richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Das Problem mit der kindlichen Kreativität und dem sozialen Verhalten der Bürger – zwölf Tage vor Weihnachten

Ich saß mit der kleinen L. und ihren Eltern bei Tisch. Sie malte in einem Buch recht bunt einen Weihnachtsmann aus. Plötzlich hob die kleine L. den Kopf und fragte: »Gibt es den Weihnachtsmann wirklich?«

Interessant, dachte ich mir, dass dieses kleine Mädchen bereits einen Unterschied macht, zwischen wirklich und unwirklich, zwischen echt und unecht. Es beeindruckt mich immer wieder, wie Kinder die verquersten Schlüsse ziehen, mit Warum-Fragen die Erwachsenen in den Wahnsinn treiben und trotzig darauf bestehen, dass sie recht haben. Irgendwann, vermutlich mit dem Kindergarten und der Volksschule beginnend, werden den Kindern die kreativen Gedankengänge ausgetrieben und sie zu biederen, braven und bequemen jungen Bürgern geformt. Hinterfrage das Bestehende nicht. Hinterfrage die Obrigkeit nicht. Gib eine Ruhe. Quäle nicht jene, die wissen, was für dich das Beste ist. Was du sonst anstellst, ist uns egal – so lange du in erster Linie durch Konsum deine Individualität auslebst. Wenn der junge Bürger dann zum ersten Mal zur Wahlurne schreiten darf, ist sein Hirn nur noch Matsch und beliebigst manipulierbar.

Natürlich klingt das wieder für viele aufrechte Bürger und nachdenkliche Eltern nach der üblichen Schwarzmalerei. Gut. Zugegeben, es gibt Lichtblicke da und dort. Es gibt Ausnahmen der Regel. Und nein, ich habe keine Kinder. Aber ein starkes Indiz wäre da Sir Ken Robinson, der sich eingehend mit der Kinder-Schule-Kreativitäts-Problematik beschäftigt – am besten man hört sich seinen TED-Vortrag an. Er ist witzig und lehrreich und es gibt Untertitel und ein Transcript in deutsch.

Diese Beispiele zeigen, dass Kinder bereit sind, etwas zu riskieren. Wenn sie es nicht wissen, probieren sie es einfach. Nicht wahr? Sie haben keine Angst, etwas falsch zu machen. Ich will damit nicht sagen, dass etwas falsch zu machen bedeutet, kreativ zu sein. Wir wissen aber, dass wer nicht bereit ist einen Fehler zu machen nie etwas wirklich Originelles schaffen wird. Wenn man nicht bereit ist, Fehler zu machen. Und wenn sie erst erwachsen sind, haben die meisten Kinder diese Fähigkeit verloren. Sie haben Angst, Fehler zu machen. Und, nebenbei, wir machen das in Firmen genau so. Wir stigmatisieren Fehler. Wir haben heute nationale Bildungssysteme in denen Fehler das Schlimmste sind, was man machen kann. Und das Ergebnis ist, dass wir den Menschen ihre kreativen Fähigkeiten weg-unterrichten. Picasso hat mal gesagt: Alle Kinder werden als Künstler geboren. Das Problem ist ein Künstler zu bleiben während man aufwächst. Ich bin nun überzeugt, dass wir nicht in die Kreativität hinein wachsen sondern aus ihr heraus. Oder wir werden vielmehr heraus-unterrichtet. Warum also ist das so?

TED Feb 2006: Ken Robinson says schools kill creativity (link)

*

Ein zweites Indiz ist in einem Artikel des britischen Psychologen Theodore Dalrymple (sein Schriftsteller-Name) im Wall Street Journal zu finden. Dalrymple beschreibt darin die Auswüchse jugendlicher »Scheißegal«-Mentalität in  Großbritannien und wie das soziale Umfeld bzw. die Umwelt leidet. Auch ich habe mir schon oft Gedanken gemacht, dass Schmutz und Abfall auf den Straßen ein Zeichen von antisozialem Verhalten sind. Ich glaube mich zu erinnern, dass es vor dreißig Jahren noch undenkbar gewesen wäre, dass ein junger Halbstarker eine Zeitung im hohen Bogen von sich geworfen hätte. Hätte er es getan, die Wahrscheinlichkeit wäre groß gewesen, dass ihn jemand an den Ohren gezogen und gezischt hätte, er solle das aufheben, sonst setzt es was. Ich möchte keine Diskussion über das Ziehen von Grenzen für Kinder und Jugendliche lostreten, ich möchte nur auf den Fakt hinweisen, dass es eine breite Masse an Kinder und Jugendlichen gibt, die sich, pardon, einen Scheißdreck um ihre Umwelt kümmern. Vermutlich wäre mir als Kind die Umwelt auch piepegal gewesen, aber ich wusste, was ich tun durfte und was nicht. Freilich, das hinderte mich nicht daran, mit meinem Freund einen älteren Herren eine Weile zu piesacken oder ein paar Münzen aus der Familienschatulle zu stibitzen.

Vor wenigen Tagen, an einer überfüllten Busstation in Nottingham, begann ein dicker Junge, der um die 13 alt Jahre war, einen Freund mit Essen zu bewerfen. Einiges hätte mich beinahe getroffen und landete am Boden, direkt vor mir, und machte Müll.

»Entschuldige«, sagte ich zu dem Jungen, »könntest du das aufheben?«

»Halte das verdammte Maul! [Shut the f*** up!]«, schnauzte er mit einem wirklich hasserfüllten Gesicht zurück.

Aus den Mündern von den Kleinsten und Säuglingen, in England, kommen Obszönitäten. Keiner an der Busstation traute sich etwas zu sagen, noch weniger, etwas zu tun. Mehr noch, die Engländer sind ein Volk, das weder innere noch äußere Zurückhaltung kennt. Sie werden aggressiv, wenn nicht sogar gewalttätig, in dem Moment, in dem ihnen Einhalt geboten wird, und sogar dann, wenn es nur um Trivialitäten geht. Und jene, die weder aggressiv noch gewalttätig sind, können in keinem Fall sicher sein, dass das Gesetz auf ihrer Seit ist, falls es zu einer Reiberei kommt. Es ist demnach besser, oder einfacher, für sie, erst gar nichts zu bemerken, auch wenn es bedeutet, in ständiger Angst zu leben.

Theodore Dalrymple: The Ugly Brutishness of Modern Britain [link]
A demotic egalitariansim, allied with multiculturalism, has rendered civility passé.
[meine Übersetzung]

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Als drittes Indiz sehe ich den erbärmlichen Zustand kreativer Menschen in einem freien Markt, der ihnen jede besonders motivierende Entfaltungsmöglichkeit nimmt und sie in ein brutales Hamsterrad zwingt. Ein gutes Beispiel ist der Beitrag einer freien ORF-Mitarbeiterin, die völlig kaputt und ausgebrannt ist, weil sie für ihre kreative Radio-Tätigkeit nur einen Hungerlohn erhält – im Vergleich dazu würde eine Anstellung bei einer österreichischen Diskonter-Kette (25 Stunden) einträglicher sein. Auf diese Weise wird jedem Jugendlichen klar vor Augen geführt, dass es gar keinen Sinn macht, überhaupt kreativ und wissenshungrig zu bleiben, weil es am Ende doch nicht fürs Leben reichen wird. Besser er mutiert zu einem Konsum-Zombie und tut, was von anderen verlangt wird.

Ich möchte einfach nur arbeiten, denn ich liebe diesen Job. Ich will nichts werden, ich habe keine Ambitionen auf irgendeine Position. Nichts würde mich unglücklicher machen als ein fantastisch bezahlter Verwaltungsposten, der bedeute»n würde, dass ich weg wäre von den Menschen, von den direkten Gesprächen mit Betroffenen, vom journalistischen Tagesgeschäft. Da unterscheide ich mich nicht von meinen Mitstreitern und zahlreichen Mitstreiterinnen. Aber ich kann nicht mehr. Ich bin müde. Sehr müde. Ich kann die Floskeln und die leeren Versprechungen nicht mehr hören. Ebenso wenig wie die Vorwürfe der Verantwortlichen, die uns erst wahr- und ernst genommen haben durch die mediale Berichterstattung, wir würden das Unternehmen schädigen durch unseren öffentlichen Protest. Ich glaube, Sie werden nirgends hingebungsvollere und idealistischere ORF MitarbeiterInnen finden als unter den Freien Ö1- FM4- und TV-Kultur MitarbeiterInnen. Niemand von uns will den ORF schlecht machen. Aber es ist schwierig, ein Unternehmen zu loben, das einen nicht wertschätzt, obwohl man wertvolle Arbeit leistet. Auf Kosten der eigenen Gesundheit, des Privatlebens und der Existenz.

Barbara Kaumfann: Protestmüde [link]

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Im Moment arbeite ich wie ein Berserker an Con$piracy. Plötzlich beginnen die Teile, die zuvor ein wenig unzusammenhängend in der Luft hingen, ineinanderzugreifen. Ein gutes Zeichen, bedeutet es doch, dass ich am richtigen Weg bin. Aber zwei Drittel der Überarbeitung liegen noch vor mir. Warum ich mir das antue? Weil ich glaube, dass jeder das Recht hat, zu wissen, was in der Welt vor sich geht. Das Buch ist freilich nicht der Stein der Weisen. Will es auch gar nicht sein. Ich möchte dem Interessierten einfach nur neugierig und gleichzeitig skeptisch machen. Der Bürger muss sich wieder seiner Möglichkeiten bewusst werden. Er muss sich bewusst werden, dass er selbst Teil einer Gemeinschaft ist. Es gab Zeiten, viele viele Jahre ist es her, da hat der Bürger in einer Stadt an den Regeln und Gesetzen mitbestimmt. Das hatte freilich seinen Preis. Wurde die Stadt angegriffen, musste er zu den Waffen greifen und diese verteidigen. Aber seien wir ehrlich: Würden wir nicht alle liebend gerne etwas verteidigen, das uns am Herzen liegt?

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