richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Blamables und Konspiratives zur FFM12

Wäre ich ein Samurai, der noch ein bisschen Ehre in sich hat, dann wüsste ich, was gestern getan hätte werden müssen. Aber da wir – gottlob – im germanischen Frankfurt sind, darf ich diesen schändlichen Auftritt getrost mit einer Beichte und einem ‚Vater unser‘ abtun. Wie ich hingegen bei WL. und F., die mir eine Bühne boten, meine Ehre wieder herstellen kann, äh, ja, das weiß ich beim besten Willen nicht. Dumm, dass auch noch HS. im Zuschauerraum ausharrte und Zeugin dieser „Schandtat“ wurde. Ob sie es jemals aus dem Kopf bekommen wird, wenn ich sie das nächste Mal – real oder virtuell – treffe? Vielleicht braucht es einen Social Media Cannossa-Gang, ein digitales Mea Culpa. Vielleicht erzähle ich einfach, dass mein Geist von Außerirdischen gekidnappt wurde. Eventuell könnte ich ja noch ein Kapitel in meinem Verschwörungsbuch aufnehmen. So intergalaktische Entführungskapriolen sollen ja hin und wieder vorkommen.Oink. Sollte ich vielleicht jetzt „nach Hause telefonieren“?

Also gut, das war nichts. Wirklich. Die letzten Tage habe ich irgendwo gelesen, dass Verlierer ineressanter wären, als Gewinner. Stimmt. Weil wir alle irgendwann in eine SItuation kommen, wo wir daneben greifen, vielleicht sogar ins Volle. Peinlich, peinlich. Da ist es dann immer so wohltuend, wenn man liest, wie es andere vermasselt haben. Also gut, versuchen wir das gestrige Geschehnis, das ich eigentlich aus meinem Bewusstsein verdrängen möchte, kurz Revue passsieren zu lassen. Gar nicht einfach.

Zuerst einmal frage ich mich, welcher Teufel mich geritten hatte, dass ich dachte, ich könnte improvisieren. Auf einer Bühne. Hätte ich nur die Seiten vorgelesen, die ich vorbereitet hatte, es wäre vermutlich nur eine verständnislose Stille eingetreten und ein befreiender Applaus („‚Ah, endlich vorbei!“). Über den Inhalt eines Textes kann man ja nur schwerlich urteilen, aber über die Vorstellung, die Performance, da sieht die Sache schon ganz anders aus. Gestern wäre ich noch spät am Abend am liebsten in den Frankfurter Erdboden versunken.Schwupp.Jetzt, in Halle 8.0, (USA & Co) wo mich (noch) keiner kennt, kann ich unerkannt bei einem Kaffee abhängen. Interssanterweise wurde ich mit einer New York Review of Books beglückt, wo das Buch von Steve Coll über die Tötung von Bin Laden besprochen wird. Ich muss den werten Leser darauf aufmerksam machen, dass die Sache sich mit größter Bestimmtheit nicht so zugetragen hat, wie Mr. Coll (das Pseudonym eines Ex-Navy Seals, der bei der Aktion „dabei“ war) es lang und breit erklärt. Dass in der Rezension auch noch Bin Laden mit 9/11 in Verbindung gebracht wird, obwohl es keine Beweise dafür gibt (sogar das FBI suchte Bin Laden nicht wegen der Anschläge von 9/11), zeigt, wie Mainstream eben Mainstream bleibt. Deshalb ist es so schwer, durch die Hallen zu schlendern und Bücher bzw. Verlage zu finden, die es ernst meinen, die noch nicht gänzlich von einer Lüge vereinnahmt worden sind. Ob sie hier vertreten sind? Vielleicht. Ich werde meine Augen offen halten.

Wir sehen, meine gestrige Blamage hat eigentlich nichts zu bedeuten, wenn man es im Kontext eines weltweit agierenden Establishments sieht, das nicht das Beste für den gewöhnlichen Bürger im Sinn hat. Die Messe strahlt Zuversicht, Wohlgefallen und Bizness aus. Niemand, der – vorderhand – die Hose herunterlässt und Klartext redet, über die Gegenwart, über die Zukunft, über die Welt. Dadurch fühle ich mich hier auch so fremd. Vermutlich nicht anders wie  sich ein japanischer Samurai auf dem Münchner Oktoberfest fühlen würde. „Oans, zwo, drei, Gsuffa!“

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Eine Antwort zu “Blamables und Konspiratives zur FFM12

  1. Georg Kachel Sonntag, 28 Oktober, 2012 um 21:57

    Beeindrucksvoll geschrieben. Dieser Blog ist unwiederstehlich. Auch die weiteren Texte sind impressive. Weiterposten.

    Die Spammer schmieren einem ordentlich Honig ums Maul. Ziemlich schwierig, solche Kommentare nicht mit stolz geschwellter Brust freizugeben. Aber, tja, alles Chimäre …

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