richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM2014: Tag #23 Halbfinale Argentinien : Niederlande 0:0 4:2 n.E.

Argentinien : Niederlande 0:0  4:2 n. E.

Es war wohl zu erwarten, diese Nullnummer nach 120 Minuten. Weil beide Mannschaften bis dato auf eine stabile Defensive, disziplinierte Ordnung und kontrollierte Offensive setzten. Will heißen: hinten dicht machen und hoffen, dass vorne irgendwie das Tor gelingt. Dass diese „griechische“ Taktik Erfolg hatte und beide Mannschaften ins Halbfinale führte, ist vor allem Messi respektive Robben zu verdanken. Vor Nachahmung wird deshalb gewarnt. Mit einem ähnlichen Spielkonzept reisen übrigens für gewöhnlich die Underdogs, die Außenseiter zu einer Weltmeisterschaft – deren Trainer wissen, dass es gegen große Mannschaften nichts zu holen gibt, würde man ein offenes Spiel wagen. So macht es fußballerisch Sinn, dass beispielsweise der Iran oder Algerien – durchaus erfolgreich – auf diese Taktik setzten. Überraschend ist, dass sich solch große Kaliber wie Argentinien und Niederlande dieser Taktik bedienen. Bedeutet es nicht im Umkehrschluss, dass sie auf einer Stufe mit dem Iran oder Algerien zu stellen sind – von ihrer fußballerischen Einstellung her gesehen?

Das gestrige Halbfinalspiel erinnerte an das Achtelfinale zwischen Argentinien und der Schweiz. Der einzige Unterschied mag sein, dass damals die Entscheidung nicht im Elfmeterschießen, sondern gerade noch rechtzeitig vor Ende der Verlängerung durch ein Tor von Di Maria fiel. Aber sonst gab es nichts Neues unter der brasilianischen Sonne. Offensivfußball oder wenigstens die Intention, ein Tor aus dem Spiel heraus zu machen, fehlte. Risiko wollte keine der beiden Mannschaften nehmen. Hin und wieder erreichte das Aufflackern eines gefährlichen Spielzugs das müde Auge des Zuschauers. Für Sofa-Taktiker und Couch-Analytiker war es natürlich eine Lehrstunde des modernen Catenaccios. Ob man das sehen möchte, als Fußballfan, diese Frage wird erst gar nicht von Trainern und Funktionären gestellt. Der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel und ein Sieg ist, ja, ein Sieg. Das erste Halbfinalspiel hat deutlichst gezeigt, was geschieht, wenn eine Mannschaft Ordnung, Disziplin und Kopf gegen ein Weltklasse-Team verliert. Gut möglich, dass diese siebentorige Demütigung viele Teamtrainer anhält, ihrem Spielkonzept noch mehr Beton beizumischen. Die Argentinier, davon können wir mal ausgehen, werden für das Finale die Betonmischmaschine (Made in Italy) anwerfen. Verständlich.

Das argentinische Team hat mir gestern besser gefallen als jenes der Niederländer. Vielleicht haben die Südamerikaner um ein Alzerl mehr Fußball spielen wollen, aber mit Sicherheit haben sie mehr gekämpft und geblutet und sich den einen oder anderen Brummschädel abgeholt. Das verdient Respekt und Hochachtung.  Noch mehr, wenn man sich vor Augen führt, dass die Mannschaft mit Beginn der zweiten Halbzeit mit einem Mann weniger auskommen musste. Messi, obwohl (angeblich) am Spielfeld, war nicht zu sehen. Aber diese potenzielle Torgefahr, die er ausstrahlte, schreckte die Niederländer dann doch so sehr, dass sie immer ein Auge auf Messi hatten, ja, Trainer van Gaal ging sogar so weit, ihm einen Sonderbewacher zur Seite zu stellen. Damit zementierte der Trainerfuchs aber in den Köpfen seiner Spieler, dass dieser Messi – so unscheinbar er gestern wirkte – tödlich gefährlich sein müsse und wehe, man würde ihn auch nur für einen Augenblick von der Leine lassen. Ob das der niederländischen Entscheidungsfindung geholfen hat, wage ich zu bezweifeln.

Und Robben? Ja, der war auch am Feld und spielte mit. Versuchte es wenigstens. Aber gibt ihm der Gegner, der tief steht, wenig Raum, sichert dieser die Seiten doppelt ab, dann kann Robben keine Geschwindigkeit aufnehmen, ergo verpufft die Gefährlichkeit des niederländischen Ausnahmekünstlers. Wenn ich mich recht erinnere, war Robben in den 120 Minuten gerade ein Mal im gegnerischen Strafraum – wurde aber durch den überragenden Mascherano fair vom Ball getrennt. Torschüsse der Niederländer im ganzen Spiel? Nüll! Bei Messi gab es in der ersten Hälfte Ansätze eines Dribblings. Hört, hört. Und die zwei argentinischen Chancen, die möchte ich natürlich erwähnen. Auch schon was.

Höhepunkte im Spiels gab es keine. Das Elfmeterschießen war dann natürlich an Spannung nicht zu überbieten, weil der niederländische Innenverteidiger Vlaar gleich mit seinem ersten Schuss am argentinischen Torhüter scheiterte. Dumm gelaufen. Noch mehr, da Sneijder, ja, Sneijder seinen Elfmeter ebenfalls nicht verwandeln konnte. Wer hätte das gedacht? Die argentinischen Schützen ließen auf der anderen Seite nichts anbrennen. Das war’s dann auch schon wieder, mit Spannung.

Auf das Finale zwischen Deutschland und Argentinien darf man sich als Couch-Analytiker freuen. Immerhin gilt es zu beobachten, was Trainer Löw gegen diesen disziplinierten und bestens geordneten Gegner aus dem Taktik-Hut zaubern wird. Messi, so unscheinbar er auch wirken mag, er ist und bleibt torgefährlich und kann – wie er bereits mehrmals bewiesen hat – im Alleingang ein Spiel entscheiden. Setzt Löw deshalb ebenfalls auf einen Begleitservice? Da Deutschland als Favorit in das Finale geht, wird die Mannschaft das Spiel machen müssen. Das argentinische Team kann demnach das eingespielte Defensivsystem beibehalten, muss aber hoffen, dass der Gegner kein Tor macht – beispielsweise durch eine Standardsituation. Denn wenn das Turnier eines gezeigt hat, dann ist es, dass eine argentinische Mannschaft im Offensivmodus auf ziemlich wackeligen Beinen steht. Und wenn ich eines ganz sicher nicht sehen möchte, am 13. Juli, dann ist es eine einseitige Angelegenheit oder eine weitere Demütigung. Wie dem auch sei, möge die bessere Mannschaft gewinnen.

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