richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Italienische Befindlichkeiten, anno 2013

Italia FlaggeEine mir gut bekannte Freundin – nennen wir sie Lena M. oder kurz LM, die immer wieder für längere Zeit in Italien lebt und in enger Verbindung mit einer deutsch-italienischen Familie steht, antwortete mir auf die Frage, wie es denn um Italien 2013 so bestellt ist. Ich wollte wissen, was sich – pardon – am Bodensatz des Landes tut. Mainstream und Internet-Apokalyptiker sind für gewöhnlich keine Hilfe, um Licht ins Dunkel zu bringen. LMs Ansichten sind freilich nicht der letzten Weisheit Schluss. Es sind Impressionen, persönliche Eindrücke. Subjektiv durch und durch. Vergessen wir aber an dieser Stelle nicht, dass es Objektivität de facto nicht geben kann, auch wenn es Chefredakteure mancher Qualitätsblätter anders sehen wollen. In den launigen Worten des Wiener Biophysikers und Biokynetikers Prof. Heinz von Foerster hört sich das dann so an:

Die ganze Idee der Objektivität halte ich für einen stumbling-block eine Fußfalle, einen semantischen Trick, um die Sprecher und die Hörer und die gesamte Diskussion zu verwirren, von Anfang an. Denn die Objektivität verlangt ja, soweit ich die Helmholtzsche Formulierung verstehe, den locus observandi. Dort muss der Beobachter alle seine persönlichen Eigenschaften abstreifen und muss ganz objektiv locus observandi!  sehen, wie es ist. Und diese Annahme enthält schon fürchterliche Fehler. Denn wenn der Beobachter alle seine Eigenschaften abstreift, nämlich die Sprache – Griechisch, Lateinisch, Turkisch, was immer -, wenn er seine kulturellen Brillen weglegt und damit blind und stumm ist, dann kann er ja nicht ein Beobachter sein, und er kann auch uberhaupt nichts erzählen. Die Voraussetzungen seines Erzählens sind weggenommen. Auf den locus observandi hinaufzusteigen, heißt: Lege alle deine persönlichen Eigenschaften ab, inklusive des Sehens, inklusive des Sprechens, inklusive der Kultur, inklusive der Kinderstube, und jetzt berichte uns etwas. Na, was soll der berichten? Das kann der ja nicht.

entnommen: ›Im Goldenen Hecht. Über Konstruktivismus und Geschichte. Ein Gespräch zwischen Heinz von Foerster, Albert Müller und Karl H. Müller‹, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 8/1997/1, S. 130f., link zum Artikel

Warum ich überhaupt LM. die Frage nach der gegenwärtigen Befindlichkeit in Italien stellte, hat damit zu tun, dass Dirigent Riccardo Muti während einer Opernaufführung in Rom zu Verdis Nabucco eine kurze ›Rede zur Nation‹ hielt und vom italienischen Publikum mit Standing Ovations bedacht wurde. Ich wollte wissen, wie schlimm es wirklich ist. Hier nun der kurze, aber knackige gedankliche Ausflug über die Zustände in Italien anno 2013, gesehen durch die Brille von LM:

Buon giorno, Richard

Was mir tatsächlich auffällt, ist, dass mehr als früher Häuser zum Verkauf stehen oder dringend Mieter gesucht werden. In Palermo sind extrem viele Leute zum Geld-schnorren unterwegs, nächste Woche bin ich in Rom, da wird das auch nicht anders zu erwarten sein.

Wie die gesamte Lage ist, ist schwer einzuschätzen, Du musst bedenken, dass Italiener schon mehr ›DRAMA-Kings und Queens‹ sind als wir, deshalb singen sich die Opern auch so schön in italienischer Sprache 😉

Wegen eines Hochgeschwindigkeitszuges kommt es in Rom vor den Ministerien zu einem Aufstand, dass du denkst, der Krieg bricht jede Sekunde aus. Das schaukelt sich in die Höhe und alle sind dabei. Später kann man die Geschichte ja wieder umschreiben 😉

Ich denke, so schlimm kann die Lage der Nation noch nicht sein, wenn immer noch ein Viertel der gekauften Lebensmittel im Müll landet.

Großes Gejammere löste auch die IMU auf Eigentum aus (Immobiliensteuer, so was wie bei uns die seit Ewigkeit existierende Grundsteuer, die ja auch jährlich zu zahlen ist, wie mich erst kürzlich mein Herr Großvater aufklärte). Deshalb die vielen Verkäufe von Eigentum).

Es wird viel gejammert rundherum. Am meisten jammern die, die 10 Hütten von irgendwo ›zusammengeerbt‹ haben und diese  – ›steuerneutral‹ versteht sich – über Jahre vermietet haben, wovon die ganze Verwandtschaft gut gelebt hat. Jetzt gibt es halt Einbußen, weil der Tourist nicht gerne kommt, wenn sich neben seinem Häuschen der Müll stapelt und der ganze Mist in der Erde und im Meer und letztlich in ihm selber landet. Gutes Service und Leute, die wenigstens Englisch sprechen wären natürlich
auch kein Fehler … aber der Tourist soll gefälligst italienisch lernen, wo kommen wir denn sonst hin?

Im September machen hier, im Süden Italiens, die Läden die Schotten dicht, da kannst du nicht mehr erwarten, dass das Restaurant am Strand wegen so ein paar Deutschen aufsperrt. Sollten die doch auch im August kommen, wenn Halligalli ist. Aber jetzt: Aus. Schluss. Winter. War eine scheiß Saison!

Ein Herr Muti, der privilegiert ist und gänzlich in anderen Sphären (und im Norden) lebt, mag erschüttert sein über die – überraschende? – Situation: Arbeitslosigkeit, Schulden, Misswirtschaft, Mafia, Politiker, die sich benehmen wie Könige, Korruption, schlechte Infrastruktur …

Aber was ist daran neu und ist die Schuld der schön inszenierten Bankenkrise? Das wage ich zu bezweifeln, aber irgendwer muss ja den schwarzen Peter zugeschoben kriegen. Berlusconi kriegt den nur im Ausland, im Inland hat er viele Fans, weil er die IMU wieder abschaffen will, die Monti eingeführt hat. Wusstest Du, dass Berlusconi Angela Merkel eine culona inchiavabile genannt hat? (= ›eine nicht zu Fi**ende mit einem großen Arsch‹ – in der Vanity Fair Nr. 40 vom 9 Oktober 2013) –  Ja, das ist ein feiner Herr. Seine bezahlten Damen sind ja bekanntermaßen minderjährig und haben sicher ein süßes Hinterteil. Soviel zum Frauenbild der Nation, das ist die Tragödie, aber anderes Thema, sonst höre ich nicht mehr auf … Anmerkung am Rande: Dass es in der Kirche Missbrauch gibt usw. wird in Italien totgeschwiegen, das siehst du nur im deutschen Fernsehen. Wär auch eine gute Geschichte im katholischen Italien.

Das Volk lässt sich ja mit einfachen Mitteln gerne hinters Licht führen. Wir erheben die Mutterschaft zum einzig wahren Glück im Leben und dann halten die Schlampen wieder die Fresse und kochen Pasta. Und BASTA. Gut, wie war Deine Frage? Die Lage der Nation … ich würde sagen, die Kinder werden immer dicker. Hat Muti das auch erwähnt?

Tanti saluti

Eine kleine Anmerkung von meiner Seite ist der Umstand, dass ein Berlusconi, ein Monti, eine Merkel, allesamt nur Handlanger einer kleiner Clique sind, die alle Register zieht. Am ehesten könnte man ›hohe Politik‹ mit dem damaligen Catchen (moderner: Wrestling) am Heumarkt vergleichen. Alles nur Show. Gut gemacht, freilich, aber am Ende des Tages holen sich die Catcher ihren verdienten Lohn ab, gehen nach Hause und hoffen, auch am nächsten Tag wieder in den Ring steigen zu dürfen.

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9 Antworten zu “Italienische Befindlichkeiten, anno 2013

  1. zip Donnerstag, 24 Oktober, 2013 um 23:08

    Nice try.

    Ich google nicht nach „narzisstisch-hitrionischem Gerede von Frauen“, lieber google ich nach „Mario Monti salva italia“.

  2. zip Freitag, 25 Oktober, 2013 um 0:44

    corrigendum: histrionisch-solipsitischem Geschwätz von Frauen

  3. Richard K. Breuer Freitag, 25 Oktober, 2013 um 9:16

    ‚Histrionisch-solipsitischem Geschwätz von Frauen‘ … Hm, ist das jetzt sowas wie ne beleidigend-testosteronische Stammtischwüterei?

    • zip Sonntag, 27 Oktober, 2013 um 1:36

      Nein. Das ist eine kurze Zusammenfassung der Kritik, dass deine gute Freundin, statt auf die Frage nach der wirtschaftlichen Lage in Italien zu antworten, endlose Zeilen über die Sprüche eines alternden Machos verwendet. Wie empörend! Wie relevant! (Übrigens rekrutiert Berlusconi über die Hälfte seiner Wählerschaft aus dem weiblichen Teil des Volkes).

      Und ihre Beobachtungen münden in verkürzte Schlussfolgerungen der Küchenpsychologie. Fettleibigkeit („die dicken Kinder!“), das könnte man wissen, ist kein Indikator für Wohlstand, sondern für Bewegungsarmut, falsche Ernährung und Stress (!>siehe auch Wirkung von Cortisol).

    • zip Sonntag, 27 Oktober, 2013 um 2:15

      Ach ja… Deine Freundin sollte mal einen Blick unter die Motorhaube werfen. Wenn ich – narzisstisch und ästhetisch wie ich nun mal veranlagt bin – ein Auto nur von aussen betrachte, könnte ich auch auf die Idee kommen, dass die Auspuffanlage der Entlüftung der Fahrerkabine dient.

      Danke. Wut abgearbeitet.

  4. Richard K. Breuer Sonntag, 27 Oktober, 2013 um 9:51

    Jetzt mal ehrlich, wie soll ein gewöhnlicher Bürger, egal ob Mann oder Frau, wissen, was in der Welt oder in Italien gespielt wird? Seit ich mich eingehend mit elitären Machenschaften beschäftige, bemerke ich, dass vielleicht eine Hand voll Leutchen bereit ist über den Mainstream-Tellerrand zu schauen. Der Rest „informiert“ sich aus Zeitung und TV und Bestseller-Sachbücher. Dass LM. das „Auto“ nur von „außen“ betrachtet und ihre Schlussfolgerungen zieht, nun, anders gehen wir auch nicht zu Werke. Vielleicht haben wir mehr Informationen zur Hand, aber zu wissen, was in den oberen Machtpyramiden tatsächlich vor sich geht, tja, das können wir nur erahnen. Spekulation, sozusagen. Es ist immer gefährlich, die alleinige Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Hin und wieder muss ich mich selbst an der Nase nehmen und mir sagen: „Hey, nur weil du jetzt zwei, drei Jahre recherchiert hast, heißt das noch lange nicht, dass du weißt, was Sache ist!“

    Am Ende läuft es darauf hinaus, dass wir von unseren persönlichen Erfahrungen zehren oder auf fremde (welche?) An- und Einsichten zurückgreifen. Kurz gesagt, all die kritischen Geister da draußen, puzzeln um die Wette.

    Wütend sollte man aber in keinem Fall werden. Damit spielt man nur dem Establishment in die Hände, das seit jeher die breite Masse gegeneinander ausspielt.

    • zip Freitag, 1 November, 2013 um 5:04

      word!

      was soviel heißt wie: gute zeilen, einverstanden. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass unsere beobachtungen durch den filter unserer 1) biografischen erfahrungen und 2) biologischen dispositionen laufen, und frauen sind halt immer mehr daran interessiert, wer ein alternder lüsterner macho oder ein vielversprechender aufstiegskandidat ist, und bewerten dementsprechend – alpha-or-not-alpha – die gesamte welt etwas (hüstel, sehr) verzerrt.

      zu den biografischen erfahrungen: es laufen hier auf der welt dinge ab, die mit logischen Konsistenzen nicht zu erklären sind. Je nachdem, ob du in einer sozialisation warst, die prinzipielles vertrauen gefördert hat, oder ob du den rankünen deiner eltern gegen dich ausgeliefert warst, wirst du diese vorgänge anders und dementsprechend bewerten. Leidergottes gibt es wenig kinder, die mit einem solch protektiven urvertrauen ausgestattet sind, auch, und vor allem nicht, unter den tätern. deswegen ist es naheliegend, eher der verschwörungsseite zu glauben, weil auch die täter keine sozialisation erlebt haben, die von vertrauen und liebe geprägt war, sondern den ganzen mist von verstellung, lüge, gewalt und täuschung mitmachen mussten und internalisiert haben.

      Nicht ohne Grund gab es von seiten der Machthaber Programme, die sich sehr für Traumatisierung interessiert haben.

      • zip Freitag, 1 November, 2013 um 5:14

        Ach, Nachtrag.

        Es ist eine der größten Lügen des Feminismus, dass Frauen an einer egalitären Geselllschaft interesseriert seien. Gerade Frauen sind aufgrund ihrer biologische Disposition sehr daran interessiert, wer Alpha-Männchen ist und wer nicht (und sie und ihre Nachkommenschaft über den kommenden Winter versorgen kann), und sind deshalb an der Hierarchisierung unter den Männern maßgeblich beteiligt. > sexuelle Selektion

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