richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2012 – Halbfinale 1 – SPA : POR – Tiki-Taka Medizin

Portugal : Spanien o:o n.V.  2:4  n.E.

Hm. Haben es die Spanier also wieder einmal ins Finale geschafft. Nicht unverdient, ja, ja, aber Portugal war an diesem Abend auch nicht schlecht und hielt anständig dagegen. Nach dem 5. Spiel der Spanier muss man sich unweigerlich die Frage stellen: Wer soll diese iberische Tiki-Taka-Dampfwalze stoppen? Italien und Portugal haben gezeigt, wie man dieser spanischen Kurzpass-Orgie mit Erfolg entgegenwirken kann (Ja, ein Unentschieden zu erreichen ist schon ein Erfolg!). Italien, man muss es sagen, hat zwar in der Defensive ordentlich geschwächelt – die Portugiesen ließen kaum Chancen zu – aber in der Offensive, da gaben sie den Spaniern hübsch zunder – im Gegensatz zu den Portugiesen, die nur sporadisch vors gegnerische Tor kamen. Ronaldo hatte es wieder einmal auf den Fuß – aber statt den Ball aufs Tor zu bringen, dürfte es der 3. Rang gewesen sein.

Das gestrige Spiel war bestimmt von Krampf und Kampf. Die Portugiesen brachten vermutlich die einzige Medizin gegen spanische Über-Kicker ins Feld, die es im Moment gibt: Rackern, beißen, spucken, krätschen, laufen, springen, stampfen und so weiter und so fort. Hin und wieder versuchen sich ja Mannschaften, die gegen Spanien antreten, mit einem konsequenten Mittelfeld-Pressing die Iniestas und Xavis vom eigenen Strafraum fernzuhalten. Aber keine zehn oder zwanzig Minuten später stehen die Defensiv-Reihen vor dem Strafraum und lassen die Spanier kommen. Und wenn man sie einmal einlässt, bleiben sie bis zum bitteren Ende. Unhöflich, nicht?

Die Portugiesen machten das einzig Richtige: Pressing bis der Oberschenkel schmerzt. Laufen bis die Lunge ausgespuckt wird. In der Verlängerung – es war sicherlich weit nach 100 Minuten, lief der Spanier Pedro mit dem Ball allein auf den portugiesischen Torhüter zu. Aber ehe er noch Haken und Schuss ansetzen kann, sind drei Verteidiger der Portugiesen nach hinten gesprintet und räumten den Ball ab. Und der gute Pedro, also, der ist kein langsamer nicht. Damit will ich sagen: Jede Mannschaft, die in der Innenverteidigung nur behäbige Abräumer hinstellt, hat eigentlich gegen Tiki-Taka-Spanien schon verloren. Am eigenen Strafraum zu warten und zu hoffen, dass es für diesmal gut gehen wird, also, so eine Mannschaftstaktik kann sich vielleicht der 1. FC Vatikan erlauben, aber sonst niemand. Portugal hat es allen gezeigt. Du musst die Spanier bereits im Mittelfeld – noch besser an ihrem eigenen Strafraum – festnageln. Mit allen Mitteln. Koste es, was es wolle. So einfach sich das anhört, so schwierig ist die Umsetzung. Neben der Kondition ist nämlich die taktische Raumaufteilung und die Konzentration von größter Wichtigkeit. Wie aufgeschreckte Hühner dem Ball nachzulaufen und dem spanischen Spieler nachzugackern führt de facto natürlich zu gar nichts (naja, eventuell legt man sich ein Ei). Man muss sich einfach nur die Spanier zum Beispiel nehmen. Sie machen es vorzüglich – attackieren den Ballführenden der gegnerischen Mannschaft auf Teufel komm raus und machen die Räume um ihn so eng, dass dieser – völlig entnervt – den Ball nach vorne drischt, wo er dankend von den Spaniern in Empfang genommen wird. Tja.

Auch wenn wir jetzt das Rezept kennen, das gegen diesen Tiki-Taka-Juckreiz hilft, eines dürfen wir dabei nicht vergessen: ansehnlicher Fußball sieht anders aus! Gestern habe ich mir dabei folgende Analogie ausgedacht, die vielleicht nicht ganz treffend, aber in gewisser Weise des Pudels Kern trifft: Nehmen wir an, sie sitzen im Clubraum, wo gerade das Finale zur Schachweltmeisterschaft statt findet und warten gespannt auf die Eröffnungszüge. Aber der spanische Titelverteidiger nimmt ein paar Schachfiguren seines Gegners und beginnt damit zu jonglieren. Man ist beeindruckt, wie toll der Schachweltmeister mit den Figuren umzugehen versteht. Hui. Und was macht der Gegner? Er wartet. Hin und wieder versucht er eine Figur zu erwischen, aber da ist der Spanier schneller. Und ehe man sich versieht, fragt man sich nicht mehr, ob das alles noch mit Schach zu tun hat (immerhin jongliert er mit Schachfiguren, nicht mit Äpfel), sondern ob der Gegner jemals eine der Figuren erwischen kann. Verstehen Sie? Als die Italiener den Betonfußball namens Catenaccio anrührten, da schüttelte die Fachwelt den Kopf. Aber als sie damit Sieg um Sieg einfuhren, da musste die Fachwelt einräumen, dass diese Taktik zwar unansehnlich, aber effektiv und zielführend sei. Es heißt nicht umsonst, dass am Ende nur der Sieg zählt (andererseits könnte man sich fragen, wer solch eine Phrase gedroschen hat; waren es nicht Technokraten/Bürokraten, die  nichts vom Leben, aber sehr viel von Zahlen verstanden?).

Also, wie war das Spiel gestern? Naja. Die Portugiesen hielten dagegen – physisch, kämpferisch, läuferisch. Auch spielerisch waren einige Lichtblicke dabei. Immerhin glaubte ich erkannt zu haben, dass die spanischen Grundfesten schwankten, zitterten, aber erschüttert waren sie nicht. Dazu hätte es wohl ein Tor der Portugiesen gebraucht, aber wirkliche Torchancen waren Mangelware. Und so bestaunte man das Hin und Her. Das Hin und Her im Mittelfeld. Freilich, es war eine intensive Partie und gegen Ende waren die Spanier bestrebt, den Sack zuzumachen. Schlussendlich gelang es ihnen erst im Elfmeterkrimi. Wenigstens ist es Ronaldo erspart geblieben, am Elfmeterpunkt anzutreten. Wer weiß, wie es geendet hätte? So versagten die Nerven von Bruno Alves, der den Ball an die Latte donnerte, während ein gewisser Fabregas  den Ball via Innenstange ins Tor zirkelte. Spanische Maßarbeit, sozusagen.

Auch wenn ich dieser Tiki-Taka-Überheblichkeit rein gar nichts abgewinnen kann, die Portugiesen waren in jedem Fall die unterlegenere Mannschaft. Das ist bekanntlich nicht schwer, wenn man gegen Spanien spielt, aber ich meine, dass es auch Mut und Courage braucht, um gegen die spanische Übermacht zu bestehen. Dahingehend hatte Portugal noch ein Quäntchen gefehlt. Vielleicht war es auch, dass der Ausfall von Postiga im Sturmzentrum durch Almeida nicht wettgemacht werden konnte. Überhaupt, die Portugiesen sind an jeder Position top besetzt, nur der klassische Mittelstürmer, der ist ihnen irgendwie verloren gegangen. So ähnlich ist es ja auch Spanien ergangen, als Villa verletzungsbedingt für die EM ausfiel und Fernando Torres in Chelsea nur das Bankerlsitzen lernte, aber nicht, wie man Tore macht (trotzdem hat er das Spiel gegen die Iren praktisch alleine entschieden!). Als Alternative gab es einen Negredo – wie man gestern gesehen hatte, war er zwar physisch am Platz anwesend, aber irgendwie schien es, als würden die anderen ihn nicht mitspielen lassen; jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, ihn jemals am Ball gesehen zu haben. Weiters gäb’s dann noch einen Pedro, der beim FC Barcelona der Wasserträger von Messi & Co ist. Ja, ich schätze, die Spanische Tiki-Taka-Armada versenkte erst ab diesem Zeitpunkt alle ihre Gegner, als sie mit zwei exzellenten Stürmern aufwarten konnten. Wenn man sich die Ergebnisse ihrer letzten Ko-Spiele so anguckt, dann kommt man zum Schluss, dass den Spaniern gerade einmal ein Tor reicht – und mit Ausdauer, Zähigkeit und Tiki-Taka-Schwindlig-Spielereien dürfte es ihnen immer gelungen sein, dieses eine Tor zu machen. Respekt.

Finale? Ach ja. Wird der Gegner Deutschland heißen? Italien? Natürlich würde ich gerne sehen, wie die deutsche Nationalelf in den Jahren nach 2008 gewachsen ist. Aber wären sie ein ernsthafter Gegner für mental starke Spanier? Tja. Ich befürchte, dass die Löw-Truppe nach dem Abgang von Ballack zwar an spielerischen Qualitäten hinzugewonnen hat, aber ihre mentale »wir schaffen das«-Einstellung (vom Gegner zu einem Mythos erhoben!), die ist irgendwie flöten gegangen. Heute paniken die Gegner vorrangig, wenn es gegen Spanien geht. Die deutsche Elf ist ein mächtiger Gegner, keine Frage, aber unbesiegbar ist sie nicht mehr. Sollten sie mich aber Lügen strafen und heute die Italiener biegen und am Sonntag die Spanier brechen, ja, dann würde der alte neue Mythos wieder auferstehen. Aber ehrlich: ich glaub’s nicht!

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