richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Nur eine Märchenstunde für die breite Masse

Bücherstapel im Juni 2013

in der Luft hängende Bücherstapelei

Die allseits bekannte Aktivistin Naomi Wolf schreibt in ihrem facebook-Blog über gewisse Aspekte im Snowden-Fall, die einer genaueren Untersuchung bedürfen. Wolf bemerkt Ungereimtheiten und vergleicht Snowden mit Julien Assange und Daniel Ellsberg, die zwei sicherlich bekanntesten Whistleblower dieses Erdballs. Sie stellt die hypothetische Frage, ob Snowden noch immer auf dem Gehaltszettel der NSA stehen könnte und primär nur ein gut inszeniertes Schauspiel abzieht. Wissen Sie, was ich glaube? Snowden ist genauso ‚echt‘ wie Assange und Ellsberg. Tja.

Der ehemalige Bezirksstaatsanwalt von New Orleans Jim Garrison erzählte einem Fernsehpublikum im Jahr 1967, was es mit Fakt und Fiktion tatsächlich auf sich hat – auch wenn er sich bei seiner Erklärung vor allem auf die Untersuchungsergebnisse und die Berichterstattung zum Attentat auf John F. Kennedy bezog, seine Gedanken sind absolut folgerichtig:

Märchen sind für Kinder nicht gefährlich und sind bis zu einem gewissen Punkt sogar gut für sie. In der realen Welt jedoch, in der Sie und ich leben müssen, sind Märchen gefährlich. Sie sind gefährlich, weil sie unwahr sind. Alles, was unwahr ist, ist gefährlich. Und es ist noch gefährlicher, falls ein Märchen als Realität akzeptiert wird, einfach deshalb, weil es ein offizielles Gütesiegel hat, oder weil ehrbare Männer verkünden, dass Sie es glauben müssen, oder weil mächtige Elemente der Presse Ihnen sagen, dass das Märchen wahr sei.

Ich bin der Meinung, dass es einen Lackmus-Test für Whistleblower gibt: Ist er am Leben und wandelt noch auf Gottes Erdboden und wurden seine Leaks im Mainstream breit ausgewalzt und erhielt er (oder sie) gut dotierte Buchverträge, dann dürfen Sie davon ausgehen, dass eine größere Geheimdienstorganisation die Finger im Spiel hat(te). Ist der Whistleblower hingegen mausetot – zumeist – so heißt es hinlänglich – ertrug er (oder sie) den öffentlichen Druck nicht und ‚erhängt oder erschießt sich deshalb aus dem Leben‘ (suicided, wie es in der konspirativen Fachsprache heißt), dann ist die Wahrscheinlichkeit m.E. sehr groß, dass wir es mit einem echten ‚Verräter‘ zu tun haben. Etwaige Ungereimtheiten des vermeintlichen Selbstmords, unglücklichen Autounfalls oder natürlichen Todes werden natürlich weder von der Polizei noch von den Medien genauer untersucht. Da kann es schon mal vorkommen, dass zwei unterschiedliche Abschiedsbriefe – freilich mit Schreibmaschine getippt – gefunden werden oder dass sich ein Linkshänder mit der rechten Hand erschießt oder dass der Tote den ‚Tatort‘ wechselt. Freilich, die Behörden können jede absonderliche Merkwürdigkeit wegerklären – und wenn diese Erklärungen auch noch so an den Haaren herbeigezogen scheint und wie ein verrücktes Märchen klingt, die ‚freie Presse‘ akzeptiert sie ohne Wenn-und-Aber (analog der Magic-Bullet-Theorie im JFK-Fall).

Es ist gerade diese Märchen-Problematik, die mich veranlasste eine schöpferische Pause gegenüber meinem Sachbuch Con$piracy einzulegen. Wie soll ich dem gewöhnlichen Leser verständlich machen, dass er in einem potemkinschen Dorf lebt, in dem er nur hört, liest und sieht, was eine Obrigkeit, die ‚gebildete Minderheit‘, für richtig und notwendig erachtet? Unsere Gesellschaft lebt in einer fiktiven Märchenwelt – besser gesagt in einem System, das sich eine Märchenwelt umgestülpt hat. Jeder, der versucht, diese Maskerade zu entlarven, läuft Gefahr, sich lächerlich zu machen. Analog einer Kindergeburtstagsfeier, auf der darüber diskutiert wird, ob es der Weihnachtsmann ist, der die Geschenke durchs geöffnete Fenster hereinbringt – oder doch das Christkind. Würde sich nun ein neunmalkluges Kind zu Wort melden und sagen, dass es weder Weihnachtsmann noch das Christkind sei, welches die Geschenke unter den Baum legte, die restlichen Kinder würden sofort wissen wollen, wer es denn sonst tun sollte. Darauf weiß das neunmalkluge Kind aber keine Antwort und zuckt nur beschämt mit der kleinen Schulter, worauf die anderen Kinder lauthals lachen.

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2 Antworten zu “Nur eine Märchenstunde für die breite Masse

  1. zip Dienstag, 25 Juni, 2013 um 2:49

    Ich mag deine Überlegungen.

    Das beweist einen souveränen Geist.

    Aber wenn du noch weiterdenkst.

    Und Wetterkrieg, Chemtrails, elektromagnetische Waffen und all das spinnerte Zeugs, das heutzutage durchaus machbar und logisch ist,
    (alles was gemacht werden kann, wird gemacht werden)
    thematisierst,
    dann bist du nur noch ein üblester verschwörungsspinner

    LLLLOLOZZZLOOL

    • Richard K. Breuer Dienstag, 25 Juni, 2013 um 7:52

      Nun ja, (vermeintliche) Verwchwörungstheoretiker müssen sich immer im Klaren sein, dass ihr Publikum, dank jahrelanger und jahrzehntelanger Konditionierung, im Geiste Kinder sind, die das potemkinsche Dorf, das sie umgibt, nicht einmal im Ansatz erfassen können. Deshalb ist es m.E. sinnvoller, langsam und stetig in die Gedankenwelt der ‚Kinder‘ einzuwirken und nicht brachial und brutal. Das Wasser, wie man so schön sagt, höhlt den Stein. Moderner: step by step. Das ist natürlich eine Binsenweisenheiet, aber ich denke, trotzdem sehr wahr – wenigstens in diesem Fall.

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