richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM2014: Tag #10

Der 10. WM-Spieltag wartet mit mehreren Überraschungen auf. Die erste ist, dass Mitfavorit Argentinien gegen den vermeintlichen Underdog Iran ziemlich schlecht aussah und den Sieg – dank Messi – nicht verdiente. Die zweite ist, dass demnach Nigeria, die gegen den Iran besser als Argentinien aussah, stärker als vermutet sein dürfte – was die Afrikaner auch gegen Bosnien-Herzegowina mit einem knappen Sieg unter Beweis stellen konnten. Und die letzte Überraschung – frei nach Gary Lineker –  ist, dass ein Fußballspiel 90 Minuten dauert und Deutschland doch nicht immer gewinnt. Das Unentschieden gegen Ghana war wirklich spannendes Kino. Und am Ende sogar gerecht. Das mag vielleicht auch überraschend gewesen sein.

 

Argentinien : Iran  1 : 0

Fußball ist ungerecht! Jede Mannschaft sollte einen Messi haben. Wer hätte gedacht, dass Iran einen der Mitfavoriten um den Weltmeistertitel gehörig in Bedrängnis bringen würde. Natürlich niemand. So musste ein gewisser Lionel Messi in der allerletzten Minute mit einem angezirkelten Weitschuss die Kohlen aus dem Feuer und die drei Punkte holen und somit den Aufstieg ins Achtelfinale fixieren. Dabei hätten sich die Iraner zumindest ein Remis verdient gehabt. Ein Foul im Strafraum Argentiniens wurde vom Schiedsrichter übersehen – wäre der Elfmeter gegeben und von den Iranern verwandelt worden, wer weiß, wie das Spiel am Ende ausgegangen wäre. Die Argentinier waren über die ganzen 90 Minuten ideen- und lustlos, ja, gegen die iranischen Konter, die äußerst gefährlich vorgetragen wurden, fanden sie kein Rezept. Gegen das Abwehrbollwerk genausowenig. Der iranischen Nationalmannschaft muss man für ihre guten Leistungen in den beiden Gruppenspielen Respekt zollen. Theoretisch könnten sie sogar noch den Aufstieg ins Achtelfinale schaffen – dazu müssten sie die (bereits ausgeschiedenen) Bosnier besiegen und Nigeria dürfte gegen die argentinische B-Mannschaft keinen Punkt machen. Das argentinische Nationalteam muss sich jedenfalls  steigern, sonst sehe ich schwarz für den Aufstieg ins Viertelfinale. Natürlich kann es ein Messi immer richten, aber es würde den Fußball dann wohl ad absurdum führen – immerhin reden wir hier von einem Teamsport. Andererseits, führt man sich die WM 2010 in Südafrika vor Augen, da war es auch nur ein Einzelspieler, Robben, der beinahe im Alleingang die Niederländer ins Finale brachte. Und vielleicht ist das auch wieder die Qualität eines (Vize-)Weltmeisters, wer weiß. Liebend gerne würde ich die laschen Argentinier gegen die übermotivierten Franzosen auflaufen sehen. Und vielleicht erfüllt mir der Afrikameister meinen Wunsch.

 

Deutschland : Ghana  2 : 2

So spannend kann Fußball sein. Nach der unglücklichen Niederlage Ghanas gegen übermotivierte Amerikaner dachte ich nicht, dass die Afrikaner in der Lage wären, die Deutschen, die sich gegen Portugal in einen Spielrausch spielten, zu fordern. Aber erstens kommt es anders und zweitens geht es hier um ein Fußballspiel. Die Ghanaer zeigten von Beginn an, dass sie bereit waren, den Deutschen die Schneid abzukaufen. Sie übten Druck aus, spielten ihre physische Stärke gekonnt aus und zeigten, wenn man so will, Gegenwehr. Das deutsche Team dürfte das so nicht erwartet haben. Vielleicht war bereits ein Stück Überheblichkeit dabei, vielleicht verließ man sich darauf, dass Ghana früher oder später Fehler machen würde. Dass es aber mit Fortdauer des Spiels die Deutschen waren, die Fehler machten, überraschte dann doch. Bezeichnend ein missglückter Auswurf von Tormann Neuer, der zeigte, dass auch die Nerven der deutschen Spieler zum Zerreißen gespannt waren. Man kann sagen, dass die Deutschen in der ersten Halbzeit nie wirklich ins Spiel gefunden hatten. Weiters müssen wir festhalten, dass Trainer Löw vier Innenverteidiger in die Abwehr stellte – wenn man so will wäre das dann wohl eine Sechserkette. Kein Wunder also, dass auf den Flügeln selten Überzahl hergestellt werden konnte. Dass dann die Flanke zum ersten Tor vom eingewechselten Außenverteidiger Shkodran Mustafi (yep, ein Germane) kam, der die Sache ein klein wenig offensiver anlegte als (der deutsche) Boateng, zeigt, dass es offensive Außenspieler braucht. Weiters gilt darauf hinzuweisen, dass Löw in der Grundformation auch keinen Platz für einen gelernten Stürmer hatte. Dass dann der wichtige Treffer zum  Ausgleich durch den (gerade eingewechselten) Mittelmittelstürmer Klose erzielt wurde, zeigt, dass es eben einen Unterschied gibt, zwischen (offensiven) Mittelfeldakteuren und Mittelstürmern. Nicht umsonst blättert Bayern München viel Geld für den (polnischen) Goalgetter Lewandowski hin. An Mittelfeldüberdrüberspielern hätten die Bayern mehr als genug (beispielsweise den Schweizer Shaqiri, der zumeist auf der Ersatzbank zu finden ist und trotzdem zu den guten zählt, wie er bei der WM zeigt).

Wie auch immer, das Spiel, welches in der ersten Hälfte eher mau war, steigerte sich in der zweiten Halbzeit zu einem wahren Krimi, zu einer Hochschaubahn der Emotionen. Je länger das Spiel dauerte, je mehr die Kräfte der Spieler nachließen, um so mehr Räume und Chancen boten sich der offensiven Mannschaft an – kurz und gut: das Spiel entwickelte sich zu einem Schlagabtausch. Jeder Angriff hätte das Tor und damit (vielleicht) die Vorentscheidung bringen können. Huh. Nichts für nervenschwache deutsche oder afrikanische Gemüter. Ghana beeindruckte durch ihre Kampfbereitschaft, durch ihre Physis (auch wenn die Spieler gegen Ende völlig am Ende waren) und dem Willen, ein Tor zu machen. Die Deutschen? Sie hielten, wie es sich für Germanen gehört, vorschriftsmäßig dagegen, aber man merkte, dass sie durch die beiden Gegentreffer ordentlich verunsichert wurden. Man könnte sagen, die Deutschen, sie wankten. Aber im Wanken zeigten sie, dass sie für einen Siegestreffer allemal gut wären.

Da fällt mir ein: Das „Kopfballtor“ von Götze war eigentlich vielmehr ein „Knietor“; er brachte es tatsächlich zuwege, sich den Ball auf das eigene Knie zu köpfen und von dort ins Tor. Kurios. Kurios auch der mit einer Hose angezogene Flitzer, der kurz sein Unwesen am Rasen trieb. Was es bei einer WM nicht alles zu sehen gibt.

 

Nigeria : Bosnien-Herzegowina 1 : 0

Scheitern auf bosnisch: Ab durch die Mitte. Nach dem ersten Spieltag sah ich Bosnien-Herzegowina bereits im Achtelfinale, da sie recht unglücklich gegen Mitfavorit Argentinien verloren und Nigeria gegen den vermeintlichen Underdog Iran herzlich wenig gezeigt hatte. Tja. Dann kam der zweite Spieltag der Gruppe F und plötzlich sieht die Fußballwelt ganz anders aus: Argentinien mit schwachen, Iran mit starken Leistungen. Ja, man könnte sogar soweit gehen, den Iran auf gleicher Augenhöhe mit Argentinien zu sehen. Wenigstens in den 90 Minuten. Ergo muss man die Leistung Nigerias gegen den Iran würdigen. Ergo war der Sieg gegen ideenlose Bosnier keine Überraschung mehr. Ja, die ex-kakanische Truppe rund um Misimovic, Ibisevic und  Dzeko wollten es immer wieder durch die Mitte probieren – Flügelspiel? Fehlanzeige. So konnte sich die Abwehr der Nigerianer gut auf das Angriffsspiel der Bosnier einstellen und ließen nicht viel anbrennen. Freilich, zwei Mal brannte es Lichterloh. Das erste Mal in der 21. Minute, als Superstar Dzeko ein reguläres Tor machte, aber der Schiedsrichter eine Abseitsposition erkannte haben wollte. Das zweite Mal in der 93. Minute als sein Schuss vom nigerianischen Torhüter Enyeama an die Torstange abgelenkt wurde. Tja. Dumm gelaufen. Die Bosnier sind damit aus dem Rennen und treten nach dem dritten Gruppenspiel die Heimreise an. Aber um ehrlich zu sein, ihre Leistung hat mich nicht überzeugt – diese (veränderte) Einsicht kommt wohlgemerkt nach dem zweiten Gruppenspieltag. Wie stark der Afrikameister 2013 wirklich ist, lässt sich noch nicht sagen. Das wird sich wohl erst im Achtelfinale zeigen.

Übrigens ist es durchaus möglich, dass sich Argentinien und Nigeria bereits vor dem letzten Spiel auf ein Unentschieden einigen. Damit würde Argentinien den ersten und Nigeria den zweiten Platz behaupten. Gegen solch eine Konstellation kann nicht mal der Fußballgott oder die FIFA etwas ausrichten. Auf der anderen Seite wäre es natürlich für Nigeria reizvoll, gegen Argentinien zu gewinnen, um so im Achtelfinale den übermächtigen Franzosen auszuweichen und „nur“ gegen angezählte Schweizer zu spielen. Wie auch immer die letzten Gruppenspiele ausgehen mögen, im Vergleich zum Iran scheint mir Nigeria in jedem Fall die geeignetere Mannschaft für die Ko-Phase zu sein.

 

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