richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2012 – Spieltag 3 – ESP : ITA – Die Armada im Wasserglas

Spanien : Italien 1:1

Der FC Barcelona und Spanien haben ja eine ähnliche Spielkultur, die sich schlicht und einfach Tiki-Taka nennt. Dahinter verbirgt sich eine Kurzpass-Stafette der übelsten Sorte. Für Gegner und Zuschauer ist das recht gefährlich, führt dieses Tiki-Taka doch immer wieder zu einem der gefährlichen Sekundenschläfchen. Ehe man sich versieht steht einer der Spanier vor dem gegnerischen Tor und spitzelt und schupft und lupft den Ball ins Tor. Hin und wieder auch daneben oder darüber. Auch wenn Fußball-Experten mit der Zunge schnalzen, ob der Ballsicherheit, der famosen Technik, der außerordentlichen Spielerintelligenz und dem unglaublichen Zusammenspiel, ich seufze still in mich hinein und frage mich, ob es noch mit dem klassischen, althergebrachten Fußballspiel zu tun hat oder ob es nicht doch eher Trainingsspiel-Charakter hat („Mannschaft A hat den Ball und lässt ihn in ihren Reihen zirkulieren – Mannschaft B muss die Räume eng machen, darf aber nicht den Ballführenden attackieren!“).

Wie dem auch sei, wenn Spanien spielt, spielt Spanien und der Gegner darf freundlicherweise den Ball holen, wenn mal ein Ball über oder neben das Tor geht. Gestern hingegen, da war ich dann doch recht verblüfft. Einerseits von der Startaufstellung der Spanier, die aus einem mir unerfindlichen Grund auf einen – wie es in der Fachsprache heißt – »gelernten Stürmer« verzichteten. Vielleicht wollten sie ihren Gegner, den Italiener, vorzeigen, dass Mittelfeld und Verteidigung vollkommen für das moderne Spiel ausreicht. Vermutlich wird der spanische Trainer in naher Zukunft 3 Torleute in der Verteidigung auflaufen lassen. Warum? Weil sie es können.

Also gut, die spanische Aufstellung überraschte. Aber noch überraschender war, dass die Italiener nicht gewillt waren, als Balljunge der Spanier zu fungieren. Nope. Sie wollten mitspielen und agierten recht unbeeindruckt, beinahe forsch. Das freute natürlich den neutralen Beobachter, weil diese Spiele auf einer schiefen Ebene einfach öd sind. Jedenfalls, mit viel Chuzpe, mit viel Druck und Aggressivität versuchten die Italiener den Spaniern den Schneid abzukaufen. Das funktionierte gar nicht mal schlecht – auch wenn ihre Verteidigung hin und wieder Aussetzer hatte und vom Tiki-Taka schwindlig gespielt wurde.

Es entwickelte sich  – wider erwarten – eine muntere, eine spannende Partie. Ja, das wollen wir sehen! Und hätte der italienische Stürmer Balotelli (man vermutet, dass er kleine Iniestas zum Frühstück verspeist), der mit dem Fußball alleine auf Casillas zulief, nicht ewig gezögert, es hätte da schon »klingeln« müssen. Erst die Auswechslung – Di Natale für Balotelli – sorgte für den nötigen frischen Wind und – schwupp – versenkte der neue Stürmer mustergültig den Ball im Netz der Spanier (ja, gelernt ist nun mal gelernt). Dumm, dass postwendend die Spanier ausglichen – ein bisschen länger hätte ich sie gerne zappeln gesehen. Und dann gab es Chancen hüben wie drüben. Die letzte hatte einer der Italiener am Fuß. Und die war nicht von schlechten Eltern. Alles in allem ein gerechtes Unentschieden.

Eine Anmerkung gibt’s noch von meiner  Seite. Das Tiki-Taka ist – meines Erachtens – gar nicht so sehr das Spielentscheidende. Was die Spanier (und der FC Barcelona) so gut beherrscht ist dieses furiose Pressing und das Zustellen der Räume. Somit zwingen sie die Gegner zu Ballverlusten. Die Italiener machten es dann ganz folgerichtig und versuchten sich ebenfalls in einem forschen Pressing – aber diese Taktik ist gar nicht einfach umzusetzen. Dazu bedarf es einer großen Spielerintelligenz, eines immenses Laufpensum und  – vor allem – Disziplin. Wenn alle auf den Ballführenden wie die Verrückten zulaufen, dann hat es mehr mit aufgeschreckten Hühnern zu tun (und die legen bekanntlich keine Eier). Deshalb, wer auch immer ein Mittel gegen den FC Barcelona oder Spanien sucht, es ist das konsequente Pressing. Ich weiß, ich höre mich jetzt an wie eine Hebamme (»Pressen, pressen!«), aber schließlich wollen wir ja Siege(r) gebären und – vor allem – spannende Spiele sehen, nicht?

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