richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Demokratie? Eine angenehme Illusion.

Das Establishment dankt

Das Establishment dankt für die kostenlose Werbung, weil „keine Grenzen“ = „Globalisierung 2.0“

Morgen [25.05.2014] wird Europa wählen. Grund genug, darüber ein paar Worte zu verlieren.

»Das Ziel von Wahlen ist gegenwärtig, die Demokratie zu unterminieren. Die Wahlen werden von der PR-Industrie geleitet und diese versucht mit Sicherheit nicht, informierte Wähler hervorzubringen, die rationale Entscheidungen treffen. Sie versuchen Leute zu täuschen, damit diese irrationale Entscheidungen treffen. Die selben Techniken, die verwendet werden, um die Märkte zu unterminieren, werden verwendet, um die Demokratie zu unterminieren. Es ist eine der großen Industrien im Land und deren grundlegende Tätigkeiten gehen unsichtbar vonstatten«, schreibt Noam Chomsky.¹

Falls Sie immer noch der Meinung sind, dass man mit einem Kreuzchen auf einem Wahlzettel den Status Quo verändern kann, dann gehen Sie von der irrigen Annahme aus, dass Sie in einer Demokratie leben, in der das Volk entscheidet. Die Wahrheit, wenn man so will, sieht freilich anders aus, da nicht das Volk, sondern Vermögen (und die damit verbundene Macht) den größten Einfluss auf die politische und wirtschaftliche Realität haben. Vor wenigen Wochen bestätigte eine Studie der Princeton University, dass die USA keine Demokratie, sondern vielmehr eine Oligarchie sei. In den Worten der beiden Professoren: »es zeigt sich, dass die Präferenzen des durchschnittlichen Amerikaners nur einen winzigen, gegen Null gehenden, statistisch nicht signifikanten Einfluss auf die öffentliche Politik haben.«²

Und da die Weltpolitik seit 1945 in Washington gemacht wird, können Sie davon ausgehen, dass kein Land dieser Erde jemals frei war und jemals demokratisch sein wird. Sie können dies gerne in meiner Arbeitsunterlage Con$piracy nachlesen. Will ich Sie jetzt durch diesen Artikel abhalten, wählen zu gehen? Natürlich nicht. Ich werde morgen den Wahlzettel ordnungsgemäß ausfüllen und damit der Welt bekunden, dass es einen Bürger gibt, der seinen demokratischen Pflichten nachkommt um seine demokratischen Rechte einzufordern. Beispielsweise die Meinungs- und die Redefreiheit. In den Worten von George Orwell: „Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet es das Recht, Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“³

***

¹ In our latest book, ›On Western Terrorism – from Hiroshima to Drone Warfare‹, Noam Chomsky commented on the ›democratic‹’ process in the Western world: „The goal of elections now is to undermine democracy. They are run by the public relations industry and they’re certainly not trying to create informed voters who’ll make rational choices. They are trying to delude people into making irrational choices. The same techniques that are used to undermine markets are used to undermine democracy. It’s one of the major industries in the country and its basic workings are invisible.“ counterpunch.org

² „the preferences of the average American appear to have only a minuscule, near-zero, statistically non-significant impact upon public policy.“ Eine kurze Zusammenfassung der Studie findet sich auf der Seite der BBC.

³ „If liberty means anything at all, it means the right to tell people what they do not want to hear“, George Orwell im Vorwort zu seinem Buch Animal Farm (1946).

 

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9 Antworten zu “Demokratie? Eine angenehme Illusion.

  1. Dietmar Kieslinger Sonntag, 25 Mai, 2014 um 12:04

    Ich glaub auch, dass „das mit der Demokratie“ nicht so recht funktioniert. Genauer: Dass es nicht funktionieren _kann_.

    Ich finde es ja immer wieder verwunderlich, dass in der westlichen Welt heutzutage die Vorstellung fix in den Köpfen der Mehrheit verankert ist, die Demokratie sei die erstebenswerte Staatsform schlechthin. Warum?

    Die Demokratie-Mode ist recht neu: Die letzten 4000+ Jahre der Menschheitsgeschichte zeigen hauptsächlich absolutistisch, diktatorich oder oligarchisch geführte Staatengebilde. Demokartien treten da nicht in statistisch signifikater Anzahl auf. So gesehen müsste Kanibalismus heute auch zum Mainstream gehören. Menschfresserei war bis vor etwa 200 Jahren ähnlich häufig wie Demokratie.

    Ich will meine Kritik aber weniger auf Geschichte als auf Statistik und Psychologie gründen:
    1) Ihr Stimme bei der EU-Wahl beieinflusst bestenfalls zu 0.0000002% die weitere Vorgehensweise in der EU. („bestenfalls“ weil das Wahl“recht“ dafür sorgt, dass nicht jede Stimme gleich viel in Mandaten ausmacht; siehe z.B. 4% Hürde) Selbst die gauesten physikalischen Messmethoden, die es heutzutage gibt, ignorieren Einflussfaktoren dieser Größenordnung ohne Bedenken. Die einzelne Stimme ist in sehr guter Näherung wertlos.

    Ich höre schon den Chor: „Aber die Menge machts! Wenn nur jeder…“ Hier kommt die Psychologie ins Spiel: Was interessiert mich das Keuzerl, das ein 1000de km entfernter Mensch auf’s Papier malt? Ich habe keinerlei Beziehung zum ihm / ihr; kann prinzipiell keine Beziehung haben, da die Anzahl an Menschen so unerfassbar groß ist. Die oben zitierte Menge gibt es nur in mathematischer Hinsicht als Einheit, sie ist aber nicht für den Menschen erlebbar, so wie man z.B. die Beziehungen mit Arbeitskollegen oder im Bowlingclub erlebt. Das Ergebnis: Der eizelne Mensch verliert das Interesse, da er – wohl begründet – keine Effekt erkennen kann.

    2) Das Kreuzerl tauscht nur die Sesselwarmhalter aus, nicht jedoch die primären Entscheidungsträger. Hier will ich mich kurzfassen und verweise gerne auf Richard’s Con$piracy. Wobei in Sachen EU-Wahl gibt es ja noch das Sahnehäubchen der EU-Kommision, die von EU-Parlament nur bestätigt aber nicht besetzt wird.

    Was ist jetzt das kleinere Übel: Irgendwo das Kreuzerl machen und durch diesen Akt der Kooperation das System legitimieren oder nicht kreuzen und dadurch die Bühne für u.U. noch Schlimmeres frei machen?

    • zip Dienstag, 3 Juni, 2014 um 6:33

      @Dietmar

      Demokratie könnte funktionieren. Allerdings nicht unter den gegeben Bedingungen. Ich möchte als Denkanstoss einige Voraussetzungen nennen, die mE eine funktionierende Demokratie auf den Weg bringen könnten.

      1. Verkleinerung der Strukturen oder wie Leopold Kohr schon sagte „small is beautiful“. Die Evolutionspsychologie liefert uns Hinweise darauf, dass die besten Eigenschaften des Menschen sich in der Sozialstruktur der Sippe entwickelt haben. Kooperation, Empathie, Hilfsbereitschaft, reziproker Austausch, Kompromissfähigkeit – das alles fällt uns am leichtesten, wenn uns der Partner persönlich bekannt ist. Das sind natürlich nun keine konstitutiven Elemente einer Demokratie aber sie erleichtern die Aushandlungsprozesse in der Demokratie ungemein.
      Der Sozialpsychologe Robin Dunbar untersuchte in den 90er Jahren Gruppengrößen und stellte fest, dass die kognitive Bewältigungsgrenze für persönliche Bekanntschaften bei ungefähr 150 Personen liegt.

      2. Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche. Ein Kreuzerl, das eine Blankovollmacht für ein professionelles Netzwerk ausstellt, kann nicht ernsthaft Mitbestimmung genannt werden. Für den Rest der fünf Jahre sind wir ja praktisch entmündigt. Dabei bewegen wir uns täglich in Lebenswirklichkeiten die unsere Mitbestimmung erforderlich machten, etwa die Gestaltung des regionalen öffentlichen Raumes, unsere Arbeitswelt, unsere Bildungsinstitute usw. Deshalb sind demokratische Prozesse auf alle diese Felder auszuweiten und dies mit den

      3. Mitteln direkter Demokratie unter Berücksichtigung der Realität der Arbeitsteilung. Idealvorstellung ist natürlich, dass jede/r zu allem mitbestimmen bzw. abstimmen kann. Dies ist aber sehr zeitaufwendig und in einer hochspezialisierten arbeitsteiligen Gesellschaft mangels Sachkenntnis der einzelnen oft auch nicht sehr produktiv.
      Ein Modell, das hier dennoch demokratische Prozesse ermöglichen könnte, hat der deutsche Soziologe Peter C. Dienel mit seiner „Planungszelle“ beschrieben. Hierbei werden Experten verpflichtet, sich einem Hearing von dafür freigestellten, zufällig ausgewählten Bürgern zu stellen. Die Bürger verhandeln die Ergebnisse des Expertenhearings und legen der Öffentlichkeit dann qualifizierte Abstimmungsoptionen vor.

      4. Der letzte Punkt, den ich als Vorraussetzung für eine gleichberechtigte, demokratische Gesellschaft betrachte, scheint etwas aus der Art zu schlagen. Ich bin mir bewusst, dass ich mich dabei in gefährliches Gewässer begebe, aber wer etwa die „Political Ponerology“ von Andrzej Lobaczewski gelesen und nüchtern zur Kenntnis genommen hat, muss zu dem Ergebnis kommen, dass einer der größten Feinde einer freien, selbstbestimmten Gesellschaft aus ihrer Mitte kommt. Ich spreche von gewissenlosen, machtbesessenen Menschen, die ihre Mitmenschen gewohnheitsmäßig ausbeuten, manipulieren und schikanieren, und dies ohne Reue und Gewissen – Psychopathen. Das Problem ist ernst zu nehmen, weil diese Menschen niemals der uns allen so vertrauten Ethik gehorchen werden. Empathie, Reziprozität, Kooperation sind diesen Menschen völlig fremd, die entsprechenden Netzwerke in ihren Gehirnen sind stumm.

      Wenn wir nicht wollen, dass diese Menschen uns in ihren Würgegriff bekommen, so wie dies heute der Fall zu sein scheint, müssen wir auch diese Problem in den Griff bekommen. Aber das scheint eine andere, etwas längere Geschichte zu werden.

      • zip Dienstag, 3 Juni, 2014 um 6:36

        Oh, mir ist bei Punkt 2. vor „ernsthaft“ ein Hyperlink reingerutscht. Bitte dies zu entschuldigen.

      • Richard K. Breuer Dienstag, 3 Juni, 2014 um 7:45

        Yep. Im Kleinen kann ein demokratisches System bis zu einem gewissen Grad funktionieren – aber dahingehend müssten die Teilnehmer mE eine ähnliche Kulturbildung haben. Mit anderen Worten, die Kanibalenfamilie wird vermutlich andere Forderungen an die politische Welt stellen als eine Veganerfamilie usw. All diese grundsätzlichen Verschiedenheiten (man beachte: „grundsätzlich“) machen ein gemeinsames Verständnis recht schwierig, auch wenn uns professionelle liberale Menschenfreunde das Gegenteil predigen. Schon seit alters her haben sich Gleichgesinnte zusammengetan (man beachte: die gleiche Gesinnung – dabei hat Sprache, Hautfarbe, Religion usw. keine Bedeutung; sie erlangen erst dann Bedeutung, wenn „gewissenlose, machtbesessene Menschen“ die Mehrheit gegeneinander aufwiegeln möchte, um zu herrschen (divide et impera).

        Das „Grätzel“ in der Stadt und das „Dorf“ am Land dürfte neben der „Familie“ über die Jahrtausende und Jahrhunderte das Maß aller Dinge gewesen sein, wenn es um Selbstbestimmung ging. In den letzten rund fünfzig Jahren versuchen elitäre Gruppierungen die Grenzen – im Inneren wie im Äußeren – niederzureißen. Wenn das der Wunsch der Mehrheit ist, könnte man ja gleich die Wohnungstür verbieten (und tatsächlich, in einem Umfeld, in dem sich jemand sicher fühlt, würde er die Wohnungstür gar nicht erst absperren).

        Ein interessanter Versuch hat die Piraten-Partei gestartet, in dem sie über Themen in einem Web-Tool abstimmen lässt. Dort kann jeder ein Thema einbringen, einem anderen seine Stimme übertragen usw. Ich habe es mir noch nicht angesehen, aber die Idee ist ja mal keine schlechte.

        Primär liegt das Problem heutzutage darin, dass wir keine Medien mehr haben, die ehrlich, aufrichtig und im Sinne des Bürgers berichten. Das gilt für Zeitungen genauso wie für öffentlich-rechtliche TV-Anstalten und Verlage. Würden die Medien berichten, was in der politisch-wirtschaftlichen Welt wirklich vor sich ginge, wir hätten morgen eine Revolution 😉

      • Dietmar Kieslinger Mittwoch, 4 Juni, 2014 um 18:59

        Ja, stimme weitgehend zu, besonders zu Punkt 1 und 4.

        Als Naturwissenschaftler stellt man sich bei der Untersuchung von Systemen oft die Frage nach deren Stabilität. Ich denke, das funktioniert bei sozialen Strukturen nicht viel anders. Die in Punkt 4 erwähnten Psychopathen machen viele an sich ganz nette Gesellschaftssysteme instabil und daher nicht praktisch umsetzbar.

        In diesem Zusammenhang finde ich ein Nebenergebnis der bekannten Studie von Milgram (siehe z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Milgram-Experiment ) extrem alarmierend: Während die Mehrheit unserer Mitmenschen „unter einfacher Anleitung“ brutal und rücksichtslos vorgeht, gibt es einen kleinen Prozentsatz (ca. 1%), die vollkommen eigenständig beinahe sadistisches Verhalten entwickeln und ohne Bedenken bis zum Extrem anwenden. 1% mag in vielen Untersuchungen als vernachlässigbare Minderheit durchgehen. Denkt man in absoluten Zahlen, bedeutet das aber, dass in Wien so ca. 15.000 bis 20.000 Psychopathen herumlaufen. Und auf der Straße sehen die aus wie du und ich…

      • Richard K. Breuer Donnerstag, 5 Juni, 2014 um 6:05

        Ja, es gibt tatsächlich alarmierende Studien; neben der sicherlich bekanntesten Milgram-Studie (im Film „I wie Ikarus“ aus dem Jahr 1979 wird dem Protagonisten dieser Versuch vorgeführt und erklärt) könnte man noch das Stanford-Experiment von Zimbardo anführen, als man Studenten in Wärter und Gefangene teilte und sie Gefängnis spielen ließ. Das Experiment musste vorzeitig abgebrochen werden, da es scheinbar reichte,gewöhnlichen Menschen Machtmittel in die Hand zu geben, um diese zu korrumpieren. Ich befürchte, der zivilisierte Mensch, ist leicht manipulierbar. Warum? Weil Zivilisation auf Vertrauen fußt. Jeder, der diesen Umstand ausnutzt, ist eine Gefahr für die Gemeinschaft.

        Dass unsere Gesellschaft gegenwärtig nicht über Psychopathen befindet, hat m.E. damit zu tun, dass wir jeder Diskussion ausweichen, die nach „Ausgrenzung“ riecht. Ehrlich gesagt, diese langjährige Indoktrinierung, nämlich was man als „guter Mensch“ sagen darf und was nicht, hindert unsere Gesellschaft, das rechte Maß zu finden. Du weißt ja, dass ich davon ausgehe, dass es eine elitäre Gruppierung ist, die dies befürwortet und verstärkt. Es stellt sich natürlich auch die Frage, ob wir es in höheren Kreisen mit Empathielosigkeit bzw. Psychopathie zu tun haben, oder einfach nur mit einer elitären Überheblichkeit, die die Masse als „Schafe“ sieht, die geführt werden müsse.

  2. Richard K. Breuer Montag, 26 Mai, 2014 um 7:35

    „Menschfresserei war bis vor etwa 200 Jahren ähnlich häufig wie Demokratie“. Haha. Das ist ja mal ein passender Vergleich 😉 Deinen Ansichten kann ich da jetzt nix hinzufügen. Tatsächlich kann echte Demokratie ab einer bestimmten Wähler-Größenordnung nicht mehr funktionieren und wird dann nur noch eine PR- und Werbeangelegenheit. Für mich ist noch immer unverständlich, wie es sein kann, dass man Wahlwerbung zulässt. Genauso unverständlich ist es, wenn sich Medienunternehmen als „frei“ und „unabhängig“ präsentieren, tatsächlich aber von Presseförderung und Werbeanzeigen abhängig sind. Orwell nannte ja diese verkorkste Denke „double think“.

    • Dietmar Kieslinger Dienstag, 27 Mai, 2014 um 20:08

      Hast Du eine Theorie, warum „1984“ nicht stärkere gesellschftliche Auswirkungen gehabt hat bzw. hat?

      • Richard K. Breuer Mittwoch, 28 Mai, 2014 um 7:02

        Ich glaube, man versuchte bereits damals sein Buch auf „Big Brother is watching you“ zu reduzieren. Ironischerweise hieß der erste große Reality-TV-Event „Big Brother“ – ein sicheres Zeichen, dass Orwell mit seinem Roman von der breiten Masse (er nannte sie im Roman „Proles“) gar nicht mehr verstanden worden ist.

        Gegenwärtig versucht der Mainstream die NSA-Abhöraktivitäten in Beziehung zu „Big Brother“ zu setzen, aber auch da geht für mit der Vergleich ins Leere. In meinem Buch zitiere ich immer wieder aus „1984“, weil Orwell die politischen und gesellschaftlichen Zustände so perfekt auf den Punkt bringt. Kurz gesagt: „Wir hätten den Mistkerlen nicht trauen sollen“ 😉

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