richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM2014: Gedanken zum kleinen und großen Finale

Heute Abend steigt die entnervte brasilianische Nationalmannschaft ein letztes Mal in den Ring. Ihr Gegner ist ein enttäuschtes niederländisches Team, das sich für die knappe Niederlage im Halbfinale mit einem dritten Platz entschädigen möchte. Vielleicht. Aber das große Fragezeichen sind die Brasilianer selbst – seien es die Spieler auf dem Rasen, seien es die Fans auf den Rängen. Wie werden die Spieler nach der desaströsen 7:1-Schlappe auftreten? Werden sie zu Hause ein fürchterliches Auswärtsmatch bestreiten müssen? Ausgebuht und ausgepfiffen von ihren eigenen Landsleuten, die sie noch vor einer Woche in den Himmel gejubelt und als kommenden Weltmeister gefeiert haben? Ja, so schnell kann es gehen, im Fußball. Ähnliches könnte den Löw-Mannen widerfahren, wenn sie – recht unwahrscheinlich – einen so gut wie sicher scheinenden Weltmeistertitel im letzten Spiel aus der Hand geben.

Aber wie hoch sind nun die Chancen Deutschlands auf einen Sieg im Finale gegen Argentinien wirklich? Sieht man sich die letzten Ergebnisse beider Mannschaften an, dann dürften die Löw-Mannen klar im Vorteil sein. Das Juwel des deutschen Teams ist das Mittelfeld mit Schweinsteiger, Khedira, Kroos und Müller – ein Besseres wird man gegenwärtig nicht finden und es erinnert bereits an die „gute“ alte Zeit, als Xavi, Iniesta und Alonso alle Gegner (und Zuschauer) mit Tiki-Taka zermürbten und die spanische Nationalmannschaft beinahe im Alleingang zum Welt- und Europameistertitel spielten. Und im Tor der Deutschen, gibt es da nicht noch einen Neuer, der in entscheidenden Momenten goldrichtig steht und die Nerven hat, Risiko zu gehen? Seine Abwehrleistungen, innerhalb und außerhalb des Strafraums, sind beachtlich. Und dann gäbe es da noch Routinier und Strafraumknipser Klose, der immer wieder für ein Tor gut ist. Er spielt unspektakulär, aber effektiv und kommt er von der Bank ist er sofort konzentriert und fokussiert. Jeder Trainer würde sich solch einen Stürmer wünschen. Über den Ausnahmespieler Lahm, einem der besten Außenverteidiger auf der rechten Seite, muss man nicht viel Worte verlieren, er kann ein Spiel lesen, weiß, wo er zu stehen, wohin er zu laufen hat und behält bei wichtigen Tacklings die Nerven. Innenverteidiger Hummels hat gerade gegen Frankreich gezeigt, dass er das Stellungsspiel beherrscht, ansonsten ist er noch nicht ernstlich geprüft worden. Wäre Hummels im Spiel gegen Algerien die bessere Wahl als Mertesacker gewesen? Die Indizien sprechen dafür – trotzdem sollte man nicht vergessen, dass Mertesacker in der englischen Liga seine Brötchen verdient und es da mit pfeilschnellen Stürmern zu tun bekommt. Boateng ist okay, Höwedes zuweilen überfordert und Özil (nicht zentral, sondern mit Höwedes auf der linken Seite) nimmt sich bewusst unbewusst zurück. Energiebündel Schürle kann der Mannschaft nötige Offensivimpulse geben, aber in seiner Chancenverwertung pendelt er zwischen Genie und Wahnsinn. Und Götze, oftmals als Wunderkind gepriesen, nun, er bringt gegenwärtig keinen Fuß auf den Fußballplatz, trotz seines Tores gegen Ghana – das wiederum, passend zu seiner momentanen Form, recht peinlich wirkte.

Die Argentinier können mit dieser individuellen Teamstärke freilich nicht mithalten. Beinahe ist man versucht zu glauben, dass die Argentinier – wie weiland das deutsche Team – als Mannschaft funktioniert, die sich von Spiel zu Spiel steigern kann. Messi dominiert nicht mehr wie früher das argentinische Spiel, jedenfalls nicht für 90 Minuten, aber er strahlt Gefahr aus. Das alleine reicht, um das Angriffsspiel des Gegners zu zügeln. Vergessen wir dabei nicht, dass er Argentinien beinahe im Alleingang ins Halbfinale brachte. Drei Schüsse, ein genialer Pass! Braucht es im gegenwärtigen Fußball tatsächlich nicht mehr, um bis ins Finale einer Weltmeisterschaft vorzustoßen? So einfach ist es freilich nicht. Natürlich braucht es jene „Wasserträger“, die den „Laden“ hinten dicht machen können. Dafür sorgen neben Ex-Bayern-Spieler Demichelis, Garay, Zabaleta und dem junge Rojo vor allem der defensive Mittelfeldregisseur und -rackerer Javier Mascherano von Barcelona. Hätte er im Halbfinalspiel nicht in letzter Sekunde Robben den Ball vom Fuß geholt – es würden wohl die Niederländer im Finale stehen. Eine positive Entdeckung ist Ezequiel Lavezzi – der linke Flügelstürmer, der nur durch die Verletzung von Superstürmer Agüero in die Mannschaft rückte, beeindruckte durch eine ordentliche Defensiv- und Offensivleistung und passt gut in das argentinische Defensivkonzept. Auf der anderen Seite ist ein fitter Agüero – neben Higuain – natürlich Gold wert. Man kann sich gut vorstellen, wie die Offensiv-Achse Agüero – Higuain – Di Maria und Messi jeden Gegner an die Wand spielt – vorausgesetzt, die Spieler sind fit und halbwegs in Form, was bei dieser WM leider nicht der Fall war und ist. Schade, schade. Während Löw keine Ausfälle zu beklagen hat, muss Sabella mit Di Maria einen der besten Offensivakteure vorgeben und kann den rekonvaleszente Agüero nur von der Bank bringen.

Das Spiel gegen Argentinien wird für das deutsche Team jedenfalls ein Geduldsspiel werden. Im Gegensatz zu übermotivierten Brasilianern dürften die Argentinier – wie in den vorangegangenen KO-Spielen – die Pferde im Stall lassen und vorerst nur mal den Mist wegräumen, heißt defensive Drecksarbeit verrichten. Jene Mannschaft, die das erste Tor macht, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit den Pokal abholen dürfen. Das wissen beide Trainer nur zu gut, somit ist die Marschrichtung vorgegeben: Kontrollierte Offensive der deutschen Mannschaft (immer mit einem Auge auf Messi) und kontrollierte Defensive der argentinischen Mannschaft (immer mit einem Auge auf Messi). Man wird versuchen, dem Gegner keine Räume anzubieten und auf diese Weise versuchen, das gefährliche Kombinationsspiel vor dem eigenen Strafraum zu unterbinden. So lange kein Tor fällt, dürfen wir uns auf eine Wiederholung des Halbfinalspiels zwischen Argentinien und den Niederlanden gefasst machen. Sollte ein frühes Tor fallen, wird die andere Mannschaft an ihrer Spielweise noch nichts ändern und erst in den vielleicht letzten zwanzig Minuten das Spiel offensiver gestalten. Davon gehe ich mal aus.

Ich habe mir übrigens die erste Hälfte des Spiels respektive der Demütigung zwischen Brasilien und Deutschland ein weiteres Mal in aller Ruhe angesehen. Man konnte mit freiem Auge erkennen, dass zwei brasilianische Spieler äußert übermotiviert in das Spiel starteten – zum einen der linke Außenverteidiger von Real Madrid Marcelo und zum anderen der Innenverteidiger von Chelsea David Luiz. Marcelo legte von der 1. Minute eine offensive Spielweise an den Tag. Jeder weiß – auch Trainer Scolari -, dass die Stärke von Marcelo im Agriffsspiel liegt. In Kombination mit dem linken Flügelstürmer Hulk, der träge und defensiv überfordert war, musste ein Ballverlust von Marcelo am gegnerischen Strafraum gravierende Folgen haben. Im Besonderen, wenn der Gegner Deutschland heißt, das im Umschalten von Defensive auf Offensive weltmeisterlich ist. Da weder das defensive Mittelfeld der Brasilianer noch die beiden Innenverteidiger in der Lage waren, die Löcher auf der linken Seite zu stopfen, war ein Torreigen vorprogrammiert. Wie dem auch sei, ich würde das Halbfinalspiel auf rund 30 Minuten zusammenkürzen: Bis zum 2. Treffer in der 23. Minute und dann wieder von der 85. Minute bis zum Abpfiff. Somit wäre das Spiel 2:1 ausgegangen – was dem tatsächlichen Kräfteverhältnis recht nahe kommt. Alles, was in der einen Stunde, zwischen der 24. und 84. Minute passierte, sollte man einfach ausblenden, da die Löw-Truppe in keiner Weise gefordert wurde und sie mehr oder weniger ein Trainingsspiel absolvierte. Interessant ist bei alledem, dass Marcelo in den ersten Minuten tatsächlich gefährlich in den deutschen Strafraum eindringen konnte und nur durch ein perfektes Tackling von Lahm an einen Torschuss oder Pass gehindert werden konnte. Man stelle sich vor, Lahm wäre zu spät gekommen und hätte ein Foul gemacht! Wäre dann Scolaris „alles-oder-nichts“-Taktik aufgegangen? Denn für mich steht außer Frage, dass Scolari das Heil in der Offensive sah und seine Mannschaft anwies, auf dem Feld entsprechend zu agieren. Tja. Wer hätte auch ahnen können, dass die Mannschaft nach gerade einmal 10 Minuten wieder einmal durch eine Standardsituation erfolgreich sein würde? Das ist eigentlich ihre wahre Stärke und, wenn man so will, das Geheimnis ihres Erfolges.

Zurück zum Finalspiel, wo auffällt, dass beide Mannschaften so gut wie nie einen Rückstand aufholen mussten – Ausnahme ist das Gruppenspiel Deutschlands gegen Ghana, als sie etwa 8 Minuten einem Tor nachliefen. Im Gegensatz dazu waren die Niederländer Weltmeister, wenn es darum ging, ein Spiel noch umzudrehen (gegen Spanien, Australien, Mexiko). Auch schon was, nicht?

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