richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Reichtum und Schmutz, anno 2012

Je größer der Reichtum, desto größer der Schmutz.
John K. Galbraith

Heute Morgen in die Augenambulanz der Barmherzigen Brüder im 2. Wiener Gemeindebezirk gefahren. Nichts allzu Schlimmes, nur eine Infektion, die aber doch unangenehm zwickte. Ich wusste schon was folgen würde und so war es auch. Die (hübsche und junge) Augenärztin verschrieb mir Augentropfen und entließ mich. Während ich die rund 1 Stunde zuwartete, aufgerufen zu werden, las ich in Galbraiths Gesellschaft im Überfluss aus dem Jahr 1957. Wenn man seine langen und breiten Ausführungen zur Seite schiebt, dann kristallisieren sich Fragen heraus, die wir in den letzten 50 Jahren verabsäumt haben, zu beantworten. Galbraith sah den amerikanischen Wirtschaftsaufschwung mit Sorge. Weil die (damalige) herrschende Obrigkeit ihr Hauptaugenmerk auf den (privaten) Produktionszuwachs legte und dabei die (öffentlichen) Aufgaben vernachlässigte. Auf den Punkt gebracht: neue Automodelle, die sich nur noch im Design unterscheiden, werden dem potenziellen Konsumenten unter viel Getöse aufgeschwatzt, während die Straßen, Schulen und Gärten vernachlässigt werden, weil dafür kein Geld vorhanden ist. Am beeindruckensten seine über viele Zeilen gehende – zynisch-ironische – Gegenwarts- und Zukunftsdeutung eines Familienausflugs:

»Die Familie, die ihr lilakirschrotes, automatisch geschaltetes, automatisch gebremstes, mit raffinierter Luftheizung und -kühlung ausgestattes Auto aus der Garage holt, um einen Ausflug zu machen, fährt durch Orte mit schlecht gepflasteten und ungereinigten Straßen, verfallenen Häusern, scheußlichen Reklameschildern und Hochspannungs- und Telegrafenmasten, deren Leitungen man längst schon unter die Erde hätte verlegen müssen. […] Unsere Familie genießt am Ufer eines verdreckten Flusses die köstlichen Konserven […] entschlummert unter dem Dach ihres Nylonzeltes, umgeben von dem Gestank faulender Abfälle […]« [entnommen: John K. Galbraith, Gesellschaft im Überfluss, Droemersche Verlagsanstalt, München, 1959]

Natürlich können wir in Europa – vorrangig auf der Insel der Seligen – davon ausgehen, dass die Angelegenheit, dank Sozialpartnerschaft und Sozialismus nicht auf die schiefe (sprich: profit-orientierte) Bahn geriet. Aber ich befürchte, wie man an Griechenland und Italien gut sehen kann, die (sozialistische) Watte ist aufgebraucht – von nun an ist es der technokratisches Terror, der über die Welt hereinbricht und sich seinen Weg bahnt. Wenn es keine Zeitungsente ist, dann soll Rom bereits daran denken, altehrwürdige und geschichtsträchtige Bauten, wie das Kolosseum, privatwirtschaftlich auszuschlachten. Unter der Hand werden ja sowieso bereits in Gemeindebesitz stehende Objekte verkauft und zurückgepachtet (Lease back). Ja, was soll man sonst tun, heißt es achselzuckend, wenn das Geld fehlt. Ja, Geld scheint immer zu fehlen. Ist das Wirtschaftssystem, das wir uns ausgesucht haben, auch nicht besser, als jenes, das 1989 im Osten dieser Welt zu den Akten gelegt wurde? Es steht zu befürchten.

Galbraith sah bereits in den 1950ern dunkle Wolken am Horizont aufziehen. Das soziale Gleichgewicht lag ihm am Herzen. Mit anderen Worten: Wenn der Fokus hauptsächlich auf privatwirtschaftlich orientierter Produktion liegt (Wirtschaftswachstum!) und die öffentlichen Einrichtungen verknappt werden, dann leben wir zwar in einem materiellen Überfluss, aber die breite Masse degeneriert ungesund und unmotiviert dahin. Gut, vielleicht ist das auch in Ordnung für eine elitäre Obrigkeit, die sich mit dem Pöbel nicht befassen will. Apropos. Als ich heute Früh in der U-Bahn stand, da musste ich bemerken, dass viele der Fahrgäste mit ihrer Nase in der Gratiszeitung steckten. Tja. Auch so kann man das kulturelle und geistige Niveau einer Bevölkerung auf lange Sicht senken. Diesbezüglich kann ich nur Günter Wallraffs Zeugen der Anklage empfehlen, der zeigt, wie das deutsche Boulevardblatt BILD Nachrichten macht – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Dass die österreichische Kronen Zeitung erwischt wurde, ein ge-photoshoptes Foto zu veröffentlichen, um Öl ins syrische Feuer zu gießen, zeigt, wo die Presse gegenwärtig steht.

Übrigens, laut einer Studie besitzen rund 92.ooo Privatpersonen ein (vermutlich unversteuertes) Vermögen von etwa 8 Billionen Euro, geparkt auf anonymen Konten in der Schweiz, den Cayman Inseln usw. Die unversteuerten Beiträge machen zwischen 15 und 26 Billionen Euro aus. Nur für den Fall, dass Sie meinen, es ginge alles mit rechten Dingen zu, in der Welt der seriösen Anzugträger. Ja, vielleicht war es wirklich längst an der Zeit, mit meinem Con$piracy Buch ein Statement abzugeben. Immerhin, ich habe eines abgegeben. Dabei sein ist bekanntlich alles, nicht?

P.S.: Wenn Sie sich jetzt sagen, dass alles nicht so schlimm wäre, weil Sie den Schmutz nicht sehen können, der von all dem Überfluss herrühren soll, dann würde ich sagen, dass es damit zu tun hat, dass wir die schmutzig-gefährlichen Produktionsstätten ausgelagert haben. Globalisierung heißt das Zauberwort. Sieht man sich in China, Indien, Pakistan, Malaysia, Vietnam und so weiter um, dann könnte einem richtig gehend kohlenschwarz vor Augen und übel vor Gestank werden. Freilich, das ist weit weg und geht uns nichts an. Ich weiß.

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2 Antworten zu “Reichtum und Schmutz, anno 2012

  1. Heinrich Mittwoch, 1 August, 2012 um 0:40

    Lieber Richard,
    Ihre Artikel machen mich immer sehr nachdenklich und bringen mich auf geniale Ideen!
    Wenn 8 Billionen Euro auf anonymen Konten geparkt sind, richten die doch gar keinen Schaden an. Solange diese geheimen Spardosen nicht geknackt werden und auf den Markt geworfen werden, ist es doch so, als ob es sie gar nicht gäbe. Wenn Staaten also nur die Steuern vermissen, die sie von diesem „Vermögen“ hätten abzweigen können, sollen sie sich doch einfach so viel Geld drucken, wie 8 Billionen gebracht hätten. Dann ist die Welt wieder in Ordnung.

    Erst wollte ich sagen, wie schade es doch ist, dass John K. Galbraith nicht mehr erfahren wird, wie kurz die Überflussperiode auf diesem Planeten insgesamt gewesen sein wird. Da er aber schon 1958 sehr gut erkannt hat, wohin die Reise geht, wird er es 2006 schon gewusst haben, dass die 8 Billionen den Kohl nun auch nicht mehr fett machen.

    Wenn dann bald alle arm sind, gibt es wenigstens keinen Schmutz mehr. Oder?

    Gruß Heinrich

    • Richard K. Breuer Mittwoch, 1 August, 2012 um 8:54

      Stimmt. Theoretisch könnte der Staat Geld ohne Ende drucken, aber das darf er nicht – die Zentralbanken drucken das Geld und verleihen es dem Staat. Also heißt es, der Staat muss Zinsen zahlen, die er nicht bezahlen hätte müssen, hätte er höhere Steuereinnahmen. Ja, diese Entmündigungsmaschinerie der Banker läuft auf Hochtouren. Zuerst waren es die Entwicklungsländer, die immer mehr Schulden machen mussten, jetzt kommen die armen europäischen Länder dran und bald geht es dem Rest an den Kragen. Ob es dann keinen Schmutz mehr geben wird? Eine hübsche Vorstellung 😉

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