richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

EM 2012 – Finale – SPA : ITA – A spanish train …

Spanien : Italien 4:0

Tja. Das war dann wohl gar nichts. Jedenfalls nicht für die Italiener. Nicht für die Freunde des althergebrachten Fußballs, als noch zwei Mannschaften auf dem Platz standen, die den Ball nach vorne spielten. Heute sieht es anders aus. Da haben die Spanier den Ball und die Gegner hecheln wie blöd hinterher. Das funktionierte bei der letzten EM 2008, bei der WM 2010 und nun auch bei der EM 2012. Und wenn sie nicht in Pension gehen, dann spielen sie ihr Tiki-Taka bis heute.

Bis zur 75. Minuten gab es im spanischen Team keinen gelernten Stürmer. Fernando Torres kam schließlich für Fabregas, erzielte sein Tor zum 3:0 und legte das 4:0 mustergültig auf. Ja, vielleicht ist das die Zukunft des modernen Fußballs: einfach 4 offensive Mittelfeldspieler aufstellen, die allesamt in die vorderste Spitze stoßen und die mit dem Rest der Mannschaft 90 oder 120 Minuten lang pressing, pressing, pressing spielen. Somit ist gewährleistet, dass der Gegner erst gar nicht auf die Idee kommt, hier vielleicht Fußball spielen zu wollen.

Ein Rezept gegen das spanische Tiki-Taka-Pressing hatte nur Portugal. Die hielten ordentlich dagegen, aber mehr als das spanische Spiel zu zerstören fiel auch ihnen nicht ein. Das Halbfinale war ein mäßiges Fußballspiel – und hätten die Spanier nicht Abschlusspech gehabt, sie hätten sich das Elfmeterschießen ersparen können. Sei’s drum, die Spanier sind Europameister und ganz Spanien freut sich. Der Rest hatte wohl Mitleid mit den Italienern, die gleich zu Beginn zeigen wollten, dass sie gewillt waren, mitzuspielen. Hätte es nicht schon frühzeitig in ihrem Tor eingeschlagen, wer weiß, wie die Chose gelaufen wäre. Andererseits, an diesem Abend lief alles für die Spanier, alles gegen die Italiener. Spätestens dann war es zu bemerken, als die Italiener nach 70 Minuten einen Spieler vorgeben mussten, da ihr Austauschkontingent längst erschöpft war und Thiago Motta (der nach seiner Einwechslung gerade mal 3 Minuten am Feld war) verletzt vom Feld humpelte. Zuvor erwischte es Abwehrrecke Chiellini und Stürmer Cassano. Tja. Was soll man da machen? In diesem Fall dürfte wohl auch kein Abschreiten des Jakobsweges geholfen haben. Die Götter haben entschieden.

Wer soll also die Spanier jemals besiegen können? Und – viel wichtiger – welche Schlüsse ziehen die Trainer? Dass Pressing und Raumaufteilung ohne Ball die halbe Miete ist? Bedeutet natürlich, dass die Spieler die Kondition eines Pferdes brauchen. Aber mit ein wenig Training geht das schon. Als nächstes wird sich jeder Trainer die Frage stellen, ob er nicht gleich die Spieler der »Vize-Meistermannschaft« als Team aufstellen soll. Man sehe sich hier nur die deutsche Elf an, die mit 8 Spieler von Bayern München angereist kam. Warum der gute Löw nicht auf die Spieler von Borussia Dortmund setzte? Die haben immerhin alles gewonnen, im Gegensatz zu den Bayern, die so ziemlich alles verloren haben: Meisterschaft, Pokal, Champions League. Und jetzt auch noch das Halbfinale gegen Italien. Es wird seine Zeit brauchen, bis die Spieler diese Niederlagenserie aus den Köpfen bekommen. Gut Ding braucht Weile. Ja, ja.

Apropos Löw-Truppe. Vielleicht muss die deutsche Elf ja froh sein, gegen Italien mit 2:1 ausgeschieden zu sein. Man stelle sich vor, sie wären ins Finale gekommen. Wieder dieses Sommermärchen-Gezeter in den deutschen Landen und all diese Vorfreude, all diese Jubelstimmung. Und dann die kalte Dusche (wobei, bei diesen iberischen Temperaturen, die im Land herrschen, wäre so eine kalte Dusche ja geradezu eine Wohltat). Freilich, im Fußball ist ja bekanntlich alles möglich und vielleicht hätten die Germanen die Iberer niederringen können – aber um ehrlich zu sein, daran denke ich kein Sekündchen. Gegen die Spanier ist (noch) kein Kraut (!) gewachsen.

In der WM-Qualifikation für Brasilien 2014 bekommen es die Spanier übrigens wieder mit den arg zerrütteten Franzosen zu tun, die schon im Viertelfinale keine sonderliche Gegenwehr zeigten. Der Rest – Weißrussland, Georgien, Finnland – darf als Sparing-Partner auflaufen. Vermutlich stellen sich die Spieler schon um Autogrammkarten bei Torres und Iniesta an. Wer soll also den Doppel-EM-Meister wirklich herausfordern können? Ich bitte um Ihren Einwurf!

Ich gebe zu, dass ich den Italiener zu viel zugetraut habe. Vielleicht hat mich auch die mentale Stärker der Spanier überrascht, die frech und forsch am Platz agierten und mit ihrem Auftreten zeigten, dass sie den Pott holen wollten. Die Italiener hielten diesem Psycho-Krieg stand. Aber nach den ersten beiden Toren konnte man deutlich sehen und spüren, dass der Zug Richtung Spanien abgefahren ist. Damit wird es auch weiterhin schnarchnasigen Tiki-Taka-Überfußball geben, zumal die spanische Elf sicherlich in den medialen Himmel gehoben wird. Es erinnert ein wenig an die Übermacht eines reifen Michael Schuhmachers in der Formel I. Für seine Fans war die Dominanz einfach Zeichen seines Könnens, seines Talents, für den Rest war es einfach nur öd, diese kreisenden Siegesfahrten verfolgen zu müssen.

Förderte das EM-Turnier wenigstens positive Überraschungen zutage? Freilich. Zum Beispiel, dass die Italiener offensiv und mit zwei Freigeistern in der Spitze (Cassano & Balotelli) spielten. Angriff ist die beste Verteidigung, sagte sich Trainer Prandelli, als er merkte, dass es mit der italienischen Hintermannschaft nicht mehr weit her ist. Die nächste Überraschung war das Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Italien. Ein munteres Spielchen, wie man es gerne sieht. Im Gegensatz dazu stolperten die Holländer über ihr eigenes System-Dogma und schieden ohne Punkte bereits in der Gruppenphase grandios aus. Überhaupt, all die Sterne von einst – England, Frankreich, Niederlande – kommen einfach nicht in die Gänge. Sie haben einen guten bis ausgezeichneten Kader, aber auf dem Fußballfeld sieht man kein Team agieren, sondern nur 11 Spieler, die allesamt nur eine vage Ahnung haben, von dem, was sie tun sollen.

Jetzt gehe ich ins Bett. Die Euphorie des Finalspiels hält mich einfach nicht wach.

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