richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Der Punk der Mondscheingasse oder Es wird Zeit, die Stadtmauer aufzuziehen

Mondscheingasse-2014

Mondscheingasse anno 2014 – die Poesie des Hades

Daher wüßten wir, daß der Hades, das Schattenreich der Antike, ganz und gar keine Hölle war, kein Ort der Strafe und Rache, kein Brenn-Ofen. Da sah man Mädchen in Blumenkleidern, die Ball spielten, auf Schaukeln saßen und ein Knabe erhielt Musik-Unterricht. Andere spielten Würfel, Andere andere Spiele, Jeder tue, was er im Licht eben auch getan habe, bloß schattenhaft, freudlos. Ohne Abenteuer und kraftlos; ein Schein-Leben. [Kästner/Austand der Dinge/Insel 1973/S.228]

Der US-Fotograf, der sich für das kontroversielle Lifeball-Plakat 2014 verantwortlich zeichnet, fragt, worüber sich die Leute aufregen. „Über Penis? Über Busen? […] Ich verstehe nicht, was an diesem Plakat so provozierend sein soll“ [Interview in der Die Presse vom 4.6.2014 – link].

Ich finde das Plakat deshalb provozierend, weil es als Provokation gedacht ist. Es handelt sich bei alledem um eine inszenierte Marketing-Idee, nicht mehr, nicht weniger, die darauf abzielt, größtmögliche „Einschaltquoten“ zu liefern. Ein „Skandal im Wasserglas“ ist hierfür bestens geeignet – medial unterstützt, politisch entschuldigt, übermoralisch gerechtfertigt.

Dem Bürger wurde Zeit seines Lebens eingetrichtert, wofür er sich aufzuregen habe. Nur in den vorgegebenen engen Grenzen darf er sich empören, darf er zum „Wutbürger“ werden. Verlässt er hingegen die eingetretenen Pfade, will er mit forschem Elan die systemische Korruption der „gutmenschlichen Moralisierer“ aufzeigen, wird er brachial zu Fall gebracht. Der gewöhnliche Bürger darf sich über plakatiert-plakative „Busen und Penise“ ereifern, aber nicht darüber, wie er in seinem Umfeld zu leben wünscht. Sehen Sie sich doch das obige Bild eine Weile an. Möchten Sie in solch einer Gasse wohnen, die den poetischen Namen Mondscheingasse trägt, aber deren Realität nicht mit den zarten Versen eines Dichters zu vergleichen ist, sondern mit der kratzigen Gesangsherauswürgung einer Punkband*?

Uns ist der Sinn abhanden gekommen, worum es im Leben, im Zusammenleben geht. Wir leben ein „Schein-Leben“. Weil wir irgendwann die Stadtmauern eingerissen haben. Jene Mauern, die, gewiss, einengten, aber, unbedingt, Schutz und Zuflucht boten. Die Historie der Städte ist reich an „Grabenkämpfen“ – vor allem war es der beständige Kampf der Städter gegen die Obrigkeit, gegen all die Fürsten und Könige, denen das Wort „Selbstbestimmung“ die Galle hochkommen ließ. Die Fürsten und Könige wurden mit der Zeit von finanzstarken Technokraten und gut vernetzten Übermoralisierern abgelöst. Ich denke, es wird Zeit, die Stadtmauer wieder aufzuziehen.

 

* Punk hat m.E. als „Statement“ eine Berechtigung (so es die Macher ernsthaft und ehrlich meinen), als Musik möchte ich die „Geräuschkulisse“ nicht bezeichnen.

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2 Antworten zu “Der Punk der Mondscheingasse oder Es wird Zeit, die Stadtmauer aufzuziehen

  1. zip Sonntag, 8 Juni, 2014 um 1:24

    Sehr kluger Beitrag.

    Danke, Richard.

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