richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2012 – Spieltag 9 – RUS : GRE und CZE : POL – Die Götter müssen verrückt sein

Russland : Griechenland 0:1          Tschechien : Polen 1:0

Was soll man da noch sagen? Die Fußballgötter irgendwo da oben, sie hatten ihren Spaß daran, die Ergebnisse durcheinanderzuwürfeln. Aber ich sagte es schon einmal: Im Fußball ist nichts in Stein gemeißelt. Und das ist gut so. Jedenfalls für Griechenland und Tschechien. Jene beiden Mannschaften, die man getrost abschreiben hätte müssen, nach ihren Eröffnungsspielen, bleiben im Rennen.

Freilich, ein wenig lacht sich der Schreiber dieser Zeilen ins Fäustchen, weil, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, die deutsche Nationalelf die Gruppenphase am ersten Platz beenden wird. Und damit dürfen sie im Viertelfinale den Olymp erklimmen, will heißen: sie spielen gegen eine top-motivierte und mental erstklassige griechische Mannschaft, die jedem Gegner den Nerv ziehen kann. Russland oder Polen oder Tschechien wären sicherlich an der deutschen Tugendhaftigkeit (»Ein Spiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnen die Deutschen!«) gescheitert, aber die Griechen, meiner Seel, die ziehen sich noch wie weiland Münchhausen am eigenen Trikot aus der Niederlage und stecken sogar böse Tiefschläge weg. Das muss ihnen erst einmal eine Mannschaft nachmachen. Ehrlich.

Somit ist gewährleistet, dass die Viertelfinalspiele einen heißen Eiertanz bieten. Freilich, man sollte an dieser Stelle nicht zu viel träumen, so, wie es bereits die Polen und Russen taten. Die Russen, mit ihrer offensiven Einstellung, können beeindrucken, wenn man sie nur spielen lässt. Ein griechisches Abwehrbollwerk zu knacken, dazu waren sie nicht imstande. Vermutlich gibt es wenige Mannschaften, die dazu in der Lage wären. Die Tschechen hatten es bewerkstelligt – weil das Glück auf ihrer Seite war und sie es zu nutzen wussten. Im Gegensatz zu den Polen. Während die Tschechen nach dem raschen Führungstreffer weiter drängten und mit dem zweiten Tor belohnt wurden, zogen sich die Polen zurück. Ja, durch diesen mentalen Rückzug haben sie das Spiel aus der Hand gegeben und damit die Europameisterschaft. Ist es nicht wunderlich, wo Entscheidungen fallen? Zumeist sind es nicht die Tore, die man schießt oder kassiert. Vielmehr ist es ein Moment, ein besonderer Moment, wo ein Ruck durch die Mannschaft geht und der die Richtung vorgibt. Die Russen wiederum gaben die Europameisterschaft im Spiel gegen die Polen her. Sie waren nicht kaltschnäuzig genug – und würde Kerschakow so effizient wie Gomez sein, die Russen hätten ihre Spiele zweistellig gewonnen. Aber so ist das, im Leben, wie im Fußball, da läuft nichts nach Plan.

Die Polen tun mir natürlich Leid. Ich hätte sie gerne noch im Viertelfinale gesehen. Die Stimmung in den drei Heimspielen war wirklich großartig, im Besonderen jenes gegen die Russen. Der Gänsehautfaktor war enorm. Ha, noch jetzt läuft es mir kribbelig über den Rücken. Solche Spiele wünschte man sich! Aber die Polen hatten ihr Pulver gegen Russland ratzeputz verschossen. Vielleicht war es auch diese grässliche Angst, ein Tor zu bekommen und damit endgültig auszuscheiden. Die Tschechen hätte man unter Druck setzen können – dazu hätten sich die Polen nur das Spiel der Tschechen gegen Russland anschauen müssen. Aber lassen wir die Vergangenheit besser ruhen und blicken nach vor(ne).

Aus der Gruppe A hätte meiner Meinung nach sowieso keiner der Mannschaften eine reelle Chance auf den Pott gehabt. Russland hat mir vom Offensiv-Geist sehr gut gefallen, war aber, wie zuvor schon gesagt, unerfahren und mit wenig Glück ausgestattet. Auch sie hätten nur schwerlich ein Viertelfinale überstanden. Schade eigentlich, dass die Botschaft zumeist jene ist, dass spanisches Rasenschach und defensives Bollwerken à la England und Griechenland, belohnt wird. Hach, man stelle sich vor, es gäbe zwei Mannschaften, die nicht ängstlich und zaudernd zu Werke gingen, sondern die munter drauf los spielten. So, wie es vielleicht in der guten alten Zeit war, als Fußballer für ein Butterbrot und die Ehre spielten. Sie wollten Spaß haben. Tja. Der ist heutzutage dem Fußball ja weitestgehend abhanden gekommen. Genauso wie der Ehrgeiz, es noch einmal wissen zu wollen, egal wie aussichtslos die Partie scheint. Dieser unbändige Wille zum Sieg, diese Hingabe, diese Aufopferungsbereitschaft, diese Kameradschaft, diese Freude, diese Gewaltanstrengungen … Hm, bin ich da jetzt in einem deutschen Heldenepos gelandet? Na, wenn die Griechen ihre Götter vom Olymp anrufen, dann soll es auch erlaubt sein, Siegfried auszugraben. Oder doch Hagen? Naiver Unbesiegbarkeitsglaube vs. kalkulierter Über-Loyalität. Ach was, als Wiener beruft man sich da natürlich an den lieben Augustin. Sturzbetrunken, aber musizierend, trotzte er den Unbilden des Lebens. Vielleicht sollten wir in den Umkleidekabinen keine Fitnessgeräte, sondern eine Bar installieren. Zigarettenautomat gibt’s aber bitteschön keinen. Dahingehend bin ich streng.

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