richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2012 – Viertelfinale 2 – DEU : GRC – Gotterdämmerung auf dem Olymp

Deutschland : Griechenland 4 : 2

Was muss sich da in den oberen Etagen der Götterburgen abgespielt haben? Da die griechischen Götter, dort die teutonischen. Als die griechische Nationalelf aus dem Nichts den Ausgleich machte, nickte ich innerlich und schielte gen Himmel. Beinahe war’s mir, als hörte ich Zeus lachen. Genau sechs Minuten hatte der Olymp alles im Griff und sorgte für Spannung. Nicht, weil die griechischen Spieler über sich hinauswuchsen und mit Mann und Maus stürmten. Nein, nein. Sie spielten weiterhin ihr Defensiv-Spiel, das aber so mäßig betrieben wurde, dass man es gleich hätte einstellen können. Die deutschen Kicker hatten kaum Schwierigkeiten, in den Strafraum zu marschieren (Seltsam! Das Wort marschieren und Deutschland lässt so manchen Linksaußen zusammenzucken), besser: die Kreativabteilung dribbelte sich durch die griechische Phalanx, die äußerst durchlässig wirkte. Hin und wieder wollte man schon die UEFA anrufen, weil man der Meinung war, die Griechen würden mit weniger Spieler, die Deutschen mit viel mehr aufgelaufen sein. Frappant, möchte ich sagen, war es, den Deutschen zuzusehen, wie sie Spanien imitierten. Wenn es so weiter geht, in der Löw-Truppe, dann reichen sie bald der Spanischen-Barcelona-Elf das Wasser. Zu mindest in der Körpergröße: Lahm, Özil, Schürrle sind dahingehend durchaus Iniesta, Xavi und Silva ebenbürtig.

Nach sechs Minuten war der Kampf entschieden. Wotan kickte Zeus in den Olymp zurück, wo er und das griechische Volk heute ihr Unglück beweinen. Was muss wohl ein arbeitsloser, hochverschuldeter Familienvater aus Athen gedacht haben, als er gnädige Frau von Merkel vier Mal auf der VIP-Tribüne in Jubelpose sehen durfte? Die Zeit, als Politiker noch Contenance und Diplomatie in den Fingerspitzen hatten, ist ja bekanntlich längst vorbei. Es ist die Amerikanisierung der politischen Sitten, wo das Recht beim Stärkeren liegt und der das auch dem Schwächeren unmissverständlich klar macht. Die Krauts hatten es ja am eigenen Leib erfahren müssen, damals in Nürnberg. Heute sind sie, leider, leider, nur noch ein Anhängsel, made in USA. Wer das nicht glaubt, sollte seine rosaroten Scheuklappen ablegen und ein wenig nachforschen.

Zurück zum Spiel. Wobei, Spiel war es ja auch keines. Analog der gestrigen mäßigen Viertelfinal-Partie, die beide auf einer schiefen Ebene abliefen. Immerhin waren die Griechen torgefährlicher als die Tschechen. Auch schon was. Zwar kamen die Griechen nur selten vor das Tor eines gewissen Neuers, aber wenn, dann stockte jedem deutschen Fan der Atem. Ja, die griechische Nationalelf war nicht deshalb gefürchtet, weil sie so gut spielten, sondern weil sie so gut mit dem Schicksal würfelten. Ein wenig enttäuscht war ich dann aber schon, als ein Eckball der Griechen sang- und klanglos viel zu weit geschlagen wurden. Ein Eckball! Im Jahre 2004 war ein griechischer Eckball so etwas wie eine gute Torchance. Davor zitterten sie alle. Der baumlange Abwehrspieler Dellas war immer für ein Tor gut. Heutzutage haben die Griechen sogar das verlernt. Traurig, traurig.

Also haken wir das Spiel der Griechen ab. Natürlich war das nichts – und noch immer fragt man sich, wie es die Polen schafften, die Götter des Olymp zu wecken. Hätten sie so weitergespielt, wie sie begonnen hätten – druckvoll und mit dem Blick nach vorne, wir würden gestern die Polen gegen die Deutschen kämpfen gesehen haben (Wenn wir mal die alte »es wird zurückgeschossen«-Sachen ruhen lassen, so gab es doch diese berühmt-berüchtigte Wasserschlacht anno 1974 zur WM in Deutschland, in der die polnische Nationalelf am Gastgeberland scheiterte. Vermutlich, weil die Deutschen im Training Wasserball trainiert hatten.)

Die junge Löw-Truppe agierte entsprechend souverän. Bis jetzt wurde sie noch nicht ernsthaft gefordert. Vielleicht die letzte Viertelstunde gegen Portugal, als diese den Rückstand aufzuholen gedachten, da wackelte die teutonische Abwehr schon ein wenig. Aber sonst? Die große Frage: Ist die Mannschaft in der Lage den Pott zu holen? Hm. England und Frankreich würden im Normalfall kein Hindernis darstellen. Anders sieht es freilich mit Portugal aus. Diese sind spielerisch nicht so einfach zu knacken, aber mental haben sie ihre Schwächen. Italien kann spielerisch nicht mithalten, hat aber eine unglaubliche mentale Stärke – noch mehr, wo sie Spanien ihre Grenzen aufgezeigt haben. Ja, Italien ist im Moment nicht zu unterschätzen. Und Spanien? Olé! Man merkt, dass es nicht mehr so rund läuft wie noch vor Jahren. Die Gegnerschaft kratzt am Mythos des Tiki-Taka. Und Kroatien hat vorgezeigt, dass auch eine weit unterlegene Mannschaft durchaus mithalten kann – freilich, Glück wie Hans und Kondition wie Pferd vorausgesetzt.

Also, wenn die Götter aus Asgard auch ihre Späße mit uns Sterblichen treiben (Hm? Eher sieht man sie mit Schwert und Pflug in der Hand, nicht?), dann würden sie die Engländer gegen die Italiener gewinnen lassen. Und schon hätten die Deutsche Nation ihr Endspiel, weil, naja, England ist ja kein würdiger Gegner. Das macht diese natürlich auch wieder gefährlich. Sei’s wie’s sei. Hoffen wir auf bessere Viertelfinal-Spiele. Sind ja nur noch zwei übrig. Mon dieu, heute kommen die Franzosen und die spanischen Räder. Stichwort: Schiefe Ebene. Merde!

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