rasend vor Ärger und Wut. Schließlich geht es um Fußball, nicht um einen Beton-Mischmaschinen-Kurs, nicht? Jedenfalls, nach dem Führungstreffer geschah etwas Sonderbares (wobei, wir Österreicher kennen es nur zu gut): Die Polen bekamen es mit der Angst zu tun. Die Angst vor ihrer Überlegenheit. Ich bin sicher, hätten sie kein Tor gemacht, sie hätten bis jetzt gestürmt und geschossen und geflucht. Aber so, mit diesem einen Tor („Hey, das ging aber leicht!“) im Rücken, ließ ihre Wut im Bauch nach und sie nahmen das Spiel auf die leichte Schulter. Noch mehr, als ein Grieche mit Gelb-Rot vom Platz flog. Ja, man soll nicht sagen, dass es sich die Griechen leicht machen wollten.

Während der Halbzeit gab es die ORF-Analyse von unserem Pepi Hickersberger, der in seiner gewohnt mieselsüchtigen Art einen dummen, ja beinahe beleidigenden Scherz auf Kosten der Griechen machte. Dafür hätte er gleich mal mit Perikles in den Ring steigen sollen. Wie dem auch sei, in der zweiten Halbzeit strafte ihn die griechische Mannschaft Lügen und gab ordentlich Gas. Die Folge war der Ausgleich, den eigentlich niemand für möglich hielt. Von da an glaubte sich die polnische Nationalmannschaft (und vermutlich ganz Polen) in einem bösen Traum – aber aufgewacht sind sie erst, als die Griechen brav ihre Tragödie ablieferten.

Schlag auf Schlag ging es dahin. Ein Grieche allein vor dem polnischen Torhüter, der die Notbremse zog, dafür natürlich Rot kassierte und s0 seinem unaufgewärmten Kollegen Platz machen musste. Ja, da lag die griechische Sensation in der Luft und man fühlte sich ins Jahr 2004 zurückversetzt (wobei, diesmal spielten sie beherzt, nicht mauernd). Doch dann geschah, was sich wieder dieser unbegabte Drehbuchschreiber im ersten Stock wohl ausgedacht haben musste: die Griechen (eigentlich war’s ja nur einer, aber wollen wir mal nicht so sein und den Schwarzen Peter der ganzen Mannschaft zuschieben) verschossen den Strafstoß (besser: der polnische Ersatztorhüter hielt den Schuss). Tja. Somit sind zwei Dinge gleichzeitig geschehen: Den Polen rutschte das Herz in die Hose. Den Griechen rutschte das Herz in die Hose. Und mit so viel Schiss in all den Hosen kann man nicht befreit Fußball spielen. Damit lief eigentlich nicht mehr viel – auch wenn es die Griechen hin und wieder versuchten. Am Ende waren beide Mannschaften froh, nicht in eine vollkommene Tragödie abgeglitten zu sein. Die Hoffnung lebt. Und mit den Griechen, ich weiß nicht, mit denen muss zu rechnen sein. Die Polen? Wünschten sich wohl ins Jahr 1683 und die Türken herbei.