richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM2104: Tag #2

Der 2. Spieltag hatte es wahrlich in sich. Die Schiedsrichterleistung, naja, ließ zu wünschen übrig – dafür funktionierte die Torlinientechnologie ausgezeichnet. Nicht, dass man sie gebraucht hätte. Also, die Mexikaner bezwangen im strömenden Regen den 1. FC Etoo. Die Spanier – so mächtig und unbezwingbar wie seinerzeit die (dank des Goldes aus den Americas) Armada – gingen mit Mann und Maus unter. Und die Chilenen wären beinahe über ein Känguru(h) gestolpert. HoppeldiePoppel.

 

Mexiko : Kamerun  1 : 0

Tor! Kein Tor! Tor! Kein Tor! Seltsam, wie oft der Ball aus dem Tor geholt wurde und es trotzdem nicht zählte. Abseitstor hüben wie drüben. Die Ironie des zweiten Spieltags: Während also der Schiedsrichter ein reguläres Tor der Mexikaner aberkannte, weil er ein Foul im Strafraum gesehen haben wollte (Stichwort: Tumult), erkannte ein anderer Schiedsrichter im zweiten Spiel das Tor an, obwohl der spanische Tormann Casillas recht unsanft bedrängt (lies: angesprungen) wurde. Verkehrte Welt, sozusagen. Zurück zu Mexiko und Kamerun. Anfänglich musste man ja befürchten, dass Kamerun von den quirligen Mexikanern an die (Stadion)Wand gespielt werden würde. Aber mit der Zeit ließen die einen nach, kamen die anderen auf. Und hätte Ex-Superüberdrüber-Stürmerstar Etoo den Ball ins und nicht neben das Tor geschossen, wer weiß, wie das Spiel ausgegangen wäre. Zugegeben, die Afrikaner wirkten (mental) müde, beinahe möchte man sagen: lustlos. Die Mexikaner hingegen sprühten vor Lust und Laune, man merkte, sie wollten gewinnen – und waren auch davon überzeugt. Zu überzeugt, für mein Dafürhalten. Vielleicht sogar schon überheblich. Und wenn wir eines wissen, im Fußball, dann ist es, dass Überheblichkeit bestraft wird. Bitter bestraft. Aber am Ende blieben die Mexikaner Sieger und die Kameruner Verlierer. Den Afrikanern hätte mehr Siegeswille jedenfalls nicht geschadet. Aber vielleicht spielen sie ja dann am besten, wenn es um nichts mehr geht. Mexikos nächster Gegner heißt, oha, Brasilien. Entweder wird es ein maues Geplänkel, weil sich keiner der beiden Teams aus der Verteidigung locken will, oder es geht von Beginn an heiß her. Und (emotional) hitzige Spiele will ich sehen. Unbedingt!

 

Spanien : Niederlande  1 : 5

Bin ich im falschen Film? Huh! Die Wettquoten für einen 5:1-Sieg Hollands müssen astronomisch gewesen sein – und sollte jemand ernsthaft viel Geld auf dieses Ergebnis gesetzt haben, er wäre noch vor Spielbeginn zu einem (psychologischen) Gespräch geladen worden („Sehen Sie vielleicht auch einen großen weißen Hasen?“). Dabei hat alles wie gehabt begonnen. Die Niederländer ließen den Spaniern von der ersten Minute an wissen, dass man härter zu spielen gedenke. Die Spanier ließen den Niederländer wiederum wissen, dass sie das Spiel zu gewinnen gedenken. Einfach, weil sie Europameister und Weltmeister und Europameister sind und die spanischen Klubs Europa dominieren und weil sie, der wichtigste Grund, Spanier sind. Aber die Vorherrschaft Barcelonas (und damit des spanischen Nationalteams) ist – dem Fußballgott sei’s gedankt – seit letzter Saison vorbei. Das Tikitakitakitiki – sich so lange den Ball in den eigenen Reihen zuspielen, bis die gegnerische Mannschaft (und der Zuseher) schwindlig oder frustriert oder verärgert oder alles zusammen ist – kommt hoffentlich aus der Mode. Der Leser dürfte bereits bemerkt haben, dass ich Spaniens Fußballvorherrschaft nicht sonderlich goutier(t)e – jedenfalls dann, wenn es um Barcelona ging/geht. Real Madrid und Athletico Madrid sind da ganz andere Kaliber und spielen Fußball, so wie ich ihn seit meiner Kindheit kenne.

Zurück zum Spiel. Alles, wie bereits erwähnt, alles lief wie gehabt. Sogar das Elfmetergeschenk für die Spanier passte da perfekt ins Bild. Spiel und Chose waren für die Holländer gelaufen. Dachte man. Dachte ich. Aber die Spanier, in ihrer Überheblichkeit, machten den Sack nicht zu, sondern gerieten auf die schiefe Bahn. Der Ausgleichstreffer von van Persie, also, das war ein Tor, wo man mit der Zunge schnalzen musste. Ja, so einen perfekten Flughechtkopfball sieht man selten (die Kopflandung, in Zeitlupe wiederholt, steht mir noch immer vor Augen). Der Treffer rüttelte die einen wach, die anderen in den Schlaf. So scheint es. Spanien in der zweiten Halbzeit unkonzentriert, nervös, angezählt. Die Holländer? Im Spielrausch. Nach jedem Treffer steigerte sich ihre Spielwut. Beinahe war es niederländische Raserei, was sie da trieben. Denn einen amtierenden Weltmeister so vorzuführen, so zu demütigen, das zeigt eindeutig, dass sie die Niederlage im WM-Finale von 2010 nicht akzeptierten (derweil hätten sie erst gar nicht ins Finale kommen dürfen; damals hätte ich es liebend gerne gesehen, hätte man den Kung-Fu-Holländern eine Abreibung verpasst). Es sah so aus, als würden Robben und Snejder und van Persie auf ihr, bereits am Boden liegenden und somit wehrlosen Opfer, noch hintreten. Und hintreten. Und hintreten. Gut möglich, dass sie den Willen der Spanier brechen wollten. Gut möglich, dass es ihnen gelungen ist. Ob sich die Spanier von dieser Demütigung jemals wieder erholen werden können? Einzig der Weltmeistertitel würde sie von dieser Schmach – einigermaßen – befreien. Aber die „Jetzt-erst-recht“-Tugend ist Südländern – soweit ich weiß – nicht im Blut. Ein letztes Aufbäumen – für Volk und Vaterland – tja, das ist wohl eher eine nordische Stärke (oder Schwäche, je nach dem). Das nächste Spiel der Spanier geht gegen Chile. Ausgerechnet gegen siegreiche Chilenen, die liebend gerne Spanien nach Hause schicken würden wollen. Ich schätze, die Spanier brauchen ein Wunder. Aber wenn nicht im katholischen Spanien, wo dann?

Und die Holländer? Dürfen sie sich schon im Finale wähnen? Nun, ich frage mich, wer sie aufhalten soll. Im nächsten Spiel – gegen unterlegene Australier – können sie erneut ihre Klasse aufzeigen und damit den Aufstieg fixieren. So ist möglich, was im Vorhinein viele für eine (h)ausgemachte Katastrophe hielten: das Achtelfinalspiel Spanien : Brasilien. Aber was für eine Katastrophe, würde der Weltmeister bereits nach der Gruppenphase die Koffer packen müssen. Das kommt hin und wieder vor. Die Franzosen (2002) und die Italiener (2010) können darüber ein Lied singen. Träller.

 

Chile : Australien  3 : 1

Australischer Weckruf! Das mitternächtliche Spiel verfolgte ich im Halbschlaf. Hin und wieder schreckte ich hoch – vornehmlich, wenn die Australier ihre Chancen vernebelten. Wobei, sie hatten welche. Das hätte man ihnen anfänglich gar nicht zugetraut. Während Chile mit Mann und Maus stürmte – sozusagen die Richtung vorgab – waren die Australier bemüht, die wenige Ordnung, die sie noch hatten, nicht zu verlieren. Es erinnerte an das Spiel Mexiko : Kamerun – als die Afrikaner zu Beginn ordentlich wankten und sich dann doch wieder fingen. Überraschend der australische Anschlusstreffer zum 2:1. Ein Weckruf, nicht nur für mich, sondern vor allem für die Socceroos, die auf den Ausgleich drängten. Ein sicherlich mitreißendes Spiel, das ich mehr genossen hätte, wäre ich nicht so müde gewesen. Zugegeben, die Australier hätte ich stärker eingeschätzt. Gegen die Niederländer werden sie wohl kein Leiberl reißen – zu ähnlich sind sie von der Spielanlage her (es geht um Physis und Einsatz, nicht um Spielwitz). Gegen die Spanier könnten die Australier ein Unentschieden „ermauern“.  Mehr ist für sie nicht drin. Aber das wussten sie ohnehin. Und die Chilenen? Setzen vielleicht zu einem Höhenflug an. Vielleicht aber auch nur zu einer Bruchlandung. Die Vorstellung gegen die Australier war, nun ja, enttäuschend. Mit einer solch löchrigen, beinahe schon inexistenten Abwehr, werden sie es gegen offensiv- bzw. konterstarke Mannschaften schwer haben, zu bestehen. Schade, schade. Weil Fußball heutzutage primär von einer „gesicherten Abwehr“ dominiert wird. Es gilt die Devise, dass man kein Gegentor erhält und wenigstens eines schießt. Ach, was wäre, würde die Devise lauten, dass man immer um ein Tor mehr als der Gegner schießt? Vielleicht ist das die Grundidee der Chilenen. Falls dem so wäre, verdienten sie sich den Titel. Auf der Stelle!

***

So! Jetzt muss ich Siesta halten. Das letzte Spiel beginnt heute, Samstag, 14.06., am Sonntag, 15.06, um 3 Uhr früh. Gääähn.

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