richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Die Macht der Gewohnheit, die Angst vor dem Neuen

Wann war es, als ich meinte, dass mein alter PC mit XP läuft und läuft und läuft? In den letzten Tagen mehrten sich die Anzeichen von Altersschwäche. Justament dann, wenn ich gerade kreativst im Text wühle. Plötzlich wird einem wieder bewusst, schmerzlich bewusst, was man an einem einigermaßen einwandfreien „running system“ hat. Die Befürchtung, aus seiner kreativen Phase herausgerissen und um Stunden seiner Arbeit gebracht zu werden, macht einen zaudernd und nervös. Mit einmal wird einem völlig klar, warum ältere Schriftsteller auf ihre liebgewonnene mechanische Schreibmaschine beharren. Nichts, was einem aus dem Fluss bringen kann (wobei, vor technischen Abnützungen ist auch die Maschine nicht gefeit – und wie lange gibt es überhaupt noch Schreibmaschinenbänder?).

Vielleicht ist es auch der tiefe Wunsch des Künstlers und Kreativen, die Realität hinter sich zu lassen. Nur das Werk vor einem, hinter einem, um einen. Ganz und gar eingetaucht im Schaffensprozess. Beinahe könnte man hier sentimental werden, wenn man es nicht besser wüsste. Zumeist ist es nicht das Werkzeug, sondern die weltlichen und vor allem gesundheitlichen Rahmenbedingungen, die Anfang und – vor allem – Ende festlegen. Deshalb ärgert es mich, dass ich dieser – per se – lächerliche Problematik so viel Energie widme. Vielleicht ist es die Angst des Künstlers, nicht mehr künsteln zu können. Weil – so viel ist mir klar geworden – die Gewohnheit ein wesentlicher Aspekt im kreativen Prozess ist. Um beispielsweise einen Text aus dem Ärmel und aufs Papier zu schütteln, braucht es eine „unbewusste“ Mechanik. Nach jedem Halbsatz eine Ziffernkombination in den Äther rufen zu müssen, nun, das führt dazu, dass man keinen geraden Satz fertig denken und schreiben kann.

Der geneigte Leser wird mit alledem womöglich nicht viel anfangen können. Vielleicht weil er oder sie mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität steht und Probleme bei den Hörnern packt. Gut so. Ja, das ist die einzig richtige Herangehensweise. Der Kreative erträumt sich Lösungen, erhofft und erfleht sie. Ihm einen Vorwurf zu machen ist nicht möglich. Würde er mit allen Sinnen in dieser Realität verankert sein, er wäre kein Künstler. Entweder oder.

Vielleicht ist diese PC-Problematik auch nur eine Allegorie auf das Leben und den Hindernissen, die wir zu meistern haben. Niemand hat mich gezwungen oder gebeten, Texte und Bücher zu fabrizieren. Niemand. Jedenfalls niemand im Hier und Jetzt. Mein „Müslein Azadeh“, wenn man so will, hat mir eine Inspiration geschenkt, der Rest ist schließlich und endlich meinem unbändigen Wunsch nach mehr entstanden. Ich glaube, der Künstler und Kreative, er nimmt sich und sein Tun zu ernst, ja, er krämt grämt* sich, wenn er bemerkt, dass ihm niemand dankt.

Ich schreibe diesen Beitrag vor allem deshalb, weil ich daran erinnert werden möchte, an jene Tage, als ich ein wenig verzweifelt, ein wenig seufzend, ein wenig Kopf schüttelnd, kopfschüttelnd*, ein wenig nachdenklich, ein wenig reflektierend all diese und noch mehr Überlegungen anstellte. Einfach deshalb, weil mich ein Softwareprogramm und eine Hardwareteil aus meinem Elfenbeinturm rissen und in die Wirklichkeit stießen. Nun ist es an der Zeit, um sich zu neuen Ufern und brauchbaren Lösungen aufzumachen. Aber zuvor werde ich noch Kaffee trinken und abwarten.

* L. war so freundlich, mich auf hässliche Fehler aufmerksam zu machen und nebenbei merkte sie an: „Die Freiheit des Künstlers ist unantastbar. Artikel 1.“ Na, da will ich nicht meckern 🙂

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