richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM2014: Tag #9

Der 9. WM-Spieltag zaubert wieder eine Überraschung aus dem Hut: Italien wird von Costa Rica vorgeführt und muss sich nun nach der Niederlage im letzten Gruppenspiel gegen Uruguay durchsetzen, um noch das Achtelfinale zu erreichen. Man darf gespannt sein, wie die beiden Stehfußball-Teams das Spiel anlegen werden, geht es doch um alles oder nichts. Durch den Sieg Costa Ricas sind die Engländer nun fix ausgeschieden. Goodbye to all that, sozusagen. Auf der anderen Seite (des Ärmelkanals) stehen die Franzosen, die die Schweizer gnadenlos mit 5:2 aus dem Stadion schossen, so gut wie im Achtelfinale. Ein Ausrufezeichen á la française. Und Ecuador setzt sich knapp gegen Honduras durch. Trotzdem hat Honduras im letzten Spiel gegen die Schweiz die besseren Karten.

Italien : Costa Rica  0 : 1

Costa Rica kam, sah, siegte! Wow! Die italienischen Stehfußballer zerbröckelten nicht nur an der 5er-Kette Costa Ricas, sondern vor allem an ihren spielerischen Unzulänglichkeiten. Da klappte wenig bis gar nichts. Kaum Bewegung, selten Ideen, null Feuer. Dass solch ein Italien im ersten Spiel England besiegen konnte, zeigt, wie schwach die englische Nationalmannschaft im Moment sein muss. Erbärmlich die einen, entsetzlich die anderen. Im letzten Gruppenspiel genügt Italien gegen Uruguay ein Unentschieden. Damit ist wohl der italienische Beton bereits angerührt. Hätten die Urus nicht Suárez in ihren Reihen, man würde ihnen keine Chance geben. Aber wie so oft, wenn in einem Spiel zwei formschwache Teams aufeinander treffen, ist es die Einzelleistung eines Spielers, der den Ausschlag geben kann. Im Gegensatz zum entfesselten Suárez wirkt Mario Balotelli gezähmt und gehemmt. Vielleicht lässt man ihn im „alles-oder-nichts“-Spiel von der Leine – dann könnte er, wie in alten Zeiten, ein Feuerwerk abbrennen (oder die rote Karte kassieren). Aber wetten würde ich nicht darauf. Der wahrscheinliche Gruppensieger Costa Rica hat gezeigt, wie man auch mit unbekannten, vermutlich nur durchschnittlichen Spielern, die Großen bezwingen kann. Laufbereitschaft, Disziplin, Nervenstärke, Teamgeist, taktische Ordnung über 90 Minuten, überdurchschnittliche Balltechnik und Kampfeswille. Man muss sich nur deren Eckbälle ansehen, die brandgefährlich in den Strafraum gezirkelt wurden (und Übertormann Buffon schlecht aussehen ließen). Das gelingt nicht einmal den Top-Mannschaften. Die Mannen von Costa Rica werden es im Achtelfinale mit dem Zweiten der Gruppe C zu tun bekommen, also Griechenland oder Elfenbeinküste – zwei Mannschaften, die sie ohne Probleme schlagen sollten. Damit würde Costa Ricas Einzug ins Viertelfinale nichts im Wege stehen. Huh. Wer hätte das gedacht? Ich klatsche erfreut in die Hände. Yeah.

 

Schweiz : Frankreich 2 : 5

Vive la France! Ja, auch die Franzosen machen – wie bereits die Kroaten – keine Gefangenen. Freilich, während die dezimierten Kameruner sich liebend gerne ergeben hätten, kämpften die Schweizer, wie es sich für einen (eingebürgerten) Eidgenossen gehört, bis zum Ende. Übrigens, die Schweiz war lange Zeit ein armes Land, weshalb sich viele ihrer stämmigen Söhne als Söldner in ausländischen Heeren verdingen mussten. Heute verdingen sich ausländische Fußballer in der reichen Schweiz. So ändern sich die Zeiten. Zurück zum Spiel. Die Franzosen? Furchteinflößende Vorstellung. Zugegeben, Mittelstürmer Giroud aufzustellen und Benzema auf die linke Seite zu stellen, hätte ich nicht gemacht – aber der Erfolg gibt dem Trainer immer Recht: es war Giroud, der das erste Tor machte und das dritte vorbereitete. Dass Benzema einen Elfmeter verschießt (kurzer Anlauf!) und Cabaye den Nachschuss – leeres Tor! – an die Latte knallt, naja, kommt hin und wieder vor, peinlich ist es trotzdem. Benzemas sechstes Tor, herrlicher Weitschuss, fiel leider dem Abpfiff zum Opfer. Schade, schade. Er hätte es sich verdient. Also, waren die Franzosen so gut oder die Schweizer so schwach? Es trifft wohl beides zu, irgendwie. Die Schweizer hatten wohl allesamt einen schlechten Tag. Und die Franzosen – nicht wie sonst gegen ihren Trainer spielend oder demonstrierend – sie leckten Blut oder wollten Blut sehen (Giroud beförderte van Bergen unbeabsichtigt ins Spital). Alles in allem eine ordentliche Leistung der Bleus, die zweikampfstark und lauffreudig (der kleine Valbuena läuft für zwei) sind; vor dem Tor agieren sie abgebrüht und eiskalt und es scheint, dass jeder der Franzosen für ein Tor gut ist. Respekt. In der Abwehr lassen sie nicht viel anbrennen, stehen konsequent ihren Mann. Am meisten beeindruckt hat mich aber ihr Umschalten von Defensive auf Offensive. Zugegeben, die Schweizer haben ihnen die Räume dafür gegeben. Man wird sehen, wie leicht oder schwer sich die Mannen von Deschamps tun, wenn sie gegen eine disziplinierte Defensive, die mit konsequentem Pressing agiert, spielen müssen. Wie dem auch sei, mit den Franzosen ist zu rechnen. Oui, oui. Und die Schweiz? Es wäre eine große Überraschung, würden sie den Aufstieg ins Achtelfinale nicht schaffen (Honduras WM 2010, anyone?). Aber dann dürfte es gegen Argentinien gehen, das sich gegen Bosnien recht schwer getan hat. Ob die Eidgenossen mit Messi & Co mithalten können? Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

 

Honduras : Ecuador 1 : 2

Feuer in der Brust! Im Spiel, man merkte es, loderte es ordentlich in den Brüsten der Spieler. Man war sich der Wichtigkeit des Spiels sichtlich bewusst. Nicht so sehr, weil es um die Aufstieg, vielmehr um eine Standortbestimmung beider Mannschaften ging. Ecuador, vor dem Spiel der klare Favorit, setzte sich am Ende denkbar knapp durch – Honduras hatte Chancen, spielte brav mit und kämpfte bis zum Ende. So gehört sich das. Nichtsdestotrotz hat Ecuador die denkbar ungünstigste Ausgangssituation, muss es doch gegen ein erstarktes Frankreich antreten, das keine Geschenke verteilen wird. Honduras bekommt es mit arg gebeutelten Schweizern zu tun, denen sicherlich das unrühmliche 0:0 der vorigen WM im Hinterkopf herumspukt. Und nach der imposanten Pleite gegen die Franzosen und dem denkbar knappsten Sieg gegen Ecuador wäre eine Niederlage gegen Honduras wohl die Fahrkarte für eine eidgenössische Lachnummer. Nach dem ersten Gruppenspieltag hätte ich Honduras keine Chancen gegen die Schweiz eingeräumt. Aber nach dem Honduras im Spiel gegen Ecuador eine beachtliche Leistung abrufen konnte, dürfte das letzte (Final)Spiel für das schweizer Team keine gemähte Wiese sein, wie es so schön heißt. Frankreich, so viel lässt sich sagen, wird auch gegen Ecuador nichts anbrennen lassen. Ob es ein Feuerwerk wird, nun, das kommt wohl darauf an, wer das erste Tor macht. Die Südamerikaner können vielleicht nicht unbedingt das Spiel machen, aber Kontern, yep, Kontern können sie. Und die Franzosen? Die können alles, wenn sie wollen. Aber überheblich sollten sie nicht ins nächste Spiel gehen. Trainer Deschamps versucht den napoleonischen Größenwahn in Grenzen zu halten. Andererseits, vielleicht war Napoleon ja Realist.

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Eine Antwort zu “WM2014: Tag #9

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