richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Das Zeitungssterben oder Die Diskussion, die keine ist

Wir haben es sehr eilig eine telegraphische Verbindung zwischen Maine und Texas einzurichten. Aber Maine und Texas haben sich eventuell gar nichts Wichtiges mitzuteilen. […] Als ob es die Hauptsache wäre, schnell zu sprechen statt vernünftig. Wir bemühen uns eifrig, eine telegraphische Verbindung durch den Atlantischen Ozean herzustellen und die Alte Welt der Neuen um einige Wochen näher zu bringen. Die erste Nachricht aber, die auf diese Weise in das breite, amerikanische Klapprohr hineintröpfelt, lautet vielleicht: Prinzessin Adelheid hat den Keuchhusten.

Henry D. Thoreau
Walden oder Leben in den Wäldern [1854/1922 link]

*

Ich habe dort über unabhängige Presse gesprochen und die These vertreten, daß der Dämon des Geldverdienens nicht nur den bürgerlichen Idealismus im allgemeinen, sondern auch die Wahrheitsliebe der Presse zu zerstören begonnen habe und sie schließlich völlig zerstören werde.
Paul Sethe
Mitherausgeber der FAZ
in einem Brief vom 8. Februar 1957

*

Ein Blog-Artikel zum Thema Zeitungssterben, aufgeschrieben vom Journalisten Richard Gutjahr, hat im Twitter-Universum die Runde gemacht. Man könnte neben dem »Zeitungssterben« natürlich auch über die Illusionsmaschine Social Community nachdenken, die den Einzelnen glauben macht, eine Rolle zu spielen – siehe hierzu diesen Beitrag. Man könnte auch über die Frage sinnieren, was denn nun eigentlich der Unterschied zwischen Information und Nachricht sei. Ist der Keuchhusten von Prinzessin Adelheid eine Nachricht? Diesbezüglich sei auf das bereits Mitte der 1980er erschienene Buch von Neil Postman Wir amüsieren uns zu Tode [Kapitel 5] verwiesen, der sich über diese Fragen Gedanken macht. Zurück zum Blogbeitrag, wo sechs »Medienprofis« über die Zukunft der Zeitung« Stellung nahmen. Man kann sich das Lesen der einzelnen Beiträge getrost sparen, es reicht, deren »Berufsfeld« zu kennen, um zu wissen, wohin die Antwort galoppiert. Und allein, dass genau jene sechs »Medienprofis« ausgewählt wurden, zeigt eigentlich schon, wie es um die Zukunft der Gesellschaft bestellt ist. Niemand von diesen machte sich darüber Gedanken, worum es eigentlich geht. Eine Zeitung zu drucken und – wichtiger – zu vertreiben, kann nur von einer kleinen elitären Schicht betrieben werden – im Gegensatz zu einem Blogbeitrag oder einer Webzeitung. Mit anderen Worten, die Presse ist nicht demokratisch und war es auch nie – ganz im Gegenteil. Ihre Aufgabe war und ist einerseits die breite Masse abzulenken, sie zu ver-amüsieren, andererseits die intellektuelle Schicht zu beeinflussen, auf dass diese wiederum die breite Masse beeinflusst. Der amerikanische Linguist Noam Chomsky widmete der »gesellschaftlichen Konsensherstellung« [manufacturing consent] viele Essays und Bücher – Edward Bernays, der Neffe Sigmund Freuds und »Erfinder« der Public Relations ging davon aus, dass Demokratie nur dann funktionieren könne, wenn eine »intelligente Minderheit« diesen Konsens in der Gesellschaft künstlich herstellte. Diese Überlegungen spielen freilich in der alle Monate wieder erscheinenden Zeitungssterben-Diskussion keine Rolle. Das Schlusswort überlasse ich George Orwell.

Es gab eine ganze Reihe von Abteilungen [im Ministerium für Wahrheit], die wertlose Zeitungen produzierten, die nur Sport, Verbrechen und Horoskope enthielten.«
1984
George Orwell
[meine Übersetzung]

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: