richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM2014: Gedanken zum Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Brasilien

Deutschland : Brasilien  So! Was ist nun mein Tipp für dieses Halbfinalspiel? Die Seleção kann jeden Gegner bei dieser WM schlagen. Deutschland kann jeden Gegner in jeder WM schlagen (Italien mag eine Ausnahme der Regel sein, aber das ist eine andere Geschichte). Im Großen und Ganzen sehe ich die Vorteile bei Deutschland, falls sie es schaffen, den Anfangsdruck der Brasilianer abzufedern (so es ihn überhaupt gibt). Entweder erleben wir eine Neuauflage von Algerien/Ghana : Deutschland – oder (Fußball-Gott bewahre) von Frankreich/Portugal : Deutschland. Aber egal, wer am Ende gewinnt, ich will ein spannendes und emotional hitzig geführtes Spiel – der Sieger soll mit hängender Zunge vom Platz gehen müssen. Und wehe, jemand vermasselt mir das!

 

***

Die Deutschen haben mit Sicherheit das schwerste Los im Halbfinale erwischt, müssen sie doch gegen Hausherrn Brasilien ran. Somit bestreiten sie im besten Falle zwei Auswärtsspiele. Sollte der Finalgegner Argentinien heißen, könnte die Stimmung der Fans freilich zu Gunsten Deutschlands umschlagen – welcher Brasilianer würde dem Erzrivalen allen Ernstes die Daumen drücken? Noch dazu in einem Endspiel? Nope. Es sei denn, die Mannschaft (wie es im Englischen manchmal heißt) würde Brasilien so unwürdig aus dem Rennen kicken, dass der Hass noch Tage später nicht vergessen ist. Freunde, davon können wir ausgehen, werden sich die Deutschen mit dem Finaleinzug in jedem Fall keine machen, egal wie der Sieg über Brasilien auch ausfallen mag. Durch die nationale Fanatiker-Brille gesehen, gibt es im Fußballwettkampf keinen gerechten Sieg. Da reicht bereits ein Fehltritt, eine einzige Fehlentscheidung, eine unbedeutende Schwalbe (die freilich noch keinen Sieg machen muss), eine arrogante Geste, ein glückliches Stolpertor in letzter Minute, usw., kurz: ein gefühlter Betrug um die Gemüter der Fans auf Siedetemperatur zu bringen. Ja, die Löw-Mannen und damit ganz Deutschland werden in den (womöglich) letzten beiden Spielen zeigen müssen, dass sie nicht nur am Papier das Zeug haben, den Pokal nach Hause respektive nach München zu holen. BILD.de bringt es klipp und klar auf den Boulevard-Punkt: Jungs, jetzt packt euch das Ding!​

Was gibt es über die brasilianische Nationalmannschaft zu sagen? Neutrale Beobachter fanden die Spielweise der Scolari-Neymar-Elf nicht sonderlich überzeugend. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass sie gegen eine Reihe von äußerst spielstarken Teams antreten musste: Mexiko und Kroatien in der Gruppenphase, dann Chile und Kolumbien in der KO-Phase. Deutschland, auf der anderen Seite, hatte es mit einem zahnlosen Portugal, einer auf Sparflamme agierenden USA und einem trostlosen Frankreich zu tun. Nur Ghana und Algerien – beide Teams waren körperlicher äußerst robust, taktisch gut eingestellt und bereit, an die Grenze zu gehen – zeigten die Verwundbarkeit des deutschen Teams schonungslos auf. Falls Scolari diese beiden Spiele studiert (und ich gehe davon aus, dass er es tut), dann muss er zum Schluss kommen, dass es nur einen Weg gibt, die Deutschen zu schlagen: Pressing bis die Stollen glühen und von Anfang an dem Gegner anzeigen, dass jeder Ballverlust weh tun kann! Sollte Brasilien gemächlich beginnen, sozusagen abwarten, dann ist das Spiel m. E. bereits verloren. Weil die Deutschen, wenn sie einmal die Kontrolle im Spiel übernommen haben, diese nicht mehr hergeben – nur mit größtem Einsatz wäre sie ihnen wieder zu entreißen. Die deutschen Spieler gewinnen mit jeder Minute mehr Sicherheit, mehr Selbstvertrauen, einfach mehr von allem. Jeder Gegner, der das zulässt, hat bereits verloren. Das soll aber nicht heißen, dass jeder Gegner, der es unterbinden kann, deshalb von vornherein als Sieger feststeht. Mitnichten! Aber er bereitet wenigstens das Feld für eine ausgeglichene Partie vor.

Sieht man sich die Foulstatistik der WM an, dann haben die Brasilianer die meisten Fouls begangen – aber auch die meisten erlitten (96 : 95). Die Deutschen sind äußerst fair und anständig zu Werke gegangen (57 : 74) – von allen Viertelfinalteilnehmern haben sie die wenigstens gelben Karten erhalten (4) – im Gegensatz zu Brasilien (10). Diese Statistik zeigt, dass die Brasilianer mit bedingungslosem Einsatz spielen – sie haben am meisten zu verlieren und am meisten zu gewinnen. Das ist Fluch und Segen für jeden Gegner. Zum einen lassen sich die Brasilianer leichter zu Dummheiten hinreißen, zum anderen werden sie sich niemals geschlagen geben und alles tun, was notwendig ist, um zu siegen. Somit ist ein ähnlich körperbetontes und emotional erhitztes Spiel wie gegen Ghana und Algerien zu erwarten. Keine erfreulich Aussichten für Löw. Noch mehr, wenn man sich die fanatischen Massen im Stadium und auf den Straßen vor Augen führt. Ja, die Mannschaft wird in einen Hexenkessel geworfen – und es wird sich zeigen, ob die Spieler im Druckkochtopf des Mineiraos zusammenschmelzen oder auseinanderbrechen. Ich gehe davon aus – als Schriftsteller sei es mir erlaubt, die Plattitüde zu trällern -, dass nach dem Spiel nichts mehr so sein wird, wie es war.

Okay, vielleicht wird es auch nur ein langweiliges Spiel. Weil die Brasilianer alles Pulver bereits in den vorangegangenen Begegnungen verschossen haben (erinnern wir uns an die WM 2002, als Hausherr Südkorea im Halbfinale gegen Deutschland eher mau spielte, zuvor aber beeindruckende Leistungen abrufen konnte!) und die Deutschen, nach einem schnellen Führungstreffer, Tempo und Emotion aus dem Spiel nehmen und es bis zum Ende klar dominieren werden. Sozusagen eine Wiederholung des Viertelfinalspieles gegen Frankreich (Hatte man da nicht auch im Vorfeld von einem WM-Schlager gesprochen?). Ich will es nicht hoffen, aber die Vorzeichen deuten dann doch wieder darauf hin. Mit dem Ausfall von Neymar fehlt der Kopf und – vor allem – die Torgefährlichkeit der Mannschaft. Mittelstürmer Fred (ist sein Schnauzer eine Hommage an die goldenen 1970er?) wirkt so unbeholfen, dass man ihm seinen brasilianischen Pass sofort einziehen möchte und Hulk ist, auf den Nenner gebracht, der brasilianische Özil: much ado about (almost) nothing. So dürfte in der post-Neymar-Zeit die größte Torgefährlichkeit von den beiden Innenverteidigern ausgehen, die im letzten Spiel getroffen haben. Paradox, nicht? Dumm nur, dass der eine gesperrt ist. Für manchen (selbsternannten) Fußball-Experten ist der Ausfall von Neymar hingegen kein Drama, sondern vielmehr ein Lustspiel: Weil die Spieler nun endlich aus dem Schatten Neymars treten und ihr echtes Potenzial abrufen dürfen. Man wird sehen, was an dieser Überlegung dran ist. Für blödsinnig halte ich sie jedenfalls (vor dem Spiel) nicht.

Wem werden ich die Daumen drücken? Dem Underdog! Faîtes vos jeux!😉

 

 

 

 

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