richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

WM2014: Resümee der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien – Teil 1

WM2014_Gedankliches_1Die Weltmeisterschaft 2014 ist endgültige Geschichte. Wie bereits bei den letzten großen Fußballturnieren – EM 2008, WM 2010 und EM 2012 – versuche ich mich auch diesmal an ein Resümee. Einfach ist es freilich nicht, muss man doch so viele Eindrücke und Überlegungen auf den springenden Punkt bringen. Gesehen, die Fußballspiele, habe ich sie alle. Im Gedächtnis hängen geblieben sind natürlich immer nur Ausschnitte.

Gleich vorweg: Viele Tore in einem Fußballturnier machen es nicht automatisch zu einem guten oder gar „dem besten“. Es gibt Nullnummern, die begeistern, knappe Siege mit nur einem Tor, die dramatischer nicht sein können. Deutschlands Gruppenspiel gegen Portugal (4:0) hat mich nicht sonderlich mitgerissen, während Deutschlands Achtelfinalspiel gegen Algerien (0:0) mich förmlich vom Hocker haute. Und das ist es, um was es mir vor allem geht: Dramatik. Ein Fußballspiel kann uns etwas über Sieg und Niederlage am Rasen und im Leben erzählen, wie man gegen das Schicksal und die Aussichtslosigkeit ankämpft, wie man seinen Mann steht und seine Würde behält oder verliert. Das Spiel, wenn man so will, wird zum Spiegelbild des Lebens. Kein Wunder also, dass sportliche Wettkämpfe die zivilisierte Menschheit seit jeher in den Bann gezogen haben und weiterhin ziehen werden. Fein, fein. Da bei Großereignissen viel Ehr, aber noch mehr Geld im Spiel ist, liegt es auf der Hand, dass Korruption und Manipulation nie gänzlich ausgeschlossen werden können, aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier nicht erzählen möchte.

Die deutsche Mannschaft unter Trainer Joachim Löw ist Fußballweltmeister 2014. Ist Deutschland verdient Weltmeister geworden? Ja, ich denke schon. Die Gründe für den Erfolg sind gar nicht so sehr in den WM-Spielen selbst zu finden, als  vielmehr in der nun Früchte tragenden Nachwuchsarbeit, die um 2000 generalstabsmäßig in Deutschland implementiert wurde. Wenn man weiß, welche Meister die Deutschen beim Organisieren sind, könnte den anderen großen Fußballverbänden bald schwarz-rot-gold vor Augen werden. Ein Blick auf die Talente, die dieses System nun beinahe monatlich anspült, ist beachtlich und die deutschen Vereine, die bei den Fans groß angeschrieben sind, zeigen eins ums andere, wie man schlagkräftige Teams aus jungen talentierten Spielern macht. Bestes Beispiel dafür ist sicherlich der BVB Dortmund, der in der Saison 2010/11 überraschend mit jungen und unbekannten Spielern den Meistertitel holte. Neben der Nachwuchsarbeit ist es wohl der europäische Spitzenverein Bayern München, der maßgeblich am Erfolg der Nationalmannschaft beteiligt ist, sind doch sieben Bayern-Spieler im Kader der Nationalelf: Neuer, Boateng, Lahm, Schweinsteiger, Kroos, Götze, Müller. Podolski und Klose sind Ex-Bayern-Spieler. Es ist deshalb kein Wunder, dass die deutsche Nationalelf während der WM so gut harmonierte und etwaige Tiefschläge gut wegsteckte. Weiters konnten sich die Bayern-Spiele seit April auf die Weltmeisterschaft vorbereiten, da bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der Verein als Meister feststand. Im Gegensatz dazu mussten die Spieler von Barcelona und Real Madrid bis zur letzten Minute in Meisterschaft bzw. Championsleague an ihre Grenzen gehen. Das mag auch der Grund sein, warum ein Lionel Messi, Christiano Ronaldo oder die spanische Mittelfeldachse mit Xavi, Alonso, Iniesta müde und ausgelaugt wirkten, während die Bayern-Spieler, wie Robben, Müller oder Lahm, unglaubliche Laufleistungen an den Tag und auf den Rasen legten.

Ob Deutschland wegen oder trotz Joachim Löw den Weltmeistertitel holen konnte, ist für mich nicht eindeutig zu beantworten. Fakt ist, dass er vor allem dann goldrichtig die Formation umstellte, wenn er durch äußere Ereignisse dazu gezwungen wurde. Für mich steht außer Frage, dass es die Bayern-Spieler waren, die maßgeblichen Anteil am Erfolg hatten. Real Madrid Spieler Özil (müde) und der Schalker Höwedes (überfordert), die beide auf der linken Seite eingesetzt wurden, fanden nie wirklich ins Spiel – vielleicht ließ man sie auch nicht mitspielen. In jeder Sandkiste gibt es bekanntlich eine Hackordnung – und es ist der Trainer, der dies einigermaßen auszugleichen hat („Toni, jetzt gib doch dem Mesut auch mal das Schauferl!“). Ob Löw dafür die Autorität besitzt, wage ich zu bezweifeln. Eher sieht es für mich aus, dass er von den Ereignissen mitgerissen wird und er nur vorgibt, was sich längst abgezeichnet hat. Andererseits, der Erfolg gibt jedem Trainer recht und es werden die nächsten Herausforderungen zeigen, ob er diesen gewachsen ist.

Argentinien Anfänglich hat mich die argentinische Elf verärgert, weil sie unansehnliche Spiele ablieferte und es vorrangig Lionel Messi war, der durch Einzelaktionen die Entscheidung in den jeweiligen Gruppenspielen und im Achtelfinale herbeiführte. Aber das Halbfinale gegen die Niederlande und das Finale besänftigten mich dann doch wieder, weil man merkte, dass sie sich steigerten und – vor allem im Defensivbereich – Herz zeigten. Auch darf man nicht vergessen, dass alle Gegner Beton anrührten und versuchten, Messi aus dem Spiel zu nehmen. So gesehen war das Finale wohl das einzige Spiel der argentinischen Nationalmannschaft mit einem offensiv eingestellten Gegner. Es hätte nicht viel gefehlt und Argentinien wäre Weltmeister geworden – aber Higuain, Messi und Palacio ließen jeweils einen Sitzer aus. Und hätte der Schiedsrichter Neuers Sprungattacke gegen Higuain nicht mit Ausschluss und Elfmeter ahnden müssen? Darüber herrscht in Fachkreisen, wie so oft, Uneinigkeit – je nach dem, ob man Argentinien oder Deutschland als Weltmeister haben wollte. Man fragt sich auch, wie Argentinien gespielt hätte, wären die Offensivkräfte – und vor allem Messi – fit und in Form gewesen. Ich weiß, eine müßige Frage. Wie dem auch sei, man muss dem Team für die Leistung Respekt zollen.

Niederlande Als die Niederländer vor vier Jahren, im WM-Finale gegen Spanien, das Fußballspiel zu einem Kampfsport erhoben, war ich ziemlich säuerlich auf die Oranjes zu sprechen. Aber es war nicht nur das Finalspiel, sondern vor allem die Art und Weise, wie sich die niederländische Elf in das Endspiel förmlich schummelte. Bei dieser WM, Gott sei’s gedankt, versuchte sie wieder Fußball zu spielen – auch wenn mir die Taktik von van Gaal nicht sonderlich gefiel: Beton anrühren, warten und hoffen, dass Robben (oder van Persie oder Sneijder) ein Tor macht. Holländischer Offensivfußball war gestern, Effizienz und Risikolosigkeit ist heute. Robben gehört unbestritten zu den herausragendsten Spielern des Turniers. Würde er auch noch die Schwalbentänze und dieses theatralische Gehabe nach einem Foul sein lassen, er würde zu den Größten zählen. Die holländische Nationalelf wird sich bald mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie es in Zukunft nach Robben, van Persie und Sneijder weitergehen wird. Der Nachwuchs wird im Land freilich gehegt und gepflegt – aber der Pool, aus dem gefischt werden kann, ist nun mal nicht groß – und wie hoch sind die Chancen einen neuen Cruyff, Bergkamp, van Basten, Kluivert, Robben oder van Persie zu finden? Eben.

Brasilien Ach du Schande. Die Mannschaft von Trainer Scolari ist eines der größten Mysterien dieser Weltmeisterschaft. Die Demütigung vor eigenem Publikum, das erste Mal gegen Deutschland (7:1), das zweite Mal gegen die Niederlande (3:0), ist nicht zu begreifen. Zuvor schaltete die Elf mit Chile und Kolumbien zwei der spielstärksten Mannschaften aus, rangen in der Gruppenphase Kroatien (zugegeben, nur mit Schiedsrichterhilfe) nieder und hätte gegen Mexiko beinahe gewonnen. Jenes Mexiko, welches im Achtelfinale  der Niederlande größte Schwierigkeiten bereitete. Ist das Implodieren der Seleção im Halbfinale und im kleinen Finale nur mit dem Ausfall von Neymar zu erklären? War Neymar dieser eine wichtige Schlussstein, der – unter Spannung und Last – eine Konstruktion zusammenhält? Ließen sich Chile und Kolumbien zu sehr vom Rundherum blenden? Waren sie zu eingeschüchtert, um ihr Spiel zu spielen? Gewiss, im Viertelfinale legten die Brasilianer eine härtere Gangart ein und versuchten auf diese Weise das Kombinationsspiel der Kolumbianer zu zerstören. Aber reicht das alleine aus, um zu gewinnen, bei einer Weltmeisterschaft? Die Zertrümmerung der Brasilianer durch die deutsche Elf hat diese Weltmeisterschaft ad absurdum geführt. Es scheint, als könnte eine, pardon, Wirtshausmannschaft mit einem Superstar wie Neymar bis ins Halbfinale einer Weltmeisterschaft vordringen. Wie kann das sein? Vielleicht ist die Antwort einfach jene, dass Fußball zu aller erst im Kopf entschieden wird. So lange die Spieler der Seleção an ihre „Unverwundbarkeit“ glaubten, konnten sie die anderen täuschen und Spiele für sich entscheiden. Aber als sich dieser Glaube mit dem Ausfall von Neymar und dem zweiten schnellen Gegentreffer der Deutschen in Luft auflöste, gab es nichts mehr, was sie retten hätte können. Kurz und gut, Trainer Scolari hatte versagt. Er hätte den (richtigen) Spielern nicht nur den Glauben vermitteln sollen, sondern auch ein geeignetes Spielkonzept. Wie es beispielsweise Fred oder Jô in die Formation schafften, bleibt ein Rätsel. Genauso die Weigerung von Scolari, die beiden brasilianische Spieler des spanischen Meisters Athletico Madrid einzuladen (Miranda, Filipe). Jetzt, mit neuem Trainer, braucht es einen radikalen Neuanfang. Wir dürfen gespannt sein, wie sich in naher Zukunft die neue Seleção präsentieren wird.

Fortsetzung folgt …

 

Was wäre wenn?

Mit ein wenig Phantasie könnte man sich eine Weltmeisterschaft vor Augen führen, die wirklich und wahrhaftig sensationell gewesen wäre. Natürlich ist diese Auswahl rein subjektiv und jeder ist eingeladen, seine eigene Traum-WM in Gedanken zu skizzieren:

Schweiz : Ecuador (2:1) Beim Stand von 1:1 verstolpert Ecuador nicht die große Konterchance, sondern nutzt diese eiskalt aus. Resultat: Ecuador, nicht die Schweiz, steigt ins Achtelfinale auf.

Griechenland : Elfenbeinküste (2:1) In der letzten Minute, beim Stand von 1:1, getraut sich der Schiedsrichter keinen Elfmeter für Griechenland zu geben. Resultat: Elfenbeinküste, nicht Griechenland, steigt ins Achtelfinale auf.

Achtelfinale Brasilien : Chile (1:1  3:2 n. E.) Der Schuss des chilenen Pinillas in der 120. Minute geht nicht an die Latte, sondern ins Tor! Resultat: Chile, nicht Brasilien, steigt ins Viertelfinale auf.

Achtelfinale Niederlande : Mexiko (2:1) Der Schiedsrichter pfeift nicht Elfmeter für die Niederlande, sondern lässt weiterspielen. Resultat: Verlängerung mit einem unwahrscheinlichen, aber möglichen Sieg Mexikos und dem damit verbundenen Aufstieg ins Viertelfinale.

Achtelfinale Deutschland : Algerien (2:1 n. V.) Der algerische Stürmer Slimani lässt in der 9. Minute Torhüter Neuer durch einen angetäuschten Schuss ins Leere fahren. Resultat: Führungstreffer für Algerien, ein für längere Zeit verunsicherter Neuer und der Aufstieg Algeriens ins Viertelfinale. Man stelle sich vor, eine euphorisches Algerien trifft auf Rivale Frankreich. Dieses französische Derby würde die Grande Nation in einen Ausnahmezustand versetzen. Großes Kino!

Achtelfinale Belgien : USA (2:1 n. V.) Der amerikanische Stürmer Wondolowski schießt nicht der letzten Minute der regulären Spielzeit alleinstehend den Ball übers, sondern ins Tor. Resultat: Die USA, nicht Belgien, steigen ins Viertelfinale auf.

Finale Deutschland : Argentinien (1:0 n. V.) Torhüter Neuer wird nach der Sprungattacke gegen Higuain ausgeschlossen und Messi verwandelt den für das Foul ausgesprochenen Elfmeter in der abgeklärt kaltschnäuzigen Manier Zidanes. Resultat: Argentinien wird Weltmeister, Neuer der Buhmann der deutschen Nation und Messi der Liebling der Massen.

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