richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM2014: Gedanken zum Viertelfinale

Bevor es mit den Viertelfinalspielen ernst wird, ein paar Gedanken vorweg. Nun, gibt es jetzt bereits einen klaren WM-Favoriten? Nope. Die im Turnier verbliebenen 8 Mannschaften haben sich in den vorangegangenen Spielen nicht gerade mit Ruhm bekleckert (Deutschland), zuweilen unterdurchschnittliche Leistungen geboten (Argentinien, Belgien), mit mehr Glück als Verstand das Schicksal gebogen (Brasilien, Niederlande, Costa Rica) oder hatten das Losglück, vorerst nur gegen recht spielschwache Gegner antreten zu müssen (Kolumbien, Frankreich). Bezeichnend auch, dass es oftmals Einzelaktion waren, die Spiele entschieden und den Aufstieg ins Viertelfinale ermöglichten: Messi für Argentinien, Neymar für Brasilien, Robben für die Niederlande, Rodriguez für Kolumbien und Müller für Deutschland. Was, wenn diese „Zünglein-an-der-Waage“-Spieler einen schlechten Tag haben? Können die restlichen 10 Mann diesen Ausfall kompensieren? Oder würde es das sichere Aus bedeuten? Die Schiedsrichterleistung hat sich nach den ersten Gruppenspielen erfreulich gebessert, wenngleich es auch in den Achtelfinalspielen denkwürdige Regelauslegungen gab. Krasse Fehlentscheidungen gegen die „üblichen Verdächtigen“ sind nicht zu erwarten; Costa Rica, Belgien und Kolumbien sollten in jedem Fall vorsichtig im Strafraum zu Werke gehen, gerade wenn es sich beim Gegenspieler um einen Robben, Neymar oder Messi handelt. Wie dem auch sei, rein theoretisch kann bei dieser WM so gut wie jede Mannschaft die Trophäe gewinnen – aber mein Bauchgefühl tendiert dann doch wieder zu den üblichen Finalroutiniers, sei es Brasilien, die Niederlande oder Deutschland. Würde es nach meinem Herz gehen, dann tät ich mir freilich Kolumbien : Belgien im Finale wünschen. Didier Deschamps Franzosen täten mir auch gefallen.

 

***

 

Frankreich : Deutschland 45:55 Schlagabtauschwahrscheinlichkeit: mittel. Nach dem Zittersieg gegen Algerien ist nichts mehr so wie es war, im Hause Löw. Herbe Kritik prasselte auf ihn und manchen der deutschen Spieler nieder – vor allem deshalb ist die Löw-Truppe gegen Frankreich zum Siegen verdammt. Die spielerischen Qualitäten sind im Team vorhanden, was fehlt, ist die perfekte Abstimmung und die taktische Ausrichtung. Mit vier Innenverteidiger bringt man vielleicht Stabilität ins Spiel, aber Angriffe über die Seiten darf man sich dann nicht erwarten. Vielleicht ist es ein Glück im Unglück, dass Mustafi verletzt ausfällt und nun Lahm auf die rechte Außenverteidigerposition rückt. Damit ist wohl die offensive Marschrichtung vorgegeben – wenigstens auf der rechten Seite. Ob die beiden rekonvaleszenten Sechser Khedira & Schweinsteiger über die volle Distanz (in Harmonie) gehen können, ist ein großes Fragezeichen. Davon wird für die Deutschen viel abhängen, weil die französische Mittelfeldachse (Cabaye, Matuidi und vor allem Pogba) ordentlich Dampf machen kann. Nebenbei verfügen die Franzosen mit Valbuena und Griezmann über zwei hervorragende Flügelspieler und mit Benzema einen Allroundknipser. Die Deutschen müssen sich hier freilich nicht verstecken. Müller macht allen Gegner Angst. Schürrle, der gegen Algerien eingewechselt wurde und den erlösenden Führungstreffer erzielte, ist eine Bereicherung im Offensivspiel. Özil (nicht zentral, sondern an der Seite) fühlt sich nicht wohl, wirkt wie ein Fremdkörper; an Götze läuft momentan die WM vorbei. Trotz allem sehe ich Deutschland knapp im Vorteil. Weil sie scheinbar immer in der Lage sind, ein Tor aus dem Hut zu zaubern und sich gegen jeden Ansturm zu stemmen. Außerdem gibt es ja noch „Tormann-Innenverteidiger“ Neuer, der volles Risiko geht und immer wieder die Kastanien aus dem Feuer holt. Die Franzosen, auf der anderen Seite, sind noch nicht wirklich ernsthaft gefordert worden. Sieht man von der ersten Halbzeit gegen Nigeria ab, in der sie nicht ins Spiel fanden, undiszipliniert und demotiviert wie aufgeschreckte Hühner herumliefen, machen sie einen soliden Eindruck. Die größte Unsicherheit der Franzosen ist – wie so oft – die Gemütsverfassung einzelner Spieler. Läuft alles nach Plan und wie am Schnürchen (siehe Schweiz), dann gibt es kein Halten. Will es aber nicht gleich gelingen, verliert so mancher die Geduld und später die Lust – Frustfouls und versteckte Tätlichkeiten sind die Folge. Didier Deschamps wird in diesem Spiel wohl viel zu tun bekommen – weil ich davon ausgehe, dass es ein diszipliniertes Geduldsspiel werden wird. Ja, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine der beiden Mannschaften in der ersten Stunde ein Offensivfeuerwerk zündet. Es wäre nämlich grob fahrlässig – und welcher Trainer möchte sich nach der Niederlage den Vorwurf gefallen lassen müssen, zu viel gewollt zu haben. Ein „zu wenig“ ist leichter zu entschuldigen als ein „zu viel“. Leider.

 

Brasilien : Kolumbien 60: 40 Schlagabtauschwahrscheinlichkeit: hoch! Es wäre sicherlich eine große Überraschung und eine mittlere Sensation, würden die noch WM-unerfahrenen Kolumbianer den Gastgeber und Mit-Favorit ausschalten. Doch Vorsicht! Kolumbien hat alle Spiele innerhalb von 90 Minuten gewonnen – nur die Niederlande können das von sich behaupten (Mexiko? Knapp!). Das klingt beeindruckend, wären die Gegner Kolumbiens (Griechenland, Elfenbeinküste, Japan und Uruguay) mit jenen Brasiliens (Kroatien, Mexiko und Chile; Ausnahme: ein schwaches Kamerun) zu vergleichen, aber das sind sie nicht. Wir dürfen getrost festhalten, dass es Kolumbien, im Gegensatz zu Brasilien, bis jetzt nur mit „leichten Brocken“ zu tun bekommen hatte. Die „so-so“ Leistung Brasiliens in den letzten Spielen ist demnach in Relation zu stellen. Ich sehe jedenfalls die Vorteile bei Brasilien: die Spieler sind routinierter, erfahrener, abgeklärter als jene Kolumbiens; man spielt vor heimischen Publikum; der Schiedsrichter wird bewusst-unbewusst für die Heimmannschaft pfeifen; für Kolumbien wird es die erste wirklich schwere Konfrontation sein; Kolumbien hat mit dem Einzug ins Viertelfinale sehr viel erreicht, niemand erwartet, dass es gewinnt, während Brasilien unter Druck steht und gewinnen muss (gewiss, im schlimmsten Fall kann dieser Druck zu viel sein); die brasilianischen Spieler haben bereits die Erfahrung eines Elfmeterkrimis gemacht, während die kolumbianischen hier Neuland betreten würden. Deshalb tippe ich auf Brasilien, obwohl mir die Kolumbianer gefallen und ich sie gerne weiterkommen sehen möchte.

 

Niederlande : Costa Rica 80:20 Schlagabtauschwahrscheinlichkeit: für kurze Zeit hoch, sonst gering. Es wäre die große Überraschung und eine Riesensensation, würden die Ticos ins Halbfinale einziehen. Aber gegen den 1. FC Robben wird es wohl keinen Blumentopf zu gewinnen geben. Zu abgeklärt, zu diszipliniert sind die Oranjes – und wie man im Achtelfinalspiel gegen Mexiko gesehen hat, reichen ihnen 10 Minuten, um ein bereits verloren geglaubtes Spiel, für sich zu entscheiden. Man könnte sogar soweit gehen, zu behaupten, dass die Niederländer, egal wie mäßig sie spielen, am Ende als Gewinner vom Platz gehen (siehe das Gruppenspiel gegen Australien). Was spricht für Costa Rica? Vielleicht, dass sie nichts zu verlieren haben. Während die Niederländer als klarer Favorit das Halbfinale  im Hinterkopf haben (geht es gegen Rivale Argentinien?) und sich ihre Kräfte für zwei weitere wichtige (End)Spiele einteilen müssen, kann Costa Rica hier die letzten Reserven mobilisieren. Der Druck, der auf den niederländischen Spielern lastet, ist freilich enorm, weil, würden sie gegen die Mittelamerikaner ausscheiden, sie würden mit viel Spott und sehr viel Häme zu rechnen haben. Nichtsdestotrotz tippe ich auf die Niederlande – aber die Daumen werden natürlich fest für die Ticos gedrückt.

 

Argentinien : Belgien 40 : 60 Schlagabtauschwahrscheinlichkeit: gering. Dieses Spiel wirft eine große Frage auf: Wie stark sind die Argentinier wirklich, wenn man ihnen und Messi den Raum gibt? Wie man in der Gruppenphase gesehen hat, tut sich Belgien schwer, gegen defensive Mannschaften das Spiel zu machen; aber im Achtelfinalspiel, gegen die USA, hat man gesehen, zu welchem Offensivspektakel die Belgier imstande sind, vorausgesetzt, sie bekommen den Raum. Könnte es auch für Argentinien zutreffen, die in allen vorangegangenen Spielen auf defensive Bollwerke traf? Es steht zu befürchten, dass dieses Spiel keine Fahrt aufnehmen wird. Weil der argentinische Coach mit Sicherheit aus einer gesicherten Defensive heraus das Spiel an sich ziehen möchte. Er kann auf Messi und Di Maria vertrauen, die aus Nichts ein Tor machen können. Wozu also Risiko nehmen? Der belgische Coach weiß wiederum um die tödliche Torgefährlichkeit von Messi, Di Maria und (wenn er einen guten Tag erwischt) Higuain, folglich muss er zu allererst diese Gefahr – so weit möglich – ausschalten. Mit anderen Worten: es braucht einen defensiven Abwehrverbund, der ein Messi-Kombinationsspiel erschwert. Belgien wird „Favorit“ Argentinien sicherlich das Spiel machen lassen und auf Konterchancen warten – Argentinien wird das Spiel machen und auf eine „kontrollierte Offensive“ setzen, das heißt, sie werden ihre Defensive keine Minute entblößen. Ein Schlagabtausch ist demnach nur dann zu erwarten, wenn eine der Mannschaften nichts mehr zu verlieren hat.

 

 

 

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