richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Eine (fast) autofreie Mariahilferstraße und die Frage nach der humanen Stadt

Erich Lessing vor seinem Ladenlokal in der Weihburggasse 22

Heute, wie es der Zufall so bestimmt, die Mariahilferstraße aufgesucht, DIE Einkaufsstraße Wiens, wenn man so will. Das Novum, das jetzt zu bestaunen und zu begehen ist, ist die autofreie Zone, vulgo Fußgängerzone. Sie beginnt in der Höhe der Kirchengasse und endet in der Höhe der Andreasgasse, also ein kleines Stück humane Zone, die unsereins zu Fuß zurücklegen darf. Fein.

Dass ich den Autofetisch für so gut wie alles Böse und Teuflische in der Welt verantwortlich mache, hat sicherlich mit dem reifen Alter zu tun und der Nikolaus Laudaischen Einsicht, dass es wichtigere Dinge im Leben gäbe, als immer nur im Kreis zu fahren. Im Übrigen kommt die gegenwärtige politische Impotenz sicherlich auch daher, dass sich die Herrn Politiker niemals getrauen, ein Stück zu Fuß zurückzulegen oder – Gott bewahre – mit dem Pöbel in einem öffentlichen Transportmittel (Bim? Viel zu vulgär!) zu reisen. Für gewöhnlich fahren sie mit dem Lift in die Garage, steigen ins Auto, fahren durch „ihre“ Stadt, parken in der Tiefgarage, fahren mit dem Lift zu ihrem parlamentarischen „Arbeitsplatz“, schlagen eine Zeitung auf und stellen erstaunt fest, dass der Pöbel mit den Busverbindungen unzufrieden ist und eine kleine Gruppe Weltverbesserer um autofreie Zonen kämpft.

Wer sich ein Bild von einer humanen Stadt machen möchte, der muss sich nur an Sonn- und Feiertagen zum Franziskanerplatz, Judenplatz oder Museumsquartier begeben. Dort sollte einem hoffentlich bewusst werden, wie eine städtische Gemeinschaft aussehen könnte, die dem Mensch, nicht einem tonnenschweren Blechhaufen, Priorität einräumt.

Und weil ich heute auch die Hauptbücherei aufgesucht habe, kann ich die Ausstellung über den sozialen Wohnbau des roten Wien der Zwischenkriegszeit (1920 – 1935) sehr empfehlen. Irgendwie dünkt einem, dass sich damals die Herrn Politiker grundlegende Gedanken über das gemeinschaftliche Zusammenleben gemacht haben. Die Mietkosten („Zins“) der Wohnung entsprach etwa 5 bis 8 Prozent eines durchschnittlichen Arbeiterlohns (21 m² für den Singlehaushalt; Mehrpersonenhaushalte zwischen 35 m² und 47 m²), von Doppelverdienern wusste man damals freilich noch nichts.

Schlendere ich durch meine Stadt, bemerke ich die Zwei- vielleicht sogar Dreiklassengesellschaft. Ich denke, in anderen Städten verhält es sich nicht anders. Langsam, aber stetig vollzieht sich der Verfall. Es ist ein Verfall der Werte, der Kultur, der Sprache, der Geistesbildung. Gut zu sehen an der zunehmenden Verschmutzung. Als ich vor bald 40 Jahren das Fahrradfahren lernte, da wäre es einem revolutionären Akt gleichgekommen, hätte man ein kleines Papierstück fallen gelassen. Heutzutage bekümmert es niemanden, ob eine Gruppe Kinder mit voller Absicht die Straßen vermüllen oder Wände beschmieren. Irgendwann in den 1970ern dürfte die Mehrheit entschieden haben, dass Hygiene, Sauberkeit, Ästhetik, Höflichkeit, Respekt und so weiter als Relikt einer totalitären Epoche zu gelten hätte und mit sofortiger Wirkung aus der Erziehung zu verbannen sei.

Durch Zufall letzten Sonntag in der Weihburggasse das hübsche Lokal von Fotograf Erich Lessing bewundert, einem Doyen der althergebrachten Fotografie und mit seinen 90 Jahren sicherlich einer der letzten. Seine Bilder erzählen in beeindruckender Weise von einem Wien, das es so freilich nicht mehr gibt, vermutlich nicht mehr geben wird und – sehr wahrscheinlich – auch nie gegeben hat (ist’s ja doch nur Illusion, mein Kind). Wie dem auch sei, wenn man seine Fotos länger betrachtet – im Schaufenster zeigt ein Bildschirm die besten Schwarzweiß-Illusionen einer vergangenen Epoche – dann kann einem schon recht sentimental ums Herz werden. Ach so, Sentimentalität ist verdächtig, also streichen wir das Wort besser. Ja, eine seltsame Zeit, in der wir leben, nicht wahr?

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2 Antworten zu “Eine (fast) autofreie Mariahilferstraße und die Frage nach der humanen Stadt

  1. kunstfenster Freitag, 16 August, 2013 um 16:50

    Schön, dass es auch andere gibt, die vieles auch so sehen, wie ich.
    Allerdings, ich bin gegen die fußgeherzone in der mariahilferstraße. In amsterdam und kopenhagen hat man weniger ein problem mit den fußgeher als mit den zu vielen radfahrern. Drei ampelintervalle wartezeit für radfahrer bei kreuzungen, das kann auch in wien kommen. Vielleicht entdeckt man dann die schönheit des flanierens wieder. Das stimmt wirklich, wien ist schmutziger geworden, der einzelne scheinbar immer rücksichtsloser. Was hilfts, ich muss mittlererweile an mein herz denken, darf mich nicht zusehr aufregen.
    Liebe grüße!
    Ali

    • Richard K. Breuer Freitag, 16 August, 2013 um 17:54

      Schon möglich, Ali, dass die Radfahrer früher oder später auch zu einem Problem werden. Aber ich sehe es so: das Radfahren birgt persönliche Problemstellen (spätestens dann, wenn dir einer oder eine über die Füße fährt), das Autofahren gesellschaftliche (spätestens dann, wenn die Straße vor deinem und hundert anderer Fenster zu einer Durchzugsstraße wird und du deine Kinder nicht mehr allein auf die Straße schicken kannst und der Smog dir die Luft zum Atmen raubt usw.). Ja, ja, aufregen ist schlecht für die Gesundheit.

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