richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2012 – Spieltag 12 – ENG : UKR und SWE : FRA – Wembley im Jahre 2012

England : Ukraine 1:0       Schweden : Frankreich 2:0

Ich bin nicht amused. Nope. Ich bin stinkesäuerlich. Weil ich um 30 Minuten gebracht worden bin, die an Spannung und Dramatik wohl kaum mehr zu überbieten gewesen wären. Ein Schuldiger ist freilich schnell ausgemacht: der ungarische Schiedsrichter und seine Helferlein.

Für die Franzosen ging es im Spiel gegen die Schweden um nicht viel. Es sei denn, die Ukraine hätte die Engländer mit einem Tor besiegt und die Franzosen ihrerseits hätten mit zwei Toren Differenz verloren. Vor den beiden Spielen konnte niemand wirklich an solch eine Konstellation glauben, deshalb dürften die Franzosen eher lustlos aufgelaufen sein. Überhaupt ist eines der unerklärlichen Phänomene diese berühmt berüchtigte Lustlosigkeit in der französischen Nationalelf, die sich – dann und wann – in den Köpfen der Spieler festsetzt. Von außen betrachtet sieht es danach aus, als wären die Spieler müde, konditionell nicht auf der Höhe. Aber damit hat es nichts zu tun. Die Franzosen, diese Grande Nation, mit ihrem beinahe unerschöpflichem Spieler-Reservoir (aus den ehemaligen Kolonien), bildeten in den letzten Jahren keine Einheit mehr. Ähnlich wie bei den Niederländern besteht die Mannschaft aus Einzelspieler, mit deren Teamgeist es nicht weit her ist, wenn es einmal nicht läuft. Diese Lustlosigkeit frisst sich wie ein Virus von einem zum anderen. Als Zuschauer ist es eine Katastrophe, solch Spiele beizuwohnen, in denen sich eine Mannschaft völlig aufgibt. Aber nicht, weil sie es nicht besser könnte, sondern einfach, weil ihr Feuer erloschen ist. Ein wenig erinnert es an den Film Rocky III, als sein (schwarzafrikanischer) Trainer meinte, es fehle ihm, Rocky, das Auge des Tigers. Mit anderen Worten: er solle von seinem hohen Ross heruntersteigen und wie anno dazumal in den schäbigen Vierteln trainieren, statt eine Pressekonferenz nach der anderen zu geben. Ja, so ähnlich verhält es sich mit den Franzosen. Oui, oui. Haken wir also das Spiel ab und sehen uns an, wie sie gegen die Spanier agieren werden. Dabei habe ich kein gutes Gefühl. Die mentale Stärke der Kroaten oder Italiener haben die Franzosen noch lange nicht. Und ein Team sind sie noch immer nicht. Gegen eine lächerlich schwache englische Mannschaft, gegen eine zaudernde Ukrainische Mannschaft kann man leicht gewinnen (oder wenigstens nicht verlieren), aber gegen Spanien, meiner Seel, der gute Napoléon dreht sich im Grab um – haben ihm schon damals die Iberer ordentlich Feuer unterm Hintern gemacht.

Now something completely different. Das Spiel England gegen die Ukraine müsste ein dramatisches werden, sagte ich mir. Weil die Heimmannschaft nur mit einem Sieg den Aufstieg schaffen konnte. Die Spieler der Ukraine hatten nichts mehr zu verlieren. Und die Engländer? Ihr Defensiv-Bollwerk ärgerte mich schon in den letzten beiden Spielen – freilich, gegen die Schweden zeigten sie, dass sie aus wenigen Chancen viele Tore machen konnten. Ich war also auf das Äußerste gespannt. Tja. Die erste Halbzeit eine große Enttäuschung. Weil die Engländer auch gegen die Ukraine Beton anrührten, und gerade einmal mit einer Kopfball-Chance aufwarten konnten, mehr war eigentlich offensiv nicht zu sehen. Im Gegensatz dazu bemühten sich die Spieler der Ukraine, aber gegen diesen englischen Beton gab es kaum ein Durchkommen. Weitschüsse waren ein probates, aber leider ineffizientes Mittel. Trotzdem gefiel mir das Spiel der Ukraine. Sie rackerten, liefen, mühten sich – auch ohne Shevtchenko oder Woronin, die nur auf der Ersatzbank Platz nehmen durften bzw. mussten.

Die englische Nationalelf spielte grottig. Es war erbärmlich, wirklich. Wäre es die Mannschaft aus Trinidad Tobago, die sich vor ihrem Strafraum einigelte, ich würde es verstehen. By the way: Wer erinnert sich an den mühsamen Sieg der Engländer gegen die frech aufspielende Mannschaft aus Trinidad Tobago zur WM 2010? Da musst schon ein irreguläres Tor von Crouch in der 83. Minute herhalten! Einwohnerzahl des Inselstaates: 1,3 Millionen. Soviel mal dazu. Jedenfalls, die Engländer, trotz eines Rooneys, spielten nicht, sie standen nur herum und im Weg. Wenn eine Mannschaft mit solch einer Taktik die Europameisterschaft gewinnen möchte, gehörte sie eigentlich sofort disqualifiziert. Aber die Götter des Olymp, die sich schon für die griechische Zementfabrik erwärmen konnten, hatten wohl auch ein Herz für englische Bauarbeiter. Manchmal kann das (Fußballer)Leben ganz schön ungerecht sein. Yes, yes.

In der zweiten Halbzeit, als ich auf einen Führungstreffer der Ukraine hoffte, das die Engländer vielleicht wachgerüttelt hätte, geschah das genaue Gegenteil: Rooney köpfte ungehindert einen Abpraller ins Tor. Tja. Dumm gelaufen. Jetzt brauchte die Ukraine schon zwei Tore. Gewiss, sie hätten sich – wie die Polen – aufgeben können. Aber sie taten es nicht. Sie packten die Brechstange aus und stürmten auf Teufel komm raus. Das lässt freilich das Herz eines jeden echten Fußballfans höher schlagen. Das wollen wir sehen: Leidenschaft! Kraft! Wille! Kein Trainingsspiel für gestresste Top-Verdiener.

Also, die Spieler der Ukraine brandeten brav nach vorne, aber vor dem Strafraum war meist Schluss mit lustig. Die Engländer standen immer mit einem Bein im (Schuss)Weg. Dann setzte einer der Stürmer den Kopfball aus rund 4 Metern über das Tor. Blöd. Aber es kam freilich noch dicker: Der Stürmer Devic taucht allein vor dem englischen Torhüter auf, der sich aber nicht völlig düpieren lässt und fälscht den Schuss noch ab. Der Ball fällt im hohen Bogen ins Tor. Aber dort knallt ihn ein zurückeilender Terry wieder hinaus. Die Spieler der Ukraine bejubeln das Tor. Die Engländer spielen weiter. Und der Schiedsrichter? Rührt kein Ohrwaschel! Ach, wieder haben wir diese leidige Situation, die damit endet, dass man sich fragt: »War der Ball nun hinter der Torlinie oder nicht?« – Aus den TV-Wiederholungen dürfte hervorgehen, dass der Ball – mit vollem Umfang – hinter der Torlinie war. Aber nutzt das jetzt etwas? Das Tor wurde nicht gegeben, trotz des Torrichters, der extra dafür von der UEFA abgestellt wurde. Ironischerweise war es ja gerade dieser berühmt-berüchtigte Lattenpendler der Engländer, im WM-Spiel 2010 gegen Deutschland, welches den Ausschlag gab, Torrichter zu installieren. Mit der gestrigen Fehlentscheidung sollte man die Torrichter wieder in Pension schicken.

Hätte das Tor gegolten, hätte die Ukraine den Ausgleich gemacht, dann hätte es noch eine dramatische Endphase gegeben. Ja, so eine Fehlentscheidung ärgert mich immer dann am meisten, wenn damit dem Spiel der Zahn gezogen wird. 2010 waren die Engländer noch eine Mannschaft, die es wissen wollten (wenn es um die Wurst ging). Hätten sie den Ausgleich gegen die Deutschen gemacht (besser: wäre das Tor gegeben worden), die englische Fußballwelt würde ganz anders aussehen. Das ist ja das Schlimmste, dass niemand solche Fehlentscheidungen wieder gut machen kann. In vielen Spielen ist es eigentlich nur nebensächlich. Aber hin und wieder muss eine Mannschaft und ein Land wohl für lange Zeit an ihrem Unglück knabbern. Hätte der Schiedsrichter zur EM 2008 nicht das Abseitstor der Kroaten gegen unsere Österreicher gegeben, wer weiß, wer weiß. Der Witz an der Sache ist natürlich, dass wir nie wissen können, was am Ende wirklich geschehen wäre. Die Deutschen hätten gegen die Engländer, die Kroaten gegen die Österreicher trotzdem gewinnen können, es wäre demnach alles beim Alten geblieben. Und doch spu(c)kt in all unseren Köpfen, die es livehaftig miterlebt haben, diese Möglichkeitsform im Gedächtnis herum. Das ist dieser schmerzende Dorn, der im Fleisch sitzt und der eine weitere, normale Entwicklung nicht zulässt, bis eine neue Generation heranwächst, die mit dieser Fehlentscheidung nichts mehr zu tun hat. Das heißt, es müssen Jahre vergehen.

Ja, so ist das, im Leben wie im Fußball. Jeder steckt eine Niederlage weg (sie macht uns stärker!), aber kaum einer, der eine ungerechte Entscheidung hinnehmen kann – sei es durch das Schicksal, sei es durch den Schiedsrichter. Apropos Schicksal. Ich lese gerade das (scheinbar umstrittene) Buch von Joachim Fernau »Deutschland, Deutschland über alles … – Von Anfang bis Ende«. Vielleicht verstehe ich dann die teutonische Seele ein wenig besser. Ob es hilft, dass ich der Löw-Truppe die Daumen drücke, gegen die Griechen? Schau’ma mal.

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2 Antworten zu “EM 2012 – Spieltag 12 – ENG : UKR und SWE : FRA – Wembley im Jahre 2012

  1. kevin Mittwoch, 20 Juni, 2012 um 10:53

    hey.
    na angeblich wurde vor dem Torschuss doch auch das Abseits nicht erkannt. In Folge dessen war die falsche Entscheidung des Torlinienrichters, die richtige Entscheidung. 🙂

    Der ‚Lattenpendler‘ war doch aber bei der wm 2010! Die Torrichter gab es schon vorher im Uefa Cup, wurden aber bei der WM ’nicht eingeladen‘ 😉

    • Richard K. Breuer Mittwoch, 20 Juni, 2012 um 12:16

      Oh, ja, natürlich 2010. Habe ich ausgebessert. Wir wollen da nicht das deutsche Sommermärchen anpatzen 😉 Merci für den Hinweis.

      Die Sache mit den Torrichtern ist ja zuvor mal probehalber von der UEFA in der Europa League 2009/2010 installiert worden (die ist ja bekanntlich gegenüber der Champions League unterklassig) – nach dem WM-Lattenpendler musste die FIFA wohl nachziehen. Aber bis jetzt wäre mir noch nicht aufgefallen, dass diese Torrichter jemals ins Spielgeschehen eingegriffen hätten. Freilich, sie dürfen ja nur still und heimlich in ihr Headset nuscheln.

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