richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM2014: Tag #13

Der 13. WM-Spieltag ließ Italien, Japan und Elfenbeinküste weinen, Griechenland und Uruguay jubeln. Dass die Griechen das Achtelfinale erreichten, war denkbar knapp und nur einem (verwandelten) Elfmeter in allerletzter Minute zu verdanken. Aber in Summe war der Sieg gegen eine schwache Elfenbeinküste durchaus verdient. Ja, ich muss vor den Griechen den Hut ziehen, da sie beinahe das Unmögliche möglich machten und ihre Leistungen dann doch beeindruckten. Jetzt warte ich nur noch darauf, dass sie 90 Minuten lang ansprechenden Fußball spielen, nicht nur 10. Italien ist (gottlob) draußen, Uruguay ist (leider) drinnen. So ist das eben, wenn man zwischen Not und Elend wählen muss. Dass Suárez wieder einmal – im wahrsten Sinne des Wortes – bissig agierte, bestätigt, dass die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn sehr schmal ist. Wir dürfen uns im Achtelfinale jedenfalls auf ein südamerikanisches Duell freuen. Die nächsten Paarungen sind:

Kolumbien : Uruguay und Costa Rica : Griechenland

***

Italien : Uruguay 0 : 1……………….CCosta Rica : England  0 : 0

Italien/Uruguay! Die ersten sechzig Minuten? Eine Zumutung! Es spielte Not gegen Elend. Wahrlich, würden alle Fußballspiele so aussehen, man würde zum Golf wechseln. Keine der beiden Mannschaften zeigte die Spannung, die nötig ist, um ein „Finalspiel“ zu bestreiten. Pirlo & Co trabten ein wenig vor, ein wenig zurück. Freilich, die Italiener mussten nur die 90 Minuten über die Fußballbühne bringen, dann wären sie im Achtelfinale gewesen, will heißen, ihnen reichte ein Unentschieden. Suárez & Co benötigten hingegen einen Sieg. Dumm, dass das Spiel der Urus primär jenes ist, das des Gegners zu zerstören und ihn eiskalt auszukontern. Noch dümmer ist, dass der Gegner Italien hieß, der die Lektion gegen Costa Rica gelernt hatte und sich nicht herauslocken ließ. Meine Güte, wäre es nicht möglich gewesen, beide Mannschaften nach Hause zu schicken und an ihrer Stelle, sagen wir Kroatien oder Australien aufsteigen zu lassen? Die beiden Teams zeigten in ihren Spielen wenigstens Herzblut und nahmen Risiko. Tja. Was soll man da nur machen? Mannschaften wie Italien, Uruguay und Niederlande ruinieren den Fußball. Weil es ihnen in erster Linie um das Ergebnis geht. Egal, wie es zustande kommt, sei es mit übertriebener Härte (die Niederländer bei der EM 2008 und WM 2010), sei es mit dem Zerstören des gegnerischen Spielflusses (Robbens theatralische Schwalbentänze!), sei es mit unfairen Mitteln (Suárez Handspiel bei der WM 2010 gegen Ghana!). All das ist freilich nur möglich, weil diese Teams in der Offensive auf Superstürmer zurückgreifen können, die imstande sind, aus dem Nichts ein Tor zu machen: Balotelli, Suárez und Cavanni, Robben und van Persie (Argentinien mit Messi und Higuain könnte man da noch hinzufügen).

Zurück zum Spiel. Nach einer Stunde (!) die erste Top-Chance für Uruguay. Ein Weckruf, so scheint es. Keine Minute später wird Marchisio ausgeschlossen. Warum er unbedingt nachtreten musste – keinen Meter vor dem Schiedsrichter – bleibt ein Rätsel. Wie dem auch sei, Uruguay wird der ernst der Lage genauso klar wie Italien. Die einen beginnen nach vor zu spielen, die anderen bleiben brav hinten. Und so kommt, wie es kommen muss: in der 81. Minute köpft Godin den Führungstreffer für Uruguay. Die Italiener – wie kann es anders sein – geschockt. Vermutlich war ein Gegentreffer in ihrem Spielplan nicht vorgesehen. Die letzten zehn – mit der Nachspielzeit fünfzehn Minuten waren dann natürlich spannend bis zum Abwinken. Obwohl die Italiener in den vorangegangenen Gruppenspielen einen äußerst schonenden Stehfußball praktizierten, obwohl einige neue Spieler ins Team geholt wurden, waren sie mit den Kräften am Ende. Hat man so etwas schon gesehen? Bezeichnend, dass Verratti nach 73 Minuten mit Beinkrämpfen ausgetauscht werden musste. Dass es auch anders geht, zeigten beispielsweise die Kroaten oder Südkoreaner, die noch in den allerletzten Minuten Hochgeschwindigkeitssprints in den Rasen brannten. Ja, die italienische Gacke war am Dampfen, trotzdem konnte man mit freiem Auge erkennen, dass sie ihr Pulver längst verschossen hatten. Was für eine erbärmliche Vorstellung. Sì, sì.

Und die Urus? Spielten, wie gewohnt, mit allen Mätzchen. Suárez versuchte mit einer hinterhältigen Biss-Attacke (!) Chiellini zu einem Foul im Strafraum zu provozieren. Das gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht. Langsam, aber sicher wünsche ich dem Mann nichts Gutes. Superstürmer hin oder her. Ich schätze, ganz England und ganz Italien dürften mit dieser Verwünschung einverstanden sein. Und sonst? Die bissigen Südamerikaner treffen nun im Achtelfinale auf Überraschungsmannschaft Kolumbien. Generell sehe ich Kolumbien spielerisch stärker und das Kollektiv harmoniert besser – aber die Urus, wie wir wissen, sind mit allen Wässerchen gewaschen und haben jetzt nicht nur Suárez und Cavani, sondern auch noch Abwehrspieler Godin, die allesamt das entscheidende Tor (aus dem Nichts) machen können. Natürlich drücke ich Kolumbien die Daumen und hoffe, dass sie sich nicht für dumm verkaufen lassen. Der Sieger dieses Achtelfinales trifft auf den Sieger Brasilien/Chile. Damit steht wohl einem südamerikanischen Viertelfinale nichts mehr im Wege. Hui. Ich bin begeistert. Noch mehr, wenn Kolumbien die schlimmen Urus endlich an den Ohren lang zieht.

 

Costa Rica/England! Wie zu erwarten, nicht das hochklassige, temporeiche Spiel. Überraschungsmannschaft Costa Rica wird erst im Achtelfinale zeigen müssen, dass sie keine fußballerische Eintagsfliege ist. Der Vorteil ist jedenfalls klar auf Seiten von Costa Rica, bekommt es die Mannschaft im Achtelfinale mit Griechenland zu tun, das nicht gerade zu den spielstarken Hochkarätern zählt. Aber man hat gesehen, dass die Götter des Olymp auf Seiten Griechenlands stehen. Ich schätze, das Achtelfinale wird ein Spiel auf des Messers Schneide – Griechenland abwartend, lauernd, Costa Rica spielend, laufend. Zwei Underdogs auf dem Weg zur Sonne. England? Fliegen mit den Italienern nach Hause. Im Gegensatz zu Italien konnte man bei den Engländern den Offensivgeist spüren – aber es blieb zumeist Stückwerk. Vielleicht müssen sich die neuen, jungen Spieler erst finden. Am Ende war die englische Leistung für eine Weltmeisterschaft zu wenig. Ob sie sich steigern werden können, bei der EM 2014, wird sich zeigen. Potenzial haben sie. Man muss sich nur an den Franzosen orientieren, die es geschafft haben, aus der Versenkung emporzusteigen. Oui, oui. Yes, yes.

 

***

Japan : Kolumbien 1 : 4……………….CGriechenland : Elfenbeinkeinküste 2 : 1

Griechenland/Elfenbeinküste! Es war ja zu befürchten, dass die Griechen im letzten Spiel – wieder einmal – aufwachten, weil sie bemerkten, dass sie noch eine Chance auf den Aufstieg ins Achtelfinale hatten. Obwohl sie einen Sieg benötigten, war die Taktik anfänglich mal kein Tor zu bekommen, hinten dicht und diszipliniert zu stehen  und auf einen Fehler der Afrikaner zu warten. Ja, nichts Neues unter der griechischen Sonne, wenn man so will. Neu ist hingegen, dass die Spieler der Elfenbeinküste das Spiel zu locker angingen und das griechische Angriffsspiel – selten, aber konsequent – nicht unterbinden konnten. Als die Griechen schließlich (verdient?) in der 42. Minute in Führung gingen, tja, da musste man das Schlimmste befürchten. Es sollte eine halbe Stunde dauern, bis den Afrikanern der Ausgleich gelang. Tja. Hätten die Afrikaner an dieser Stelle nicht aufgehört, Fußball zu spielen, sie wären als Sieger vom Platz gegangen. Aber sie wirkten müde, mental angeschlagen, zauderlich und – vor allem – inkonsequent. Eine griechische Mannschaft, die auf Teufel komm raus nach vorne spielen muss – hopp oder dropp – muss man mit ihren eigenen Mitteln schlagen und tödlich auskontern. Aber davon war nichts zu sehen, bei den Mannen rund um Drogba. So kam wie es kommen musste: die Götter des Olymp schüttelten den Schicksalsbaum und ein Elfmeter für Griechenland in der allerletzten Minute ward geboren. Dass ihn Samaras knallhart (und doch war der Tormann fast dran) einnetzte, zeigt, dass die Griechen auch noch mental an Stärke zugelegt haben. Man muss sich vorstellen: hätte er verschossen, wären die Griechen nach Hause gefahren. Diese höchste aller nervlichen Anspannungen muss man erst mal verdauen können. Respekt. Ja, in den letzten beiden Gruppenspielen habe ich die Griechen – wieder einmal – hassen gelernt. Aber nach dem heutigen Spiel muss ich ihnen absolute Einsatzbereitschaft und unbedingten Siegeswillen zuschreiben – Tugenden, die in Europa scheinbar nicht mehr üblich sind (schlag nach bei Italien, Russland oder Spanien). Auch mussten die Griechen gleich in der ersten Hälfte zwei wichtige Spieler vorgeben – darunter ihr Tormann. Es ist bezeichnend, dass der (unerfahrene) Ersatztorhüter in rund 70 Minuten so gut wie kein einziges Mal wirklich geprüft wurde (beim Gegentor gab es nicht viel zu halten). Im Gegensatz dazu hatten die Griechen drei (!) Stangentreffer. Ich bin also nicht gänzlich böse auf die Götter des Olymp bzw. dem Schicksalsbaum. Weil es ja – im schlimmsten aller Fälle – zu einem Viertelfinale zwischen Niederlande und Griechenland kommen kann. Ei, da würden zwei Defensivriesen aufeinanderprallen. Immerhin. Und die Elfenbeinküste? Tja. Zu wenig gezeigt. Zu wenig gelaufen. Zu viel gehofft. Zu sehr auf Drogba vertraut.

Interessant, der Umstand, dass die Griechen scheinbar Routine haben, das Unmögliche möglich zu machen, siehe EM 2004 oder EM 2008, als sie gegen spielstarke Russen den Aufstieg schafften: […] aber die Griechen, meiner Seel, die ziehen sich noch wie weiland Münchhausen am eigenen Trikot aus der Niederlage und stecken sogar böse Tiefschläge weg. Das muss ihnen erst einmal eine Mannschaft nachmachen. Ehrlich. [Blogbeitrag]

 

Kolumbien/Japan! Die Kolumbianer ließen gegen verzweifelt anrennende Japaner nichts mehr anbrennen und verteilten auch keine Gastgeschenke. Eine respektable Leistung, sich noch im letzten Gruppenspiel, der Aufstieg war bereits fixiert, zu motivieren. Chile und Costa Rica taten sich da schwerer – hatten aber mit den Niederlanden und England die sicherlich unangenehmeren Gegner. So kommt es im Achtelfinale zum südamerikanischen Duell Uruguay gegen Kolumbien. Sollte kein (Suárez-)Wunder geschehen, sind die Urus (endlich) draußen. Wie stark Kolumbien wirklich ist, wird man also erst sehen müssen – die Gruppengegner waren jedenfalls nicht auf Augenhöhe. Japan, leider nur noch ein Schatten ihrer einstigen asiatischen Vorherrschaft. Südkorea schätze ich gegenwärtig stärker ein. Bezeichnend, dass die Mannen um Honda & Co gegen nur 10 griechische Maurer kein Rezept hatten und sich gegen laufschwache Elfenbeinfußballer noch düpieren ließen. Ja, Japan braucht frisches Blut, frische Ideen – kurz und gut: einen Neuanfang.

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