Ein Gastbeitrag bei PundP

Heute, Freitag, erschien auf dem Blog SteglitzMind von Gesine von Prittwitz (Bio) mein Gastbeitrag zum Thema Self Publishing. Den Artikel in seiner gesamten Länge werde ich in den nächsten Wochen an dieser Stelle spiegeln. Bis dahin werde ich etwaige Kommentare auf SteglitzMind beantworten. Gesine von Prittwitz beschäftigt sich beruflich mit dem Verlagswesen.

Ihre Agentur für Öffentlichkeitsarbeit befindet sich in Berlin. Ihre Webseite ist: www.prittwitzundpartner.de

Kartoffelchips in Zeiten des aufgeklärten Konsumismus

Vor über 25 Jahren gestaltete sich einer der monatlichen Höhepunkt auf solche Weise, dass ich mein säuerlich erspartes Taschengeld in die Hose steckte, in einen Lebensmittelladen stolziert und dort zwischen zwei Kartofellchips mit Paprikageschmack immer zur teuren deutschen Marke griff, während ich die österreichische links liegen ließ. Der Geschmack machte den Unterschied aus. Dann griff ich mir einen Liter Orangensaft im Tetrapack – wenn ich gerade in großzügiger Stimmung war, dann konnte es auch schon mal ein exklusiver Saft in der Flasche sein – bezahlte an der Kasse und ging nach Hause. Dort wartete schon ein Clever & Smart Heft (damals gar nicht leicht zu bekommen in einem ehemaligen Arbeiterbezirk) auf mich. Ich machte es mir gemütlich, lümmelte am Bett, las das Comic, aß Kartoffelchips und trank dazu Orangensaft. Ja, das war eine glückliche Zeit, damals.

Vor wenigen Stunden stand ich in einem Lebensmittelladen der gehobeneren Kategorie. Ich besah mir die Regale mit Kartoffelchips. Wie lange bin ich wohl davor gestanden? Wie lange habe ich mal das ein, dann das andere Säckchen in die Hand genommen, umgedreht und gelesen, was denn da so für Weichspüler, pardon, Geschmackszusatzstoffe verwendet wurden. Ich verglich die Preise. Ich verglich die Verpackungen. Da gibt es die Eigenmarkenprodukte, die günstig zu haben sind. Ihre Verpackung schreit es förmlich hinaus: ICH BIN BILLIG! Dann gibt es die Mittelständler. Nicht mehr billig, aber noch nicht schweineteuer. Ja, und dann kommen die Exklusiven, deren Verpackung entweder scheinbar schlicht oder gläzend grell designt sind. Sie protzen mit „Aufklebern“, die besagen, wie „gesund“ diese Kartoffelchips nicht sind. Eine Reihe, wenn ich mich recht entsinne, gibt vor, dass ihre Kartoffel von Hand frittiert wurden. Hm. Wollen wir das glauben?

Jedenfalls versuchte ich im Kopf eine optimale Lösung mit den folgenden Kriterien zu finden:

– Zusatzstoffe, die nicht einem Chemielabor entsprungen sind,
– ein Preis, der für Herz und Hirn vertretbar ist,
– eine gutes Gefühl, ökologisch richtig gehandelt zu haben (inländische Kartoffeln).

Ich habe mich wirklich bemüht, eine optimale Lösung zu finden. Aber ich fand sie nicht. Ich hätte natürlich frei nach Mundl Sackbauer sagen können „Is eh wurscht“ und mir die Packung um € 2,49 / 150 g nehmen können. Aber dann stand da auch noch ausgeschildert, was das Kilo gekostet hätte und da fragte ich mich dann, ob man den Kauf von industriell gefertigten Kartoffelchips unterstützen soll, die mit Apothekerpreise aufwarten, während man weiß, dass es kleine Kartoffelbauern nicht leicht haben, über die Runden zu kommen. Tja.

Wie man es auch dreht und wendet, manchmal beneide ich ja jene Leutchen, die sich keine Gedanken über die Umwelt und ihre Gesundheit machen. So wie der Raucher, der zwar weiß, dass jede Zigarette ziemlich hässliche Sachen mit seinem Körper anstellt und trotzdem genüsslich an jedem Glimmstengel zieht. Beinahe bin ich versucht zu sagen, dass die reflektierten und nachdenklichen Menschen heutzutage die großen Verlierer sind. Es ist, als würde man auf einer Party der einzige nüchterne Kerl sein. Während sich um einen herum die besoffene Meute wie die Tiere aufführen, steht man daneben, nippt an seinem Glas Wasser und schielt nachdenklich zu den Alkoholika. Der einzige Trost, wenn man so will, ist jener, dass man weiß, dass man am nächsten Morgen selig und zufrieden aus dem Bett steigen wird, während die anderen vermutlich glauben, jemand würde ihnen mit einem Hammer auf den Schädel schlagen. Aber wehe, es gibt am nächsten Tag Föhn. Aua.

Madeleine – Das Ende einer Druckfahnenodysee

es läppert sich zusammen: acht eigene, drei fremde, vier geplante Bücher

Heute ist es also wieder so weit. Die Druckerei liefert die Taschenbücher zu Madeleine, dem dritten Teil der Tiret-Saga. Zu guter Letzt. Zwei Jahre verstaubte die Druckfahne in der Lade. Weil ich herausfinden wollte, wie einfach oder schwierig es ist, die Druckkosten über Crowdfunding finanziert zu bekommen. 99 Förderer für je € 25,- war das Ziel. Schlussendlich sind es 58 geworden. Das zeigt, dass man ohne Forcierung (sprich: konsequenter Anbiederung) der Sache nicht weit kommt. Vereinfacht gesagt: Wenn man nicht selbst den Leutchen einen Tritt gibt, rührt (kaum) einer einen Finger. Wobei, das stimmt so nicht. Manch einer hat es dann doch versucht, die Meldung in den Äther zu rufen. Manch eine(r) durchaus mit Erfolg. Eine Kettenreaktion oder Lawine blieb freilich aus. Das war natürlich vorherzusehen. Nicht vorherzusehen war, dass es einer großen Anstrengung bedurfte, um auf etwa mehr als die Hälfte an Förderer zu kommen. Ich hätte mich natürlich noch mehr anstrengen können, um die 99 voll zu machen, aber dann wäre ich wohl der dunklen Seite der Anbiederung und Bettelei verfallen. Wer in solch niederen Angelegenheiten bereits seinen Stolz verbrät, der darf sich nicht wundern, wenn er nur noch als Abziehbild eines Künstlers wahrgenommen wird. Andererseits, der junge Goethe lehnte sich auch weit aus dem Fenster, um die Unmengen an gedruckten Exemplare des Götz, die in seiner Stube lagerten, an den Mann oder Frau zu bringen.

Ein kurzer Blick zurück: Im Juni 2006 erhielt ich mein erstes Buch von der Druckerei. Es hatte keine ISBN und das Cover wurde noch mit bescheidenen grafischen Mitteln erstellt. Freilich, mit InDesign und typografischen Exzessen konnte ich damals schon aufwarten. Es folgten sechs Taschenbücher für mich, drei Bücher für Verlage, zwölf Hochglanz-Spielmagazine, zwei Ausgaben eines Buch-Magazins und eine Vielzahl an Flyern, Foldern und Plakaten. Aufregend ist es freilich noch immer, die Pakete zu öffnen und zumeist ertappt man sich, ein kleines Stoßgebet gen Himmel zu senden, dass man nichts verkehrt gemacht hat.

Wie dem auch sei, die Lieferung kommt ein wenig ungelegen, reißt es mich doch aus meiner Conspiracy-Überarbeitung heraus. Vielleicht hätte ich die gute Madeleine erst im Frühjahr 2013 aus dem Hut zaubern sollen, andererseits, was man erledigt hat, ist erledigt. Vielleicht trifft es sich ja, dass die Verfilmung des Musicals Les Misérables in die Kinos kommt. Gut, der bürgerliche Aufstand in Victor Hugos Novelle findet etwa 40 Jahre nach der allseits bekannten Französischen Revolution von 1789 statt. Faszinierend ist jedenfalls, dass sich einer der Hauptcharaktere Monsieur Madeleine nennt. Wenn das mal kein gutes Zeichen ist. In den USA wird man noch dieses Jahr mit dem frankophilen Epos beglückt, die deutschsprachigen Fans werden sich wohl noch bis Mitte Februar gedulden müssen.

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Viktor Staudts „The Story of my suicide“ an einem Sonntag

Wie lange ist es jetzt her? Auf der BUCH Wien im Jahr 2010, demnach genau zwei Jahre, habe ich Verleger Viktor Staudt getroffen. Er präsentierte seine Kinder- und Jugendbücher, ich meine eigenen Werke. Er sprühte vor Sympathie, hatte immer ein Lachen auf den Lippen und seine Stimme trug kilometerweit, wenn er einen lauthals begrüßte. Vor wenigen Monaten, auf der Frankfurter Buchmesse, da rollte er mir zufällig in einen der Hallen entgegen und ich versprach ihm, am nächsten Morgen bei seinem Messestand vorbeizukommen, auf ein Schwätzchen. Ein prächtiger Kerl, der gute Viktor. Er hat das Herz am rechten Fleck. Unsere eingehende Plauderei dauerte etwa eine Stunde. Nach dem wir über die Welt und die konspirativen Machenschaften befanden, zeigte er mir sein gerade in Holland publiziertes Buch, das die Geschichte seines Selbstmordversuchs, dem Davor, dem Danach, eindringlich schildert. Hier ein Interview, das er für das holländische TV gab – deutsch untertitelt:

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Es gehört viel Mut dazu, solch einen persönlichen Text in die Öffentlichkeit zu bringen – und doch ist es ein richtiger und wichtiger Schritt. Soweit ich weiß, gibt es bereits Interesse von deutschen Verlagen, das Buch in einer übersetzten Version zu publizieren. Gut möglich, dass es dann – wie in Holland – für kurze Zeit in den Mainstream-Medienkanälen erlaubt sein wird, über Depression und Selbstmord zu sprechen. Über Hintergründe und Ursachen wird natürlich nachgedacht und gerätselt – einen Erklärungsversuch gibt es von Prof. Robert Sapolsky von der Stanford University, der die Meinung vertritt, dass Depression eine »echte biologische Krankheit« ist wie zum Beispiel Diabetes und in den USA bereits die vierte Stelle in der Liste von Gründen für Erwerbsunfähigkeit einnimmt. Einen einigermaßen leicht verständlichen Vortrag von ihm in englischer Sprache kann man sich hier angucken: youtube

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Und weil es Sonntag ist und die Sonne scheint, gilt es, ein wenig zu flanieren, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, ins Café zu gehen. Danach gilt es dann wieder mit aller Kraft an Con$piracy weiterzuarbeiten. Weil ich insgeheim die Vermutung hege, dass Burn-out genauso in unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem implementiert ist wie die Wirtschaftskrise. Kurz und Knapp: Wenn man dem Menschen Freiheit und Kreativität raubt, verkümmert er zu einem Sklaven, dessen einzige Lebenskraft sich aus der Hoffnung nährt, die Ketten abzuschütteln respektive seinen Meister zu entfliehen bzw. zu töten (Tarantino setzt das Thema ja in seinem neuesten Film blutgewaltig in Szene: Django unchained). Aber was kann der Sklave machen, wenn er bemerkt, dass er es selbst ist, der sich die Ketten angelegt hat und er somit sein eigener Meister ist? Wobei, so einfach ist es nicht. Es ist das System, dass den Einzelnen zwingt, die Ketten anzulegen. Es klingt weit hergeholt, ich weiß, aber es ist so. Wirklich.

Nach dem Wiener Spielefest 2012

Spielefest 2012

So! Damit ist also das Wiener Spielefest 2012 auch für dieses Jahr Geschichte. Drei Tage lang habe ich meine Bücher und das Spielemagazin frisch gespielt angepriesen und Interessierten näher gebracht. Dabei wieder bemerkt, dass Rotkäppchen 2069 noch immer ein zugkräftiges Äußeres an den Tag legt. Grund genug, wieder intensiver an Rotkäppchen 2069B zu denken. Schwarzkopf in Wien zu »besingen« scheint mir, als würde ich Eulen nach Athen tragen. Dass der Marketingleiter von Pegasus Spiele zur Wiener Krimicomedy griff, ist verständlich. Als Schwabe schätzt er den Wiener Schmäh dann doch sehr. Dass ein Hofrat der Wiener Polizei zu der Revolutionssaga Tiret und Brouillé tendierte hat nicht mit Humorlosigkeit zu tun, sondern damit, dass dieser ein Geschenk suchte. Na bitte. Mit einem anderen Hofrat (hach, wie schön das klingt, im Wienerischen) lang und breit geplaudert. Gute alte Zeit kann ich da nur sagen. Mit einem CoSim-Trainer über Tabletop-Spiele befunden, die mich schon immer faszinierten – gespielt habe ich bis dato noch keines. Für die Spielefreak-Community gibt es natürlich auch einen Social-Media-Kanal und nennt sich boardgamegeek – beeindruckend, was man da so alles findet. Eine (Spiele)Welt für sich. Da fällt mir ein, dass K., unser Spielehistoriker mit leuchtenden Augen erzählte, dass es »der schwebende Turm« war, der ihm die Welt zum Schach eröffnete. Diesen unsterblichen Spielzug setzte im Jahr 1895 der damalige Meister seines Fachs, der Wiener Wilhelm Steinitz, aufs Schachbrett. Dass Steinitz kein umgänglicher Mensch war, ist eine andere Geschichte. Apropos. Dass Charaktere mit den Namen Steinitz und Tschigorin in Band III Madeleine eine Rolle spielen, mag nach einem Zufall klingen. Ist es freilich nicht.

So. Morgen, Montag, heißt es wieder in konspirative Gedanken abzutauchen und an Con$piracy weiterzuarbeiten. Es wird Zeit.