richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2012 – Spieltag 2 – NL : DEN – fliegende Holländer und dänische Silvesterkracher

Niederlande : Dänemark 0 : 1

Wieder der Rückgriff auf vergangene Turniere. Damals, 1992, wurden die dänischen Nationalspieler aus dem Urlaub zurückgeholt, weil in Jugoslawien ein Bürgerkrieg ausbrach (über diesen gäb’s vermutlich auch viel zu erzählen – aber es sollte der Hinweis auf die Serbische Mafia und dem CIA genügen, um zu wissen, dass in der Politik nichts ist, wie es scheint) und die Nationalmannschaft von der damalig stattfindenden Europameisterschaft ausgeschlossen wurde. An deren Stelle rückte Dänemark nach. Hier ist wieder der Beweis, dass Fußball vorrangig im Kopf entschieden wird, nicht unbedingt in den Beinen. Die Dänen, sie hatten ja nichts zu verlieren, spielten einfach unbekümmert nach vorne und schüchterten so ihre Gegner vollends ein. Ja, die anderen, die sich den Sieg in allen Farben ausmalten, hatten viel zu verlieren. Und so agierten die Gegner der Dänen wie die Maus vor der Schlange: stehenbleiben, ja nicht bewegen. Kurz und gut: die Dänen zündeten ein Offensiv-Feuerwerk, was die Presse und die Fans mit Freude zur Kenntnis nahmen. Danish Dynamite wurde zum geflügelten Wort. Noch mehr, als die Dänen, überraschend, den Pokal mit nach Hause nahmen (nur geborgt, für vier Jahre, gell).

In der Gegenwart erinnerte nichts mehr an das dänische Dynamit, eher an einen lauten Silvesterkracher. Man sollte diesem aber bitteschön nicht achtlos begegnen. Die Warnhinweise auf der Packung hätten der holländischen Nationalmannschaft vermutlich angeraten, den Kracher nicht zu nahe am eigenen Tor zu zünden. So kam, wie es komme musste, wenn dieser – uns schon so bekannte – mäßig talentierte Drehbuchschreiber in die Tasten klopfte: Die Holländer spielten und stürmten und zauberten – die Dänen machten das entscheidende Tor. Das ist eigentlich schon das Ende der Geschichte. Gut, vielleicht wäre die Sache anders ausgegangen, hätte Robben nicht die Stange getroffen, hätte van Persie nicht vor dem dänischen Tor zwischen Schusspech und Unfähigkeit gependelt. Aber so ist das, im Fußball: Wer die Tore nicht schießt, bekommt sie (äh, ja, diese lauen Fußballweisheiten muss man immer wieder ausgraben; nur dann erweist man sich als richtiger Fußball-Experte).

Apropos Robben. Kommt es mir nur so vor, oder ist seine ego-zentrierte Überheblichkeit mehr Problem, denn Lösung für das Team? Ich meine, wenn ein Top-Spieler von zehn Spielen ein oder zwei durch seine Qualitäten entscheidet, aber dafür die anderen acht – mehr oder weniger – in den Sand setzt, dann bin ich mir nicht sicher, ob es für die Mannschaft förderlich ist, solch einen Spieler im Team zu haben. Aber was rede ich – ein Arnautovic im österreichischen Nationalteam ist da vermutlich nicht anders als Robben. Vielleicht muss man diese störrischen Einzelkämpfer akzeptieren. Hach, da fallen mir wieder die damaligen Ostblock-Mannschaften ein, die als Kollektiv aufgetreten sind und wo keiner wirklich herausragen durfte – während die Westblock-Mannschaften ihre Stars hegten und pflegten. Ja, so war das damals. Schätze, den Holländern fehlt ein wenig der Kollektiv-Gedanke. Tja. Das ist wohl der Nachteil einer liberalen (Fußball-) Politik, nicht?

Und die Dänen? Machten viel Lärm. Mehr war eigentlich nicht zu sehen. Ihre nordische Abgebrühtheit war leider nur gespielt (wie man bei dem Tormann-Abschlag zu Robben gesehen hat). Aber mit einem Sieg im Gepäck spielt es sich mental natürlich lockerer. Sagte ich schon, dass Fußball im Kopf entschieden wird?

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