richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM2014: Tag #19 Achtelfinale

Ausblick Viertelfinale Argentinien : Belgien Belgien hat gestern gegen die USA gezeigt, welch Potenzial in der Mannschaft schlummert und – falls die Spieler die Räume bekommen – jedes Team an die Wand spielen können. Die Argentinier haben gestern – und in ihren Gruppenspielen – gezeigt, dass sie geduldig sein können – irgendwann fällt schon ein Messi- oder Di Maria-Tor vom Himmel. Man kann deshalb davon ausgehen, dass es die Argentinier gegen Belgien langsam angehen werden. Da die Belgier als recht unerfahrene Turnier-Mannschaft mit Ehrfurcht im Viertelfinale stehen und vor großen Namen Respekt haben, werden sie es ebenfalls langsam angehen. Schlagabtausch ist keiner zu erwarten – es sei denn, der Ball zappelt dann und wann im Netz. Was ich mir wünsche: ein frühes Tor für Belgien. Und dann schauen wir mal, was Argentinien kann. Ich gehe davon aus, dass es nicht viel ist. Aber wer weiß, wer weiß.

 

***

Argentinien : Schweiz 1:0 n.V.

Beauty comes first victory is secondary what mattes is joy Socrates

„Beauty comes first victory is secondary what mattes is joy“ Socrates

Definitiv das Schwächste aller Achtelfinalspiele. Kein Zunder. Keine Emotion. Stehfußball. Weil die Eidgenossen nicht wollten. Weil die Argentinier nicht (zulegen) konnten. Ergo: eine Nullnummer nach 90 Minuten. Auch, weil Messi bereits im Ansatz aus dem Spiel genommen wurde. Viel gibt es nicht zu sagen. Ein Kick zum Vergessen. Würden alle Spiele so daherkommen, man wechselte zum Golf. Okay, nach 118 Minuten wurde es dann tatsächlich spannend. Als Messi in Richtung Strafraum durchstartete, aber diesmal nicht selbst draufhielt, sondern mustergültig für Di Maria aufspielte, der das Tor macht. In den restlichen drei Minuten war dann plötzlich Feuer am Dach respektive Rasen. Und wer hätte gedacht, dass die Schweizer tatsächlich noch eine Ausgleichschance auf Kopf und Bein haben würden und nur Torstange und Unvermögen das Wunder verhinderten? Respekt. Trotzdem, dieser defensive Schlafwagenfußball der Eidgenossen gehörte bestraft. Nicht auszudenken, sie wären über ein Elfmeterschießen ins Viertelfinale gekommen. Das wären dann wohl griechische Verhältnisse bei einer Weltmeisterschaft – und so etwas, bitteschön, braucht niemand.

Ich frage mich ja, wie der bewährte Trainer der Schweizer, Othmar Hitzfeld, mit solch einer Defensivtaktik die Argentinier schlagen wollte. Sie wäre vielleicht für eine Weile in Ordnung – um den Anfangsdruck des Favoriten abzufangen, um ins Spiel zu finden und den Gegner auszuloten. Aber 90 Minuten? 120 Minuten? Und mit welcher Taktik hätten dann die Schweizer im Viertelfinale gespielt? Grottig! Manchmal zerstört kalte Ergebnisorientiertheit jeden Sport, jede Kunst. Wenn der Zweck die Mittel heiligt, wenn machiavellische Tendenzen Einzug im Fußball bzw. Sport halten, was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Der brasilianische Fußballer Sócrates, ein Meister seines Faches, der in den 1970ern für die Seleção das Balltreten zur Kunst erhob, sagte: „Beauty comes first. Victory is secondary. What matters is Joy.“ Davon kann gegenwärtig, im überbezahlten Fußball keine Rede mehr sein. Entsetzlich, nicht?

Vielleicht hat das gestrige Spiel der Algerier gegen Deutschland vielen Menschen da draußen gezeigt, dass man sich als Underdog nicht nur ängstlich verstecken muss, sondern dass man auch mal die Initiative ergreifen und – vor allem – dagegen halten kann. Die Argentinier überzeugten in keines der drei Gruppenspiele, ja sie schrammten sogar an einer peinlichen Niederlage gegen Iran (!) vorbei. Bosnien und Nigeria, sie zeigten, dass man Argentinien mit gewöhnlichen Mitteln schlagen hätte können – und für Ausnahmefußballer Messi kann sowieso keine Medizin gefunden werden, egal wie defensiv  oder manndeckend man auch da zur Sache ginge. Mit anderen Worten: Hitzfeld hätte sich an den Algeriern oder Chilenen oder Mexikanern ein Beispiel nehmen und seinen Spielern das Fußballspielen erlauben sollen.

Also, was gibt es noch über die argentinische Mannschaft zu sagen? Herzlich wenig. Die Leistung in allen vier Spielen war mäßig, ihre Defensive wackelte zuweilen ordentlich und einzig Messi mit Di Maria strahlen vor dem gegnerischen Tor eine große Gefahr aus. Der Rest der Mannschaft scheint sich mit einer Statisten- bzw. Wasserträgerrolle zu begnügen. Bis dato hat es funktioniert, aber schön anzuschauen war es beileibe nicht. Was die Argentinier im Moment auf den Platz darbieten ist Stückwerk. Messi und Di Maria spielen in einer Mannschaft, die so durchschnittlich ist wie eine Mannschaft nur durchschnittlich sein kann. Auch ist kein Feuer in den Spielern zu erkennen – mit Ausnahme des kleinen Mascherano vielleicht. Mir fehlt dieser Wille, diese Leidenschaft, dieses geschlossene Aufbäumen. Nada. Argentinien ist für mich eine der trostlosesten Viertelfinalisten. Ich wünschte, es wäre anders. Tja.

 

***

 

Belgien : USA 2:1 n.V.

Hach, das war dann doch noch ein gelungener Fußballabend und eine Entschädigung für den zuvor lauen argentinisch-schweizerischen Sommerkick im winterlichen Brasilien. Die Belgier, endlich zeigten sie, was in der Mannschaft an Qualität steckt, drückten die US-Boys förmlich gegen ihr Tor. Angriff um Angriff rollte auf den 35-jährigen Tormann Tim Howard zu, doch an diesem Abend war er sprichwörtlich der Fels in der belgischen Offensiv-Brandung. Unglaublich, was der Mann abzuwehren im Stande war. Muss man gesehen haben. Statistisch gesehen, dürfte er mehr Bälle abgewehrt haben als noch jeder andere Torhüter in einem Achtelfinale, ever. Neben dem überragenden Tim Howard war es vor allem die belgische Abschlussschwäche, die Schuld daran hatte, dass es nach 90 Minuten noch immer 0:0 stand. Wären die Belgier vor dem Tor kaltblütiger und abgeklärter gewesen, sie hätten in Führung gehen müssen. Aber so ist das nun mal im Fußball, da wird einem nichts geschenkt. Also ging es in die Verlängerung. Minuten nach dem zweiten Anpfiff nutzten die Belgier einen Fehler in der Hintermannschaft der USA und schlossen den Konter sehenswert ab – Tim Howard, man muss es anmerken, hätte auch diesen Ball beinahe noch abgewehrt. Die Klinsmann-Truppe schaltete auf volle Offensive – was blieb übrig – und so kam, wie es oft kommt: die Belgier machten 15 Minuten vor dem Ende das zweite Tor. Das hätte es eigentlich gewesen sein müssen. Aber nicht so für die US-Boys. Sie wollten es noch mal wissen. Zwei Minuten später der Anschlusstreffer – ein toller Volley vom eingewechselten Green ließ Courtois keine Chance. Huh. Plötzlich waren die Amerikaner oben auf. Während den Belgiern die Luft ausging, unkonzentriert wurden und mit Mann und Maus versuchten, den Vorsprung zu verteidigen, rollten die Angriffe der US-Boys und das Stadion – wahrlich, wahrlich – kochte. Was wäre geschehen, hätten Dempsey oder Jones ihre Chancen noch genutzt? Dabei hätte es gar nicht erst in die Verlängerung gehen müssen, hätte der eingewechselte Wondolowski in der allerletzten Minute der regulären Spielzeit den Matchball nicht so leichtsinnig vergeben? Es hätte nicht viel gefehlt und es wäre ein amerikanisches Sommermärchen geworden.

Ein Spiel der Extraklasse, mit einer Dramatik, die man sich nur wünschen kann. Ist Belgien nach diesem Spiel aus dem Schatten seiner geheimen Favoritenrolle zu einem würdigen Favoriten aufgestiegen? Nope. Man muss sich nur an die drei Gruppenspiele der Belgier erinnern, um zu sehen, dass sie Probleme gegen defensiv-disziplinierte Mannschaften haben. Falls es die Argentinier nicht schaffen sollten, den Belgiern den nötigen Raum zu verwehren, die Niederländer – dann im Halbfinale – werden es. Leider. Auch ist die belgische Abschlussschwäche eine Erwähnung wert. Das hat nichts mit der spielerischen Qualität zu tun, sondern ist eine mentale Sache. Vielleicht geht ihnen noch der Knopf auf – falls nicht, dann wird es umso schwieriger, weil die nächsten Spiele mit Sicherheit nicht so viele Torchancen hergeben werden.

Das US-Team hat sich wacker geschlagen. Auch wenn sie die unterlegenere Mannschaft war, ihre Spielweise hat mir gefallen. Weil ihr System einen lockeren Defensiv-Verbund vorsieht, der ein schnelles Umschalten (Verteidigung – Angriff) ermöglicht. Deshalb, so meine ich, taten sich die Belgier zum ersten Mal leichter, ihre Qualitäten auszuspielen – weil die Amerikaner ihnen diese Möglichkeiten einräumten. Man muss es Klinsmann zu gute halten, dass er sicherlich einen offenen Schlagabtausch im Sinne hatte – keine defensiv-destruktive Betonmauer (siehe Schweiz). Dass die Belgier aber gleich von Beginn an ordentlich Druck machen würden und wie eine Dampfwalze unbeirrbar den Weg zum Tor suchten, konnte er wohl nicht vorhersehen. Wie dem auch sei, ich hätte auch kein Problem gehabt, die USA im Viertelfinale zu sehen – auch wenn ihre spielerischen Qualitäten im Vergleich zu jenen der Belgier ein wenig nachhinken, ihre mentale Einstellung, ihre Fitness, ihre Laufbereitschaft (Sprints über das halbe Feld nach 100 Minuten!) und ihr kollektives Zusammenwirken (siehe ihren Freistroßtrick), das ist Weltklasse.

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