richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM2014: Tag#20 Viertelfinale

Das erste Viertelfinalspiel zwischen Deutschland und Frankreich war unspannend und lauwarm bis zum Abwinken. Einerseits, weil die Deutschen nicht wollten, andererseits, weil die Franzosen nicht (zulegen) konnten. Ihnen fehlte es an Élan, an Bissigkeit, an Siegeswillen. So leicht hatten es die Deutschen nicht mal in der Gruppenphase. Im zweiten Viertelfinale zwischen Brasilien und Kolumbien ging es schon intensiver zur Sache. So intensiv, dass Superstar Neymar mit einem Wirbelbruch auf der Tragbahre landete. Tja. Schlussendlich haben sich die erfahreneren und abgeklärteren Brasilianer gegen zu wild drauflosspielende Kolumbianern durchgesetzt. Das Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland dürfte vom Papier her ein Kracher werden. Aber wie ich Löw kenne, wird er – wie schon gegen Frankreich – die Defensivausrichtung forcieren, das Tempo herausnehmen und geduldig warten. Und Brasilien ohne Neymar und Thiago Silva kann nur auf ein Wunder hoffen. Aber ich befürchte, sie haben schon zu viele Wunder verbraucht, in dieser WM.

 

 

Deutschland : Frankreich 1:0

Ich sagte es bereits und sage es hier wieder: ich würde Didier Deschamps durch den algerischen Trainer Vahid Halilhodzic ersetzen. Weil, dieses Viertelfinalspiel hat klar und deutlich gezeigt, dass den Franzosen der unbändige Siegeswille und die Durchschlagskraft der algerischen Mannschaft fehlt. Wenn man sich an deren Spiel gegen Deutschland erinnert, die Hochgeschwindigkeitspasses, die Technik, die Ballsicherheit und die herausgespielten Torchancen, Frankreich zeigte nichts dergleichen. Es war französisches Stückwerk. Freilich, das frühe Tor durch Hummels aus einer Standardsituation nach gerade einmal 13 Minuten spielte in die Karten der deutschen Mannschaft. Ich denke, Löw wollte das Spiel aus einer gesicherten Abwehr heraus führen und spekulierte auf  Standardsituationen bzw. Lahm-Flankenläufe, die allesamt den Kopf von Klose finden sollten. Nach dem Führungstreffer, dachte sich Löw, würde er dann Klose rausnehmen und druch den agileren und lauffreudigeren Schürrle ersetzen. Die Taktik ist aufgegangen, auch wenn Schürrle gegen Spielende recht leichtfertig zwei große Chancen zur Entscheidung ausließ und dabei unkonzentriert, ja, beinahe stümperhaft wirkte. Den Deutschen kann man jedenfalls keinen Vorwurf machen, sie haben getan, was getan werden musste – nämlich das Spiel zu verschleppen, Tempo herauszunehmen und in den Schlafwagenfußballmodus zu schalten. Die Franzosen konnten weder Tempo erhöhen noch Feuer entfachen. Es ist, als hätten sie die Fußballevolution der letzten Jahre verschlafen: Pressing, harte und schnelle Pässe, flexible Laufwege, Hochgeschwindigkeitssprints in den leeren Raum, 1:1-Situationen suchen und ihnen nicht ausweichen und – vor allem – dagegenhalten. Die US-Boys im Spiel gegen Belgien haben gezeigt, wie man sich noch mal aufbäumt und zurückschlägt. Die Franzosen, so schien es, wollten nicht. Besser: sie fanden kein Mittel gegen die diszipliniert stehenden Deutschen und droschen deshalb den Ball nur ideenlos in den Strafraum. Wurde es mal gefährlich, stand die Abwehr (und vor allem Hummels) goldrichtig. Das Mittelfeld dominierten die Deutschen nach Belieben – Khedira, Schweinsteiger, Kroos und Müller hatten alles unter Kontrolle – und in der Verteidigung ließen Boateng und vor allem Hummels nichts anbrennen. Özil, so hört man, soll auch mitgespielt haben. Ja, Deutschland hat sich den Sieg verdient. Wer hätte gedacht, dass ich so einen Satz mal schreiben würde. Wie sich die (Fußball)Zeiten ändern.

 

 

Brasilien : Kolumbien 2:1

Ein munteres Spielchen. Zuweilen kopflos und übermotiviert von beiden Seiten geführt. Schockierend, dass ein Spieler wie Marcelo, bei Real Madrid unter Vertrag, zwanzig Minuten vor Schluss den Ball einfach ins Seitenaus schießt. Zugegeben, er war in Bedrängnis, trotzdem sollte jemanden von seinem Schlage in der Lage sein, diese Situation zu meistern. Es zeigte, dass die Nerven in der brasilianischen Mannschaft blank lagen. Bei den Kolumbianern dürfte es sicherlich nicht anders gewesen sein – der letzte Pass wollte einfach nicht zum Mann kommen. Wie dem auch sei, man muss es beiden Mannschaften hoch anrechnen, dass sie das Spiel offen gestalteten – vor allem Brasilien, die nach dem frühen Führungstreffer weiterhin versuchte, Druck zu machen. Dass es auch anders geht, nämlich defensiver und abwartender, haben die Deutschen ja im vorhergehenden Spiel gegen Frankreich gezeigt. Ich denke deshalb, dass es sich die Brasilianer verdient haben, weiterzukommen. Ihre zahlreichen taktischen Fouls gegen Spielmacher Rodriguez, die der Schiedsrichter nicht unterbinden konnte/wollte, trüben natürlich das Bild. Andererseits war es die rüde Attacke des Kolumbianers Zuniga, die Neymar ins Krankenhaus beförderte. Auch nicht gerade nett. Die Deutschen werden es Zuniga sicherlich danken. Und Abwehrzampano Thiago Silva schaffte es tatsächlich, den Tormann beim Ausschuss zu behindern, was ihm eine gelbe Karte bescherte und das Aus fürs Halbfinalspiel. Dumm gelaufen, nicht? Schade um die Kolumbianer, die mit dem jungen sympathischen James Rodriguez, die Entdeckung der WM, frischen Offensivfußball geboten haben. Gut möglich, dass die noch unerfahrenen Spieler in vier Jahren, bei der nächsten WM, da abgeklärter und fokussierter, ins Halbfinale vorstoßen. Ich würde es ihnen wünschen. Unbedingt!

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