richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

And the Oscar goes to … good cop, bad cop

Nach dem ich bereits 2009 (»Schnarch«), 2010 (»wtf«), 2011 (»Banksters of Wall Street«) und 2012 (»Paris«) live über die Oscar-Nacht gebloggt habe, möchte diese hübsche Tradition nicht mehr fortsetzen. Ein Grund mag vermutlich sein, dass ich kein TV-Gerät mehr besitze und mich nirgendwo einladen wollte. Ein anderer Grund hat vermutlich damit zu tun, dass es an der Zeit ist, die Hollywood-Fiktionsfabrikation nicht mehr länger zu beklatschen. Über das Fantasy-Torture-Filmepos ›Zero Dark Dirty‹ (sic!) habe ich erst letztens geschrieben. Ist nicht der Rede wert. Dass der Film mit dem Oscar-Gewinner 2013 Argo (imdb) gemeinsam die altbekannte Manipulation »Guter Cop, böser Cop« spielen, sollte jedem klar sein. Während also der vermeintlich aufgeklärte Gesellschaftskritiker das Bigelow-Epos wort- und geistreich ablehnt – wer möchte sich schon mit einer Auftragsmöderin identifizieren? -, punktet der Film Argo als harmlose Gute-Nacht-Geschichte, die den Zuhörer darüber aufklärt, dass im Iran von 1980 ein unfreundlich-religiöses Regime herrschte und es damals noch Amerikaner gab, deren geheimdienstliche schräge Problemlösung US-Geiseln befreite. Nun ja. Cops sind beide Filme, wenn Sie verstehen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Regisseur Michael Haneke (»Amour«) und Schauspieler Christoph Waltz (»Django unchained«) ihren Oscar abholen durften. Erst heute habe ich gelesen, das Waltz Ende der 1990er einen gewissen Roy Black gespielt und in der Rolle auch gesungen haben soll. Vielseitig, nicht?

Vergessen wir doch jetzt einfach einmal diese Roter-Teppich-Hollywood-Oscarverleihung-Burleske und wenden uns Filmen zu, die wirklich relevant sind. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber es gibt zeitgenössische Kinofilme, die der Wirklichkeit so nahe kommen, dass man es nicht glauben möchte. Ein aktuelles Beispiel ist der Film Branding (ein anderer Titel lautet The Mad Cow bzw. The Red Cow*) aus dem Jahr 2012. Die Kritiken sind vernichtend, der Trailer spricht von einer Verschwörung, zeigt obskure Wesen und lässt den Zuseher eher ratlos zurück. Ist es ein Horrorflick? Science-Fiction-Drama? Wirtschaftsthriller? Und sieht Schauspieler Max von Sydow in der Rolle nicht wie Gott aus? Hm?!

Wahrlich, der Film ist so nahe an der Wirklichkeit, dass der gewöhnliche Bürger nur den Kopf schütteln kann. Am ehesten ist der Inhalt mit John Carpenters They live! (Sie leben! imdb) zu vergleichen, in der die beiden Protagonisten das große Übel durch spezielle Sonnenbrillen sehen. Ach so, ja, dieses ominöse Übel in beiden Filmen ist – mehr oder minder – Marketing, Werbung bzw. das System. »We’ve been trained to love shit«, heißt es in Branding und damit ist eigentlich alles gesagt, nicht? Vielleicht noch, dass Misha Galkin, der Protagonist des Films und Werbefachmann erklärt, dass das Marketing in Russland von 1918 erfunden wurde. Finden Sie das absurd? Ja, vielleicht eine Spur zu weit hergeholt. Aber nur eine Spur. Ach, ich könnte Ihnen Geschichten erzählen. Aber das hebe ich mir auf. Con$piracy, you know! Im Moment bin ich bei meiner Überarbeitung auf Seite 540 angekommen. Ein paar Seiten liegen noch vor mir. Ja, es gibt viel zu sagen – und manches sprengt einfach den Textrahmen. Gegen die systemimmanente Konditionierung ist schwerlich anzuschreiben. Hollywood versucht sein Bestes, damit es mir und anderen nicht gelingt. Und damit schließt sich wieder der Kreis: Roter Platz, Moskau, 1918. Roter Teppich, Los Angeles, 2013.

*) Im Film The Good Shepherd (Der gute Hirte, imdb) bezeichnet ein sowjetischer Überläufer in den frühen 1960ern die UdSSR als eine verfaulende und aufgeblähte Kuh. Funny, nicht?

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3 Antworten zu “And the Oscar goes to … good cop, bad cop

  1. Wolfgang Montag, 25 Februar, 2013 um 11:44

    Guten Morgen! Danke für den erfrischenden Eintrag. Christoph Waltz ist mir erstmals in dieser Roy Black Verfilmung aufgefallen, in dieser Rolle war er einfach grandios! Viele Grüsse Wolfgang

  2. Pingback: And the Oscar goes to … 3 Filmtipps abseits von Hollywood | richard k. breuer

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