richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2012 – Viertelfinale 4 – ITA : ENG – tutto è bene ciò che finisce bene

Italien : England o:o 4:2 n.E.

Also, wenn mich LingoStudy nicht belogen hat, dann sollte obiges italienische Geplapper „Ende gut, alles gut“ heißen. Und ja, so war es gestern auch. Mir fiel ein großer Stein, der vermutlich das Gewicht Rooneys hatte, vom Herzen. Endlich obsiegte jene Mannschaft, die gewillt war, Fußball zu spielen. Wobei, so streng darf ich mit den Engländern auch wieder nicht sein – immerhin gestalteten sie das Spiel zu Beginn offen und verblüfften mich mit gutem, schnellen Pass-Spiel. Die erste Hälfte, wenn man so will, war nichts für schwache Nerven – vermutlich gingen die Herzinfarkt-Zahlen in den gestrigen Abendstunden sowohl in Italien als auch in England sprunghaft nach oben. Ja, so stellt man sich ein Viertelfinale vor. Endlich!

Mit der Zeit verfielen die Engländer wieder in ihre defensive Zweier-Reihe und ließen die Italiener zu Tode kombinieren. Die Statistik zeigt uns ein entsprechendes Bild: die italienische Elf donnerte rund fünf Mal mehr aufs gegnerische Tor als die englische. Natürlich dürfen wir nicht die Qualität der Chancen außer Acht lassen. Was nutzt es, hundert Mal den Ball übers Tor und in den Zuschauerraum zu befördern? Kaltschnäuzige Gegner mit imposanter Chancenauswertung sind bei spielstärkeren Teams ziemlich gefürchtet – schlag nach bei Griechenland. Da braucht es nicht viele Möglichkeiten.

Dass Italien nicht in der regulären Spielzeit den Sack zumachte und ein Tor erzielte, hätte sich beinahe gerächt. Ein Elfmeterschießen ist ja ein legales Glücksspiel – aber immer noch besser, als das Los zu befragen. Wer es nicht weiß: Ja, so wurde anno dazumal der Gewinner ermittelt. Eine falsche Münzseite oder das kurze Streichholz und schon durfte man mit hängendem Kopf die Heimreise antreten. Heutzutage hingegen wird den Zuschauern eine Verlängerung und ein Elfmeterschießen geboten. Gut möglich, dass es in naher Zukunft extra kosten wird. Analog der Kinobetreiber, die einen Zuschlag bei Überlänge von Kinofilmen verlangen. Ja, der gegenwärtige Fußball ist eine teure Angelegenheit. Mancher der Super-Clubs schwimmt nicht nur in Fußballstars, sondern auch in turmhohen Schulden.

Zurück zum Spiel. Italien hat mir außerordentlich gut gefallen – auch wenn sie in der Verteidigung löchrig wie geriebener Parmesan ist. Was waren das noch für Zeiten, als die italienische Defensive die besten Stürmer zur Verzweiflung  brachte. Maldini? Nesta? Cannavaro? Und wie sie alle hießen. Heute ist ein ehemaliger Außenverteidiger der Abwehrchef – gestern fehlte er verletzungsbedingt, was auch nicht gerade für Stabilität gesorgt hatte. Ich befürchte, um gegen eine deutsche Sommer-Offensive bestehe zu können, werden sich die Herren in den azurblauen Trikots steigern müssen. Oder sie suchen das Heil in der Flucht, pardon, ich wollte sagen: ihr Heil im Angriff. Da sieht es gar nicht mal schlecht aus. Der italienische Arnautovic mit Namen Balotelli glänzt mit vergebenen Chancen. Respekt. Respekt, dass der italienische Coach noch immer große Stücke auf ihn hält. Derweil gäbe es mit Di Natale einen kompletteren Angreifer auf der Ersatzbank. Und daneben würde mir der italienische Hoffer namens Giovionco, der sich dank seiner Größe im Gras verstecken kann, gut gefallen. Mit diesen beiden Offensivgeistern sollte jede Mannschaft zu knacken sein – so sie sich nicht mit Mann und Maus hinten reinstellt und die Schotten dicht macht. Deshalb erlaube ich mir die Prognose, dass das Halbfinalspiel ITA : DEU ziemlich spannend werden wird. Seltsam, dass die Italiener – wie die Franzosen – nach der WM 2006 ihren Kredit gänzlich verprasst haben. Ich sah es schon damals, dass die Routiniers, die „alte Garde“, auf beiden Seiten in die Jahre gekommen waren. Aber in der Euphorie zuckten die Betreuer und die Fans nur mit den Schultern. Ja, Fehler, die man heute nicht korrigiert, fallen einem später umso mehr auf den Schädel oder ins Tor.

Die Engländer? Haha. Was für eine Enttäuschung. Mittelmäßig bis in die kleinste Schuhspitze. Nur ein gewisser Rooney wird immer wieder aufs Podest gehoben. Knapp dahinter Gerrard, der Flankengott und Freistoßspezialist – aber er hinkt seiner Form hinterher. Ganz anders der italienische Mittelfeldregisseur, ein gewisser Pirlo, der zwar in die Jahre gekommen ist, aber eine Präsenz am Feld zeigt, die einem nur erstaunen kann. Er spielt seine Sache schnörkellos und ruhig – das ist man ja von den hitzigen Italienern eigentlich gar nicht gewohnt, nicht? Aber im Fußball ticken die Uhren anders. Vielleicht war es gerade diese Seelen-Ruhe, diese Abgeklärtheit, die die italienische Defensive in der Vergangenheit auszeichnete und zum (unrühmlichen) Weltruhm beisteuerte. Pirlo! Als er den jungen englischen Torhüter Joe Hart vom Elfmeterpunkt verlud, den Ball im Panenka-Stil in die Mitte des Tores schupfte, da musste man ihn einfach ins Herz schließen. Es sah so einfach aus. Dieser Schupfer. Aber wer es nicht im Kopf, nicht im Fuß hat, kann sich dabei nur grässlichst blamieren. Ich warne also vor Nachahmung.

Was wäre es wohl für ein Spiel geworden, hätte Di Rossi in den ersten Minuten nicht die Stange, sondern ins Tor getroffen. Ein sehenswerte Volley. Bumm. Hätte die Kugel eingeschlagen, die Engländer wären wohl in die Offensive gegangen. Ein Schlagabtausch wäre es geworden. So wurde es nur ein halber. Aber immer noch hundert Mal ansehnlicher als alle drei Viertelfinalspiele zusammengenommen.

Sonst? Wer wird also den Pott holen? Portugal? Spanien? Deutschland? Italien? Hm. Gar nicht einfach, die Rechnung ohne Spanien machen zu wollen. Ob Ronaldo und seine Mannen wirklich in der Lage sind, den iberischen Tiki-Taka-Kleinkrieg für sich zu entscheiden, bleibt abzuwarten. Da müssten die Portugiesen bis in die Zehenspitzen motiviert sein – nicht ängstlich und zaudernd auf der Bremse stehen (schlag nach beim Gruppenspiel gegen Deutschland). Natürlich könnte ein gut gespielter Konter von Ronaldo das entscheidende Tor bringen – aber gegen Spanien 90 Minuten zu mauern und zu blocken und zu warten, bis sich eine Chance auftut, also ich weiß nicht. So kann man vielleicht gegen Malaga oder Valencia spielen, aber sicherlich nicht gegen den 1. FC Barcelona im spanischen Team-Trikot. Andererseits, waren es nicht Engländer, die den spanischen Club aus der CL befördert haben? Mit mehr Glück als Verstand, muss man dazu sagen. Ja, das wird Portugal brauchen. Oder einen Drogba.

Also, im Normalfall, wenn die Löw-Truppe nicht Angst vor ihrer eigenen Courage hat, müsste sie das Halbfinalspiel gewinnen können. Die Italiener sind Außenseiter. Aber was für ein Außenseiter! Die Deutsche Elf hätte ihre englischen Kollegen Kiel holen lassen – es wäre für England wieder bitte gelaufen. Besser, sie verlieren gegen Italien knapp und können sich jetzt ein wenig bemitleiden, als wenn sie die Krauts aus dem Stadion geschossen hätten, nicht? So viel steht für mich fest. Und die Italiener? Sie sind gegenwärtig so unscheinbar, das man vergisst, dass sie Spaniern an den Rande einer Niederlage brachten (freilich, es gilt auch umgekehrt) und ihnen ein Unentschieden abtrotzten. Diese Leistung ist nicht von schlechten Eltern. Ich würde mit Italien rechnen. Nicht, weil sie spielerisch mit den anderen mithalten können. Sondern einfach, weil sie mir ans Herz gewachsen sind. Ein sympathischer Underdog. Kroatien hätte es auch sein können, wurde aber dummerweise mit Italien und Spanien in eine Gruppe gelost. Ja, die Europameisterschaft entscheidet sich nicht in den Gruppenspielen oder im Finale, sondern in der Gruppenauslosung. Sì, sì!

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