richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2012 – Spieltag 11 – KRO : SPA und ITA : IRL – ein kroatischer Abschied

Kroatien : Spanien 0:1     Italien : Irland 2:0

Während ich diese Zeilen schreibe, zieht eine Hitzwelle in die Stadt und lähmt jedes kreative Schaffen. Trotzdem will ich versuchen, die gestrigen beiden Spiele – so weit möglich – zu skizzieren. Am einfachsten ist es wohl mit Italien, das als Favorit ins Spiel gegen die schwachen Iren gegangen ist und als Sieger ihren Einzug ins Viertelfinale feiern durfte. Freilich, so einfach war es dann auch nicht. Weil die Kroaten das Spiel gegen den FC Barcelona,  pardon, die Nationalmannschaft von Spanien lange Zeit offen hielten. Ein Unentschieden (zu mindest 1:1) hätte den Kroaten gereicht. Und ich durfte erstaunt feststellen, dass sie gar nicht mal so weit davon entfernt waren, Casillas zu bezwingen. Noch mehr hat mich freilich erstaunt, dass die Kroaten den Spaniern ordentlich den Tiki-Tack-Nerv zogen, in dem sie ein ordentliches Pressing absolvierten. Respekt. Wenn es also eine Chance gibt, diese iberischen Primaballerinas ernsthaft zu gefährden, dann durch Laufbereitschaft. Sich vor und im eigenen Strafraum postieren und hoffen, dass sich das spanische Angriffsfuriosum festläuft oder es den sensiblen Spaniern das Fußballspielen vergällt, ist vielleicht auch eine Taktik, aber nur in den wenigsten Fällen praktikabel. Die Italiener trotzten zwar den Spaniern ein Unentschieden ab, aber wirklich mitgespielt hatten sie da auch wieder nicht.

Die Kroaten waren bemüht, das Spiel der Spanier erst gar nicht erst zur Entfaltung kommen zu lassen. Das gelang die erste Viertelstunde gar nicht mal schlecht. Bereits im Mittelfeld agierten die Kroaten rotzfrech und übten Druck auf den Ballführenden aus. Das ist ja jenes Tiki-Taka-Defensiv-Konzept, das die Spanier anwenden. Pressing, Pressing, Pressing. Natürlich kostet dieses Pressing Kraft und Ausdauer. Die Spanier haben es da ja recht angenehm. Sind sie im Ballbesitz, flüchtet der Gegner blitzartig an seinen Strafraum zurück und wartet. Somit können sich die Spanier wieder ein wenig ausrasten und an ihrem Schachspiel feilen.

Die Kroaten taten mir genauso Leid wie die Russen. Beiden hätten sich den Aufstieg verdient, weil sie das althergebrachte Fußballkonzept verinnerlicht haben, das da heißt: »Ein Spiel gewinnt man nur dann, wenn man ein Tor mehr als der Gegner schießt.« Das modernere Fußballkonzept, das mir die Galle aufsteigen lässt, heißt wiederum: »Ein Spiel verliert man, wenn man ein Tor mehr als der Gegner kassiert.« Diese beiden Philosophien klingen ja nicht unähnlich, trotzdem liegen spielerische Fußballwelten dazwischen. Dabei geht es gar nicht so sehr um eine defensive oder offensive Ausrichtung am Spielfeld, sondern vielmehr, was sich in den Köpfen der Fußballer, der Fans und des Betreuerstabs über die Jahre verinnerlicht hat. Wollen wir gewinnen? Oder wollen wir ja nicht verlieren?

Vermutlich hat Otto Rehagel vor allem daran Schuld, als er eine vermeintlich schwache griechische Nationalelf im Jahre 2004 zur EM in Portugal mit einem Defensivkonzept der übelsten Sorte aufs Feld geschickt hatte. Es zahlte sich am Ende aus, »hinten sicher zu stehen« und »nichts zuzulassen« und »auf Standardsituationen zu hoffen«, was so viel heißt: »Mir ist es wurscht, wie grottig meine Mannschaft spielt.  Hauptsache, wir verlieren nicht.«

Vielleicht hat diese Auffassung etwas mit den modernen Zeiten zu tun, in der es vor allem um eines geht: Ergebnisorientierung. Egal wie, das Ziel muss erreicht werden. Während es in althergebrachten Zeiten, als es noch keine Industrialisierung gab, der Einzelne auch ästhetische und qualitative Ansprüche hatte, sind diese heute völlig verloren gegangen. Dazu muss man sich nur die zweckdienliche Architektur anschauen, die Wohngebäude aus dem Boden stampft, die die Schönheit und Eleganz einer Autobahn haben. Überall schleicht sich dieser hässliche Effizienzdruck ein. Freilich, da haben die Fans und die Medien genauso Schuld daran. Weil diese nicht unterscheiden, zwischen einem guten Spiel, das verloren geht und einem mäßigen Spiel, das gewonnen wird. »Am Ende«, heißt es dann, »fragt keiner, wie man gewonnen hat.«

Ja, vielleicht spiegelt der Fußball nur die Arbeits- und Lebenswelt wider, in der wir heutzutage festsitzen. Darüber wird sicherlich an anderer Stelle befunden werden. Jetzt warten wir ab, wer die Gegner der Spanier und Italiener sein werden. Ich tippe auf Frankreich und England, hoffe aber freilich auf die Ukraine. Ja, hoffen darf man doch, oder? Auch wenn es nichts nutzt. Wie im Falle der Russen, der Polen und der Kroaten.

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