Die Wiener Welt nach Dirk

Stermann_Buch_2013
launiges zum tage

Gestern das gefundene Buch 6 österreicher unter den ersten 5 von Dirk Stermann ausgelesen. Es ist der Roman einer Entpiefkenisierung – so steht es jedenfalls am Cover – und der Protagonist heißt folgerichtig Dirk und kommt aus Duisburg. Ich habe jetzt keine Ahnung, wie nahe dieser Roman Stermanns Leben kommt – als Leser sollte man bekanntlich nicht den Fehler machen, im Protagonisten den Schriftsteller zu sehen – das gilt vor allem bei Romanen. Wie dem auch sei, ich halte das Buch für gefährlich. Weil die Leserschar – davon gehe ich jetzt einfach mal davon aus – jung, bildungsnah-studentisch, hoffnungsvoll-fröhlich und weltverbesserisch-ambitioniert ist. Das sind die allerbesten Voraussetzung, um sie zu beeinflussen.

Bereits nach sieben launig-humorvollen Seiten, über die Befindlichkeit eines jungen Deutschen in Wien, kommt es zu einem harschen Wechsel und das Kapitel wechselt ins Politische. Natürlich hat jeder Mann und jede Frau das Recht, ihre historisch-politischen Ansichten zu Papier zu bringen – aber in einem Roman, der (scheinbar) Autobiographisches mit Fiktivem vermischt, ist ein realitätsnahes Politisieren nicht angebracht. Gewiss, das ist meine Meinung, die ich mir anmaße. Milan Kunderas Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins – zufälligerweise zur gleichen Zeit mit Stermanns Buch am Lesetischchen gelegen – scheint mir dahingehend Recht zu geben, als dass der Autor seine politische Anschauung (Prager Frühling und der Kommunismus) nicht in den Mund fiktiver Protagonisten legt, sondern mit seiner eigenen Stimme wiedergibt. Das ist jedenfalls mein Eindruck – und ich würde Kunderas Buch gar nicht als Roman einordnen, sondern eher als literarische Versuchsanordnung.

Zurück zu Stermanns Entpifkenisierung, die in einem deutschen Verlagshaus veröffentlicht wurde. Ich frage mich ja, ob es eine stille Abmachung gibt, die besagt, dass deutschsprachige Autoren, die autobiographisch Gefärbtes zu Papier bringen, auch ihr Näschen einerseits in die nahe germanischen Vergangenheit, andererseits in die gegenwärtige Parteilandschaft stecken müssen. Ich halte ja rein gar nichts von politisch recht vagen Zuordnungen wie Rechts, Links, Mitte und den Beifügungen wie liberal, konservativ oder populistisch. Dass sich diese Zuordnung höchstwahrscheinlich während der französischen Revolution ergab, erzählte James H. Billington in seinem Buch Fire in the Minds of Men. Damals, im Konvent, saßen vorrangig die ‚katholischen Royalisten‘ rechter Hand (‚zur rechten Hand Gottes‘), die ‚gottlosen Jakobiner‘ linker Hand und die opportunistische Mehrheit in der Mitte (‚der Sumpf‘).

Wie dem auch sei, wenn Protagonist Dirk im Roman seine, äh, linksliberale Gutmenschlichkeit ausstreut, dann zwickt es mich unsanft in der Magengegend. Wenn sich hingegen Dirk in historisch-germanischen Gemeinheiten verliert und sich dabei als Richter und Rächer erhebt, ist mir dann doch recht übel. Ich meine, warum politisiert und historisiert dieser Dirk auf eine Weise, die dem Leser das Gefühl vermittelt, es sei alles wahr und richtig und gut? Deshalb ist diese Buch so gefährlich. Weil es jüngere und noch recht unbedarfte – und somit formbare – Leser zur Erkenntnis gelangen lässt, dass das überlieferte historische Weltbild in Stein gemeißelt ist. Mitnichten. Wie sagte Umberto Eco: »Die Geschichte ist das Reich der Fälschung, der Lüge und der Dummheit« (link).

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