richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM2014: Tag #11

Der 11. WM-Spieltag hatte es in sich. Er beginnt zwar mit einer müden Partie zwischen Belgien und Russland, aber dann geht es Schlag auf Schlag. Algerien stürmt sich gegen Südkorea in der ersten Halbzeit in einen wahren Spielrausch, der in der zweiten Halbzeit gut und gerne auf die Südkoreaner hätte übergehen können. Und Portugal verhindert – im wahrsten Sinne des Wortes – in allerletzter Sekunde das vorzeitige Aus gegen starke US-Boys. Dramatik pur!

 

Belgien : Russland  1 : 0

Gähn. Ist das Spiel endlich aus? Na, das war ja wohl ein mäßiges Spiel. Dabei dachte man zuvor noch, es wäre ein Kracher. Gekracht hat da nichts – außer vielleicht manche Schädel in Kopfballduellen. Tja. Die Russen, die bereits gegen Südkorea herzlich wenig zeigten, zeigten in diesem Spiel noch weniger. Wobei, man muss ihnen zugute halten, dass sie wenigstens versuchten, in der zweiten Halbzeit das Spiel zu machen. Aber die spielerischen Qualitäten ließen zu wünschen übrig. Vielleicht war es auch die Nervosität, vielleicht die für Russen ungewohnten Temperaturen, kurz und gut, die Russen spielten schwach. Und der Geheimfavorit? Hm. In der ersten Halbzeit spielten sie die Russen in manchen Aktionen schwindlig – aber echte Torchancen blieben Mangelware. Im Gegensatz dazu hatten die Russen die größte Chance – ein Kopfball strich nur knapp neben das Tor. Wir sehen: spielerische und läuferische Vorteile bringen eine Mannschaft noch lange nicht auf die Siegesstraße. Dann, mit Beginn der zweiten Halbzeit, ließen sich die Belgier zurückfallen. Unverständlicherweise überließen sie den Russen das Feld. War es bewusster Schongang? Mentale Schwäche? Konditioneller Abfall? Erst in den letzten zehn Minuten übernahmen sie wieder das Heft und man merkte, welch Potenzial in dieser Mannschaft schlummert. Der Siegestreffer durch den eingwechselten Origi dürfte ganz Belgien in einen Freudentaumel versetzt haben. Auch wenn sie über die ganzen 90 Minuten gesehen enttäuscht haben, die bessere Mannschaft waren und sind sie, da besteht kein Zweifel. Ob sie auch gegen laufstarke (aber arg gebeutelte) Koreaner bestehen können, wird sich im letzten Spiel zeigen. Geht alles nach Plan, sollte einem Viertelfinale zwischen Argentinien und Belgien nichts im Wege stehen. Na, wollen wir mal die Pferde im Stall lassen und Tee trinken. Höchst befremdlich, dass bei den Russen zwei Verteidiger recht früh im Spiel mit Krämpfen zu kämpfen hatten. Das wirft kein gutes Licht auf die russische Fitness. Aber vielleicht dauert ihr Auftritt in Brasilien sowieso nicht mehr lange.

 

Südkorea : Algerien  2 : 4

Hoppla. Bin ich im falschen Spiel? Na, das war ja ein ordentliches Fußballspiel. Ganz nach meinem Geschmack. Vielleicht hätte Südkorea noch das 3:4 schießen müssen, zehn Minuten vor Schluss, um noch mal an der Dramatikschraube zu drehen, aber man kann ja nicht alles haben. Man muss sich jedenfalls bei den Südkoreanern bedanken, dass sie nach dem 3:0 ihren Motor nicht abgestellt und auch nicht aufgehört haben, weiterzuspielen. Sie versuchten noch bis zum Abpfiff ein weiteres Tor zu machen. Fein. So gehört sich das. Kämpfen bis zum Schluss. Aufgegeben, wie es so schön heißt, wird nur ein Brief, aber kein Fußballspiel. Sieht man sich die erste Hälfte an, dann muss sich jeder Gegner vor Algerien fürchten. Die nordafrikanischen Mannen kamen mit dermaßen viel Dampf daher, dass die Koreaner nicht wussten, wie ihnen geschieht. Gegen solch eine algerische Spannkraft anzukommen dürfte wahrlich nicht leicht sein. Falls die Algerier auch gegen Russland im letzten Spiel so anrollen, dann könnte es Knüppeldick für die Capello-Truppe kommen. Bereits durch den sanften Druck der Belgier geriet die russische Hintermannschaft gehörig ins Schwimmen. Freilich, nach dem die algerische Offensive einige Chancen vernebelten, musste man schon befürchten, dass die Nordafrikaner zwar bemüht, aber leer ausgehen würden. Doch erstens kommt es anders und zweitens geht es um ein Fußballspiel zwischen zwei Underdogs. Drei Tore in der ersten Hälfte, dabei viel Druck erzeugt und die Koreaner nie ins Spiel kommen lassen, all das ist eine klare Ansage. Respekt. Solch eine Überlegenheit sah man noch selten. Doch mit dem Anpfiff zur zweiten Halbzeit könnte man glauben, man hätte es mit einem anderen Spiel zu tun. Da agierten die Algerier passiv, zogen sich zurück und warteten ab. Die Koreaner nutzten nun die freien Räume und konnten ihrerseits Druck ausüben. Die logische Folge war der Anschlusstreffer zum 1:3. Zwei gute Chancen hätten beinahe zu einem weiteren Anschlusstreffer geführt. Aber statt in das eine Tor ging der Ball in das andere: mustergültiger Konter der Algerier, Doppelpass im koreanischen Strafraum, eiskalt abgeschlossen. So macht man das. Aber die Koreaner gaben noch immer nicht auf. Kamen auf 2:4 heran und mühten sich redlich, ein weiteres Tor zu schießen. Aber das wollte nicht mehr gelingen. Nichtsdestotrotz, beeindruckende Leistungen hüben wie drüben. Gut möglich, dass die Südkoreaner im letzten Gruppenspiel gegen die bereits qualifizierten Belgier ihre Ehre wieder herstellen wollen und deshalb auf Teufel komm raus spielen werden. So gäbe es durchaus noch eine (winzige) Aufstiegschance für die Koreaner – aber da müssten sie die B-Mannschaft der Belgier ordentlich düpieren – und Algerien dürfte gegen Russland nur einen Punkt machen. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

Man fragt sich, wie das erste Spiel der Algerier gegen Belgien ausgegangen wäre, hätten sie ebenfalls so druckvoll begonnen. Müßig darüber zu spekulieren, die Frage wird wohl sein, wie lange sie dieses kraftvolle Pressing aufrechterhalten können. Und falls sie sich zurückziehen, ist die Hintermannschaft abgeklärt genug, den gegnerischen Druck abzufangen? Russland, wie gesagt, sollte für Algerien keine Hürde darstellen. Gut möglich also, dass es Deutschland im Achtelfinale mit den unangenehmen Nordafrikaner zu tun bekommen wird. Ei, das wird ein Spaß.

 

USA : Portugal 2 : 2

Hollywood schreibt Fußballgeschichten oder Fußballwunder1.0. Wäre das Spiel zwischen den USA und Portugal ein Kinofilm gewesen, man hätte über die Wendung in der allerletzten Sekunde nur müde gelächelt. Aber dem Drehbuchautor des Lebens, nennen wir ihn Schicksal, bekümmern weder abgeschmackte Klischees noch die Ergebnisse von Wahrscheinlichkeitsberechnungen. Ich meine, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass (ausgerechnet) Ronald mit seiner letzten Flanke das Kopftor von Varela vorbereitet und somit das vorzeitige Aus für Portugal verhindert? In den zuvor gespielten 94 Minuten zeigten die Portugiesen herzlich wenig – vor allem offensiv funktionierte nicht viel. Der Führungstreffer, wie kann es anders sein, ein Zufallsprodukt, das nicht die Portugiesen, sondern die US-Boys aufweckte. Es dauerte zwar eine Stunde, bis der Ausgleich fiel, aber es zeichnete sich längst ab. Der amerikanische Führungstreffer, keine zehn Minuten vor dem regulären Ende, schien der sichere letzte Sargnagel für die angezählten Portugiesen. Aber wie gesagt, der Drehbuchautor des Lebens wollte es noch einmal spannend machen. Zwar haben Ghana und Portugal nur noch eine Mini-Chance, aber immerhin, die Hoffnung lebt – und die Klinsmann-Truppe wird sich gegen die Löw-Truppe ordentlich ins Zeug legen müssen, um den Aufstieg zu fixieren. Andererseits, ein Blick auf die Tabelle verrät, dass beide Mannschaften mit einem Unentschieden das Achtelfinale erreichen würden. Könnte es also einen Nichtangriffspakt geben zwischen den deutschen Deutschen und den deutschen Amerikanern? Unbeliebt – zu mindest im Fußball – sind die Deutschen sowieso, was würde da ein zweites Gijon schon machen? Oder haben sich die Deutschen bereits in die Herzen der Fußballfans gespielt? Ist es nur meine rot-weiß-rote Fußballerseele, die dem deutschen Nationalteam nichts abgewinnen kann?

Die Amerikaner sind wirklich ein Top-Team. Klinsmann hat seine Sache gut gemacht. Respekt. Gegen verzweifelt anstürmende Portugiesen nichts anbrennen zu lassen, ist schon eine besondere Leistung. Noch mehr, wenn man bedenkt, dass die Portugiesen in Führung gingen. Um ein Haar hätten sich die US-Boys bereits im zweiten Gruppenspiel fix für das Achtelfinale qualifiziert – das schaffte nicht mal Deutschland. Ich denke, die Amerikaner können es noch weit bringen, mit ihnen wird zu rechnen sein, egal ob es im Achtelfinale gegen Belgien oder Algerien geht. Und die Portugiesen? Würde ich vor dem letzten Spiel abschreiben. Was soll da noch kommen? Es wäre ein Fußballwunder2.0, würden sie sich tatsächlich noch fürs Achtelfinale qualifizieren . Fußballwunder1.0 war gestern.

 

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