richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Über das Stranden und Scheitern

AufstandDerDinge

(c) Insel Verlag, Frankfurt 1973

Die Welt gewöhnt sich an alles. Durch den Meister-Trick, den Geschichte sich ausgedacht hat, durch den Kniff, das Gedächtnis bei jeder Geburt neu beginnen zu lassen, erreicht sie: Die Welt gewöhnt sich an alles. [S.15]

Am Sonntag, auf einem großen Pfarrflohmarkt, mehrere ältere Bücher erstanden. Eines davon heißt Aufstand der Dinge: Byzantinische Aufzeichnungen und ist von einem gewissen (und mir unbekannten) Erhart Kästner, das er 1973, knapp vor seinem Tode, publizierte. Der Autor beschreibt darin seine Reisen und Aufenthalte in Griechenland und Istanbul – reale Ausflüge gesellen sich zu gedanklichen. Es ist der Rückblick eines gealterten Mannes, der erkennen muss, wie ihm die Welt entgleitet: „Welt immer fortgerissen, geraubt, verschleppt und versteckt und gestohlen. Mundus rapidus.“

Die Sprache Kästner ist keine leichte. Man merkt seinen mächtigen Erfahrungsschatz, seine gutbürgerliche Bildung und das Wissen um eine antike Vergangenheit. In manch einem der Sätze, so wirkt es jedenfalls auf mich, fühlt man die Melancholie des Loslassens. Es ist immer nur Rückblick, niemals Rückkehr.

In diesem Buch war es, als ich die ursprüngliche Bedeutung von „scheitern“ erfuhr und dass es mit „stranden“ in Beziehung stand. Denn, ein Segelschiff konnte einstmals „stranden“, also auf Grund laufen, oder an einer Klippe „scheitern“, das heißt, in seine (Holz)Scheite zerfallen. Faszinierend, nicht? Überhaupt bemerke ich meinen Drang, der einen oder anderen Wortbedeutung bzw. Wortherkunft nachzuspüren. Hat es mit dem Alter zu tun? Will man auch im Wort die reine Wahrheit suchen und finden?

Da fällt mir ein, dass ich am Sonntag nicht nur dieses Buch erstand, sondern auch in einer „Qualitätszeitung“ blätterte. Abscheu und Ekel vermischten sich mit Verständnislosigkeit und Fatalismus. Deshalb versuche ich für gewöhnlich all diesen „unabhängigen“ und „freien“ Presseprodukten fern zu bleiben. Sie vergiften jeden Gedanken.

Die Welt gewöhnt sich an alles. Hätten die Türken, woran doch nur eine Haares Breite gefehlt hat, auch den Sankt Stephans Dom in eine Moschee umgewandelt: die Welt hätte es auch hingenommen. Nach Zeit und Weile würden die Reisenden mit denselben ungenauen Gefühlen, mit denen sie jetzt die Kirche der Hagia Sophia begehen, die Moschee Sankt Stephan betrachten. [S. 15]

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22 Antworten zu “Über das Stranden und Scheitern

  1. renaac Dienstag, 3 Juni, 2014 um 10:01

    Vielen Dank für die … mhm … Buchbesprechung? Oder eher Einladung zum Nachspüren von ursprünglichen Wortbedeutungen? Dem Letzteren gehe ich hin und wieder nach, dann nimmt mich wieder der unruhige Alltag in Anspruch und dann muss wieder eine solcher Text, wie Ihre Besprechung kommen, damit ich erneut in die zauberhafte Welt der Wörter eintauche. Und jetzt kommt noch die Suche nach dem besprochenen Titel dazu 🙂
    Viele Grüße
    Rena

    • Richard K. Breuer Dienstag, 3 Juni, 2014 um 10:41

      Nein, nein, eine Besprechung im gewöhnlichen Sinne war und ist der Beitrag nicht. Vielmehr der Versuch, auf einen besonderen Text hinzuweisen, der sich von der alltäglichen Banalität erfreulich abhebt. Apropos. Auch „Banalität“ wird von Kästner wunderbar erklärt, soll es doch vom mittelalterlichen „Bann“ herrühren, dem fürstlichen Zwang, dem sich alle Bewohner der „ban lieu“ zu fügen hatten. Eine ähnlich profunde und tiefsinnige, sozusagen allumfassende Sicht auf die Welt ist in Ernst Jüngers „Gärten und Straßen“ zu finden. Nicht von ungefähr entstammen beide Autoren der selben Generation – mit all ihren Höhen und Tiefen.

      • renaac Dienstag, 3 Juni, 2014 um 22:11

        Und das ist Ihnen gelungen, Ihr Text hat mich auf das Buch neugierig gemacht. Vielleicht weil er das anspricht, was ich selbst gerne lese und mich mit Wörtern gerne beschäftige. So banal kann auch die Erklärung sein. Leider habe ich Jünger bisher lediglich mit „Stahlgewitter“ assoziiert, was mich davon abgehalten hat, mich mit seinen Werken auseinanderzusetzen. Zu schön schien mir der Krieg darin, vor allem im Kontrast zu dem Rest der Wehrmachtsausstellung in den 90ern. Sicherlich ein häufig anzutreffender Grund für seine Ablehnung. Dafür kann ich mich immer wieder für Victor Klemperer begeistern und sein „LTI“, ein Buch, das ich sicher noch einmal lesen werde. Es hat mir die Augen auf unsere heutige Sprache geöffnet. Es macht deutlich, wie der Mensch andere nur mithilfe der Verschiebung der Wortbedeutung manipulieren kann, so dass sie es nicht einmal merken. Mehr noch, dass sie sie dann wie selbstverständlich verwenden. Beeindruckend, aber auch beängstigend, vor allem wenn die Wörter aus Menschen Objekte, Maschinen, Arbeitskräfte machen, die wenn nicht benötigt, aussortiert/eliminiert werden können.
        Dann beschäftige ich mich schon lieber mit altem Wortschatz – bevor die alten Vasallen und Lehnsherren wieder in Erscheinung treten.

      • Richard K. Breuer Mittwoch, 4 Juni, 2014 um 7:36

        Aha. Gut zu wissen, dass Klemperer da in eine ähnliche Kerbe schlägt. LTI ist somit im Hinterkopf notiert. Ein wenig befürchte ich ja, dass der Text mir zu sehr aus der hochgeistigen Luft gegriffen und nicht mit dem urwüchsigen Boden verwachsen ist. Bei Kästner und bei Jünger vermischen sich Erlebtes mit Gedachtem, ist also nicht nur ein gedankliches Konstruieren.

        Jüngers „Stahlgewitter“ ist ein beachtlicher Text, der einem die Gedankenwelt eines deutschen Frontsoldaten und -offiziers im 1. Weltkrieg näher bringt. Das britische Gegenstück wäre dann wohl Robert von Ranke Graves „Strich drunter“. Beide Bücher haben mich beeindruckt. Im Übrigen, ich möchte es anmerken, lasse ich mir kein Buch und keinen Autor von einer selbsternannten „Zensurstelle“ verbieten 😉

        Die Wörter, wenn man so will, folgen immer nur den systemischen Änderungen, sozusagen dem Gelebten, nach. Wenn Wörter also aus Menschen Objekte, Maschinen oder Arbeitskräfte machen, dann geben diese nur die Wirklichkeit wider. Keine schöne Wirklichkeit, aber das ist eine andere Geschichte …

      • renaac Mittwoch, 4 Juni, 2014 um 23:11

        Guten Abend,
        ach nein, hochtrabend ist das nicht. Klemperer war Prof. für Romanistik und Jude. Nachdem man ihm im Nazideutschland die Lehrerlaubnis entzogen hatte, war er gezwungen zu Hause zu bleiben (bevor die Familie dann doch vor den Bombardements Dresden verlassen musste) und in dieser Zeit schrieb er seine Beobachtungen zur Sprache des Dritten Reiches auf. Das Buch ist eine Art Bericht (denn ein Tagesbuch war es nicht) mit philologischen Notizen. Ich denke, er konnte einfach nicht gar nichts tun, fliehen wollte er nicht … und wie vertreibt ein Philologe Langeweile?
        Es ist amüsant: von Ranke Graves kenne ich wiederum „Ich, Claudius, Kaiser und Gott“ und ein wunderbares Buch über Mallorca. „Strich drunter“ ist mir unbekannt. Und wieder ein Buch zu entdecken …
        Ich denke, es stimmt nur teilweise, was Sie über die Wörter schreiben. Auch Wörter können verändern, und die Welt zieht dann nur nach. Dazu fällt mir ein gutes Beispiel ein: Vor vielen Jahren gab es in Luxemburg eine Ausstellung über Hexen. Wenn man von einem Raum in den nächsten wechselte, also beim Überschreiten der Schwelle konnte man ein leises „Sie ist eine Hexe“ hören. Mal davon abgesehen, dass ich direkt Gänsehaut bekam, es war wirklich unheimlich, so wurde auch sehr veranschaulicht dargestellt, wie leicht ein Gerücht entsteht, welches über ein Menschenleben entscheiden kann. Das wäre zum Beispiel ein Grund, manches eben NICHT zu sagen.

      • Richard K. Breuer Donnerstag, 5 Juni, 2014 um 5:47

        Guten Morgen,
        Ironie der Geschichte, dass Klemperer vor den Bomben der Alliierten fliehen musste, die ihn (damit?) befreien wollten. Wie dem auch sei, ja, die anderen Bücher von Ranke-Graves habe ich wahrgenommen, aber mir noch nicht als Lektüre zugeführt. Vermutlich sollte ich das mal tun.

        Hm. Ich bin ein wenig unsicher, ob der Möglichkeit, dass Wörter zuerst die Veränderung herbeiführen und die Welt bzw. die Menschen nachziehen. Ich denke, Wörter sind Füllmaterial und zumeist (oder immer?) waren es die Mächtigen, die dieses Material in ihrem Sinne füllten. Hier wäre das Wort „Propaganda“ angebracht, das nicht ein Goebbels, sondern vielmehr der Doppelneffe von Sigmund Freud in den Vereinigten Staaten „erfand“. Nun, erfunden hat er es auch nicht, aber er gab der professionellen Meinungsbildung einen sprechenden Namen. Die „Hexenverfolgung“, wenn man so will, war der „War on Terror“ des Mittelalters. In meinem Buch (man verzeihe diese plumpe Werbeeinschaltung) habe ich beispielsweise die Rede von George Bush junior als „Hexenverfolgung2.0“ entlarvt.

        Ich befürchte, die Menschen an der Spitze, jene, die Macht ausüben, haben sich über die Zeit nicht verändert. Und das Wort war damals und ist heute ihre Waffe.

      • renaac Donnerstag, 5 Juni, 2014 um 22:39

        Guten Abend,
        zu so früher Stunde schlafen meine grauen Zellen genauso tief wie ich 🙂
        Ich denke, beides trifft zu, vielleicht ironischerweise so wie mit dem Huhn und dem Ei. Wörter können etwas verändern und gleichzeitig spiegeln sie die Entwicklung der Gesellschaft wider. Obwohl, biblisch gesehen, müsste doch Logos zuerst gewesen sein 😉 Sei es drum.
        Wenn wir ein bestimmtes Wort oder seine modifizierte Bedeutung lange genug verwenden und verbreiten, dann gewöhnen wir uns und alle anderen daran. Solche Beispiele wie einstellen, Arbeitskraft, abschalten in Bezug auf Menschen sind für uns heute ganz normal. Der Mensch ist längst entmenschlicht worden und in (vielen) seinen ureigenen Eigenschaften beschnitten und merkt es nicht einmal mehr. Man spricht von Persönlichkeit und Individualität, aber niemanden interessieren sie wirklich (vor allem, wenn sie nicht so sind wie vorgesehen). Manchen gefällt das sogar, denn sie wissen nicht, was sie … sagen (?) Sie wollen ja ihre Leistungsfähigkeit erhöhen/optimieren usw. uh! Es ist mir schon klar, dass diese konkrete Veränderung bereits im frühen Industriezeitalter begonnen hatte, und wir können nichts mehr dagegen tun. Wir müssen es auch nicht. Es würde schon ausreichen, wenn wir uns dessen bewusst wären. Allein das verändert.
        Es gibt ja heutzutage neue schöne Wörter wie chatten, skypen, googeln – und überhaupt. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie alle etwas mit permanenter Erreichbarkeit zu tun haben. Zeitgeistwörter, die unsere heutige Situation besser als sonst etwas definieren. Neue Qualitäten im Instrumentarium der Großen Manipulatoren.
        Sie haben recht, der Mensch hat sich in bestimmten Dingen tatsächlich nicht geändert: Der Eine kann gut manipulieren, und der Andere lässt sich manipulieren, ohne es zu merken. Dazwischen gibt es eine ganze Menge Leute, die beides sehen und wenig dagegen ausrichten können. Und währenddessen zupfe ich schon mal gerne an Wörtern und Wörtchen … 🙂
        Viele Grüße
        Rena

  2. Richard K. Breuer Samstag, 7 Juni, 2014 um 8:37

    „Der Mensch ist längst entmenschlicht worden und in (vielen) seinen ureigenen Eigenschaften beschnitten und merkt es nicht einmal mehr.“ Ja, da stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Das ist ja ein Thema, das mich hinterrücks überfallen hat. So gehe ich der Frage nach, was es überhaupt bedeutet, zu leben, als Mensch zu leben. Robinson Crusoe, der Einsame auf einer Insel sehnte sich noch nach Menschen, nach Gemeinschaft – im Gegensatz dazu lassen die Reality-TV-Shows Menschen über Bord gehen. Übrig bleibt der Einzige, der Sieger. Aber ist das wirklich erstrebenswert? Geht es nicht vielmehr um das Gemeinschaftliche, um das Kooperative, um den Austausch, sozusagen um das Gemeinwohl (leider wurde das Wort durch die Französische Revolution, überhaupt durch all die bürgerlichen Revolutionen, besudelt)?

    Für mich, als Verschwörungstheoretiker, steckt hinter all dieser Ent-Menschlichung natürlich ein perfides System, ausgedacht, umgesetzt und am Laufen gehalten von elitären Machtmenschen. Aber wie auch immer man die Ursachen erklären möchte, Fakt ist, dass der (sensible und reflektierte) Mensch bemerkt, dass mit der Welt, die ihn umgibt, etwas nicht in Ordnung ist. Tja. So bleibt uns oftmals, wie Sie sagen, nur die Möglichkeit, an Wörtern und Wörtchen zu „zupfen“.

    • renaac Mittwoch, 11 Juni, 2014 um 12:26

      Hallo,
      das Pfingstgewitter bei uns tief im Westen hat uns wieder mal so eindrucksvoll eindeutig gezeigt, wie klein, unbedeutsam und schwach gegenüber den Naturgewalten wir doch sind – was der Mensch ja ständig anzufechten versucht. Wie ein Wadenbeißer, der es nur bis zum Knie schafft … das gehört wohl auch zum Menschsein.
      Genauso wie die Reality-Shows, bei denen ich mich immer wieder frage, was die Reality hier eigentlich bedeutet? Denn mit dem realen Leben hat das ja nichts zu tun. Real ist lediglich der Wille, gesehen und anerkannt, berühmt zu werden – egal wodurch. Und ohne eine wirkliche Leistung wie Kreativität, Mut o.Ä. Höchstens durch Mut zur Blamage. Es werden Hoffnungen geweckt, dass auch ein Durchschnittsmensch schaffen kann, im Rampenlicht zu stehen und die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich zu ziehen. Im Schein dieses Lichts sieht er zwar nicht, dass ein Teil der Zuschauer mit Bedauern den Kopf schüttelt ob so viel Selbstverliebtheit, -überschätzung, was auch immer, das aber ist zweitrangig. Unterm Strich zähl‘ ich, nicht wahr?
      Die TV-Sender wissen das trefflich zu nutzen und so beschäftigt sich der größte Teil der Gesellschaft mit blödsinnigen Zeitvertreib, anstatt … anstatt was? Sich zu bilden, zu informieren etwa? Das wäre ja gar nicht im Interesse der Entscheider. Man sollte sich eigentlich davor hütten, anderen Menschen vorzuschreiben, was gut und was weniger gut für sie ist. Die Versuchung ist aber groß, wo das Bildungsfernsehen der Vergangenheit und Vergessenheit anheim gefallen ist … 😉
      Sie haben recht, es steckt ein System dahinter, aber ich fürchte, einen großen Teil des Systems bildet die menschliche Natur, die einfach manipuliert werden will, weil es einfacher ist, keine Entscheidungen treffen zu müssen. Das ist die Grundlage für Vorurteile aller Art und aller Zeiten. (Ein wunderbares Thema.) Das konnte man auch sehr gut nach der Wiedervereinigung Deutschlands in der Ex-DDR beobachten. Ich will ja die Menschen dort nicht verdammen, sondern lediglich zeigen, wie die Orientierungslosigkeit vieler, weil nun niemand mehr für sie Entscheidungen treffen wollte/konnte, sie schnurstracks in Katastrophen geführt hat. Nur wer es sofort erkannte, hatte es einfacher in der neuen Realität. In der neuen Realität, die subtiler manipuliert und auf diese Weise erwartete Entscheidungen herbeiführt.
      Manipulieren ist zwar negativ belegt, aber auch das ändert sich – siehe Couching für Führungskräfte, Manager, Verkäufer und andere Wort…verdreher ;-). Man merkt sofort, wer einen solchen „Workshop“ durchlaufen hat. Was wir kaum merken, weil wir keine Zugang zu diesen Etagen haben, sind die Entscheidungen großer Strippenzieher. Sehr spannend, aber man fühlt sich trotzdem etwas schmutzig – weil man hinter die Kulissen des großen Theaters schauen will wie ein Voyeurist. Denn mehr als das schafft man nicht. Und da mischt sich Entsetzen doch mit Bewunderung (wie schaffen es bloß die da oben, über so viel zu entscheiden? Und noch die letzte Frage: Wie viel muss man wissen, um über die Welt zu entscheiden? – Mein Latein endet an dieser Stelle.

      • Richard K. Breuer Donnerstag, 12 Juni, 2014 um 18:16

        „Wie viel muss man wissen, um über die Welt zu entscheiden?“ Nun, ich denke, es ist ganz einfach: die anonymen „Entscheider“ – ich nenne sie Elitisten – wollen „oben“ bleiben und tun alles, um diese (Macht)Pyramide aufrechtzuerhalten. Somit ist die Ablenkung der Masse genauso wesentlich wie Gruppen gegeneinander aufzuhetzen oder lokal begrenzte Scharmützel anzuzetteln oder Stimmung für/gegen [Platzhalter] zu machen. Zwar ist der Bürger der Meinung, er wäre individuell und würde sich von anderen unterscheiden, aber tatsächlich führt ihn sein Herdeninstinkt immer in die „richtige“, d.h. vorgegebene Richtung. Dabei will ich mich nicht ausnehmen. Gut möglich, dass ich – mit einer kleineren Herde – in die Gegenrichtung laufe. Dem System, wie wir wissen, kann niemand entfliehen (und ich bezweifle, ob unsereins jemals einen Blick hinter die Kulissen des großen Theaters machen wird können – aber spekulieren ist freilich erlaubt.

        Die Sache mit dem Tellerwäscher, der es zum Millionär schafft, naja, ist ein Märchen, freilich ein zeitgemäßes, modernes, aber eben ein Märchen. Vielleicht braucht der Mensch Märchen, die ihm von einer besseren Welt erzählen. Ich frage mich ja, wie viel Aufklärung der gewöhnliche Mensch überhaupt verträgt und was geschehen müsste, damit er das System erkennt, das ihn gefangen hält. Zugegeben, manchmal denke ich, es wäre besser, ich würde weniger wissen … aber vielleicht hilft ja die WM in Brasilien mich auf andere Gedanken zu bringen 😉

  3. renaac Montag, 16 Juni, 2014 um 23:18

    Gerade bei dieser WM muss ich an die Demos im Hintergrund und Hinterland denken. Mhm, nicht Erquickliches – hilft mir wenig. Bei uns gibt es bald die Heiligtumsfahrt. Wie alle sieben Jahre. Ein sehr interessantes Fest für Gläubige und Skeptiker, von denen manche ja auch gläubig sind. Wer soll das verstehen? Aber immerhin ist es ein Anlass, wiedermal über solche Dinge nachzudenken. Denn obwohl der Mensch angeblich nicht mehr glaubig ist, fehlt ihm der Glaube im Leben. Und so glaubt er eben an andere Dinge, von mir auch an Fußball oder Außerirdische. Anscheinend braucht der Mensch wirklich irgendetwas zum Glauben, und dieses Irgendetwas verliert enorm an Stil, wenn man sich so umschaut: die Konsumtempel, der Gesundheitswahn, ewige Jugend und die Kontrolle über alles (heute übrigens eine interessante Sendung im Radio darüber gehört) – alles ja Glaubensurrogate, Aufklärung hin oder her. Hinter jedem erklärten Phänomen versteckt sich etwas, woran man ja glauben könnte, solange es nicht erklärt ist. Oder man kann es auch über den Haufen werfen und das Gegenteil behaupten. Und dran glauben.
    Eine junge Frau streitet mit mir in letzter Zeit darüber, dass ein vernünftiger Mensch, d.h. der seinen Verstand nutzt, doch bitteschön den ganzen Glauben an Gott vergessen solle, weil das alles ja unfug sei. Es fehlt mir schwer, ihr zu erklären, dass manche Menschen diesen Gott brauchen. Egal wie ihre Religion heißt. Jetzt ist sie sauer und schweigt. Ich hoffe, sie kaut daran und dass ich mal erfahre, zu welchem Schluss gekommen ist. Skeptisch, wie sie ist, wird sie nicht den leichtesten Weg wählen.
    Aber: Ich frage mich, ob es hinter den Kulissen des Systems wirklich so spannend ist, und wie lange man diese spannenden Dinge spannend findet. Und was machen die Entscheider, wenn sie nicht spinnen, nicht kontrollieren, nicht lenken. Wobei haben sie Spaß? Träumen sie von einer Art Tributes of Panem? Ist es das, wovon man träumen soll? Ich weiß, diese Frage ist womöglich naiv, aber trotzdem: Was kann so einen noch begeistern? Mehr wissen als Nachrichtendienste? Und? Ich finde darin nichts Brauchbares, Nützliches für wen auch immer. Aber vielleicht fehlt es mir nur an Einbildungskraft. Vielleicht kann mir das einer auch erklären …
    Und ich gehe am Freitag die Eröffnung des Marienschreins zum Anfang der Heiligtumsfahrt gucken. Das wollte ich schon immer gesehen haben.

    • Richard K. Breuer Dienstag, 17 Juni, 2014 um 9:36

      »Macht ist das ultimative Aphrodisiakum« hat Henry Kissinger einmal von sich gegeben und jetzt wissen Sie, was die elitären Entscheider so antreibt. Sexualität, im Übrigen, ist noch immer eine besondere Triebfeder des Menschen – das wird sich auch in hundert oder tausend Jahren nicht ändern.

      Ja, ich denke auch, dass der Mensch glauben möchte. Seit rund hunert Jahren wird in Konsum- und Finanztempel Gott Mammon angebetet. Die Aufklärung des 18. Jahrhundert hat somit den einen Gott durch einen anderen ersetzt. Nichts Neues unter der Sonne, sozusagen. Und die monotheistischen Religionen? Sind Vehikel weltlicher Machtzentren. Wer den „Glauben“ kontrolliert, kontrolliert auch die Menschen. So ist es ein Hin und Her zwischen dem einen und dem anderen Gott – aber beide stehen in Diensten der Entscheider, wenn man so will. Einzige Lösung aus diesem Dilemma wäre wohl, sich seinem eigenen persönlichen Gott zuzuwenden; aber auf der anderen Seite geht es um Gemeinschaft, um das Gemeinsame. Ja, die Menschen brauchen „einen Gott“. Wie sie ihn finden, tja, das ist die Frage aller Fragen.

      Eröffnung des Marienschreins? Heiligtumsfahrt? Davon höre ich zum ersten Mal 😉

      • renaac Donnerstag, 19 Juni, 2014 um 22:14

        Also ich bitte Sie 😉 Seit dem 13. Jh. pilgern Leute aus halb Europa nach Aachen, um die Höddele … mhm … ‚tschuldigung, die heiligen Stoffe zu sehen! Ganz dezent empfehle ich hierzu meinen Aachener Blogbeitrag. Ihre Ahnen waren vielleicht auch darunter. Meine heidnischen Urväter wohl eher nicht, aber man weiß ja nie. Es heißt, dass die Leut‘ auch aus dem Osten Europas, sogar aus Ungarn nach Aachen zogen, Vuvusela in einer, ein (Vor)spiegel zum Auffangen des Bildes des heiligen Stoffes in der anderen Hand. Es muss sich höllisch laut zugetragen haben bei einer solchen Reliquienzeigung. Mir ist das erst so richtig bewusst geworden, als bei der letzten WM die Vuvuselas zum Einsatz kamen. Ein sehr guter Vergleich. Und die Menschen denken, sie hätten was Neues erfunden. Weit gefehlt.
        Wir sind jetzt in Aachen sowieso umzingelt von allerlei Festen und Feiertagen. Sogar der Bundespräsident beehrte uns heute mit seiner Anwesenheit bei der Ausstellungs- und gleichzeitig Museumseröffnung zum 1200 Jahrestag des Todes Karls des Großen. (Man feiert bei den Heiligen ihren Todestag, obwohl KdG, wenn auch heilig gesprochen, so doch nicht als Märtyrer starb). Dazu kam noch die Heiligtumsfahrt, Fronleichnam, Einweihung der Chorhalle am Dom (Juli 1414), uh! Als Stadtführerin habe ich maßig Arbeit und meine Sprechorgane – Arme inklusive 😉 – leiden bereits furchtbar darunter.

        Mir ist bei unserem „Gespräch“ über den Glauben und das Glauben ein neuer Gedanke gekommen: und zwar, dass der Mensch vielleicht nicht unbedingt einen Glauben braucht, sondern eher Vertrauen. Wir brauchen Vertrauen als etwas Stabiles und sicheres, wohin wir uns manchmal zurückziehen könnten, wenn die Welt da draußen sich zu schnell dreht. Und manche vertrauen aus Mangel an Vertrauenswürdigem jemandem, der das wunderbar zu missbrauchen weiß.

        „Wer den “Glauben” kontrolliert, kontrolliert auch die Menschen …“ Dieser Mechanismus ist so einfach und einleuchtend, dass man sich nur wundern muss, dass Menschen immer wieder darauf einfallen. Allerdings würde ich das nicht auf die monotheistische Religionen erweitern. Bei allen Religionen ist es ähnlich, weil alle mit dem Machtapparat zusammenhängen oder -hingen, nur war/ist das unterschiedlich ausgeprägt.
        Aber geht es hier nicht eher um das Bedürfnis, auf etwas zu vertrauen? Jemandem zu vertrauen? Totalitäre Systeme haben das Vertrauen sogar innerhalb der Familie untergraben (Stasi als bestes Beispiel), obwohl ich denke, schon im Mittelalter ging man damit leichtfertig um. Jeder König hatte seinen „Nachrichtendienst“. Man kann sehr leicht eine Gruppe zersetzen, wenn man innerhalb dieser das Vertrauen zerstört oder nur ansatzweise in Frage stellt.

        Dass Macht sexy macht, habe ich glatt vergessen 😉 Was würde wohl Onkel Freud dazu sagen … will ich lieber nicht wissen. Ihm würde nicht über den Weg trauen, so viel zum Thema: Vertrauen.

      • Richard K. Breuer Samstag, 21 Juni, 2014 um 10:15

        Aha. Reliquienverehrung also. Da fällt mir ein, dass ein Hobby-Historiker der konspirativen Theorie anhängt, dass Karl der Große und seine Zeit in die Geschichtsbücher gefälscht wurde. Die Zeit zwischen ca. 690 und 920, wenn ich es recht im Kopf habe, soll es so nicht wirklich gegeben haben. Klingt irrwitzig, ich weiß, aber er untermauert es mit interessanten Fakten, rund um den Aachener Dom, der scheinbar seiner Zeit um viele hundert Jahre voraus war. Vor ein paar Jahren hätte ich diese Theorie als absurd schlichtweg abgelehnt, aber nach dem ich weiß, was ich weiß, halte ich es nicht mehr für unmöglich. Urkunden- und damit Geschichtsfälschung auf hohem Niveau, sozusagen. Die Hand im Spiel hatte natürlich die damals allmächtige Kirche in Rom, die sich mehr um weltliche Dinge kümmerte als um die Botschaft Jesu.

        Vertrauen, ja, das ist der Kitt, der eine Gemeinschaft zusammenhält, der Zivilisation erst ermöglicht hat. Es muss ein mutiger Schritt gewesen sein, damals, Fremden ein gewisses Maß an Vertrauen zu schenken. Zivilisation bedeutet in erster Linie Dorf- und schließlich Stadtgemeinschaft. Die Stadtmauer, die die zivilisierte Menschheit seit Anbeginn hochgezogen hat (Spartakus sei hier als Ausnahme erwähnt), wurde erst im Laufe des 19. Jahrhunderts (militärisch) obsolet. Dass sie aber auch soziale und politische Funktionen hatte, vergisst man heutzutage leider allzugerne, wo elitäre Gruppierungen die grenzenlose Welt propagieren. Ich halte das für unrealistisch und gefährlich, aber das ist ein andere Geschichte.

        Na, wenn König Fußball wieder eine Pause macht, werde ich mir gerne Ihren Blogbeitrag rund um die „Höddele“ zu Gemüte führen. Interessant, welchen Weg die Vuvuselas genommen haben müssen. Man lernt wahrlich nicht aus.

        Onkel Freud? Tja. Über ihn und sein Umfeld gäb’s vermutlich auch viel zu entdecken. Wussten Sie, dass sein Doppelneffe, der in der USA lebte, die Public Relations erfand und ein Buch mit dem Titel „Propaganda“ schrieb? Edward Bernays Ansichten sind, ja, überaus heutig, geht es doch für ihn um die Frage, wie eine intelligente und gebildete Minderheit die Masse kontrollieren kann. Und da schließt sich wohl der Kreis, weil die damaligen Eliten durch Religion und Reliquien die Masse zu kontrollieren versuchten.

        Ich merke immer wieder, dass die Menschheit seit Anbeginn die immer gleichen „Probleme“ zu lösen versucht.

      • renaac Mittwoch, 25 Juni, 2014 um 23:12

        Hallo! Ja, der Herr Doktor Illlig hat die Mediävistenzunft ziemlich aufgemischt. In Aachen hat man ihn selbstverständlich verrissen – aber humorvoll. Ich erinnere mich noch an den Vortrag von Prof. Max Kerner im Aachener Rathaus – jede andere Bühne wäre unpassen und zu klein für sein treues Publikum gewesen -, in dem er Illigs Theorien als unwissenschaftlich zerlegte. Ich habe Illig nicht gelesen, weil ich ihn nicht kaufen und die Zeit lieber mit etwas anderem verbringen wollte, aber da war manches an Kerners Ausführungen logisch. Aber es war auch klar, dass man diesen Mann demontieren musste – und wo, wenn nicht in Aachen?! – Denn wie Kerner ungefähr sagte: Ohne Karl, kein Aachen, und wo kämen wir denn ohne ihn hin? Ich muss schon sagen, der Satz überzeugte alle im Krönungsfestsaal. Kerner ist jetzt im, wie er selbst sagt, (Un)ruhestand und mischt noch beim Karlsjahr mit, aber es gibt jüngere Historiker auch in Aachen, die einiges um Karl in Frage stellen. Manche sogar Karl selbst. Ich persönliche fände das jetzt überhaupt nicht schön, wenn er denn nicht existiert haben sollte. Auch ich verdanke ihm meinen Job. Zumindest den einen.
        Bei uns in AC da braucht man keine Fälschungen mehr, obwohl es auch diese gegeben hat und sie liegen im Stadtarchiv zur Einsicht – bitteschön. Toll! Aber in Aachen herrscht teilweise ein unbekümmerter Umgang mit Dokumenten und dem Wissen um die Dinge selbst. Sonst hätten wir gewusst, wo Karl bestattet wurde. Man wusste das noch mindestens 200 Jahre nach seinem Tod und dann – pfusch! Weg war dieses Wissen. Wie konnte so etwas passieren? Spekulationen über Spekulationen. Da freut sich unsereiner, dass man seine Knochen noch hat. Jedenfalls wurden sie untersucht und für die seinen befunden. Wer war schon so groß (ca. 186 cm), damals vor 1200 Jahren?!
        Ich frage mich auch manchmal, wie man Menschen damals im Mittelalter überhaupt vertraute? Fälschungen hin oder her, sie betrafen ja nicht direkt die einfachen Menschen, auch diese Folgen der Fälschungen mittragen mussten. Wenn man Litereratur über die Zeit um Jahrtausendwende liest, da fragt man sich, da muss man sich fragen, was die Menschen angesichts des herannahenden Jüngsten Tages als vertrauenswürdig betrachtet haben? Und um sie herum einerseits ein Kampf um die Macht fern des Königs (der noch was richten konnte), und andererseits ums nackte Überleben in den rauen Zeiten. Irgendwie verstehe ich sie, dass sie sich an Klöster gewandt haben, an die Kirchen und dort nach Sicherheit und auch Vertrauen suchten. Also auch im Glauben.
        Ich lese gerade „Millenium“ von Tom Holland über das Weltbild um das Jahr 1000 in Europa. Und dann im Laufe der Entwicklung, als städtische Strukturen entstanden – fühlten sich die Menschen innerhalb der Stadtmauer sicherer oder vielleicht auch eingeengt? Bestimmt beides, je nach ihren Lebensumständen. Die Eingeengten brachen aus und wurden zu Außenseitern.
        Heute las ich in unserer Lokalzeitung einen Satz von Josef Hader: „Wer zu intensiv in sich selbst hineindenkt, dem wird alles Bekannte rätselhaft.“ Er beschreibt sehr treffend meinen Eindruck, den ich habe, wenn ich mich zu intensiv mit vor allem Details beschäftige. Ich betrachte die Stadt um micht und frage mich, wie sie sich bis zum Abschleifen der Stadtmauer unter Napoleon anfühlte. Die ersten Worte, die mir dazu einfallen: ziemlich nackt und wehrlos …
        Das über Freuds Doppelneffen wusste ich nicht. Ich werde mal das Thema verfolgen.
        Sie schreiben: „Und da schließt sich wohl der Kreis, weil die damaligen Eliten durch Religion und Reliquien die Masse zu kontrollieren versuchten.“
        Ich denke, sie tun es immer noch, nur die Religion und Reliquien heißen jetzt anders. Der Mensch ist trotz seiner Entwicklung doch gleich geblieben, also wirft man ihm immer wieder neue, komplexere Spielsachen zu, bennent sie anders, aber erklärt für eine neue Art Reliquien. Und lässt ihn glauben, dass er nur mit diesen Dingen wirklich dazu gehört. Wozu auch immer. Man sucht ein kuscheliges Plätzchen in der Gruppe der Gleichgesinnten. Herde ist alles.
        Mir gefällt Ihr Wort: heutig als Adverb 🙂

      • Richard K. Breuer Donnerstag, 26 Juni, 2014 um 12:35

        Ja, „Herde ist alles“ – und doch will uns die Werbeindustrie glauben machen, es ginge um den Einzelnen, um das Individuum. Da gibt es übrigens eine sehr empfehlenswerte vierteilige BBC-Dokumentation von Adam Curtis: The Century of Self Darin erklärt er, wie sich Freuds Theorien und Überlegungen auf die Gesellschaft ausgewirkt haben (eben auch durch seinen Neffen Bernays) und wie die Unternehmen in den 1970er Jahren begonnen haben, dem Konsumenten (s)eine Individualität vorzugaukeln; wir kennen das ja: wer diese Marke trägt, gehört zu … wer so ein Auto fährt, der gehört zu … usw. Am Ende, wie Sie richtig sagen, ist die Herde alles.

        Aha. Illig heißt der gute Mann also, Seinen Namen hatte ich bereits vergessen, sein Buch bzw. seine Hypothese freilich nicht. Sollte er recht haben und alles rund um Karl den Großen wäre „fake“, dann könnte sich doch Aachen darin einen Namen machen, in dem man diese Fälschung penibelst untersucht und „ausstellt“. Sollte nicht die Stärke aufgeklärter und reflektierter Bürger jene sein, dass sie über vergangene Fehler freimütig befinden können? Wir leben ja gegenwärtig in verkorksten Zeiten, wo man keinem Boten, keinem Medium, keinem Geschichtsbuch mehr trauen darf. Leider. Ich kann jedenfalls noch kein Licht am Ende dieses verworrenen Tunnels sehen.

        Dass Aachen vom Karl-Mythos profitiert (und damit natürlich auch viele Aachener Bürger und Geschäftsleute) macht es ja so schwierig, ernsthafte Untersuchungen anzustellen. So ist es mit vielen Mythen – eine kleinere oder größere Gruppe hält daran fest und verteidigt diesen bis zum letzten Atemzug. Die Religion ist da sicherlich ein gutes Beispiel. Apropos. Es gibt ja die Theorie, dass das Christentum eine vom römischen Imperium „erfundene“ pazifistische Religion war, um den Völkern im Nahen Osten eine Alternative zum rebellischen Judentum zu bieten. Ich habe mich jetzt nicht eingehend mit dieser Theorie beschäftigt, aber sie würde erklären, warum Christentum und Judentum (und später der Islam) so nah beisammen liegen.

        Aha. Napoleon ließ also die Aachener Stadtmauer schleifen. Schau mal einer an. Der gute Mann dürfte nicht nur in Frankreich, sondern auch im Westen Deutschlands seine Spuren hinterlassen haben. In Wien war es wohl eine Kosten-Nutzen-Rechnung, die den Ausschlag für den Abbruch der Mauern und Basteien gab 😉

        Und ja, ich kenne dieses Gefühl, wenn man sich im Detail verliert und den Wald vor lauter Bäume nicht mehr sehen kann. Die innerliche und äußerliche Distanz zu wahren ist nicht immer einfach.
        Und ich bin erstaunt, dass es Josef Hader bis in Ihre Lokalzeitung geschafft hat. Respekt 🙂

      • renaac Montag, 30 Juni, 2014 um 11:00

        Doch, doch, es werden auch in AC ernsthafte Unteruchungen angestellt. Doch das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass alle Ergebnisse gleich groß gefeiert werden, vor allem wenn sie nicht das bestätigen, was man ohnehin schon weiß.
        Es soll aber auch Historiker außerhalb von AC geben – man staune!, – die sich mit KdG und AC beschäftigen und durchaus andere Schlussfolgerungen anbieten. Solche Debatten spielen sich jedoch in akademischen Kreisen ab und der lokale Zeitungsleser kriegt das alles gar nicht mit.
        Es ist eher peinlich, dass man in einer so alten Stadt über Jahrzehnte hinweg versuchte, die Archeologen an Ausgrabungsarbeiten zu hindern. Erst die letzten Jahre brachten ein radikales Umdenken. Wobei ich mich als skeptische Natur direkt fragen muss, ob das alles, was gefunden wird, nach einer wiss. Untersuchung auch wirklich ungefiltert kommuniziert wird.
        So kam ich zu Ihrem Licht am Ende des Tunnels. Nun – gesetzt den Fall, Sie würden ein Lichtlein am Ende des Tunnels sehen. Würden Sie ihm Glauben schenken oder es vielleicht misstrauisch betrachten, ob das nicht ein Fake ist? 😉 Ich merke, dass man von diesem Punkt an ganz doll in die Philosophie abdrifften kann – und rudere zügig zurück. Am Ende ist man genauso schlau wie am Anfang (aber man hat sich immerhin trefflich unterhalten :-)).
        Napoleon war in AC nicht besonders beliebt, wenn ich das so formulieren darf. Er hat zwar einiges in dieser Stadt in Ordnung gebracht, aber er hat ja gewagt, sich mit KdG zu vergleichen. Ist das nicht süß? 😉
        Die alles umkrempelten Zünfte wurden mehr oder weniger aufgelöst, was den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt ermöglichte, aber Aachener waren darüber gar nicht so glücklich, vor allem die Nutznießer der alten Ordnung, auch wenn sie schon längst bröckelte. Die Undankbaren!
        Da Aachen schon ein spezieller Ort ist, hat es auch seinen eigenen Hader. Er lästert genauso scharf, aber mit anderen (stilistischen) Mitteln – Wendelin Haverkamp.
        Josef Hader ist wohl in DE bekannt, hat hier auch etliche Preise bekommen. Allerding spricht er hier ein besser verständliches Österreichisch 😉 – Ich gebe zu, das echte Österreichisch bereitet mir Probleme.
        Diese Entstehungstheorie des Christentums halte ich sehr weit hergeholt. Vor allem, wo es nicht ganz friedlich war. Außerdem hielt man die paar Jesusfreunde am Anfang ehe für eine verrückte Sekte. Und da sich Christentum erst im 2.-4. Jh. zu etablieren begann, als das Römische Imperium auch viele andere Probleme hatte, fällt es mir schwer zu glauben, dass man sich auf diese Weise mit Religionen/Glauben überhaupt hätte beschäftigen können/wollen. Das ist für mich eine Spekulation. Aber wenn es hierzu irgendwelche Beweise geben sollte … (werde ich mein Staunen nicht unterdrücken können).
        Indessen geht unsere Heiligtumsfahrt zu Ende. Heute werden die Reliquien wieder in den Marienschrein gelegt, das Schloss wird vergossen, der Schlüssel zweigeteilt: ein Stück für den OB und eins für den Bischof – und ein Stück Normalität kehrt in die Stadt zurück. Aber nur ein Stück. Wir haben ja das Karlsjahr …

    • Richard K. Breuer Dienstag, 1 Juli, 2014 um 10:17

      Ja, ja, es dürfte wohl zutreffen, dass wir „am Ende genauso schlau wie am Anfang“ sind. Das ist wohl die Ernüchterung, vielleicht sogar Enttäuschung, die einen „Gralsritter“, der auf der Suche nach Wahrheit und Licht in der Welt herumstolpert, früher oder später trifft. Vielleicht ist man gar nicht so sehr Gralsritter als Don Quijote und verirrt sich in einer Illusion bzw. Wahnvorstellung. Bei genauerer Betrachtung leben wir alle in einer Illusion bzw. Wahnvorstellung – es ist immer nur die Anzahl der Illusionsgläubigen, die den Ausschlag gibt, ob die Gesellschaft es für normal oder abnormal hält. Als neutraler Beobachter würde man jede Reliquienverehrung – sei es die WM-Trophäe in Brasilien oder die Marien-Artefakte in Aachen – äußerst sonderbar finden. Mit Realität und Wahrheit hat das alles nichts zu tun – trotzdem scheint der Mensch solch kultische Verehrungen zu brauchen. Als intensiver WM-Zugucker kann ich das nur bestätigen 😉

      Bezüglich archäologischen Ausgrabungen und dem Konservieren des Alten, also, im Trümmerhaufen von 1945 und in den darauffolgenden Wunderjahren galten die „alten Steine“ wenig. Auch hier in Wien wurde gnadenlos abgerissen. Die Einsicht, das alte Bausubstanz einen kulturellen und gesellschaftlichen Wert haben könnten, kam erst in den 1970ern oder sogar noch später. Erst vor wenigen Wochen wurde der Jugendstil-Hofpavillon für Kaiser Franz Josef I – von Architekt Otto Wagner einst penibelst geplant – restauriert der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. http://www.wienmuseum.at/de/standorte/ansicht/otto-wagner-hofpavillon-hietzing.html
      Wenn man durch diesen kleinen „Bahnhof“ schlendert und sich die detaillierten Zeichnungen der Planer anguckt, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Diese Detailverliebtheit, diese Perfektion, dieser Wunsch nach allumfassender Ästhetik – mit bescheidenen Mitteln umgesetzt – ist beeindruckend. Fünfzig Jahre nach Errichtung dieses Pavillons ist von alledem in der damaligen Architektur nichts mehr zu finden. Lieblos. Leblos. Achtlos. Humorlos. Und noch jede Stadtregierung scheut sich, konsequent den Menschen im Mittelpunkt zu stellen – statt dessen ist es die Reliquie AUTO, der allen Platz eingeräumt wird. Übrigens halte ich das Auto für die Urkatastrophe des 20. Jahrunderts. Nein, besser: wie die Gesellschaft mit dem Automobil umgegangen ist und wie sie sich von Unternehmern und Lobbyisten an der Nase herumführen hat lassen. Aber das ist freilich eine andere Geschichte 😉

      Ach, es gibt ein Karlsjahr? Uups. Das ist an mir vorübergegangen. Gut zu wissen.

      Übrigens, man spricht hier kein „österreichisch“, sondern auch in unserem kleinen bescheidenen Land gibt es regionale Färbungen und Dialekte. Josef Hader – wie ich gerade nachgeguckt habe – ist Oberösterreicher, präziser ein Mühlviertler und spricht, nun ja, ein österreichisches Kabarettdeutsch 😉 Sogar in Wien gibt bzw. gab es mal verschiedene Dialekte – je nach Bezirk. Davon ist heutzutage natürlich kaum noch etwas zu merken und wenn, dann nur im Extremen – sei es oben, sei es unten. Irgendwie trauere ich diesen Zeiten nach. Damals, als man sich noch unterscheiden und vom anderen abheben durfte. Heutzutage scheint es, als würde eine heimliche Kraft alles und alle gleich machen wollen – sogar Mann und Frau. O tempora, o mores, sagt ein Lateinunkundiger.

      • renaac Samstag, 5 Juli, 2014 um 0:21

        Jawohl, wir haben jetzt das Karlsjahr, weil unser aller Kaiser 814 gestorben ist. Da lässt man sich doch die Gelegenheit nicht nehmen, es gebührlich zu feiern, nicht wahr? Seit dem 20. Juni laufen fantastische Ausstellungen zum Thema KdG: Macht Kunst Schätze. Die Schätze, die man dafür aus aller Welt hat kommen lassen, sind wunderbar. Ich mag das Mittelalter sowieso, also freut es mich wirklich, all diese Dinge jetzt hier in AC zu sehen. Es ist mir klar, dass sie auch als eine Art Reliquien anzusehen wären, aber dieser Aspekt ist mir in dem Moment egal. Denn sie sind auch Zeugen der Zeit. Hoffentlich, denn ich möchte erfahren, wie die Menschen damals gelebt haben, und es gibt so wenig, das uns diesen Einblick ermöglichen kann, vorausgesetzt, dass wir diese Sachen auch richtig interpretieren. Gerade kam ein Buch über die Marienkirche in AC, also den berühmten Dom, den KdG gebaut hat, heraus. In der Kritik heißt es, dass man sich um eine moderne Interpretation bemüht … Ja, ich weiß, vorausgesetzt, dass KdG existierte. Also ich weiß, dass wir hier über ihn viel wunderbaren Unsinn erzählen und dabei gibt es nicht viele belegbare Daten. Ich werde mir das Buch mit Vorsicht anschauen. Vielleicht kaufe ich es sogar. Das weiß ich jetzt nicht.
        Ich weiß aber was anderes. Ich mag die Stadt und freue mich, dass ich hier lebe, aber die Öcher betrachte ich kritisch und wundere mich ständig über sie. Ich glaube, sie leben hier im Zustand einer allgemeinen Amnesie. Sie bedauern es zwar, aber so richtig scheint es sie gar nicht zu stören, dass sie nicht mehr wissen, wo KdG bestattet wurde. Das Wissen ist einfach verschwunden. Wie kann so etwas verschwinden? Man beschäftigt sich eher damit, wie man es arrangieren sollte, dass das Unwissen sympathisch daherkommt. Klar, das man sofort zu spekulieren anfängt, ob er überhaupt gelebt hat. Seine Knochen wurden wissentschaftlich untersucht und für seine befunden ;-). Man fragt sich, ob bestätigt wird, was genehm ist oder, weil es wahr ist. Und da kommt mir die Marienkirche (Dom) wieder in den Sinn. Herrlich!
        Gestern habe ich einiges über die Abtei an der Inde – in dem wunderschönen, idyllischen Kornelimünster bei Aachen – erfahren, die Benedikt von Aniane gegründet hatte. Toll, das war wohl ein fröhlicher Haufen! Angeblich soll der strenge Benedikt kurz vor seinem Tod sehr skeptisch die Zukunft der Klöster im Allgemeinen gesehen haben, von wegen Disziplin, Askese usw. Er hatte recht. Ein breites Thema, welches ich gar nicht weiterführen möchte. Interessant für mich war, dass in diesem kleinen Kornelimünster die Leute so unbekümmert mit den monastischen Vorsätzen umgesprungen sind. Eine letztendlich unbedeutende Abtei mit null schriftlichen Dokumenten ist daraus geworden. Man denkt dabei immer an Bibliothekssammlungen, tolle Inkunabeln usw. Und hier nix dergleichen. Schön einfältig und oder gerade deswegen lebensfroh. Warum auch nicht? So ist nun mal der Mensch. Warum wundert man sich ständig oder ist drüber entsetzt? Wir bedauern auch den heutigen Konsum und die Einfältigkeit des modernen Menschen. Nichts hat sich geändert.
        Ich freue mich über Ihre Ausführungen über das Österreichische. Dass es dieses Ö. nicht gibt, war mir schon klar, aber inwieweit Dialekte eine Rolle spielen, wusste ich nicht. In AC wurde Öcher Platt gesprochen. Zwar lustig anzuhören, aber ein komplett unverstänlicher Zungenschlag. Es gibt nicht mehr viele, die den Dialekt richtig beherrschen. Eine etwas abgeschwächte und verständlichere Form gibt es noch, aber das urige Öcher wird nur in einem Theater gesprochen und bei der Verleihung des Mundartpreises. Ohne einen Dolmetscher braucht da gar nicht hinzugehen. Ich habe es getan … und hatte wenig zu lachen.
        Das Schuljahr ist bei uns in NRW zu Ende und da kommen Schätzungen, Zusammenfassungen u.Ä. wieder. Es wurde festgestellt, dass immer mehr Schüler das Abi schaffen. Man macht also die Prüfungen so einfach, damit mehr Schüler es eben schaffen. So geht’s auch. Und so verblödet die Gesellschaft und man wird sie bald dort haben, wo man sie haben wollte – am Affenniveau. Und wir wissen, dass sich ungebildete Menschen leichter regieren, leichter manipulieren lassen. Hauptsache sie haben ihre Spielsachen, die sie wie Christusfiguren anstarren, voller Seligkeit und Hoffnung auf … ja was? Nichts Neues. Bäh, so berechenbar ist das Ganze, dass es schon peinlich ist, diesen Prozess zu verfolgen. Es macht aber auch Angst. Da kommt mir das Mittelater einmal spannender vor. (Wenn da keine Flucht ist …!)
        Übrigens, falls Sie mal mit dem Gedanken gespielt haben sollten, AC zu besuchen, wäre jetzt (bis Mitte September) der richtige Zeitpunkt. Wir haben zwar die Reichsinsignien nicht mehr – Ihr habt sie ja ;-). Aber auch sonst gibt es hier einiges zu sehen.

  4. Richard K. Breuer Dienstag, 8 Juli, 2014 um 8:53

    Wird Aachen von den Aachener wirklich mit „AC“ abgekürzt? Ich hätte ja beinahe Aachen besucht, aber das ist bereits länger her und damals ging es mir freilich um das Zwischenmenschliche und nicht um eine vergangene Historie – ob diese nun Fakt oder Fiktion ist, lassen wir mal außen vor.

    Es wird „Öscher“ ausgesprochen, wie mich Wikipedia über den „unverständlichen Zungenschlag“ aufklärt. Überhaupt sind Dialekte und regionale Färbungen der Sprache äußerst interessant und zeugen von Gemeinsamkeit. Kein Wunder also, dass seit jeher die Obrigkeit versuchte und versucht, die Sprache ihrer Untertanen zu glätten und zu vereinheitlichen. Seinen Zungenschlag an die Kinder weiterzugeben ist demnach ein revolutionärer Akt. Leider aber aus der Mode. Und in Zeiten, in der die liberale Gleichmacherei die Masse beherrscht, ist davon auszugehen, dass all die verschiedenen „Regionalsprachen“ aussterben und nur noch im Museum zu hören sind. Der Wiener Dialekt, den es früher in den verschiedensten Ausformungen gegeben hat und der die bezirksweise Verortung möglich machte (beispielsweise das noch heute hin und wieder zu hörende „Meidlinger L“ der Arbeiter oder das nasale Schönbrunner-Deutsch der Bessergestellten), ist – vor allem bei der jüngeren Generation – kaum noch zu hören. Oftmals ist es nur noch ein Mischmasch aus Migrations-Slang und SMS-Stakkato. Das „Affenniveau“, wenn man so will, schlägt sich auch und vor allem in der Sprache nieder. Wie jemand spricht, so denkt er. Wie jemand denkt, so spricht er.

    Ein „lebensfrohes Kloster“, also? Diesbezüglich darf man nicht vergessen, dass die Klöster auf Kosten der Bevölkerung lebten. Ich habe vor ein paar Wochen eine gut geschriebene Biographie von Kaiser Josef II. (1741-90), Sohn von Kaiserin Maria-Theresias gelesen. Er war es ja, der viele der Klöster im Kaiserreich auflöste oder sie zu gemeinnützigen Tätigkeiten zwang. Seinen Briefen und Erlässen nach zu urteilen, dürften die Klöster und Stifte in seinen Augen ein recht verkommener und vor allem unnützer Haufen gewesen sein. Der damalige Minister Fürst Kaunitz schrieb: „Ein jährlicher Fond von wenigstens 40.000 Gulden könnte in einem Gebär- und Findelhaus oder Spital für inkurable [unheilbar kranke] Frauen auf Gott wohlgefälligere und für den Staat ersprießlichere Art als für den Unterhalt von 27 ganz unnützen Mönchen verwendet werden.“ [Viktor Bibl, J. Günther Verlag, 1943, S. 184] Dass Josef II. mit all seinen Reformen, die damals ihrer Zeit um viele Jahre und Jahrzehnte voraus waren, anecken sollte, dürfte nicht überraschen 😉

    Ja, wie kann das Wissen um die Grabstätte von KdG, dem Größten aller Herrscher, einfach verloren gehen? Alleine dieser Umstand muss einen skeptisch machen, bedeutete es, so es ihn gegeben hat, dass er nicht so groß und bedeutend gewesen sein dürfte – jedenfalls nicht in den Augen der Nachfahren. Wie auch immer man es dreht und wendet, an der ganzen Sache scheint etwas faul zu sein. Aber ich verstehe, wenn viele Leutchen nicht an der Heiligkeit einer Sache rütteln wollen, weil sie wissen oder ahnen, dass sie damit Pandoras Historienkistchen öffnen. Wer weiß, welche der „historischen Fakten“ sonst noch in die Kategorie „blühende Fiktion“ eingereiht werden müssen. Übrigens, ich tendiere ja dazu, aus einem Bauchgefühl heraus, dass Mozart gar nicht das alles überragende Genie war, wie er hinlänglich dargestellt wird. Meine Zweifel setzten ein, als ich mir seine letzte Wohnung in Wien angesehen habe – sie ist heute ein Museum. Analog KdG kennt man auch Mozarts Grab nicht. Man man das Genie Mozart einfach in ein Massengrab geworfen. Trotz seiner damaligen Popularität? Trotz seines hohen Ansehens bei Hofe? Ich werfe an dieser Stelle nur die Freimaurerei, seine Reise ins vorrevolutionäre Frankreich, seine Obszönitäten, seine stetigen Schulden und die Vertonung eines obrigkeitsfeindlichen Stückes von Beaumarchais. Aber man würde sich natürlich ins Knie schießen, würde man – im Besonderen in Wien – am Genie Mozarts zweifeln – nicht unähnlich der Situation in Aachen mit KdG 😉

    • renaac Sonntag, 13 Juli, 2014 um 0:25

      Ich beobachte eher, dass Dialekte noch vor ein paar Jahrzehnten eher ungefragt waren, aber jetzt pflegt man sie wieder. Allerdings erschließt es sich mir nicht, was schlecht daran sein sollte, die Sprache zu vereinheitlichen (als Lingua franca). Das ist zwar geschehen, aber Dialekte leben weiter. In AC gibt es einen Mundartpreis, der für die Pflege des Öcher Platt vergeben wird. Es ist natürlich ein Zeichen, dass man ihn schon pflegen „muss“, also dass er bedroht ist, zu verschwinden. Aber ehrlich gesagt, das hört sich wie eine andere Sprache. Kölsch verstehe ich noch, aber Öcher Platt?! Es geht hier nicht nur um die Aussprache. Am Singsang der Dialekte kann man noch Spaß haben, aber dieser Dialekt ist ein seltsames Überbleibsel aus ganz anderen Zeiten und es wundert mich nicht, dass er immer weniger gesprochen wird. Glücklich, wer hineingeboren wurde – andere hier müssen ihn lernen wie eine Fremdsprache. Ich war einmal auf der Verleihung dieses Mundartpreises. Glauben Sie mir, ich saß da und verstand keine Pointe, als die Öcher miteinander mullten. Und war froh, dass sie auch das „normale“ Deutsch sprachen.
      Ja, die Abtei in Kornlimünster war sehr reich, einerseits von Ludwig dem Frommen mit Ländereien üppig beschenkt und so mit mancher anderen Schenkung bedacht. Die Mönche vergassen, wozu sie da waren. Es gab viele Streitigkeiten mit dem Ort, die meistens vor einem Gericht entschieden wurden, bei denen es um nicht anderes ging als um den schnöden Mammon. Die neuen Benediktiner – nach der Auflösung durch Napoleon wieder gegründet – leben schon ganz anders, aber man muss trotzdem immer die Hand am Geldbeutel halten, wenn man mit denen verkehrt. Die Kirche kann es einfach nicht lassen. Dabei bekommt sie noch immer Entschädigungen vom Staat dafür, dass sie durch Napoleon so furchtbar furchtbare Verluste erleiden musste. Ach wirklich, die Arme! Also ich mag Napoleon nicht, aber manchmal denke ich … 😉

      Sie haben vollkommen recht, wie man spricht, so denkt man und umgekehrt gilt das auch. Irgendwo habe ich aufgeschnappt, dass bei Menschen, die nicht lesen und schreiben (wollen), Aggressivität und Ungeduld wachsen. Ich kann das nachvollziehen. Daher wird immer weniger Wert darauf gelegt, sich vollständig auszudrücken. Abgehackte Sätze, mehrfach wiederholte Worthülsen (vermutlich um Zeit zu schinden, bis man sich hat was einfallen lassen, aber man hat es dann doch nicht, wie auch?) usw. Es reicht den TV einzuschalten und die Politiker zu beobachten. Auch bei dieser Gruppe ist das Niveau rapide gesunken. Es gibt wirklich wenig Menschen, denen ich gerne zuhören möchte. Das ist sicher auch eine Art Vereinfachung bzw. Verdummung des Menschen mit dem Zweck, ihn (noch) leichter zu manipulieren.

      Zu KdG wird auch viel Umstrittenes kolportiert. Seit immer. Wie früh kolportierte man die Fälschung über ihn als dem Vorreiter der Kreuzzüge, obwohl er damit nichts zu tun hatte und sein einziger Feldzug nach Spanien (nicht einmal gegen Sarazenen), der gescheitert war und den wir aus dem Rolandslied kennen, in einen Siegeszug umgedeutet wurde? Ein paar Jahrhunderte später, als die Kreuzzüge eingestellt wurden (weil verloren), brauchte man keine Lichtgestalt mehr und siehe da, da sollte herausgefunden worden sein, dass das nur ein Fake war. Ups! Der falsche Turpin, na so was aber auch! Je weniger man über jemanden weiß, desto mehr erfindet man. Und dann glaubt man das selbst auch noch.

      Apropos Beaumarchais, da fällt mir sofort Lion Feuchtwanger dazu ein und seine „Füchse im Weinberg“. Echt lekker, würde ein Niederländer dazu sagen. Und nicht nur dieses Werk von ihm. Ich verstehe nicht, warum man ihn in Deutschland nicht mag und nicht kennt. (Und in Österreich?) Vielleicht, weil er es geschafft hat, sich mit Amis zu arrangieren – der einzige erfolgreiche in der Riege der Großen im Exil. Na ja, die Größe eines Th. Mann darf man mir auch ruhig noch einmal erklären. Meine Prüfungen habe ich längst bestanden und jetzt darf ich meine Meinung sagen, höhö. Und den finde ich nicht gut. Ich definiere gut u.a. auch als nützlich (um etwas zu verstehen, einen Kontext, den Zeitgeist, etwas Neues, Modernes, Bahnbrechendes, was auch immer), und da kann ich seinen Werken nichts dergleichen abgewinnen. Bis jetzt ist das für mich eine Art Self-celebration (Selbstanalyse mit anderen Mitteln?). Aber … man darf es, wie gesagt, versuchen. Bis dahin empfehle ich den Falschen Nero.

      • Richard K. Breuer Montag, 14 Juli, 2014 um 19:42

        „Je weniger man über jemanden weiß, desto mehr erfindet man“. Ja, das unterstreiche ich sofort. Überhaupt hegen und pflegen viele Getreue und Jünger das Mysterium ihrer erwählten Lichtgestalten. Das dürfte nicht nur früher so gewesen sein, sondern ist auch heute noch so. Dazu muss man nur eines dieser bunten Blätter aufschlagen, in der sich eine (aus den Fingern gesogene) Story an die nächste reiht. Ich denke, der Mensch möchte nun mal Bescheid wissen – ob es sich da um KdG oder Karl Lagerfeld oder … handelt, ist Geschmackssache. Am Ende zimmert sich jeder seine Vorstellung von einer Person oder Sache zusammen.

        Feuchtwanger? Hm. Ehrlich gesagt, ich schimpfe mich Schriftsteller, aber ich tue mir schwer, Bücher zu finden, die mich in den Bann ziehen oder mein Interesse wecken. Oftmals muss ich – ein wenig peinlich berührt – dem Gesprächspartner gestehen, die Klassiker bzw. jene Autoren, die man gelesen haben muss, nur vom Hineinblättern zu kennen. Die Wälzer von Thomas Mann beispielsweise haben mich abgeschreckt – aber sein schmales Buch „Der Tod in Venedig“ musste ich dann doch lesen. Warum? Weil ich wissen wollte, ob dieser gefeierte und honorierte deutsche Schriftsteller tatsächlich den Bogen überspannte.

        Auch verhält es sich so, dass ich primär an Autobiographischem oder Historischem oder Faktischem interessiert bin. Mich fasziniert das wahre Leben, nicht das gekünstelte oder mystifizierte. Zu Feuchtwanger kann ich nichts sagen. Musste gerade über ihn nachschlagen. Er scheint mir auf den ersten Blick suspekt. Sie wissen ja, dass ich es mit Verschwörungstheoretischem halte und in seiner Lebenszeit ist ja viel passiert, historisch gesprochen 😉 Seltsamerweise steht auf der (deutschen) WIki-Seite, dass er „einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts“ ist. Scheinbar sind Sie nicht dieser Meinung, oder?

        Napoleon mögen Sie nicht? Kann ich gut verstehen, hat er doch damals in den deutschen Landen ordentlich umgerührt. Aber seine Person ist und bleibt äußerst faszinierend. Stanley Kubrick hat übrigens viele Jahre an einem Filmprojekt über Napoleon gearbeitet. Ich habe mir seinen Drehbuchentwurf durchgelesen, fand es aber nicht gelungen. Vielleicht ist das Leben des „kleinen“ Korsen mit gewöhnlichen Erzählmitteln auch nicht beizukommen. Und wie bei jedem außergewöhnlichen historischen Ereignis tippe ich auf außergewöhnliche Einflüsse. Aber das ist dann wohl eine andere Geschichte. Kubrick wollte sie scheinbar nicht erzählen.

        Oh. Und wieder etwas gelernt, besser: aufgeschnappt bezüglich des falschen Karls respektive „Pseudo-Turpinos“ 🙂

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