richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Zwischen gedruckten Zeilen und flimmernden Bildern

Poster für den Film

Poster zum Film „39,90“ via imdb.com

 Nach längerer blog-Abwesenheit wieder ein kleiner Beitrag. Darin soll es nur um die Ausnahmen der Regel gehen, nämlich dass Literaturverfilmung mau sind und dem geschriebenen Original nicht das Wasser reichen können. Eine der Ausnahmen mag sicherlich 39,90 von Frédéric Beigbeder sein. Die letzte Woche das Buch ausgelesen. Zugegeben, es ist ein wichtiges Buch, sozialkritisch bis zum Anschlag und darüber hinaus. Es klärt über die Penetranz der Werbung auf und was diese mit der breiten Masse genauso wie mit dem Einzelnen anstellt. Manche Kapitel stechen im Besonderen hervor, nämlich jene, wo Beigbeder sich nicht hinter der Maske seines alter Egos versteckt, um aus allen Rohren zu feuern und die verlogene und verräterische Werbeindustrie in Schutt und Asche zu legen. Beeindruckend, was er in wenigen Zeilen den Leser an den Kopf wirft. Zahlen und Fakten, die zeigen, dass es mit unserer aufgeklärten Gesellschaft nicht weit her ist. Immerhin lassen wir zu, dass man uns beinahe sekündlich mit Werbebotschaften bombardiert. Soweit ich weiß, gibt es kein Gebot, dass besagte, dass wir uns dem Werbediktat zu unterwerfen haben. Wie dem auch sei, die Verfilmung des Buches ist, für mein Dafürhalten, eindringlicher, härter, brutaler, gewagter. Die Handlung dreht sich – mehr oder weniger – um die Herstellung eines Werbespots für die neue Diät-Joghurt-Linie eines französischen Megakonzerns und zeigt schonungslos, was die Beteiligten hinter der Kamera und in den Vorstandsetagen so über die breite Masse denken. Im Buch heißt es an einer Stelle, dass man die breite Masse nicht für blöd verkaufen soll, auch wenn man sie für blöd hält. Ja, das sind Weisheiten, die man nicht überall zu hören bekommt. Die Schwäche des Buches sind jene Passagen, die den Protagonisten unreif und jünger wirken lassen, als er gemeinhin skizziert wird. Dieser Widerspruch stößt mir säuerlich auf – zu sehr sehe ich den Autor Beigbeder, wie er seine eigenen reifen Gedanken das eine oder andere Mal (sehr gut) dem Protagonisten überstülpt. Und hätte ein französischer „verkokster“ Werbekonzeptionist tatsächlich das berühmt-berüchtigste Buch eines Österreichers gelesen, das (bei uns jedenfalls) am Index steht, um daraus Zitate zu entnehmen, die zeigen sollen, was es mit der Werbeindustrie (und Wirtschaft) in Wirklichkeit auf sich hat?

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Cover zum Film

Poster zum Film „Branded“ via imdb

Apropos Werbeindustrie. Ein ebenfalls beeindruckendes Werk ist Branded (imdb), in der die Macht der Werbepropaganda sehr visuell und sehr „anders“ dargestellt wird (was vermutlich nicht jedermanns Geschmack ist). Die Story rund um einen Werbefachmann, der eins auf den Schädel bekommt und verrückt wird, das heißt, normal, ist wahrlich eine Perle und gehört von jedermann und jederfrau gesehen. Die äußerst schlechte Bewertung des Films auf imdb unterstreicht nur wieder den Umstand, dass der gewöhnliche Bürger gar nicht mehr verstehen kann, was da draußen so gespielt wird – vor allem, wie und auf welche Wesie mit ihm gespielt wird. Goethe sagte ja einst, dass jene Mensche die unfreiesten wären, die sich frei glauben. Tja. So sieht es aus, Mesdames et Messieurs. An dieser Stelle würde ich ja gerne einen längeren Monolog aus dem Film Fight Club zitieren, aber die Sache mit dem Urheberrecht und so, Sie wissen, ja, wie das läuft, nicht? Jedenfalls scheint mir das Buch von Chuck Palahniuk recht langsam zu sein, während der Film von David Fincher aus dem Jahr 1999 abgeht wie ne Rakete und die wiederum das aniviserte Ziel punktgenau trifft. Interessanterweise getrauten sich die Macher des (Hollywood)Films die sozialkritischen Elemente stärker zu betonen – diesbezüglich braucht man sich nur die ersten Minuten anzusehen, um zu verstehen, dass der Protagonist zwar gutes Geld verdient und viele Produkte sein Eigen nennt, aber kein Leben in sich spürt. Vielleicht durften die Filmemacher diese Kritik deshalb so plakativ üben, weil der restliche Film voll von – im wahrsten Sinne des Wortes – schlagkräftigen Argumenten war und mit einem überraschenden Twist aufwarten konnte, der das zuvor Gesehene in einem anderen Licht erscheinen lässt. Nun, in einer Hollywood-Filmproduktion kritische Anmerkungen gegenüber dem bestehenden System zu entdecken, entspricht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Seit September 2001 muss man schon gute Augen haben, um die Nadel(stiche) zu sehen. Erfreulich, wenn man sie ausgräbt. Fight Club wäre meines Erachtens nach 2001 nicht gedreht worden – und falls doch, dann sicherlich „kosmetisiert“ und geglättet. Ein anderer Film-Tipp mit einer Reihe von Nadeln ist The Manchurian Candidate aus dem Jahr 1962 (imdb). Vor kurzem hatte ich über den Film gebloggt und meine Empfehlung ausgesprochen. Kommt selten vor, ich weiß. 

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Im Gegensatz zu den oben genannten Beispielen, ist Orwells 1984 ein gutes Beispiel dafür, dass eine Literaturverfilmung ambitioniert sein, aber den Kern des Werkes nicht freilegen kann. Deshalb sei an dieser Stelle der geneigte Leser daran erinnert, dass er dem Buch im Original eine Chance geben soll. Es gilt nicht jedes Wort oder jeden Satz zu verstehen, sondern die eindringliche Sprachmelodie Orwells. Ja, sie klingt hoffnungslos und verzweifelt. Und das ist eigentlich auch schon die Quintessenz des ganzen Buches. Im Mainstream wird das Buch im gleichen Atemzug mit Überwachungsstaat genannt. Doch das ist nur das Resultat einer politischen Bürokratie, die mit Propaganda und Gewalt herrscht und dem Individuum jeglichen eigenständigen Gedanken herausreißen möchte. Wofür das Ganze? Weil das Establishment eine Welt anstrebt, in „der Sieg auf Sieg, Triumph auf Triumph folgt: ein nicht endender Kitzel des Machtnervs“. Klingt das für Sie jetzt zu abstrakt, zu abgehoben? Gut, dann blenden wir von der Literatur ins wahre politische Leben und zitieren Henry Kissinger: „Macht ist das ultimative Aphrodisiakum“. Willkommen, in der Realität.

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